|
 |
 |
 |
| WISSENSCHAFT VERBREITEN |
 |
|
Euroscience-TageWissenschaft und Medien
 | | Andrew Moore | Das Euroscience Open Forum, das große zweijährliche Rendezvous, das geschaffen wurde, um den „Stimmen der europäischen Wissenschaft“ Ausdruck zu verleihen, fand vom 15. bis zum 19. Juli im Deutschen Museum München statt. Fünf Tage lang Brainstorming vom Feinsten, und immer wieder ging es dabei um Wissenschaftskommunikation. Andrew Moore, Leiter des Programms Wissenschaft und Gesellschaft der EMBO (European Molecular Biology Organization) zum Beispiel scharte junge WissenschaftlerInnen um sich und machte sie mit der Realität des Journalismus vertraut. Auf dem Menü standen: Verfassen von Texten, Interviews, Rollenspiele, Simulation von Debatten... Dieser Biologe, der die Labors genau so gut kennt wie die Presse, sagt gern, er habe „das Glück gehabt, die Wissenschaft über die Medien und die Medien über die Wissenschaft zu erforschen“. Er sieht die Dinge realistisch: „Die Medien sind ein Geschäft; ob sich etwas gut verkauft, hängt davon ab, wie neu es ist und wie viel Interesse es wecken kann, und nicht von seinem wirklichen Informationsgehalt.“ Demnach wäre es Sache der WissenschaftlerInnen, die Initiative zu ergreifen und ihre Forschungen auf phantasievolle Weise bekannt zu machen, denn die Medien können mit ein paar Worten, ein paar Bildern Millionen Menschen erreichen und damit eine ungeheure Wirkung erzielen. „Dies kann für jedes Thema, einschließlich der Wissenschaft, ein Vorteil oder ein Nachteil sein.“ Andrew Moore möchte – unter anderem – den Forscherinnen und Forschern die Mechanismen eines Berufs, der ihrer eigenen Tätigkeit diametral entgegengesetzt scheinen mag, begreiflich machen, damit sie ihn besser verstehen und nutzen.
Wissenschaft und Fiktion
 | Stefan Klein © Sven Paustian | Auch das Imaginäre ist eine Art, über „Wissenschaft zu reden“. Der Physiker Stefan Klein, der unter anderem The Science of Happiness – ein Werk, in dem er die komplexe Biochemie der Gefühle und die Geheimnisse der Neurowissenschaften entschlüsselte – verfasst hat, leitete einen Workshop mit dem Namen The storytellers of science, architects of culture? „Die Gesellschaft neigt dazu, Wissenschaft als Quelle wirtschaftlichen Reichtums zu betrachten, dabei ist sie eine Quelle kulturellen Reichtums“, erklärt er. Und weist darauf hin, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich häufig – und zu Unrecht – außerhalb der Kultur sehen, während gerade die heutige Wissenschaft „offenbar kurz davor steht, zahlreiche Fragen zu beantworten, die bislang ins Reich der Mythen, der Poesie und der Philosophie gehörten“.
Die Begegnung in München brachte europäische Kreative (Autoren, Filmemacher usw.) zu dem Zweck zusammen, ein Netzwerk aufzubauen, um dieser kulturellen Dimension der Wissenschaft Gestalt zu verleihen, vor allem durch Diskussionen über „Wissenschaft-Gesellschaft-Kultur“. Einer der Akteure dieses Unterfangens ist Carl Djerassi, der „Vater“ der Antibabypille, der in der Mitte seines Lebens beschloss, sich der Literatur zuzuwenden. Seine Leidenschaft ist das Theater, für das Djerassi seit 1997 „wissenschaftliche Stücke“ (An Immaculate Misconception, in 11 Sprachen übersetzt, wurde auf praktisch allen Kontinenten aufgeführt) schreibt, und seit kurzem auch Lehrstücke für Schülerinnen und Schüler. Sein erster Versuch in dieser Richtung, ICSI – Sex im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit, wurde auf Englisch, Deutsch, Chinesisch und Italienisch veröffentlicht und war auf Anhieb ein Erfolg. Auch andere Szenengrößen waren anwesend, wie etwa die Mathematiker John L. Casti und Tor Nørretranders.
Gesundheit – der richtige KlickWas ist ein Generikum? Warum greift die Fettleibigkeit derart um sich? Wie lässt sich eine Cholesterin senkende Diät entwickeln? Wo können Betroffene über ihr Drogen- oder Alkoholproblem sprechen? Wer sollte gegen Grippe geimpft werden? Im Jahr 2005 haben 130 Millionen europäische Bürgerinnen und Bürger über das WWW Antworten auf zahlreiche Gesundheitsfragen gesucht. Doch wie soll man sich im Dschungel der teils widersprüchlichen Informationen zu teils hoch komplexen Themen zurechtfinden? Welche Sites sind zuverlässig, aktuell und nicht kommerziell? Um eine hochwertige Information zu gewährleisten, hat die Kommission nun das EU-Gesundheitsportal lanciert, das sechs große Themenkreise betrifft: Meine Gesundheit, Mein Lebensstil, Meine Umgebung, Gesundheitliche Probleme, Pflege und Gesundheit in der EU. Sie decken knapp fünfzig Themen ab – von Bioterrorismus über Straßenverkehrssicherheit und Menschen mit Behinderungen bis zur Krankenversicherung usw.
Diese Site ist nicht nur für die breite Öffentlichkeit bestimmt. Das Portal soll auch ein Instrument für Wissenschaftler, Fachkräfte der Gesundheitsberufe und politische Entscheidungsträger sein, die am Vorankommen der Forschung interessiert sind und schnell zuverlässige Links zu spezialisierten Sites finden möchten.
Ein besonderes Plus: EU-Gesundheit ist in allen Amtssprachen der Union zugänglich.
Die Wikipedia-SagaWer hat noch nie von Wikipedia gehört? Ursprünglich handelte es sich um eine superschnelle Software namens wiki (schnell, auf Hawaiianisch), mit der man sich auf spielerische Weise auf eine Site begeben, dort eine Seite anlegen oder verändern kann. So funktioniert seit fünf Jahren diese virtuelle Enzyklopädie, die über 4 Millionen Artikel in 229 Sprachen beinhaltet, welche nicht von Experten, sondern von anonymen „Kennern“ verfasst wurden. Der amerikanische Geschäftsmann Jimmy Wales ist der Vater dieser gewagten Utopie, die völlige Meinungsfreiheit mit ihrem Gegenteil kombiniert, da es möglich ist, die codierten Informationen umgehend abzuändern oder zu löschen. Wie also kann die Zuverlässigkeit eines solchen Systems gewährleistet werden? Ganz einfach... automatisch. Im Prinzip wird eine zweifelhafte Information, sobald sie erscheint, von einem Surfer korrigiert, der besser Bescheid weiß. Allerdings schreiben sich die Freiwilligen, die am Aufbau dieses gigantischen Werks mitwirken, ein (gegebenenfalls unter einem Pseudonym), bevor sie eingreifen. Sie verpflichten sich, die Regel des „neutralen Gesichtspunkts“ einzuhalten: „versuchen, die Ideen und Fakten derart zu präsentieren, dass ihre Anhänger und ihre Gegner einen gemeinsamen Nenner finden können.“
Es war natürlich kaum möglich, jeden Ausrutscher zu vermeiden. Das meiste Aufsehen erregte die „Affäre John Seigenthaler“: Der amerikanische Journalist entdeckte eines Tages, dass er 13 Jahre im sowjetischen Exil verbracht hatte, da er als Komplize bei den Kennedymorden verdächtigt wurde. Der Spaßvogel wurde schnell ausfindig gemacht, die Wahrheit wieder hergestellt, und Wales zog die Zügel straffer. Neue Texte und Änderungen kommen, bevor sie ins WWW dürfen, künftig in Quarantäne und werden zuerst von den New Pages Patrols kontrolliert. Außerdem werden die Beiträge seit kurzem in drei Kategorien eingestuft: die klassischen Texte mit „freier Eingabe“, die von jedem geändert werden können, die „halb geschützten“ Texte, die nur bereits eingetragene Mitglieder ergänzen dürfen, und die „geschützten“, fest verriegelten Texte, die unverändert stehen bleiben.
Was die finanzielle Seite anbelangt, sorgte zunächst Jimmy Wales, der ein gutes Händchen für Börsengeschäfte hat, für die Finanzierung der Enzyklopädie. Anschließend gründete er eine Stiftung, die durch Spenden unterhalten wird und mit einem Budget von 800.000 Euro ausgestattet ist. Seit April zählt er zu den von Time Magazine ausgewählten „hundert Persönlichkeiten des Jahres“, allerdings nicht in der Rubrik Mäzene oder Unternehmer, sondern Wissenschaftler und Denker.
Ergebnisse, GebrauchsanleitungDie ForscherInnen werden gedrängt, die Ergebnisse ihrer Arbeiten mitzuteilen und bekannt zu machen. Doch gilt es, den „richtigen Zeitpunkt“ abzupassen und nicht verfrüht Elemente zu enthüllen, die missverstanden werden und, beispielsweise, falsche Hoffnungen bei Gesundheitsproblemen wecken können. In einem von der Royal Society (britische Akademie der Wissenschaften) veröffentlichten Bericht werden die effektiven Strategien und die potenziellen „Nebenwirkungen“ einer unangemessenen Kommunikation untersucht.
Biometrie: eine Ausstellung zwischen Hoffen und Bangen | | © CSI |

| Die Zeichnung der Iris ist bei jedem Menschen verschieden. Um sie zu registrieren, muss man sein Auge sehr präzise vor einer Infrarotkamera platzieren © CSI | Das Verhältnis zwischen der Höhe unserer Hüfte ab Boden und unseres Knies ab Boden entspricht im Durchschnitt 1,86... Alle Besucherinnen und Besucher der Ausstellung Biométrie können sich mithilfe der ihnen zur Verfügung gestellten Zollstöcke und Rechenmaschinen selbst davon überzeugen, ob sie in der Norm liegen. Und sie können ihre Fingerabdrücke und ihr Gesicht (unter einem Pseudonym) registrieren lassen oder biometrische Systeme zur Iris- oder Signaturerkennung testen. Auf dieser Ausstellung wird man sich der Möglichkeiten der Biometrie bewusst, dieser „Begegnung zwischen digitalen Techniken, biologischen Daten des menschlichen Körpers und einem gesellschaftlichen Imperativ, nämlich der einfachen und sicheren Personenidentifizierung.“
Die Ausstellung soll Antworten auf vier große Fragen liefern: Warum Biometrie? Für wen? Eine Innovation? Die absolute Sicherheit? Sie gibt vor allem anhand konkreter Beispiele Aufschluss: Identifizierung der Leichen nach dem Tsunami im Dezember 2004 in Südostasien, Kontrolle der Methadonabgabe in Australien, Rentenzahlung in den ländlichen Gebieten Südafrikas, Hilfe zu Hause für alte Menschen in Kyoto, Kontrolle internationaler Migrationen mit der zentralisierten EU-Datei Eurodac, die die Fingerabdrücke aller Asylbewerber in Europa enthält, usw.
Die Organisatoren von Biométrie möchten überdies einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion über eine Technologie leisten, die als ebenso beruhigend wie beängstigend empfunden wird. „Die Angst vor einer totalen Polizeigesellschaft und riesigen Datenbänken geht Hand in Hand mit einer gewissen Begeisterung für eine Technologie, die die Bürger schützen und ihren Alltag vereinfachen soll.“
|
|
 |
 |
 |
 |
|