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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung N° 41 - Mai 2004   
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 EDITORIAL
 Politische Katerstimmung der Europäer?
 Verdoppelter Einsatz für die europäische Forschung
 Wenn die Wissenschaft sich ausstellt
 Das Rätsel der Allergien
 De Gennes oder das Perpetuum mobile
 Ein Parlament auf der Suche nach seinen Wählern
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EXZELLENZ IN MITTELEUROPA
Title  Eine beeindruckende Umstrukturierung

Am 1. Mai 2004 sind zehn neue Staaten der Europäischen Union beigetreten. Die rund 150 000 Wissenschaftler dieser Länder haben indes den 1. Mai 2004 nicht als „den“ Stichtag erlebt. Nach mehreren Jahren „heranführender Zusammenarbeit“, erst im MOEL-Copernicus- Programm, dann im Inco-Programm, war die Forschung tatsächlich der erste Bereich der Gemeinschaftspolitik, der sich gegenüber den Kandidatenländern uneingeschränkt öffnete. Diese können sich somit seit 1998 aktiv – und gleichberechtigt – an den europäischen Programmen beteiligen.Doch für die wissenschaftlichen Strukturen dieser Länder erfolgte diese vorgezogene Einbindung in den Europäischen Forschungsraum vor dem Hintergrund einer langen und beschwerlichen Zeit der Umstrukturierung und des „Gleichziehens“.

Sie stellte die ehemals kommunistischen Länder, deren künstlich entwickelte und geschützte Forschungsinfrastrukturen durch den politischen und wirtschaftlichen Umbau der 90er Jahre in ihren Grundfesten erschüttert wurden, vor eine besonders harte Prüfung.

Bei ihrem Zusammenbruch im Herbst 1989 hinterließen die kommunistischen Regime sowohl in Ungarn als auch in der ehemaligenTschechoslowakei massiv aufgeblähte, bürokratische Forschungssysteme, in denen allerdings zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Spitzenniveau tätig waren. Dieser schwerfällige, teure Apparat beruhte im Wesentlichen auf zwei Pfeilern: einerseits den Akademien der Wissenschaften, die den Löwenanteil der Grundlagenforschung trugen, andererseits auf einer Fülle staatlicher Institute für die angewandte Forschung, die im Dienste der Industrie arbeiteten. Die Hochschulinstitute darbten dagegen oftmals als die armen Vettern des Systems.

Abstriche
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Wende prallten mit voller Wucht auf diese Strukturen. Im Jahr 1996 betrug das für die Forschung aufgewandte BIP in Ungarn nur noch 0,67 %, in der Tschechischen Republik noch 1,02 %, das heißt, sie waren gegenüber 1991 um 40 % bzw. 50 % zurückgefallen. Dieses „Abspecken “ der Humanressourcen schnitt hart ins Fleisch. „Bei gleich bleibender wirtschaftlicher Produktion verringerte sich die Belegschaft der tschechischen Akademie der Wissenschaft von 14 000 auf 6 500 Personen“, hält ihr Vizepräsident, der Physiker Vladimir Nekvasil, fest. Bei den angewandten Instituten fielen die Abstriche noch härter aus. „Manche wurden privatisiert, doch viele verschwanden ganz einfach. In ihnen waren viele Forscher mit Aufgaben betraut, die mit der Öffnung der Grenzen schlicht hinfällig geworden waren, etwa das Kopieren von Hightech-Ausrüstungen, die man zu kommunistischen Zeiten mangels Devisen nicht einführen konnte.“

„Ich hätte nie gedacht, dass es so schmerzhaft sein würde“, gesteht der Physiker Norbert Kroo, Generalsekretär der ungarischen Akademie der Wissenschaften, als auf er das Auseinanderbrechen des Forschungssystems seines Landes im Lauf der letzten fünfzehn Jahre zu sprechen kommt. „An manchen Tagen fragte ich mich wirklich, ob unser Labor am nächsten Tag auch noch arbeiten würde.“

Ungarn: FuE-Ausgaben in % des BIP © Quelle: Zentrales Statistisches Amt
Ungarn: FuE-Ausgaben in % des BIP

© Quelle: Zentrales Statistisches Amt


Beschäftigung in FuE in Ungarn, 1988-1999  (Tausend Personen) © Quelle: Zentrales Statistisches Amt
Beschäftigung in FuE in Ungarn, 1988-1999
(Tausend Personen)

© Quelle: Zentrales Statistisches Amt


Ungarn: Aufschlüsselung der FuE-Ausgaben nach Finanzierungsquellen, 1990-1998 © Quelle: Zentrales Statistisches Amt
Ungarn: Aufschlüsselung der FuE-Ausgaben nach Finanzierungsquellen, 1990-1998

© Quelle: Zentrales Statistisches Amt
Aufleben der Universitäten und Unternehmen
Doch nach und nach beginnt die Umstrukturierung Früchte zu tragen. Die dem Staatsapparat verordnete Abmagerungskur wird zum Teil durch die zunehmende Wiederbelebung der Hochschulforschung aufgewogen. „Es war eines unserer Ziele, sie aufzuwerten“, betont der tschechische Biologe Joseph Syka, Schlüsselfigur der Umstrukturierung der 90er Jahre, heute Präsident der tschechischen Wissenschaftsstiftung. „Unsere Politik bestand darin, Exzellenzzentren zu fördern, indem wir für die besten Teams ein System vertraglicher Finanzierungen entwickelten.“

Den spektakulärsten Umschwung brachte indes der Anstieg der im Industriesektor durchgeführten Forschung. Das Potenzial an „grauer Materie“ in diesen Ländern zieht insbesondere multinationale Hightechfirmen an. So richteten die französische Pharmagruppe Sanofi-Synthelabo oder der finnische Mobiltelefonie-Riese Nokia ihre Forschungszentren in Ungarn ein, während der deutsche Autohersteller Volkswagen dasselbe in der Tschechischen Republik tat.

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre zogen die Forschungsinvestitionen wieder an. „In Ungarn wurde der Schwellenwert von 1 % des BIP im Jahr 2002 wieder überschritten“, betont Andràs Siegler, ungarischer Staatssekretär für Forschung. „Der Anteil der Unternehmen beläuft sich heute auf 44 % der nationalen Ausgaben, gegenüber 31 % zu Beginn der 90er Jahre.“ Während die Tschechische Republik, unter den Erweiterungsländern auf Rang zwei (hinter Slowenien), bereits im Jahr 2001 1,35 % ihres BIP für Forschung aufwandte. An dieser Leistung beteiligt sich der Privatsektor mit drei Fünfteln der Investitionen.

FuE in der Tschechischen Republik: Finanzierungs-quellen (Milliarden CZK – 100 CZK = 0,33€) © Quelle: Tschechisches Statistisches Amt
FuE in der Tschechischen Republik: Finanzierungs-quellen (Milliarden CZK – 100 CZK = 0,33€)

© Quelle: Tschechisches Statistisches Amt


Beschäftigung in FuE in der TschechischenRepublik  (Anzahl Personen) © Quelle: Tschechisches Statistisches Amt
Beschäftigung in FuE in der Tschechischen Republik (Anzahl Personen)

© Quelle: Tschechisches Statistisches Amt


Tschechische Republik: Aufschlüsselung nach Finanzierungsquellen (1999) © Quelle: Tschechisches Statistisches Amt
Tschechische Republik: Aufschlüsselung nach Finanzierungsquellen (1999)

© Quelle: Tschechisches Statistisches Amt
Flucht oder Umorientierung der klugen Köpfe?
Und nun? Die ungarischen und tschechischen Regierungschefs stehen uneingeschränkt hinter dem von der Lissabon-Strategie definierten Ziel, in Europa eine wissensbasierte, auf Forschung und Entwicklung beruhende Wirtschaft zu schaffen. Für absehbare Zeit scheint allerdings das Ziel „3 % des BIP bis 2010“ noch zu hoch gegriffen. Aber die Forschungsinvestitionen, insbesondere die der Unternehmen, dürften weiterhin ansteigen.

Aber auch diese Medaille hat eine Kehrseite: die notwendige Umstrukturierungspolitik, die den Personalbestand der Forschung drastisch auslichtete, stößt heute auf ein schweres Manko an „grauer Materie“. Im Vergleich zählen die beiden Länder mittlerweile zweimal weniger in FuE Beschäftigte als der europäische Durchschnitt.

Ist dies die Folge des unleugbaren Braindrains während der äußerst schwierigen 90er Jahre? Zum Teil. Das Phänomen ist jedoch schwer abzuschätzen, denn es gibt weder eine systematische Zählung der Forscher, die ins Ausland abwandern, noch jener, die nach einigen Jahren wieder heimkehren.

Die für die ungarische und tschechische Forschung Verantwortlichen betrachten diesen Aderlass heute nicht mehr als ernst zu nehmende Bedrohung. „Wenn es eine Flucht der Köpfe gibt, findet sie eher in Richtung Managementaufgaben in Unternehmen oder hin zu Sektoren wie Versicherungen und Banken statt, die ausgebildete Wissenschaftler sehr zu schätzen wissen. Diese Arbeitsmärkte stellen lukrativere Laufbahnen in Aussicht als die Forschung“, gibt Vladimir Nekvasil zu bedenken. Und unser Problem ist eher der interne als der externe Braindrain. Aber ist dies nicht ein Problem, mit dem auch viele andere Länder der Union zu kämpfen haben, die ebenfalls mit einem Desinteresse der jungen Generationen an wissenschaftlichen Karrieren konfrontiert sind?


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  Stimulans Europa

„Die Perspektive des EU-Beitritts und die Möglichkeit, umfassend an den europäischen Programmen teilnehmen zu können, war ein entscheidendes Stimulans“, erinnert sich Vladimir Nekvasil, Vizepräsident der tschechischen Akademie der Wissenschaften. Während der schwierigen Stunden der Umstrukturierung war den ungarischen und tschechischen Forschern die Unterstützung durch die Europäische Union nämlich viel wert. Durch das MOEL-Copernicus-Programm hatte diese bereits 1992 eine wissenschaftliche Kooperationspolitik mit den Beitrittsländern eingeleitet. Diese Zusammenarbeit wurde im Vierten Rahmenprogramm 1994-1998 und vor allem dann im Fünften und Sechsten Rahmenprogramm noch verstärkt. Im Zuge der beiden Letztgenannten wurden mit zwölf Staaten Assoziierungsverträge unterzeichnet, die deren Forschern eine umfassende Integration in die europäischen Forschungsverträge gewährten, zu denselben Bedingungen wie ihre Kollegen in den Mitgliedstaaten. Tschechen und Ungarn nahmen denn auch an 387 bzw. 358 vom Fünften Rahmenprogramm finanzierten Projekten teil. „Diese konkrete Öffnungspolitik seitens der Union war ein mächtiger Hebel unserer Eingliederung in den Europäischen Forschungsraum“, meint der ungarische Physiker Norbert Kroo.

Eine ebenfalls sehr positive Gemeinschaftsinitiative war die Auszeichnung von rund 34 ausgewählten Instituten in den Kandidatenländern – darunter sechs in Ungarn und drei in der Tschechischen Republik – als Exzellenzzentren. „Diese Anerkennung erlaubte uns, die Aufnahme ausländischer Studenten insbesondere aus den EU-Ländern voranzubringen und mehrere internationale Konferenzen zu organisieren“, sagt die tschechische Biologin Eva Sykova, Direktorin des Instituts für experimentelle Medizin der Akademie der Wissenschaften in Prag.

  Harte Wende für die Sozialwissenschaften

Wenn es einen Bereich gibt, den die Wende besonders hart traf, dann den der Sozialwissenschaften. Dies gilt zunächst für die Arbeitsbedingungen der Forscher, die äußerst prekär geworden sind. Da sie im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Sektoren als weniger vorrangig gelten, wurden die öffentlichen Gelder für diese Fächer drastisch zusammengestrichen. In Ungarn „ist der Exodus der Köpfe in den Sozialwissenschaften offensichtlich beträchtlich“, erklärt Rudolph Andorka, Soziologe an der wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest. „Viele Forscher und Hochschulangehörige sind in die Politik umgestiegen und haben somit, zumindest vorläufig, ihre wissenschaftliche Tätigkeit aufgegeben. Eine noch größere Anzahl hat sich der Wirtschaft zugewandt, wo die Gehälter viermal höher sind als in den Forschungs- oder Hochschulausbildungs-Einrichtungen. Und eine dritte Gruppe ist ins Ausland abgewandert.“

Darüber hinaus ist dieser Forschungssektor mit äußerst tiefen und rasch voranschreitenden sozialen und politischen Verwerfungen konfrontiert, zu denen die Wissenschaft aktuelle Daten erheben und neue analytische Ansätze entwickeln müsste, ohne über die dafür erforderlichen Mittel zu verfügen. Angesichts des Umstands, dass, wie Rudolph Andorka betont, „wir in einem an Forschungsthemen besonders fruchtbaren gesellschaftlichen Labor leben“, nehmen manche Sozialwissenschaftler das Interesse, das viele westliche, im Rahmen internationaler Forschungskooperation in Mittel- und Osteuropa tätige Forscher diesem „Labor“ entgegenbringen, mit einiger Erbitterung zur Kenntnis. So haben die Soziologen György Csepeli und Antal Örkény, gestützt auf einen amerikanischen Kollegen, Kim L. Scheppele von der Universität Pennsylvania, mit einem etwas provozierenden, in der hervorragenden ungarischen Zeitschrift Replika veröffentlichten Artikel eine Kontroverse über die „Kolonisierung“ der Sozialforschung durch den Westen vom Zaun gerissen. Sie prangern darin insbesondere die „Ausbeutung“ der schlecht bezahlten örtlichen Forscher an, deren Wissen über das Forschungsfeld man benutzt, indem man sie nebenher mitarbeiten lässt, um dann die Ergebnisse und den Ruhm der Veröffentlichung wieder in den Schoß der westlichen Mutterinstitutionen zurückzubringen.

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