WISSENSCHAFTSETHIK

Das Ende des zerstreuten Professors?

Angiografie eines Aneurysmas der Bauchaorta (AAA) beim Menschen. © Jean-Baptiste Michel
Angiografie eines Aneurysmas der Bauchaorta (AAA) beim Menschen.© Jean-Baptiste Michel
Die für die Forscher unverzichtbaren Stammzellen gaben Anlass zu zahlreichen Widerständen aufgrund ethischer Bedenken.  Hier das Ergebnis der striatalen In vitro-Differenzierung embryonaler menschlicher Stammzellen nach 68 Tagen.© Inserm/Anselme Perrier
Die für die Forscher unverzichtbaren Stammzellen gaben Anlass zu zahlreichen Widerständen aufgrund ethischer Bedenken. Hier das Ergebnis der striatalen In vitro-Differenzierung embryonaler menschlicher Stammzellen nach 68 Tagen. © Inserm/Anselme Perrier

Überwachungsvideos, klinische Versuche, Atomenergie und embryonale Stammzellenforschung sind nur die bekanntesten Beispiele wissenschaftlicher Praktiken, bei denen sich Fragen der Ethik aufdrängen. Zur Bewertung europäischer Projekte des 7. Rahmenprogramms hat die Europäische Kommission beschlossen, die Forschungsethik vorrangig zu behandeln.

Selten zwar, aber dafür umso eklatanter. So kann man die Skandale zusammenfassen, die sich um wissenschaftliche Forschungsverfahren entwickelt haben. Die Affäre um die klinische Studie zu einem Medikament gegen Meningitis, die der Pharmariese Pfizer in Nigeria durchgeführt hatte, ist dafür ein gutes Beispiel. Forschung ist gleichbedeutend mit Hoffnung, wegen der Antworten, die sie auf wichtige Themen und drängende Fragen der Gesellschaft geben kann, aber manchmal bewegt sie sich haarscharf an der moralischen Grenze. Obwohl Freiheit und Unabhängigkeit für eine erfolgreiche Forschungsarbeit notwendig sind, ist es dennoch unerlässlich, Grenzen zu setzen.

Zwar scheinen die ethischen Grundprinzipien offensichtlich zu sein, aber ihre Anwendung auf die Forschung ist vom Kontext abhängig. Die Wahrnehmung der ethischen und gesellschaftlichen Auswirkungen eines bestimmten Forschungsthemas ist von verschiedenen Faktoren abhängig, etwa von der Kultur und dem Zeitpunkt der Durchführung oder auch von der Risiko-Nutzenabschätzung.

Die wissenschaftliche Stellung bewahren

Mit dem 7. Rahmenprogramm (RP7) für Forschung und Entwicklung führt die Europäische Union die Ethik als wichtigen Aspekt ins Feld. Alle eingereichten Projektvorschläge müssen ein Kapitel zu den ethischen Fragestellungen enthalten, die diese aufwerfen, und zu den aufgewendeten Mitteln, um europäische und nationale Ethikvorgaben zu erfüllen.

Was soll mit der Einführung der Ethikfrage in von der EU finanzierte Programme erreicht werden? Bürger und Entscheidungsträger müssen sicher sein können, dass höchste ethische Standards eingehalten werden und eine hochwertige Forschung gefördert wird. Denn trotz aller Bedenken, die die Forscher ins Feld führen mögen (siehe Kasten), „bremsen ethische Vorsichtsmaßnahmen den wissenschaftlichen Fortschritt nicht sondern sind eine Möglichkeit, den hohen Leistungsstand der Forschung zu erhalten“, behauptet François Hirsch, abgeordneter Sachverständiger des französischen INSERM (Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale). „Auch wenn Fälle von Missachtung ethischer Grundsätze selten sind, reicht bereits ein Fall von Tausenden aus, um die Glaubwürdigkeit und das Image der Forschung insgesamt zu schädigen.“

Das Grundprinzip für die Unterscheidung zwischen ethisch akzeptabel und nicht akzeptabel ist einfach: die Achtung der Menschenwürde. Einfach schon, aber zu vage, um die Wissenschaftler mit diesen wenigen Wörtern allein zu lassen. „Es kommt vor, dass Forscher, getragen von dem Ehrgeiz, den Kenntnisstand in ihrem Fachgebiet voranzutreiben und auf der Suche nach Ergebnissen, die ethischen Folgen ihrer Arbeiten unterschätzen oder nicht wahrnehmen“, erklärt Isidoros Karatzas, Leiter des Bereichs Ethikprüfung im Referat „Modernes Regieren und Ethik“ der Generaldirektion Forschung.

Die Einwilligung nach Aufklärung der Teilnehmer an einer Umfrage oder Studie ist eine der Grundlagen für die Ethik in der Forschung. Es ist entscheidend, dass Menschen, die an solchen Studien teilnehmen über die Risiken und den möglichen Nutzen für sie selbst und für die Gesellschaft aufgeklärt werden und dass sie diese wirklich verstehen, bevor sie über ihre Teilnahme entscheiden. Unter dem Schirm der Einwilligung nach Aufklärung werden Fragen zum Schutz und zur Vertraulichkeit personenbezogener Daten und Fragen, die gefährdete Bevölkerungsschichten betreffen, aufgegriffen. Und was ist, wenn das Projekt die Teilnahme von Kindern, Behinderten, Kranken, sozial Benachteiligten oder Einwohnern eines Entwicklungslandes erfordert? „Besonders das letzte Thema ist sehr heikel“, meint François Hirsch weiter. „Oft wissen die Menschen in Entwicklungsländern nicht, was eine Einwilligung nach Aufklärung ist und verstehen die potenziellen Risiken klinischer Versuche nicht. Sie denken möglicherweise, es handle sich um eine echte Behandlung, die man ihnen anbietet.“ Bei solchen Studien müssen die Forscher neben der Genehmigung des Forschungsprojekts durch die Ethik-Sachverständigen der Europäischen Kommission auch die Zustimmung eines lokalen Ethikkomitees einholen.

Projekte auf dem Prüfstand

Jedes Projekt, das der Europäischen Kommission vorgelegt wird, erhält zunächst eine wissenschaftliche Beurteilung. Fällt diese positiv aus, wird automatisch von Sachverständigen eine ethische Voruntersuchung durchgeführt: Der Ethikansatz wird als „gut“ oder „inadäquat“ beurteilt. Im ersten Fall wird das Projekt an die nationalen Behörden des Landes zurückgeleitet, in dem es durchgeführt werden soll, sowie an den Ethikausschuss, der aus Sachverständigen des Referats „Modernes Regieren und Ethik“ besteht, die einen Bericht über die ethische Verfahrensweise der Forscher verfassen. Im zweiten Fall senden die Sachverständigen, die die ethische Voruntersuchung durchführen, das Projekt zurück an seine Koordinatoren, um mehr Informationen zu den ethischen Fragestellungen zu erhalten. Dann gelangt das Projekt zurück zum Ethikausschuss der Generaldirektion Forschung, der seinen Bericht verfasst.

Für ein Projekt, das eine hervorragende wissenschaftliche Bewertung erhalten hat, besteht daher keinerlei Garantie auf eine Förderung, sollten ethische Gesichtspunkte des Forschungsvorhabens vernachlässigt worden sein. Je nach Meinung der Sachverständigen müssen die Wissenschaftler ihren Entwurf so lange im Hinblick auf ethische Fragestellungen überarbeiten, bis er den europäischen Anforderungen Rechnung trägt. Und auch wenn das Projekt akzeptiert wurde, kann es jederzeit Gegenstand einer speziellen Prüfung werden. „Die Durchführung einer Ethikprüfung ist das letzte Mittel, um festzustellen, ob das Vorhaben auch wirklich anhand ethischer Grundprinzipien durchgeführt wird“, erklärt François Hirsch.

RP7, ein Rahmenprogramm mit Erziehungswert

„Indem es von den Forschern fordert, von vornherein über die ethischen und gesellschaftlichen Aspekte ihrer Arbeit nachzudenken, ist das 7. Rahmenprogramm in gewisser Weise auch ein erzieherisches Programm“, erklärt Isidoros Karatzas. Für ihn ist das größte Hindernis für eine Einbeziehung der Ethik in den wissenschaftlichen Geist der Mangel an Bildung. „Vermutlich wird der Geist der Forscher nur bei einem Medizinstudium für ethische Überlegungen geschärft, obwohl diese Fragen alle Forschungsbereiche betreffen.“

Dafür zu sorgen, dass die Forschung eine bessere ethische Grundlage erhält, ist daher eine echte erzieherische und kommunikative Herausforderung. Die Wissenschaftler sind als Akteure der Forschung zwar an vorderster Front beteiligt, aber sie sind beileibe nicht die einzigen Betroffenen. „Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen für die ethische Beurteilung in diesem Bereich gut ausgebildet und informiert werden. Die Informationen sind zwar vorhanden, aber man muss Engagement und Zeit aufbringen, um sie zu suchen“, so Isodoros Karatzas. Ein weiteres Ziel für eine bessere Ausbildung in diesem Bereich: die breite Öffentlichkeit. Eine Sensibilisierung der europäischen Bevölkerung für Ethikfragen im Bereich der Forschung, und zwar schon von jung auf, würde ihr geistige Offenheit verleihen, und die Menschen könnten sich eine informierte Meinung über die Praktiken und Problemstellungen der Forschung bilden.

Audrey Binet



TOP

Mehr Einzelheiten

Daran denken reicht nicht...

Jean-Baptiste Michel, Direktor der Abteilung Hämostase, Bio-Engineering und kardiovaskuläre Rekonstruktion beim INSERM (FR) hat Erfahrungen mit der Ethikprüfung der Europäischen Kommission. „Ich hätte beinahe aufgegeben“, sagt der Forscher, der heute erleichtert ist, dass sein Projekt Fighting Aneurismal Disease endlich gestartet werden konnte. Ziel ist die Entwicklung neuer Anwendungen für die Diagnose und Behandlung von Aortenaneurysmen, wozu Blutproben bei Patienten genommen werden müssen. Das im April 2007 eingereichte Projekt konnte schließlich im Juli 2008 nach zahlreichen Schriftwechseln mit der Europäischen Kommission zu ethischen Fragen gestartet werden.

Neben genaueren Angaben zur Beteiligung von Kindern bei dieser Studie und einigen Empfehlungen ist das Projekt aber vor allem über die Berücksichtigung der europäischen Dimension gestolpert. „Bei unserem Entwurf stützten wir uns auf in Frankreich und Schweden gesetzlich vorgeschriebene Dokumente zur Ethik, wie das Formular für die Patienteneinwilligung, da wir mit dem Karolinska-Institut in Stockholm zusammenarbeiten“, erklärt Jean-Baptiste Michel. „In diesen Dokumenten wurde aber nicht angegeben, dass das gesammelte Gewebe auf europäischer Ebene verwendet werden kann.“ Nach mehreren Versuchen, das Kapitel zur Ethik in seinem Projekt abzuändern, fuhr Jean-Baptiste Michel, der sich um den Ausgang der Angelegenheit sorgte, nach Brüssel, um den für den Vorgang zuständigen europäischen Beamten zu treffen. „In der Forschung verursachen die behördlichen Zwänge zwei Drittel der Arbeit, das schadet dem Image Europas“, behauptet er. „Es ist normal, dass die ethischen Verfahren für klinische Studien langwierig sind, denn es geht schließlich um Menschenleben, aber es ist eine Abstufung der Zwänge im Hinblick auf die Brisanz der ethischen Gesichtspunkte erforderlich.“


TOP