Pyramiden und Seifenblasen

Worin besteht der Zusammenhang zwischen einer Pyramide und einer Seifenblase? Antwort: in der Mathematik. Das Konzept, aus dieser Wissenschaft mit Hilfe eines originellen pädagogischen Ansatzes einen touristischen Anziehungspunkt zu machen, ging in Gießen erfolgreich auf, wo das „Mathematikum“ interaktive Spiele für jung und alt bietet und mit seinen positiven Auswirkungen die ganze Region einschließt.

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Hintergrund

In Hessen gab es die Frankfurter Buchmesse und die Kasseler Kunstausstellung Documenta. Seit einiger Zeit gibt es mit dem Mathematikum in Gießen ein weiteres bedeutendes touristisches Ziel in Hessen mit positiven Auswirkungen sowohl für die Universitätsstadt mit 73 000 Einwohnern als auch für die Region, die mit strukturellen Erschwernissen und einer hohen Arbeitslosenquote (im Jahr 2005 landesweit 8,5% insgesamt und eine Jugendarbeitslosigkeit von 13%) zu kämpfen hat.

Man musste nicht auf die Ergebnisse der PISA-Studie (1) warten, um zu dieser Erkenntnis zu kommen: Mathematik ist nicht sehr beliebt. Der Kenntnisstand und die allgemeine Einstellung der Erwachsenen zu diesem Fach zeigen, dass die Schule in diesem Bereich ihre Aufgabe nicht zufrieden stellend erfüllt. In Deutschland waren bisher wenige Anstrengungen für die Einrichtung von „science centers“ unternommen worden, die seit den 60er Jahren in Großbritannien und den USA großen Erfolg hatten.

Wo „Mathe“ mitreißen kann…

Bis Herr Professor Beutelspacher – der so von der Mathematik und ihrer Weitergabe begeistert ist, dass er sie sogar mit Hilfe von Marionetten auf einem Marktplatz oder in einem Bus unterrichtet - Mitte der 90er Jahre mit seinen Schülern interaktive mathematische Experimente entwickelte. Es ging bei diesem Ansatz, bei dem von der Praxis auf die Theorie geschlossen wird, darum, die Mathematik für jeden verständlich zu machen. Aus einer lokalen Ausstellung im Jahr 1994 wurde bald eine Wanderausstellung und schließlich entstand die Idee eines ständigen Ausstellungszentrums, eines „Mathematikmuseums“ mit drei Zielen: den Schülern und Studenten eine andere, positive und motivierende Seite der Mathematik zu zeigen; den Erwachsenen überraschende Türen zur (Wieder)entdeckung der Welt der Zahlen zu öffnen; für die Stadt Gießen und die ganzen Region über diesen innovativen touristischen Anziehungspunkt eine einzigartige Chance auf nationaler, ja sogar internationaler Ebene zu schaffen.

Die bedeutendsten Entscheidungen für das Mathematikmuseum wurden im Laufe der Jahre 2000/2001 gefällt. Das Projekt wurde finanziell vom Land Hessen, aus dem EFRE und von vielen privaten Spendern und Sponsoren aus der Region unterstützt. Die Stadt Gießen stellte mit der Komplettrenovierung eines 200 Jahre alten Gebäudekomplexes am Hauptbahnhof, in dem das ehemalige Hauptzollamt untergebracht gewesen war, für 30 Jahre mietfreie Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Arbeiten, die im Februar 2002 begannen, gingen gut voran: bereits vor Ablauf des Jahres war ein Teil des Mathematikums eröffnet und das gesamte Gebäude mit einer ersten Reihe von Exponaten konnte im November 2003 eingeweiht werden.

Ergebnisse

Seit seiner Eröffnung kann das Mathematikum einen ständig wachsenden Erfolg verzeichnen, der Ausmaße erreicht hat, die man nicht zu erhoffen gewagt hätte. In das Museum mit 1200 m2 Ausstellungsfläche, ungefähr 120 interaktiven Exponaten und einem wissenschaftlichen Laden kommen jährlich 150000 Besucher. Tagsüber von Montag bis Freitag kommen hauptsächlich Schülergruppen aller Altersklassen. Zu den übrigen Zeiten und vor allem an den Wochenenden und in den Schulferien überwiegen die Einzelbesucher, die fast 50% der Gesamtbesucherzahl ausmachen und von immer weiter herkommen. Während der Sommerferien besichtigen Menschen aus gut 50 verschiedenen Ländern das Mathematikum.

Dieser große Besucheransturm, der mit einer sehr hohen Zufriedenheitsquote einhergeht, lässt die wirtschaftlichen Auswirkungen nicht auf sich warten: für viele ist das Mitmachmuseum ein Grund, nach Gießen zu fahren und von dort aus auch die Stadt und die Region zu besuchen. Das Mathematikum beschäftigt derzeit 80 Personen, davon viele Studenten. Das gesamte Arbeitspensum entspricht über 20 Vollzeitstellen. Es ist eine der wenigen kulturellen Einrichtungen, deren finanzielle Situation im Gleichgewicht ist. Für das Image von Gießen spielt es eine Schlüsselrolle in einem Prozess, der wohl nicht mehr rückgängig zu machen ist: die Entwicklung Gießens zur „Wissenschaftsstadt“.

(1) PISA: „Program for International Student Assessment“ (Programm zur weltweiten Schülerbeurteilung) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Datum des Entwurfs

01/08/2007