Die Corona-Pandemie hat die Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch weiter verschärft. Daher setzt sich die EU dafür ein, das Thema Gleichstellung in die wissenschaftliche Forschung und künftige politische Vorschläge aufzunehmen.

Erfahren Sie hier die Geschichten dreier EU-Bürgerinnen.

Germany

Deutschland

Michèle Tertilt

Michèle Tertilt © DFG Ausserhofer, 2019

Michèle Tertilt: Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Mannheim und Leiterin des EU-finanzierten Sechsjahresprojekts GENDERMACRO. Sie untersucht, wie wirtschaftliche Entwicklungen Männer und Frauen unterschiedlich betreffen.

Die Pandemie ließ das Projektteam seine Erkenntnisse aus einem neuen Blickwinkel betrachten. In den Bereichen Beschäftigung, Telearbeit, Kinderbetreuung und Heimunterricht konnten sie die größten Gleichstellungsunterschiede feststellen.

So litten beispielsweise Branchen mit einem überwiegenden Frauenanteil unverhältnismäßig stark unter coronabedingten Entlassungen. Ferner sind erwerbstätige Frauen und alleinerziehende Mütter stark betroffen, da die Kinderbetreuung durch die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten vermehrt in ihre Obhut fällt. Darüber hinaus kämpfen verhältnismäßig mehr Frauen an vorderster Front gegen das Virus. EU-weit machen sie 76 % der Beschäftigten im Gesundheitswesen, etwa 90 % in der Kinderbetreuung und Altenpflege sowie 95 % der Haushalts- und Reinigungskräfte aus.

„Gleichstellung und Familie dürfen nicht zweitrangig sein. Die Themen gehören in die Forschung – für eine fundiertere Wissenschaft und sachkundigere Politik.“
The Netherlands

Niederlande

Professor Sabine Oertelt-Prigione © Radboudumc, 2017

Professorin Sabine Oertelt-Prigione © Radboudumc, 2017

Professorin Sabine Oertelt-Prigione lehrt geschlechtersensible Medizin an der Universität Radboud und ist Mitglied einer EU-Expertengruppe für Gleichstellungsfragen. Sie leitete deren aktuelle Studie "Der Einfluss des biologischen und sozialen Geschlechts in der aktuellen Coronavirus-Pandemie."

Es stellte sich heraus, dass sich das biologische Geschlecht einer Person auf die Immunreaktion des Körpers und das Ansprechen auf Therapien auswirkt. Das soziale Geschlecht hingegen spielt eine Rolle, wenn es um das Risiko einer Ansteckung mit dem Virus und die langfristigen sozioökonomischen Folgen in den Bereichen Beschäftigung, häusliche Gewalt und Ungleichheit geht.

Die Sterberate wegen einer Corona-Infektion ist bei Männern zwar höher, beruhend auf den Erkenntnissen der Gruppe sind Frauen jedoch aufgrund sozialer Faktoren häufiger dem Risiko einer Corona-Infektion ausgesetzt, da sie oft in Berufen mit engem Kontakt zu Menschen tätig sind.

Selbst Schutzkleidung ist nicht ausreichend an die weibliche Körperform angepasst.

„Die Coronavirus-Pandemie in ihrer ganzen Tragik zeigt deutlich, wie Gesundheit auf allen Ebenen vom biologischen und sozialen Geschlecht beeinflusst wird.“
Belgium

Belgien

Gwendoline Lefebvre

Gwendoline Lefebvre © Europäische Frauenlobby, 2020

Gwendoline Lefebvre: Präsidentin der Europäischen Frauenlobby (EFL), einer von der EU finanzierten Organisation, die 2 000 Frauengruppen vertritt. Sie ist die größte europäische Organisation dieser Art.

Die Lobby setzt sich dafür ein, dass Frauen auf höchster europäischer und internationaler Entscheidungsebene ihre Meinungen einbringen können. Lefebvre und ihr Team haben zudem eine beratende Funktion im Europarat sowie im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen.

EWL

EFL-Team © Europäische Frauenlobby, 2020

„Frauen haben während der Krise Großes geleistet. Dennoch nahm die häusliche Gewalt gegen Frauen im Lockdown zu; Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen waren noch stärker von Armut betroffen – und sie wurden in die traditionelle Rolle von Krankenschwester und Hausfrau zurückgedrängt.“

Was kann die EU tun?

„Die Krise hat noch deutlicher gemacht, dass Gleichstellung in unserer Gesellschaft noch Zukunftsmusik ist“, erklärt Lefebvre.

Nun, was kann die EU dagegen tun? Mit dem Programm Horizont Europa (2021-2027) nehmen wir den Geschlechteraspekt voll und ganz in Forschung und Innovation auf und verfolgen weiterhin aufmerksam die Erfahrungsberichte von Frauen.

Die Kommission schlägt in ihrem Aufbauplan eine inklusive Strategie zur Gleichstellung vor, auch in Form transparenter Lohn- und Gehaltszahlungen. Wir sorgen dafür, dass in und nach der Krise niemand zurückgelassen wird – und zwar unabhängig vom Geschlecht.