Bestehende Projekte

Aus dem laufenden Forschungs- und Innovationsprogramm „Horizont 2020“ wurden beträchtliche Mittel mobilisiert, um den Wahrheitsgehalt von Informationen in den sozialen wie in den klassischen Medien zu erhöhen. Die Sozialbeobachtungsstelle für Desinformation und Analyse der sozialen Medien (SOMA) und andere EU-finanzierte Projekte (PROVENANCE, SocialTruth, EUNOMIA, WeVerify) bieten den sozialen Medien die Möglichkeit, die eigene Dynamik und die Beziehung zu anderen Sektoren zu analysieren.

Die Beobachtungsstelle hat bereits umfangreiches Material und Analysen zur Corona-„Infodemie“ und zur Kenntnis über Desinformation zusammengetragen. Zu den vorgeschlagenen Lösungen gehören Projekte wie: eine Plattform zur Überprüfung von Inhalten; Faktencheck-Programme; eine Methodik zur sozioökonomischen Folgenabschätzung von Desinformation; Strategien und Maßnahmen für mehr Medienkompetenz, zur Analyse juristischer Hindernisse und von Aspekten der kommunalen Selbstregulierung; ein Verzeichnis zum Kenntnisstand über Desinformation.

Das HERoS-Projekt beispielsweise will die Effizienz der Anti-Corona-Maßnahmen erhöhen. Es hilft Handlungsträgern, bei öffentlichem Gesundheitsnotstand fundierte Entscheidungen zu treffen. Eine neue Methode zur Kategorisierung und Filterung von Informationen aus den sozialen Medien soll helfen, Corona-Gerüchten und Falschmeldungen besser entgegenzuwirken.

Weitere Projekte im Rahmen von Horizont 2020 („Gesellschaftliche Herausforderung 6“ und der Abschnitt „Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft“) haben Corona in ihr Programm aufgenommen. Das Projekt Co-Inform beispielsweise, das kritisches Denken und die digitale Kompetenz im Sinne einer besser informierten Gesellschaft fördern will, hat bereits zum Thema Falschinformation und COVID-19 veröffentlicht. Das Projekt QUEST zur Qualität und Wirksamkeit in der Wissenschafts- und Technologiekommunikation befasst sich mit verschiedenen Aspekten hochwertiger Wissenschaftskommunikation im Zusammenhang mit Corona. Das Projekt TRESCA für mehr Vertrauen in Wissenschaft und Innovation durch innovative Kommunikationsverfahren zwischen Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern hat grundlegende digitale Hygienemaßnahmen zur Unterbindung von Falschinformationen analysiert.

Das im Rahmen von Horizont 2020 geförderte Projekt FANDANGO will verschiedene Arten von Nachrichtendaten, Medienquellen, sozialen Medien und offenen Daten zusammenfassen und überprüfen, um Falschmeldungen aufzudecken und den Menschen in Europa eine effizientere und verlässlichere Kommunikation zu ermöglichen. FANDANGO will Hindernisse für die Dateninteroperabilität beseitigen, vereinheitlichte Techniken und eine integrierte Big-Data-Plattform bereitstellen, um traditionelle Medien angesichts der neuen „Daten-Nachrichtenwirtschaft“ mit mehr Transparenz im Rahmen des Konzepts „Verantwortungsvolle Forschung und Innovation“ zu unterstützen.

Der Europäische Forschungsrat (ERC) unterstützt wissenschaftliche Arbeiten wie die von Phil Howard, Direktor des Oxford Internet Institute und ERC-Fellow für das Projekt COMPROP, zum Thema „Internet-Propaganda: Untersuchung der Auswirkung von Algorithmen und Bots auf den politischen Diskurs in Europa“. Er nutzt die besten Methoden der Sozialwissenschaft und der Informatik, um zu Lösungen zu gelangen. Auf der ERC-Website und in der Reihe „ERCTalks“ wurden seine Forschungsarbeiten bereits vorgestellt. Gemeinsam mit seinem Team berichtet er wöchentlich über Corona-Desinformation. Kürzlich gab er auch ein Interview zu diesem Thema. Der ERC unterstützt auch die Arbeit von Jason Reifler, Professor an der Universität Exeter und Stipendiat für DEBUNKER‚ ein Projekt mit dem Titel „Fehlwahrnehmungen in Politik, Gesundheit und Wissenschaft: Ursachen, Folgen und die Suche nach Lösungen“. Das Projekt wurde unlängst in diesem Artikel vorgestellt. 

In Planung sind weitere Forschungsarbeiten wie etwa das Projekt FARE, das die Verbreitung von Fake News durch einen theoretischen Rahmen zur Erstellung überprüfbarer Vorhersagen verhindern will. Multidisziplinäre Forschung soll unser Verständnis des Entscheidungsprozesses und der Fehler, die wir in Bezug auf Fake News gemacht haben, unter Einsatz experimenteller und computergestützter Techniken (Big Data und Komplexitätssysteme) verbessern.

Ferner unterstützt der Europäische Forschungsrat Konzeptnachweis-Projekte wie GoodNews, das zur Erkennung von Fake News „Deep Learning“-Ansätze anwendet. Ziel ist der Aufbau technologischer Kapazitäten zur Erkennung algorithmischer Falschmeldungen in sozialen Medien unter Verwendung eines neuartigen Paradigmas. Anders als bei der traditionellen Analyse der Nachrichteninhalten sollen die in den sozialen Netzwerken verbreiteten Nachrichtenmuster analysiert werden. Das Projekt stützt sich auf eine neue Klasse geometrischer „Deep Learning“-Algorithmen, die im Rahmen des Projekts LEMAN (Learning on Manifolds and Graphs) entwickelt wurden.

Der Europäische Innovationsrat hat den #EUvsVirus Hackathon in enger Zusammenarbeit mit den EU-Mitgliedstaaten organisiert, um die Zivilgesellschaft, Innovatoren, Partner und Investoren in ganz Europa zusammenzubringen und innovative Lösungen für coronabedingte Herausforderungen zu entwickeln. Lösungen zur „Einbremsung von Falschmeldungen“ wurden beim „Matchathon“ vorgestellt, den der Europäische Innovationsrat am 22./25. Mai veranstaltete, um Finanzmittel zu mobilisieren. Darüber hinaus hat der Europäische Innovationsrat Unternehmen durch Maßnahmen wie Truthcheck und Newtral bei der Entwicklung halbautomatischer Systeme zur Erkennung von Falschmeldungen unterstützt.

Weitere Hilfsmittel

Die Plattform Epidemics Intelligence from Open Sources (EIOS)‚ ein Projekt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS), soll potenzielle Gefahren für die öffentliche Gesundheit anhand von Informationen aus Medienberichten rasch erkennen. Sie half der WHO, die ersten Anzeichen von Corona in Wuhan Ende Dezember 2019 zu erkennen, und wird seitdem genutzt, um die weltweite Ausbreitung der Krankheit zu verfolgen. Sie ist auf MEDISYS (European Media Monitor Medical Information System) der GFS angesiedelt, wo täglich bis zu 120 000 Artikel zum Thema „Corona“ gesammelt werden.

Die meisten Falschmeldungen sind sprachlich so gefasst, dass sie Emotionen wecken und Ängste schüren. Die Gemeinsame Forschungsstelle hat das maschinelle Lernprogramm Misinfo Classifier entwickelt, um Muster in der Sprache, insbesondere aggressiven Sprachgebrauch, und mögliche Falschmeldungen festzustellen. Das Tool kommt derzeit bei der Kommission und beim Europäischen Parlament zum Einsatz und soll auch renommierten Faktenprüfstellen angeboten werden.

Social Rumour ist ein weiteres Programm, das die Kommission und das Europäische Parlament verwenden. Es spürt Twitter-Accounts auf, die zu erwiesenermaßen unseriösen Quellen verlinken. Anschließend überprüft es weitere Links, auf die von diesen Accounts verwiesen wird, um neue Märchen in den sozialen Medien aufzuspüren. Auch dieses Toll soll renommierten Faktenprüfstellen zur Verfügung gestellt werden.

Anstehende Ausschreibungen und Projekte

  • Die Europäische Beobachtungsstelle für digitale Medien (EDMO) unterstützt die Einrichtung und Arbeit einer multidisziplinären Gruppe von Faktenprüfern, Wissenschaftlern und anderen einschlägigen Interessenträgern mit Erfahrung auf dem Gebiet der Desinformation im Internet. Konkret geht es darum, Akteure, Faktoren, Instrumente, Methoden, Dynamik, vorrangige Ziele und Auswirkungen von Desinformation auf die Gesellschaft besser zu verstehen. Das Projekt wird mit 2,5 Millionen Euro aus der Fazilität „Connecting Europe“‚ dem Infrastrukturfinanzierungsprogramm der EU, gefördert.
  • Im Rahmen von Horizont 2020 (Thema: „Veränderte Medienlandschaften und Europäisierung“) laufen Anfang 2021 drei Projekte an. Die Ausschreibung wurde kürzlich abgeschlossen. Analysiert werden sollen die Rolle der Medien, einschließlich der sozialen Medien, die Sprache, die Entstehung von Meldungen sowie neue Phänomene wie Fake News. Somit dürften sich einige der geförderten Projekte auch mit Desinformation befassen. Nach Abschluss der Bewertung im Juli wollen die Kommissionsdienststellen prüfen, ob Desinformation im Zusammenhang mit Corona in die Arbeitspläne der erfolgreichen Vorschläge aufgenommen werden könnte. In jedem Fall ist nicht vor Ende 2021 mit ersten Ergebnissen zu rechnen.
  • Bei einer zweiten coronabezogenen Ausschreibung im Rahmen von Horizont 2020 (Gesellschaftliche Herausforderung 1) geht es um die „verhaltensbezogenen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise“. Sie endete am 11. Juni. Gefragt sind Leitlinien für Verhaltensmuster im Gesundheitsbereich, um die Einhaltung von Verhaltensregeln positiv zu besetzen und Desinformation zu Gesundheitsfragen, Beschränkungen, Isolation und Abstandhalten auf gesellschaftlicher, gemeinschaftlicher und individueller Ebene zu verhindern. Ferner sollten die Projekte Faktoren untersuchen, die Menschen zu schädlicher Selbstmedikation und einer möglichen Ablehnung von Impfstoffen bewegen.
  • Im Rahmen von Horizont Europa, dem nächsten Forschungs- und Innovations-Rahmenprogramm, beinhaltet das erste Arbeitsprogramm für Cluster 2 „Kultur, Kreativität und inklusive Gesellschaft“ Forschungsthemen zu Desinformation, zur zunehmenden Bedeutung einer starken und unabhängigen Medienlandschaft und zur Bekämpfung von Falschmeldungen im Post-Corona-Kontext. Für den Zeitraum 2021-2022 sind insbesondere Forschungsarbeiten zu folgenden Themen möglich:
    • der politische Stellenwert herkömmlicher und neuer Medien, wobei untersucht werden soll, wie journalistische Standards gewahrt werden können, und wie die Demokratie durch Qualitätsmedien gefestigt werden kann;
    • die Auswirkungen sozialer Netze und neuer Internet-Medien auf das individuelle und kollektive Verhalten sowie auf Überzeugungen und Werte;
    • politische Bildung einschließlich Medienkompetenz.