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Herbstprognose 2016: Moderates Wachstum in schwierigen Zeiten

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Die europäische Wirtschaft wird voraussichtlich auch weiterhin in moderatem Tempo wachsen. In ihrer heute (Mittwoch) veröffentlichten Herbstprognose geht die Europäische Kommission von einem BIP-Wachstum im Euroraum von 1,7 Prozent für 2016 (Deutschland 1,9 Prozent), 1,5 Prozent für 2017 und 1,7 Prozent für 2018 aus. Einen ähnlichen Verlauf dürfte das BIP-Wachstum in Deutschland und der Gesamt-EU nehmen. „Angesichts der größeren globalen Unsicherheit ist es nun wichtiger denn je, an einer soliden und vorsichtigen Wirtschafts- und Haushaltspolitik festzuhalten. Gleichzeitig müssen wir die gesellschaftlichen Ungleichheiten angehen, damit sich niemand im Stich gelassen fühlt“, erklärte der für den Euro und den sozialen Dialog zuständige Vizepräsident Valdis Dombrovskis. Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici sagte: „Mut machen vor allem das Tempo, mit dem nicht zuletzt dank der jüngsten Reformen in vielen Ländern Arbeitsplätze geschaffen werden, die sinkenden Haushaltsdefizite im Euroraum, der Anstieg der Investitionen und der dynamischere EU-interne Handel.“

09/11/2016

(09.11.2016) – Hauptwachstumsmotor dürfte bis Ende 2018 auch weiterhin der Privatkonsum sein, der durch die Erwartung weiter steigender Beschäftigungszahlen und leicht steigender Löhne begünstigt wird. Auch die Fremdfinanzierungskosten wirken sich aufgrund der außerordentlich akkommodierenden Geldpolitik weiterhin positiv auf das Wachstum aus. Das Haushaltsdefizit des gesamten Euroraums dürfte sich weiter abschwächen, während haushaltspolitisch weiterhin ein nicht restriktiver Kurs verfolgt werden dürfte. Die Investitionen werden voraussichtlich weiter ansteigen.

Doch die politische Ungewissheit, das verhaltene Wachstum außerhalb der EU und der schwache Welthandel wirken sich negativ auf die Wachstumsaussichten aus. Auch besteht weiterhin die Gefahr, dass die schwache Wirtschaftsleistung der letzten Jahre das Wachstum dämpfen könnte. Die anhaltende Unterauslastung der Wirtschaft deutet darauf hin, dass die Wirtschaft schneller wachsen könnte, ohne übermäßigen Inflationsdruck zu erzeugen. Darüber hinaus wird sich die europäische Wirtschaft in den kommenden Jahren nicht mehr auf außerordentlich begünstigende externe Faktoren wie die fallenden Ölpreise und die Währungsabwertung stützen können.

Aktuelle Erholung kommt sämtlichen Mitgliedstaaten zugute

Obgleich sich der Trend stark divergierender Wirtschaftsleistungen fortsetzt, liegt das BIP der EU nun über dem Vorkrisenniveau, in einigen Mitgliedstaaten sogar mehr als 10 Prozent über dem Tiefststand. Es ist davon auszugehen, dass die Wirtschaftsleistung aller Mitgliedstaaten im Verlauf des Prognosezeitraums weiter zunimmt – wenngleich nicht in gleichgroßem Umfang.

Ausweitung der Investitionen im Jahr 2018, auch dank EU-Kofinanzierungen

Nachdem das Investitionsniveau unter dem geringen Nachfragewachstum und der Erwartung eines schwachen Potenzialwachstums, dem anhaltenden Schuldenabbau in Unternehmen in einigen Mitgliedstaaten und erhöhter Ungewissheit zu leiden hatte, hellt sich das Investitionsumfeld nun wieder auf, sodass für 2018 wieder steigende Zahlen erwartet werden. Die öffentlichen und privaten Investitionen dürften durch Projekte, die über die Investitionsoffensive für Europa finanziert oder - in einigen Mitgliedstaaten - mit EU-Mitteln aus dem Programmplanungszeitraum 2014-2020 kofinanziert werden, der Projekte zunehmend angekurbelt werden, da diese nun in die Durchführungsphase kommen. Insgesamt wird mit einem Anstieg der Investitionen von 3,3 Prozent  in diesem Jahr, 3,1 Prozent 2017 und 3,5 Prozent 2018 gerechnet.

Eine wirtschaftliche Erholung mit verhältnismäßig hohem Beschäftigungspotenzial

Die Beschäftigung dürfte mit 1,4 Prozent im Euroraum und in der EU in diesem Jahr so schnell wachsen wie seit 2008 nicht mehr, auch wenn der Arbeitsmarkt immer noch unterausgelastet ist. Die Schaffung von Arbeitsplätzen dürfte sich fortsetzen und durch das von der Nachfrage getragene inländische Wachstum, das moderate Lohnwachstum sowie die haushaltspolitischen Maßnahmen und Strukturreformen in einigen Mitgliedstaaten begünstigt werden. Das Beschäftigungswachstum wird voraussichtlich weiterhin relativ stabil bleiben, auch wenn 2017 und 2018 mit einer leichten Abschwächung gerechnet wird. Zwar dürfte die Erwerbsbevölkerung in diesem Jahr aufgrund einer stärkeren Arbeitsmarktbeteiligung und der schrittweisen Eingliederung der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt stärker steigen, doch wird davon ausgegangen, dass die Arbeitslosigkeit im Euroraum recht schnell von 10,1 Prozent  in diesem Jahr auf 9,7 Prozent 2017 und 9,2 Prozent 2018 zurückgeht. Der gleiche Trend wird auch für die Gesamt-EU erwartet: Hier soll die Arbeitslosigkeit von 8,6 Prozent in diesem Jahr auf 8,3 Prozent 2017 und 7,9 Prozent 2018 zurückgehen. Für den Euroraum ist es der niedrigste Wert seit 2009. Zum Vergleich: Einerseits lag die Arbeitslosigkeit 2013 noch auf einem Höchststand von 12 Prozent, anderseits war sie 2007 mit 7,5 Prozent auch deutlich niedriger.

Ölpreise werden Anstieg der zurzeit sehr niedrigen Inflation bewirken

Im ersten Halbjahr lag die Inflation im Euroraum aufgrund der fallenden Ölpreise auf einem sehr niedrigen Niveau, doch stieg sie im dritten Quartal wieder leicht an, da die Auswirkungen vorangegangener Preissenkungen langsam nachließen. Mit dem erwarteten Anstieg der Ölpreise dürfte die Inflation nun leicht auf über 1 Prozent klettern. Vor dem Hintergrund eines höheren Lohnwachstums und einer weiteren Schließung der Produktionslücke ist mit einem schrittweisen Anstieg der Kerninflation, bei der die volatilen Energie- und Lebensmittelpreise nicht berücksichtigt werden, zu rechnen. Insgesamt wird die Inflationsrate im Euroraum voraussichtlich von 0,3 Prozent im Jahr 2016 auf jeweils 1,4 Prozent in den Jahren 2017 und 2018 steigen. In der EU wird sich die Inflation voraussichtlich von 0,3 Prozent in diesem Jahr auf 1,6 Prozent im Jahr 2017 und auf 1,7 Prozent  im Jahr 2018 erhöhen.

Weitere Verbesserung bei öffentlichen Finanzen

Sowohl das aggregierte öffentliche Defizit als auch die öffentliche Schuldenquote des Euroraums dürften im Verlauf des Prognosezeitraums 2017-2018 weiter sinken. Das öffentliche Defizit im Euroraum wird voraussichtlich von 1,8 Prozent des BIP in diesem Jahr auf jeweils 1,5 Prozent in den Jahren 2017 und 2018 schrumpfen. Grund dafür sind geringere Sozialleistungen aufgrund der sinkenden Arbeitslosigkeit, ein Rückgang der Lohn- und Gehaltssumme im öffentlichen Sektor und niedrige Zinssätze, die den Schuldendienst billiger machen. Bei der Schuldenquote ist mit einem Rückgang von 91,6 Prozent im Jahr 2016 auf 89,4 Prozent  im Jahr 2018 zu rechnen.

Ausfuhren werden nur geringfügig durch globales Wachstum gestützt

Das weltweite BIP-Wachstum ist in den letzten Monaten weiter zurückgegangen und dürfte mit 3,2 Prozent in diesem Jahr auf den niedrigsten Stand seit 2009 fallen. Da in den aufstrebenden Märkten und den Vereinigten Staaten jedoch wieder mit einem stärkeren Wachstum gerechnet wird, ist davon auszugehen, dass die globale Wachstumsrate (ohne EU) wieder leicht steigen wird. Trotz des krisenfesten Handels innerhalb des Euroraums wirkt sich der gegenwärtig schwache Welthandel außerhalb der EU negativ auf die Ausfuhren aus dem Euroraum aus. Der Welthandel, der in diesem Jahr außerordentlich fragil war, wird voraussichtlich langsamer zunehmen als das BIP im Jahr 2016, bevor er 2017 wieder das Niveau des BIP-Wachstums erreichen und 2018 leicht darüber hinausgehen wird. Es ist zu erwarten, dass im Euroraum die Importe rascher als die Exporte ansteigen werden. Der Leistungsbilanzüberschuss des Euroraums dürfte im Prognosezeitraum rückläufig sein.

Prognose stärker mit Abwärtsrisiken behaftet

Die Prognoserisiken haben in den letzten Monaten zugenommen und neigen eindeutig in eine negativere Richtung, u. a. infolge der Abstimmung für einen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, die Unsicherheit erzeugt hat und als Indikator für erhöhte politische Risiken im gegenwärtigen im gegenwärtig volatilen politischen Umfeld gewertet werden kann. Auch die externen Risiken, etwa die unsicheren wirtschaftlichen Tendenzen in China oder die Gefahr einer Eskalation der geopolitischen Konflikte, sind größer geworden.

Hintergrund

Diese Prognose basiert auf verschiedenen externen Annahmen in Bezug auf Wechselkurse, Zinssätze und Rohstoffpreise, die sich auf Daten bis zum 24. Oktober 2016 beziehen. Die verwendeten Zahlen spiegeln die zum Zeitpunkt der Prognose von Derivatemärkten abgeleiteten Markterwartungen wider. Bei allen anderen herangezogenen Daten, einschließlich der Annahmen in Bezug auf staatliche Maßnahmen, wurden in dieser Prognose Informationen bis einschließlich 31. Oktober 2016 berücksichtigt. Inkludiert wurden lediglich glaubwürdig angekündigte politische Maßnahmen, die angemessen detailliert spezifiziert wurden. Den Projektionen liegt die Annahme einer unveränderten Politik zugrunde.

Weitere Informationen:

Herbstprognose – Website und #ecforecast (nur auf Englisch verfügbar)

EU-Wirtschaftsprognosen – Website

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Kommissar Moscovici auf Twitter: @Pierremoscovici

GD ECFIN auf Twitter: @ecfin

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