Vertretung in Deutschland

WDR-Europaforum: Zeit für ein neues europäisches Selbstbewusstsein

Kurz vor den Europawahlen hat Richard Kühnel, Vertreter der Europäischen Kommission in Deutschland, zusammen mit WDR-Intendant Tom Buhrow heute (Donnerstag) das diesjährige WDR-Europaforum in Berlin eröffnet. Unter dem Motto „Europa gemeinsam gestalten – Zeit für ein neues europäisches Selbstbewusstsein“ debattieren Spitzenkandidaten, Minister und Parteivorsitzende ebenso wie EU-Kommissar Günther Oettinger über die Zukunft Europas nach der Europawahl am 26. Mai. 

23/05/2019

„,Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.‘ Ich möchte meine diesjährigen Grußworte zum WDR Europaforum mit diesem Goethe-Zitat beginnen“, sagte Kühnel zum Auftakt. „Denn wir, meine, unsere Generation, Herr Buhrow, wir haben dieses Europa geerbt. Geerbt von den Giganten der Gründerzeit, die sich Schutt und Asche von den Ärmeln streiften, die Hände reichten, und die stärkste freiwillige Staatengemeinschaft schufen, die wir kennen. Was wir von ihnen ererbt haben, müssen wir uns aber auch zu eigen machen. Besitz ergreifen. Der Zeitpunkt dafür ist dieser Sonntag, an dem die Bürger der Europäischen Union Europas weiteren Weg bestimmen.

Europas Weg war nie ein leichter. Nicht der Weg ist jedoch schwierig, sondern das Schwierige ist Europas Weg. Das Navi bietet für den 26. Mai unterschiedliche Routen mit unterschiedlichen Zielen und Richtungen. Wohin soll Europas Reise gehen? Die Route mit den schönsten Etappenzielen, die effizienteste, die günstigste, die komfortabelste, die anspruchsvollste? Doch Achtung: Manche Routen erweisen sich auch als Sackgassen, wie ich als Österreicher feststellen muss.

Gottseidank hat Europa viele Wegbereiter. Gerade hier in Deutschland bin ich tief beeindruckt vom Engagement aus der Zivilgesellschaft, von den Sozialpartnern und Verbänden, ja von einzelnen Unternehmen und Unternehmern, die eigene Kampagnen für die Europawahl gestartet haben. Sie haben deutlich „Ja zu Europa“ gesagt, und ihr Europabekenntnis in ihre Belegschaften, zu ihren Mitgliedern und hinaus auf die Straßen getragen. Mein herzliches Danke dafür!

Sie haben erkannt, was bei diesen Wahlen auf dem Spiel steht. Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, was auf diesem Kontinent in 7 Jahrzehnten erschaffen wurde. Es brauchte seine Zeit, dieses europäische Werte- und Gesellschaftsmodell aufzubauen, um das uns die Welt beneidet. Zerstört werden kann es viel schneller. Das zu verhindern, auch darum geht es am 26. Mai.

Ich möchte in meinen Dank auch die deutschen Medien einschließen. Welche Vielfalt und Qualität der Europaprogramme der vergangenen Wochen! Europa wurde gezeigt wie es ist - laut, grell, schräg, bunt, dunkel und schön. Ein Kontinent zum Verzweifeln und zum Verlieben.

Auch viele wahlwerbende Kandidaten und Parteien übten sich in Pathos und bezogen Stellung zu Europas Zukunft. Allerdings fehlte mir an der politischen Agenda-Setzung der deutschen Parteien bisweilen der europäische Gehalt. Über die Routenwahl Europas kann man inhaltlich vielleicht noch trefflicher streiten, denn das konstruktive Erstreiten gehört zum Besitzergreifen Europas dazu. Themen mit Reibeflächen gibt es wahrlich genug, von der Klima- und Energiepolitik, über die Wirtschafts- und Industriepolitik, bis hin zum richtigen Umgang mit Digitalisierung und Globalisierung. Ob da Fragen des Eigentums, der Nationalhymne oder E-Roller die richtigen Themen der Stunde waren, bin ich mir nicht so sicher.

Sicher hingegen bin ich mir, dass die europäischen Kandidaten und Spitzenkandidaten alles gaben, sich mit Verve und Entschlossenheit in ihre Kampagnen warfen, und am Sonntag Ihre Stimme verdient haben. Denn jede Stimme zählt. Wer das nicht glaubt, möge jene Briten fragen, die beim Referendum über den Verbleib in der EU zuhause geblieben waren.

Meine Bitte an alle Zuseher ist daher klar: gehen Sie am Sonntag zur Wahl; aber nicht nur das, motivieren Sie auch alle in ihrer Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, hinzugehen.

Sie haben die Wahl: ein Europa zu stärken, das Einzelinteressen in einen gemeinsamen europäischen Gestaltungsanspruch bündelt, um unsere Gesellschaft und die Welt ein Stück besser zu machen. Oder ein Europa zu unterstützen, in dem nationale Interessen über alles gestellt werden, ohne Rücksicht auf andere, ohne Einfluss, ohne Wirkung. Allein sind wir allein.

Jede Stimme zählt. Wer nicht wählt, gefährdet Europa, hat Jean-Claude Juncker vor wenigen Tagen geschrieben. Wer wählt, ergreift hingegen von Europa Besitz. Meine Bitte: Tun Sie es. Erwerben Sie Europa, um es unseren Erben weiterzugeben.“

Weitere Informationen:

WDR Europaforum 2019 – Programm

Livestream

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