Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und BIP


Datenauszug vom August 2020.

Aktualisierung des Artikels geplant: November 2021.

Im Fokus

Das BIP in der EU-27 stieg 2019 im sechsten Jahr in Folge; auch im Euroraum war der sechste aufeinanderfolgende Anstieg zu verzeichnen.

In der EU-27 verliefen die strukturellen Entwicklungen in den letzten zehn Jahren unterschiedlich: Die Anteile des Bausektors sowie der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen an der gesamten Wertschöpfung sanken, der Anteil der Unternehmensdienstleistungen stieg.

2019 verzeichnete die Wirtschaft in der EU-27 bei den Investitionen den sechsten jährlichen Anstieg in Folge.

[[File:National accounts and GDP-interactive_FP2020-DE.xlsx]]

Realer Anstieg des BIP, 2009-2019

Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) liefern Daten zu einer Vielzahl bekannter Wirtschaftsindikatoren, die in diesem Artikel dargestellt werden. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist das am häufigsten verwendete Maß für die Gesamtgröße einer Volkswirtschaft. Davon abgeleitete Indikatoren wie das BIP pro Einwohner (pro Kopf), z. B. in Euro oder um Unterschiede in den Preisniveaus bereinigt (ausgedrückt in Kaufkraftstandards, KKS), werden häufig für einen Vergleich der Lebensstandards oder zur Beobachtung der wirtschaftlichen Konvergenz oder Divergenz in der Europäischen Union (EU) genutzt.

Darüber hinaus können die Entwicklungen bestimmter Komponenten des BIP und damit verbundener Indikatoren, z. B. für Output, Einfuhren und Ausfuhren, für den Inlandsverbrauch (der privaten Haushalte und der öffentlichen Hand) und für Investitionen sowie Daten zur Verteilung von Einkommen und Rücklagen aufschlussreiche Einblicke in die Hauptantriebskräfte der Wirtschaft vermitteln und so eine Grundlage für die Konzeption, die Überwachung und die Bewertung gezielter politischer Maßnahmen der EU schaffen.

Dieser Artikel wird jedes Jahr mit den aktuellen jährlichen Daten veröffentlicht. In der Ausgabe von 2020 wird nur die Situation bis zum Jahr 2019 beschrieben. Infolgedessen kann auf die ersten Erkenntnisse über die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie erst in der 2021 erscheinenden Ausgabe des Artikels eingegangen werden. Das volle Ausmaß der Krise wird somit erst in späteren Ausgaben dargestellt werden.

Vollständiger Artikel

Entwicklungen beim BIP in der EU-27: Wachstum seit 2014

Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise führte 2009 in der EU-27 zu einer schweren Rezession (siehe Abbildung 1), auf die 2010 eine Erholung folgte. Die Krise hatte bereits zuvor in Japan und den Vereinigten Staaten ihren Anfang genommen. Dort verzeichnete man schon 2008 negative jährliche Veränderungsraten beim BIP (in realen Werten), die 2009 noch stärker ausfielen, bevor sie 2010 wieder anzogen. Die Wirtschaftsleistung in China (einschließlich Hongkong) dagegen wuchs während der Krise vergleichsweise rasch weiter (jedes Jahr um fast 10 %), verlangsamte ihre Dynamik in den folgenden Jahren etwas, blieb aber deutlich über dem Niveau aller anderen in Abbildung 1 dargestellten Volkwirtschaften.

Die Krise zeichnete sich bereits 2008 mit einem erheblichen Rückgang der Steigerungsrate des BIP in der EU-27 ab. 2009 ging das reale BIP dann um 4,3 % zurück. Im Zuge der Erholung stieg der (auf verketteten Volumenindizes beruhende) BIP-Index 2010 in der EU-27 um 2,2 % und 2011 um weitere 1,8 %. Während sich das BIP 2012 um 0,7 % verringerte und 2013 kaum veränderte, war 2014 eine positive Veränderungsrate (1,6 %) zu verzeichnen. Von 2015 bis 2018 verlief das Wachstum mit jährlichen Raten zwischen 2,0 % und 2,8 % vergleichsweise stabil. Das Wachstum verlangsamte sich 2019, als in der EU-27 der reale Anstieg des BIP bei 1,5 % lag.

Im Euroraum (ER-19) ähnelten die entsprechenden Veränderungsraten denen in der EU-27: In den Jahren 2009 und 2012 wurden stärkere Rückgänge (-4,5 % bzw. -0,9 %) gemeldet als in der EU-27. Auch 2013 setzte sich der rückläufige Trend fort (-0,2 %), während es in der EU-27 in diesem Jahr keine Veränderungen gab. In jedem Jahr, in dem das BIP in der EU-27 anstieg, wurden zwar im Euroraum ebenfalls Anstiege verzeichnet, die allerdings gewöhnlich 0,1 oder 0,2 Prozentpunkte niedriger ausfielen. Im Zeitraum von 2009 bis 2019 stieg die reale Wachstumsrate des BIP im Euroraum etwas langsamer als in der EU-27 insgesamt.

Abbildung 1: Änderungsrate des realen BIP, 2009-2019
(Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %)
Quelle: Eurostat (naida_10_gdp)

In der EU fiel das Wachstum des realen BIP sowohl im Zeitverlauf als auch im Ländervergleich sehr unterschiedlich aus (siehe Tabelle 1). Nachdem das Wirtschaftswachstum 2009 in allen EU-Mitgliedstaaten außer Polen zurückgegangen war, nahm es 2010 in 23 Mitgliedstaaten wieder zu, und auch 2011 wuchs die Wirtschaft in 23 Mitgliedstaaten. Diese Entwicklung veränderte sich jedoch im Jahr 2012, als etwas mehr als die Hälfte (14) der Mitgliedstaaten eine wirtschaftliche Expansion verzeichnete, während die Wirtschaftsleistung in den restlichen Mitgliedstaaten nachließ. In der Folgezeit meldete erneut eine große Mehrheit der Mitgliedstaaten positive Wachstumsraten; 2013 waren 16 Mitgliedstaaten, 2014 schon 23 und in den Jahren 2015 und 2016 gar 26. 2017 verzeichneten dann alle 27 Mitgliedstaaten erstmals seit 2007 wieder positive Veränderungsraten, die auch 2018 und 2019 zu vermelden waren. Als einziger Mitgliedstaat mit einer negativen Veränderungsrate wies Griechenland 2015 und 2016 einen Rückgang um 0,4 % bzw. 0,2 % auf, nachdem die Wirtschaftsleistung im Jahr 2014 um 0,7 % zugenommen hatte und von 2009 bis 2013 sechsmal in Folge zurückgegangen war.

Tabelle 1: Änderungsrate des realen BIP, 2009-2019
Quelle: Eurostat (naida_10_gdp)

Die höchsten jährlichen Wachstumsraten des realen BIP wurden 2019 in Irland (5,6 %), Ungarn (4,9 %) und Malta (4,7 %) verzeichnet. Am niedrigsten fielen die Zuwachsraten in Deutschland (0,6 %) und Italien (0,3 %) aus.

Im letzten Jahrzehnt betrug die durchschnittliche jährliche Zunahme des BIP in der EU-27 1,6 % und im Euroraum 1,4 %

Polen wies in dem gesamten in Tabelle 1 erfassten Zeitraum positive Veränderungsraten auf, was unter den in der Tabelle erfassten Drittländern auch auf Albanien, das Kosovo* (Daten von 2009 bis 2018) und China (Daten von 2009 bis 2018) zutraf. Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Irland, Frankreich, Litauen, Malta und die Slowakei verzeichneten 2019 im zehnten Jahr in Folge positive jährliche Veränderungsraten; dies war auch im Vereinigten Königreich, in Norwegen, in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten der Fall, während die Türkei 2018 zum neunten Mal in Folge positive jährliche Veränderungsraten meldete.

Eine Analyse der Entwicklungen im letzten Jahrzehnt zeigt, dass sich die Wirtschaftsleistung der EU-Mitgliedstaaten infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise insgesamt verschlechtert hat. Im Zeitraum von 2009 bis 2019 betrugen die durchschnittlichen Wachstumsraten der EU-27 und des Euroraums (ER-19) 1,6 % bzw. 1,4 % pro Jahr (siehe Tabelle 1). Den nach diesem Maßstab größten Zuwachs unter den Mitgliedstaaten konnte Irland (durchschnittliches jährliches Wachstum von 6,0 %, einschließlich eines außergewöhnlichen Anstiegs 2015, in dem sich die Aktivitäten multinationaler Unternehmen widerspiegeln) verzeichnen, gefolgt von Malta (5,7 %), Estland (3,7 %), Polen (3,6 %) und Litauen (3,5 %; hier ist ein Bruch in der Zeitreihe zu beachten). Dagegen lag die durchschnittliche Wachstumsrate in Portugal und Italien unter 1,0 %, und in Griechenland fiel die Entwicklung des realen BIP im Zeitraum 2009 bis 2019 insgesamt negativ aus.

Ländervergleiche werden häufig anhand von Kaufkraftstandards (KKS) vorgenommen, weil damit die zwischen den Ländern bestehenden Unterschiede im Preisniveau bereinigt werden. Zu beachten ist, dass die Zahlen in den Abbildungen 2 und 3 sowie in Tabelle 2 in jeweiligen Preisen angegeben sind. Aufgrund der Inflation und der Wechselkursschwankungen sind sie für die Berechnung von Veränderungsraten ungeeignet.

2019 belief sich das BIP in der EU-27 auf 13,9 Billionen (13 900 Milliarden KKS), wobei zu beachten ist, dass für die EU-27 ein KKS einem Euro entspricht. Das BIP der EU-27 in KKS blieb im Zeitraum von 2009 bis 2019 in jedem Jahr hinter dem der Vereinigten Staaten zurück (siehe dazu Abbildung 2. Hier ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die KKS-Zahlen für Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern gedacht sind. Für zeitliche Vergleiche sind sie nicht geeignet, weil sie aus methodischen Gründen nicht als Zeitreihen betrachtet werden können). In China, wo die Wirtschaftsleistung seit jeher geringer war als in der EU-27 und den Vereinigten Staaten, hat sich die Situation durch den rasanten Wandel und die anhaltende Expansion der chinesischen Wirtschaft mittlerweile verändert. Das BIP Chinas in KKS erreichte 2013 erstmals ein Niveau, das über dem der EU-27 lag. 2016 entsprach das chinesische BIP in KKS erstmals dem der Vereinigten Staaten und 2017 erreichte Chinas Wirtschaftsleistung ein höheres Niveau als das der Vereinigten Staaten (das es seither gehalten hat).

Abbildung 2: BIP in jeweiligen Marktpreisen, 2009-2019
(in Mrd. KKS)
Quelle: Eurostat (prc_ppp_ind)

Nach KKS erwirtschaftete Deutschland 2019 mehr als ein Fünftel des BIP in der EU-27

Auf den Euroraum entfiel 2019 mit 81,1 % des BIP der EU-27 (gemessen in KKS) ein geringerer Anteil als 2009, als dieser Wert bei 83,2 % lag. 2019 kamen die vier größten Volkswirtschaften der EU (Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien) zusammen auf etwas mehr als drei Fünftel (60,7 %) des BIP der EU-27; das waren 2,0 Prozentpunkte weniger als zehn Jahre zuvor (2009). 2019 erwirtschaftete Deutschland allein 22,4 % des BIP in der EU-27 und übertraf damit den Wert von 21,5 % für das Jahr 2009. Die Anteile der anderen drei größten Mitgliedstaaten sanken alle im Zeitraum zwischen 2009 und 2019, und zwar um 1,8 Prozentpunkte (Italien), um 1,0 Prozentpunkte (Spanien) und um 0,1 Prozentpunkte (Frankreich).

2019 betrug das BIP je Einwohner in der EU-27 durchschnittlich 31 100 EUR

Zur Bewertung des Lebensstandards wird in der Regel das BIP pro Einwohner herangezogen, weil dabei die Größe einer Volkswirtschaft gemessen an ihrer Bevölkerung betrachtet wird: Die Bevölkerungszahl der EU-27 belief sich 2019 auf 448 Millionen. 2019 lag das durchschnittliche BIP pro Einwohner in jeweiligen Preisen in der EU-27 bei 31 100 EUR. In KKS ausgedrückte Werte wurden um die zwischen den Ländern bestehenden Unterschiede im Preisniveau bereinigt. Die relative Position einzelner Länder lässt sich durch einen Vergleich mit dem EU-27-Durchschnitt darstellen, der mit 100 gleichgesetzt wird (siehe die rechte Hälfte der Tabelle 2). Legt man diesen Maßstab zugrunde, verzeichnete Luxemburg den höchsten Wert der EU-27-Mitgliedstaaten; sein BIP pro Einwohner in KKS überstieg im Jahr 2019 den EU-27-Durchschnitt etwa um das 2,6-Fache (was zum Teil auf die große Zahl von Grenzgängern aus Belgien, Frankreich und Deutschland zurückzuführen ist). In Bulgarien dagegen betrug das BIP pro Einwohner in KKS nur etwas mehr als die Hälfte des Durchschnittswerts für die EU-27.

Tabelle 2: BIP in jeweiligen Marktpreisen, 2009 und 2017-2019
Quelle: Eurostat (prc_ppp_ind)

Die Entwicklung der KKS-Zahlen im vergangenen Jahrzehnt weist auf eine allmähliche Angleichung der Lebensstandards hin. In den meisten Mitgliedstaaten, die der EU 2004, 2007 oder 2013 beigetreten sind und die 2009 noch unter dem EU-27-Durchschnitt gelegen hatten, war trotz einiger Rückschläge im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2019 eine Annäherung an den EU-27-Durchschnitt festzustellen (siehe dazu Abbildung 3). Eine Ausnahme stellte Zypern dar, das von einem Wert über dem EU-27-Durchschnitt (106 % des EU-27-Durchschnitts 2009) auf einen darunter liegenden Wert (89 %) zurückfiel. Auch die älteren Mitgliedstaaten Italien und Spanien wiesen zunächst einen Wert über dem EU-27-Durchschnitt und in der Folge einen darunter liegenden Wert auf. Griechenland und Portugal verzeichneten noch niedrigere Werte unter dem EU-27-Durchschnitt. Dänemark, Deutschland, Luxemburg und insbesondere Irland entfernten sich vom EU-27-Durchschnitt weiter nach oben. Die weiteren EU-15-Mitgliedstaaten Österreich, Belgien, Frankreich, Schweden, Finnland und die Niederlande, die 2009 Werte über dem EU-27-Durchschnitt verzeichnen konnten, lagen 2019 noch immer über dem EU-27-Durchschnitt, haben sich ihm aber angenähert.

Abbildung 3: BIP pro Kopf in jeweiligen Marktpreisen, 2009 und 2019
(EU-27 = 100; BIP pro Kopf in KKS)
Quelle: Eurostat (prc_ppp_ind)

Bruttowertschöpfung in der EU-27 nach Wirtschaftszweigen

Etwa drei Viertel der 2019 in der EU-27 erwirtschafteten Wertschöpfung wurden im Dienstleistungsbereich erzielt

In Tabelle 3 wird das BIP von der Output-Seite her betrachtet, und die relative Bedeutung von zehn Wirtschaftszweigen (gemäß Definition in der NACE Rev. 2) wird anhand des entsprechenden Beitrags zur Wertschöpfung in jeweiligen Herstellungspreisen veranschaulicht.

Zwischen 2009 und 2019 stieg der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung in der EU-27 um 0,7 Prozentpunkte auf 19,7 % und übertraf damit die größten dieser zehn Wirtschaftszweige, nämlich Handel, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie. Der Anteil an der Bruttowertschöpfung von Handel, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie war im Zeitraum von 2009 bis 2019 gleich hoch (19,3 %). Den größten Anstieg um 1,1 Prozentpunkte von 10,2 % auf 11,3 % verzeichneten in diesem Zeitraum freiberufliche, wissenschaftliche, technische sowie sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen, die noch vor dem Grundstücks- und Wohnungswesen zum viertgrößten Wirtschaftszweig wurden. Die einzigen anderen Wirtschaftszweige, bei denen es zu Anstiegen kam, waren Information und Kommunikation (um 0,3 Prozentpunkte auf 5,0 %) sowie Land- und Forstwirtschaft und Fischerei (um 0,1 Prozentpunkte auf 1,8 %).

Der (gemessen an der Bruttowertschöpfung) drittgrößte Wirtschaftszweig war 2019 öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen, dessen Anteil an der Bruttowertschöpfung 2019 um 0,6 Prozentpunkte auf 18,7 % sank. Die anderen Wirtschaftszweige, deren Anteil an der Wirtschaftsleistung ähnlich stark abnahm, waren der Bausektor (Rückgang um 0,6 Prozentpunkte auf 5,6 %) und Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (Rückgang um 0,7 Prozentpunkte auf 4,5 %). Bei den beiden verbleibenden Wirtschaftszweigen wurde ein geringer Rückgang ihres Anteils an der Wirtschaftsleistung verzeichnet: Der Anteil des Grundstücks- und Wohnungswesens sank um 0,1 Prozentpunkte auf 10,8 % und wurde vom viert- zum fünftgrößten Wirtschaftszweig; den zweitkleinsten Beitrag (vor Land- und Forstwirtschaft und Fischerei) verzeichnete der Bereich Kunst, Unterhaltung und sonstige Dienstleistungen, dessen Anteil um 0,3 Prozentpunkte auf 3,3 % sank.

Tabelle 3: Bruttowertschöpfung zum jeweiligen Herstellungspreis, 2009 und 2019
(%-Anteil an der Bruttowertschöpfung insgesamt)
Quelle: Eurostat (nama_10_a10)

Im Jahr 2019 trugen Dienstleistungen 72,9 % zur gesamten Wertschöpfung in der EU-27 bei, im Jahr 2009 waren es 73,2 %. Eine verhältnismäßig wichtige Rolle spielte der Dienstleistungsbereich insbesondere in Luxemburg, Malta, Zypern, Frankreich, Griechenland, den Niederlanden, Belgien und Portugal, wo mindestens drei Viertel der gesamten Wertschöpfung auf Dienstleistungen entfielen. In Irland, Tschechien, Rumänien, Polen, der Slowakei, Slowenien und Ungarn dagegen lag der Anteil des Dienstleistungsbereichs zwischen 61 % und 66 %, wobei diese Länder für die Industrie vergleichsweise hohe Anteile verzeichneten.

Divergierende Entwicklungen der Wirtschaftszweige in den letzten zehn Jahren

Strukturelle Veränderungen gehen zumindest teilweise auf Faktoren wie den technologischen Wandel, die Entwicklung der relativen Preise sowie Auslagerung und Globalisierung zurück, die häufig zu einer Verlagerung der Produktion und mancher Dienstleistungen (soweit sie aus der Ferne online oder durch Call Center erbracht werden können) in Regionen mit niedrigeren Arbeitskosten sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU-27 führen. Darüber hinaus wurden einige Wirtschaftszweige von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise und deren Folgen besonders hart getroffen, wobei die Auswirkungen in den meisten Wirtschaftszweigen hauptsächlich zwischen 2007 und 2009 zu spüren waren, also vor den in den Abbildungen 4 und 5 dargestellten Zeitreihen.

Zwischen 2009 und 2014 wurde für die Wirtschaftsleistung der Land- und Forstwirtschaft und Fischerei in der EU-27 schwankende Veränderungsraten zwischen -4,7 % und 5,4 % vermeldet. Danach waren die Veränderungen weniger stark: 2015 und 2016 wurden Rückgänge von 0,7 % bzw. 1,1 % verzeichnet, während in den darauf folgenden drei Jahren die Zuwächse vergleichsweise niedrig waren (zwischen 0,4 % und 1,3 %). Insgesamt war die Wirtschaftsleistung 2019 um 5,0 % höher als 2009. Nach der Krise erholte sich die Industrieproduktion in der EU-27 zwischen 2009 und 2011 und nahm um 11,9 %zu, sank dann aber zwischen 2011 und 2013 wieder um 2,3 %. Im Anschluss daran stieg die Industrieproduktion vier Jahre lang vergleichsweise schnell (mit jährlichen Zuwächsen zwischen 2,4 % und 3,3 %) und 2018 weniger stark (1,9 %), bevor es 2019 zu einem Rückgang um 0,5 % kam. Die Industrieproduktion lag 2019 um 24,5 % über dem Wert von 2009. Im Bausektor war nach der Krise der stärkste und längste Rückgang zu verzeichnen. Die Wirtschaftsleistung dieses Sektors nahm in der EU-27 zwischen 2009 und 2013 um 14,9 % ab, wobei die Wirtschaftsleistung in diesem Zeitraum jedes Jahr zurückging. Der 2015 im Bausektor verzeichnete Anstieg um 1,6 % stellte das erste jährliche Wachstum seit acht Jahren dar (2014 gab es keine Veränderung). Bis 2019 waren weitere jährliche Anstiege zwischen 1,3 % und 3,8 % zu vermelden. Trotz dieses anhaltenden Wachstums in den letzten Jahren war die Wirtschaftsleistung des Bausektors 2019 um 3,4 % geringer als 2009 (und lag damit erheblich unter dem Vorkrisenniveau).

In zwei Dienstleistungszweigen – Information und Kommunikation sowie Grundstücks- und Wohnungswesen – wurden zwischen 2009 und 2019 durchgehend positive jährliche Veränderungsraten verzeichnet. Ähnlich stellte sich die Situation bei den unternehmensbezogenen Dienstleistungen (mit Ausnahme eines leichten Rückgangs um 0,2 % im Jahr 2012), im Bereich öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen (nur 2012 gab es dort keine Veränderungen und 2013 einen leichten Rückgang um 0,1 %) sowie im Bereich Handel, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie (mit Ausnahme eines leichten Rückgangs um 0,5 % im Jahr 2013) dar. Das rasanteste Gesamtwachstum war zwischen 2009 und 2019 im Bereich Information und Kommunikation zu verzeichnen, wo 2019 die Wirtschaftsleistung 48,9 % über der von 2009 lag. Das langsamste Wachstum (um insgesamt 9,5 %) gab es dagegen im Bereich öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen. In den beiden verbleibenden Dienstleistungsbereichen – Finanz- und Versicherungsdienstleistungen sowie Kunst, Unterhaltung und sonstige Dienstleistungen – wurden zwischen 2009 und 2019 jeweils drei Jahre mit sinkender Wirtschaftsleistung und ein relativ moderates Gesamtwachstum von 5,4 % bzw. 4,8 % verzeichnet.

Im Jahr 2019 meldeten alle Wirtschaftszweige in der EU-27 außer der Industrie ein Wachstum ihrer Bruttowertschöpfung gegenüber 2018. Am kräftigsten waren die Zuwächse in den Bereichen Information und Kommunikation (3,9 %) und Bauwesen (3,4 %). Die Wirtschaftsleistung der Industrie sank um 0,5 %, während das geringste Wachstum in den anderen Wirtschaftszweigen im Bereich Land- und Forstwirtschaft und Fischerei zu verzeichnen war (0,4 %).

Abbildung 4: Entwicklungen der realen Bruttowertschöpfung, EU-27, 2009-2019
(2010 = 100)
Quelle: Eurostat (nama_10_a10)


Abbildung 5: Entwicklungen der realen Bruttowertschöpfung, EU-27, 2009-2019
(2010 = 100)
Quelle: Eurostat (nama_10_a10)

Arbeitsproduktivität

Zur Ausschaltung von Inflationseffekten kann die Arbeitsproduktivität pro Beschäftigtem anhand preisbereinigter Daten berechnet werden. Eine Analyse der Arbeitsproduktivität pro Beschäftigtem in jeweiligen Preisen (auf der Grundlage verketteter Volumen) über den Zehnjahreszeitraum von 2009 bis 2019 ergibt für die meisten Wirtschaftszweige in der EU-27 ein Wachstum. Die größten Produktivitätszuwächse verzeichneten die Bereiche Land- und Forstwirtschaft und Fischerei mit einer Zunahme um insgesamt 30,1 %, Industrie (24,3 %) sowie Information und Kommunikation (22,8 %) (siehe Abbildung 6). Da verkettete Volumen nicht additiv sind, ist ein genauer Vergleich der Arbeitsproduktivität der verschiedenen Wirtschaftszweige in realen Werten nur für das Referenzjahr 2010 möglich.

Abbildung 6: Reale Arbeitsproduktivität, EU-27, 2009, 2014 und 2019
(1 000 EUR pro Beschäftigten)
Quelle: Eurostat (nama_10_a10) und (nama_10_a10e)

Weitere Daten zur Entwicklung der realen Arbeitsproduktivität pro Beschäftigtem oder pro geleisteter Arbeitsstunde enthält Tabelle 4. Die Arbeitsproduktivität pro Beschäftigtem stieg im Zeitraum von 2009 bis 2019 real in fast allen EU-27-Mitgliedstaaten; lediglich Griechenland verzeichnete einen Rückgang (für Malta sind keine Daten verfügbar). Im gleichen Zeitraum erhöhte sich auch die Arbeitsproduktivität je geleisteter Arbeitsstunde in allen EU-27-Mitgliedstaaten außer Griechenland (für Malta sind auch hier keine Daten verfügbar). Lässt man die Mitgliedstaaten mit einem Bruch in der Zeitreihe unberücksichtigt (siehe Tabelle 4), wurden die höchsten Zuwächse (prozentual) für beide Maße der realen Arbeitsproduktivität in Rumänien, Bulgarien, Estland und Lettland verzeichnet, während die geringsten (neben Griechenland) in Luxemburg und Italien beobachtet wurden.

Tabelle 4: Reale Arbeitsproduktivität, 2009, 2014 und 2019
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp) und (nama_10_a10_e)

Konsumausgaben

Eine Analyse der Verwendungskomponenten des BIP zeigt, dass auf der Ausgabenseite die Konsumausgaben zwischen 2009 und 2019 in der gesamten EU-27 trotz leichter Rückgänge (in den Jahren 2012 und 2013) volumenmäßig um 10,8 % gestiegen sind (siehe Abbildung 7). Der Anstieg der Konsumausgaben des Staates vollzog sich in diesem Zeitraum etwas langsamer; zwischen 2009 und 2019 war ein Plus von 10,0 % zu verzeichnen. Die Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen verlief in diesem Zeitraum relativ unstetig. Sie nahmen zwischen 2009 und 2011 um 8,2 % zu, gingen zwischen 2011 und 2013 wieder um fast den gleichen Betrag zurück (8,1 %) und folgten dann bis 2019 erneut einem Aufwärtstrend (+26,9 % zwischen 2013 und 2019). Die Ausfuhrzuwächse übertrafen die Einfuhrzuwächse zwischen 2009 und 2013 sowie 2017, während in fünf der sechs Jahre zwischen 2014 und 2019 die Einfuhren stärker zunahmen. Im Zeitraum 2009-2019 nahmen die Ausfuhren um insgesamt 61,0 % zu, die Einfuhren um 55,3 %.

Abbildung 7: Entwicklungen der realen Konsumausgaben, Bruttoinvestitionen, Ausfuhr und Einfuhr von Waren, EU-27, 2009-2019
(2010 = 100)
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp)

Nach einem Rückgang 2009 erholten sich die Konsumausgaben der Haushalte und der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck (POOE) in der EU-27 im Jahr 2010 volumenmäßig um 0,9 % und 2011 um 0,3 %, bevor sie 2012 (-0,9 %) und 2013 (-0,5 %) erneut zurückgingen. Anschließend stiegen diese Ausgaben in sechs aufeinanderfolgenden Jahren, wobei sich der Zuwachs von anfänglich 1,1 % auf 2,2 % beschleunigte und sich 2019 dann auf 1,6 % verlangsamte.

Im Jahr 2010 verlangsamte sich das volumenmäßige Wachstum der Ausgaben des Staatssektors in der EU-27. Diese Entwicklung setzte sich im Zeitraum 2011 bis 2013 (mit Werten zwischen -0,2 % und 0,4 %) relativ gleichmäßig fort, bevor in den Jahren zwischen 2014 und 2019 ein etwas kräftigerer Zuwachs einsetzte und die Ausgaben um Werte zwischen 1,0 % und 2,0 % stiegen.

Investitionen

Trotz eines Anstiegs (um 2,0 %) im Jahr 2011 erholten sich die Bruttoanlageinvestitionen in der EU-27 nicht vollständig von ihrem drastischen Rückgang im Jahr 2009 (-11,3 %) und wiesen 2012 und 2013 erneut eine negative Veränderungsrate auf. Im Zeitraum von 2014 bis 2019 erhöhten sich die Bruttoanlageinvestitionen in der EU-27 jedoch wieder und stiegen jedes Jahr um Werte zwischen 2,1 % und 5,6 %.

Abbildung 8: Reale jährliche Änderungsrate der Verwendungskomponenten des BIP, EU-27, 2009-2019
(in %)
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp)

2019 trugen die Konsumausgaben der Haushalte und privaten Organisationen ohne Erwerbszweck in jeweiligen Preisen 53,2 % zum BIP der EU-27 bei, während sich der Anteil der Bruttoanlageinvestitionen auf 22,5 %, der Anteil der Staatsausgaben auf 20,6 % und der Außenbeitrag auf 3,8 % beliefen (siehe Abbildung 9).

Abbildung 9: Verwendungskomponenten des BIP in jeweiligen Marktpreisen, EU-27, 2019
(%-Anteil am BIP)
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp) oder (tec00009), (tec00010), (tec00011) und (tec00110)

Die großen Unterschiede in der Investitionsintensität der einzelnen EU-27-Mitgliedstaaten sind u. a. auf den unterschiedlichen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung und die unterschiedliche Wachstumsdynamik der vergangenen Jahre zurückzuführen (siehe Abbildung 10). 2019 beliefen sich die Bruttoanlageinvestitionen (in jeweiligen Preisen) in Prozent des BIP auf 22,1 % in der EU-27 und auf fast genauso viel (22,0 %) im Euroraum. Mit Abstand am höchsten fielen sie in Irland (45,6 %) aus. Auch Ungarn (28,6 %), Tschechien (26,2 %) und Estland (26,1 %) konnten Anteile von über 25,0 % vermelden. Den geringsten Anteil verzeichnete Griechenland mit 11,4 %.

Abbildung 10: Bruttoanlageinvestitionen in jeweiligen Marktpreisen, 2019
(%-Anteil am BIP)
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp)

Wie aus Tabelle 5 hervorgeht, wurde der überwiegende Teil der Investitionen in der EU-27 vom privaten Sektor getätigt. 2019 machten die Investitionen von Unternehmen und privaten Haushalten 19,4 % des BIP in der EU-27 aus, während sich die Investitionen des öffentlichen Sektors auf 3,0 % beliefen. Relativ betrachtet war das Verhältnis von öffentlichen Investitionen zum BIP in Ungarn und Zypern (beide 5,8 %; Daten von 2018) am höchsten, während die Investitionen von Unternehmen in Irland (19,1 %; Daten von 2018), Tschechien (16,9 %) und Schweden (16,4 %) und von privaten Haushalten in Finnland (7,2 %) und Zypern (7,1 %; Daten von 2018) am höchsten waren. Die Investitionen privater Haushalte (in Prozent des BIP) waren 2018 in Griechenland, Zypern, Spanien und Irland deutlich niedriger als 2009, während sie in Rumänien (2019 gegenüber 2009) um einiges höher ausfielen.

Tabelle 5: Investitionen in jeweiligen Marktpreisen, 2009, 2014 und 2019
(%-Anteil am BIP)
Quelle: Eurostat (nasa_10_ki)

Einkommen

Wie eine von der Einkommensseite vorgenommene Analyse des BIP in der EU-27 zeigt, entfiel 2019 bei der Verteilung der Einkommen aus dem Produktionsprozess auf die Produktionsfaktoren der größte Anteil auf die Arbeitnehmerentgelte, die 47,5 % des BIP in jeweiligen Marktpreisen ausmachten. Auf den Bruttobetriebsüberschuss und das Selbständigeneinkommen entfielen 40,6 % des BIP und der Anteil der Produktions- und Importabgaben abzüglich Subventionen belief sich auf 11,9 % (siehe Abbildung 11). Den niedrigsten Anteil der Arbeitnehmerentgelte am BIP verzeichnete Irland (28,2 %), gefolgt von Griechenland (34,7 %); Anteile von über 50,0 % wurden dagegen in Slowenien, Frankreich, Dänemark und Deutschland, wo dieser Anteil mit 53,6 % seinen höchsten Wert erreichte, gemeldet. Dieser besonders niedrige Anteil in Irland lässt sich mit Globalisierungsfolgen erklären (siehe globalisation related effects (auf Englisch)).

Abbildung 11: Einkommensverteilung in jeweiligen Marktpreisen, 2019
(%-Anteil am BIP)
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp)

Die Einkommensaggregate haben sich bis 2011 von den in der Finanz- und Wirtschaftskrise erlittenen Einbußen erholt. Das Einkommen aus Arbeitnehmerentgelten ist zwischen 2009 und 2019 in der EU-27 jedes Jahr angestiegen, insgesamt in diesem Zeitraum um 30,5 % (in jeweiligen Preisen). Beim Bruttobetriebsüberschuss und beim Selbstständigeneinkommen war das Wachstum fast genauso groß (29,9 %). Dieses Wachstum setzte sich aus jährlichen Anstiegen (außer 2012) zusammen. Das Einkommen aus Produktions- und Importabgaben nahm zwischen 2009 und 2019 jedes Jahr zu, was sich in einer Gesamtzunahme um 43,1 % niederschlug.

Abbildung 12: Entwicklungen der Einkommen in jeweiligen Marktpreisen, EU-27, 2009-2019
(2009 = 100)
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp)

Konsum der privaten Haushalte

In 17 der 27 EU-Mitgliedstaaten machten die Konsumausgaben der privaten Haushalte 2019 mindestens die Hälfte des BIP (in jeweiligen Marktpreisen) aus. Am höchsten war dieser Anteil in Griechenland (65,2 %) und Zypern (63,9 %). Am niedrigsten war er in Luxemburg (27,8 %), obwohl das Land auch nach Berücksichtigung der zwischen den Mitgliedstaaten bestehenden Unterschiede im Preisniveau die weitaus höchsten durchschnittlichen Konsumausgaben privater Haushalte pro Einwohner verzeichnete (23 010 KKS) (siehe Tabelle 6).

Tabelle 6: Konsumausgaben der privaten Haushalte, 2009, 2014 und 2019
Quelle: Eurostat (nama_10_gdp) und (nama_10_pc)

Relativ hoch waren die durchschnittlichen Konsumausgaben der privaten Haushalte pro Einwohner (in KKS) 2019 außer in Luxemburg auch in Österreich (19 990 KKS) und Deutschland (19 450 KKS). Bulgarien war dagegen der einzige EU-27-Mitgliedstaat, in dem die durchschnittlichen Konsumausgaben der privaten Haushalte pro Einwohner weniger als 10 000 KKS betrugen.

Eine Analyse der realen Entwicklung der durchschnittlichen Konsumausgaben pro Einwohner in Euro (auf der Grundlage eines verketteten Volumenindexes) im Zeitraum von 2014 bis 2019 zeigt, dass sie in Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Litauen am schnellsten angestiegen sind. Österreich verzeichnete im Zeitraum 2014 bis 2019 mit durchschnittlich 0,4 % pro Jahr die geringste Zunahme der Konsumausgaben der privaten Haushalte pro Einwohner, aber auch in Luxemburg (0,5 %) und Griechenland (0,8 ) wurden jährliche Zuwächse von im Durchschnitt weniger als 1,0 % gemeldet.

Datenquellen

Das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen auf nationaler und regionaler Ebene (ESVG 2010) enthält die Methodik für die Erstellung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen in der EU. Die aktuelle Fassung, das ESVG 2010, das im Mai 2013 angenommen wurde, wird seit September 2014 angewendet. Es entspricht in allen Punkten den weltweit gültigen Leitlinien für Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, dem System of National Accounts 2008 (SNA) 2008 SNA (auf Englisch). Bitte beachten Sie, dass die meisten der 27 Mitgliedstaaten 2019 zwischen August und Oktober Benchmark-Revisionen durchführen. Weitere Einzelheiten entnehmen Sie bitte der Eurostat-Website, insbesondere dem Dokument (auf Englisch).

Das BIP und seine Hauptbestandteile

Die Hauptaggregate der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen werden von institutionellen Einheiten erhoben, d. h. von nichtfinanziellen und finanziellen Kapitalgesellschaften, vom Sektor Staat, von privaten Haushalten und privaten Organisationen ohne Erwerbszweck (POOE).

Die Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen betreffen Komponenten des BIP, Beschäftigung, Konsumaggregate und Sparen. Viele dieser Variablen werden auf jährlicher und vierteljährlicher Basis berechnet.

Das BIP ist das zentrale Maß der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, mit dem die wirtschaftliche Lage eines Landes (oder einer Region) zusammenfassend abgebildet wird. Für die Berechnung des BIP stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung: die Entstehungsrechnung, die Verwendungsrechnung und die Verteilungsrechnung.

Bei einer Analyse des BIP pro Einwohner entfällt der Einfluss der absoluten Einwohnerzahl, was Ländervergleiche erleichtert. Das BIP pro Einwohner ist ein allgemeiner wirtschaftlicher Indikator für den Lebensstandard. Anstatt Marktwechselkurse zu verwenden, können BIP-Daten in den Landeswährungen anhand von Kaufkraftparitäten (KKP), die die Kaufkraft der einzelnen Währungen widerspiegeln, in Kaufkraftstandards (KKS) umgerechnet werden. Auf diese Weise werden die Unterschiede im Preisniveau der verschiedenen Länder ausgeschaltet. Der Volumenindex des BIP pro Einwohner in KKS wird im Verhältnis zum Durchschnitt für die EU-27 (gleich 100) ausgedrückt. Ist der Indexwert eines Landes größer bzw. kleiner als 100, liegt das BIP pro Kopf dieses Landes über bzw. unter dem Durchschnitt der EU-27. Dieser Index ist nicht für Vergleiche im Zeitverlauf, sondern für Ländervergleiche zu verwenden.

Die Berechnung der jährlichen Veränderungsrate des BIP anhand von verketteten Volumenindizes (reale Veränderungen) ermöglicht einen Vergleich der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung sowohl im Zeitverlauf als auch zwischen Volkswirtschaften unterschiedlicher Größe unabhängig vom Preisniveau.

Ergänzende Daten

Die Wirtschaftsleistung kann auch nach Wirtschaftszweigen analysiert werden. Auf der höchsten Gliederungsebene werden für die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen zehn Abschnitte der NACE berücksichtigt: Land- und Forstwirtschaft und Fischerei; Industrie; Baugewerbe/Bau; Handel, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie; Informations- und Kommunikationsdienstleistungen; Finanz- und Versicherungsdienstleistungen; Grundstücks- und Wohnungswesen; freiberufliche, wissenschaftliche, technische sowie sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen; öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen; Kunst, Unterhaltung und Erholung, Erbringung von sonstigen Dienstleistungen, private Haushalte mit Hauspersonal sowie extraterritoriale Organisationen und Körperschaften.

Eine Analyse der nach Wirtschaftszweigen aufgeschlüsselten Wirtschaftsleistung im Zeitverlauf (reale Veränderungen) kann durch die Verwendung eines Volumenmaßes erleichtert werden, d. h. durch die Deflationierung des Produktionswertes, um den Einfluss von Preisänderungen auszuschalten. Jeder Wirtschaftszweig wird einzeln deflationiert, um die Preisänderungen der betreffenden Produkte zu berücksichtigen.

Ein anderer Datensatz der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird für Analysen der Wettbewerbsfähigkeit verwendet. Dabei handelt es sich um Indikatoren für die Produktivität der Arbeitskräfte, z. B. Maße der Arbeitsproduktivität. Maße der Produktivität in KKS eignen sich besonders für Ländervergleiche. Das BIP pro Beschäftigtem soll einen allgemeinen Eindruck von der Produktivität einer Volkswirtschaft vermitteln. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieses Maß von der Struktur der Gesamtbeschäftigung beeinflusst wird und z. B. niedriger ausfallen kann, wenn Vollzeitbeschäftigte zu Teilzeitbeschäftigung übergehen. Das BIP je geleisteter Arbeitsstunde vermittelt ein genaueres Bild der Produktivität, da Teilzeitarbeit je nach Land und Wirtschaftszweig einen ganz unterschiedlichen Stellenwert hat.

Aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen lassen sich anhand eines makroökonomischen Ansatzes jährliche Daten über die Ausgaben der Haushalte gewinnen. Als alternative Quelle für die Analyse der Ausgaben der Haushalte können die Erhebungen über die Wirtschaftsrechnungen der privaten Haushalte (HBS) herangezogen werden. Private Haushalte werden gebeten, ein Haushaltsbuch über ihre Einkäufe zu führen, damit Informationen für diese Erhebungen verfügbar werden. Diese Informationen sind wesentlich detaillierter, was die damit erfassten Güter und Dienstleistungen sowie die verschiedenen sozioökonomische Analysen betrifft. Die HBS werden nur alle fünf Jahre durchgeführt und veröffentlicht; 2015 ist das jüngste Bezugsjahr, für das derzeit Daten zur Verfügung stehen; allerdings waren zu Redaktionsschluss die Daten für zwei EU-27-Mitgliedstaaten (Dänemark und Frankreich) noch nicht verfügbar.

Kontext

EU-Institutionen, Regierungen, Zentralbanken und andere wirtschaftliche und soziale Einrichtungen des öffentlichen und des privaten Sektors benötigen vergleichbare und zuverlässige Statistiken, auf die sie ihre Entscheidungen stützen können. Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) können für unterschiedliche Analysen und Bewertungen herangezogen werden. Die Verwendung international anerkannter Konzepte und Definitionen ermöglicht es, verschiedene Volkswirtschaften, beispielsweise die wechselseitige Abhängigkeit der Volkswirtschaften der EU-Mitgliedstaaten, zu analysieren oder Vergleiche zwischen EU-Mitgliedstaaten und Drittstaaten anzustellen.

Konjunkturpolitische Analysen und Analysen der makroökonomischen Politik

Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen werden vor allem benötigt, um zur Unterstützung wirtschaftspolitischer Entscheidungen auf europäischer Ebene und zur Verwirklichung der Ziele der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) Konjunkturstatistiken von hoher Qualität bereitzustellen, anhand derer die makroökonomischen Entwicklungen überwacht und Empfehlungen für die Makroökonomie ausgesprochen werden können. Zu den wichtigsten Verwendungszwecken der VGR gehört seit Langem die Quantifizierung der Wachstumsrate einer Volkswirtschaft, einfacher ausgedrückt, des Wachstums des BIP. Die Kerndaten der VGR dienen insbesondere der Ausarbeitung und Überwachung makroökonomischer Strategien, während detailliertere VGR-Daten auch zur Entwicklung sektorbezogener oder industriepolitischer Konzepte verwendet werden können, insbesondere durch die Analyse von Input-Output-Tabellen.

Seit Beginn der WWU im Jahr 1999 gehört die Europäische Zentralbank (EZB) zu den Hauptnutzern der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Die EZB stützt sich bei ihrer Bewertung der Risiken für die Preisstabilität auf eine „Zwei-Säulen-Strategie“, d. h. auf eine wirtschaftliche und eine monetäre Analyse. Eine Vielzahl monetärer und finanzieller Indikatoren wird dabei in Bezug auf andere relevante Daten ausgewertet, die die Kombination von monetären, finanziellen und wirtschaftlichen Analysen ermöglichen, z. B. Kernaggregate der VGR. Auf diese Weise lassen sich monetäre und finanzielle Indikatoren im Kontext der übrigen Volkswirtschaft analysieren.

Die Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen überwacht die wirtschaftliche Entwicklung. Die EU hat einen jährlichen Zyklus für die Koordinierung der Wirtschaftspolitik festgelegt, das sogenannte Europäische Semester. Jedes Jahr nimmt die Europäische Kommission eine detaillierte Analyse der von den EU-Mitgliedstaaten geplanten haushaltspolitischen, makroökonomischen und strukturellen Reformen vor, und gibt länderspezifische Empfehlungen für die folgenden 12 bis 18 Monate ab.

Die Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen erstellt auch – abgestimmt auf den jährlichen Zyklus des Europäischen Semesters – viermal jährlich (im Herbst, Winter, Frühjahr und Sommer) die Wirtschaftsprognosen (auf Englisch) der Europäischen Kommission. Diese Prognosen erstrecken sich auf alle EU-Mitgliedstaaten und dienen dazu, Prognosen für den Euroraum und die EU abzuleiten; häufig beinhalten sie auch Entwicklungsperspektiven für Kandidatenländer und für einige Drittstaaten.

Die Analyse der öffentlichen Finanzen ist ein weiterer wichtiger Verwendungszweck der VGR. Innerhalb der EU wurde eine spezielle Anwendung zu den Konvergenzkriterien für die WWU entwickelt, von denen sich zwei direkt auf den Bereich der öffentlichen Finanzen beziehen. Diese Kriterien, nämlich das öffentliche Defizit und der öffentliche Schuldenstand im Verhältnis zum BIP, wurden anhand von VGR-Daten definiert. Nähere Informationen dazu enthält der Artikel über die Statistiken der öffentlichen Finanzen (auf Englisch).

Regionale, strukturelle und sektorbezogene Politikfelder

Außer in der Konjunkturanalyse und der makroökonomischen Analyse finden die Daten des Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen auf nationaler und regionaler Ebene der EU auch in anderen Bereichen, insbesondere im Zusammenhang mit regionalen, strukturellen und sektorbezogenen Themen, Verwendung.

Die Mittelzuweisung im Rahmen der Strukturfonds erfolgt zum Teil auf der Grundlage regionaler Gesamtrechnungen. Regionalstatistiken werden zudem für die Ex-post-Bewertung der Ergebnisse der Regional- und Kohäsionspolitik verwendet.

Sowohl für die EU insgesamt als auch für die einzelnen Mitgliedstaaten ist die Priorität Eine Wirtschaft im Dienste der Menschen von strategischer Bedeutung. Zur Unterstützung dieser strategischen Prioritäten werden gemeinsame Maßnahmen in allen Bereichen der EU-Wirtschaft umgesetzt, während die Mitgliedstaaten eigene Strukturreformen (Website auf Englisch) durchführen.

Die Europäische Kommission führt wirtschaftliche Analysen durch, die der Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) dienen. Hierzu prüft sie die Effizienz ihrer Stützmechanismen und entwickelt eine langfristige Perspektive. Dies schließt Forschung, Analyse und Folgenabschätzungen zu Themen aus den Bereichen Landwirtschaft und Wirtschaft im ländlichen Raum in den EU-Mitgliedstaaten und in Drittstaaten ein, wobei auch auf die Landwirtschaftlichen Gesamtrechnungen zurückgegriffen wird.

Zielsetzung, Benchmarking und Beiträge

Für die einzelnen Politikfelder der EU werden zunehmend mittel- oder langfristige Ziele verbindlich oder unverbindlich vorgegeben. In einigen Fällen dient die Höhe des BIP als Referenzwert, wenn beispielsweise ein Ausgabenvolumen für Forschung und Entwicklung von 3,00 % des BIP vorgesehen ist (ein Ziel der Strategie Europa 2020).

Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen bilden auch die Grundlage für die Festlegung der EU-Eigenmittel, die in einem Beschluss des Rates geregelt ist. Der Finanzierungsbedarf des EU-Haushalts errechnet sich aus den Ausgaben abzüglich sonstiger Einnahmen. Die Eigenmittelobergrenze ist an das Bruttonationaleinkommen (BNE) der EU gekoppelt.

Die VGR-Daten werden nicht nur für die Ermittlung der Beiträge zum Gemeinschaftshaushalt in der EU, sondern auch zur Festlegung der Beiträge für andere internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen (UN) verwendet. Die Beiträge zum Haushalt der UN werden auf der Grundlage des Bruttonationaleinkommens unter Anwendung verschiedener Anpassungen und Grenzwerte errechnet.

Analysten und Prognostiker

Auch Analysten und Forscher stützen sich bei der Untersuchung der wirtschaftlichen Lage und der wirtschaftlichen Entwicklungen vielfach auf Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Sozialpartner wie Arbeitgebervertreter (z. B. Wirtschaftsverbände) oder Arbeitnehmervertreter (z. B. Gewerkschaften) sind ebenfalls an VGR-Daten interessiert, um Entwicklungen analysieren zu können, die sich auf die Arbeitsbeziehungen auswirken. Forscher und Analysten nutzen die VGR u. a. für Konjunkturanalysen und zur Analyse langfristiger Konjunkturzyklen im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen, politischen oder technologischen Entwicklung.

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Hauptaggregate des BIP (t_nama_10_ma)
Zusätzliche Indikatoren (Bevölkerung, BIP pro Kopf und Produktivität) (t_nama_10_aux)
Hauptgliederung der Aggregate des BIP und der Erwerbstätigkeit (nach Wirtschaftsbereichen und Anlagegütern) (t_nama_10_bbr)
Detailgliederung der Hauptaggregate des BIP (nach Wirtschaftsbereichen und Verwendungszwecken) (t_nama_10_dbr)
Regionale Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen – ESVG 2010 (t_nama_10reg)
Hauptaggregate des BIP (nama_10_ma)
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Detailgliederung der Hauptaggregate des BIP (nach Wirtschaftsbereichen und Verwendungszwecken) (nama_10_dbr)
Gliederung des Nichtfinanziellen Anlagevermögens nach Typ, Industrie und Sektor (nama_10_nfa)
Regionale Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (nama_10reg)

Anmerkungen

*Diese Bezeichnung berührt nicht die Standpunkte zum Status und steht im Einklang mit der Resolution 1244/1999 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und dem Gutachten des Internationalen Gerichtshofs zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovos.