Anfänger: Finanzstatistiken des Staates

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Dieser Artikel ist Teil von Statistiken für Anfänger, eine Reihe in Statistics Explained in welcher statistische Indikatoren und Konzepte in einfacher Art und Weise erklärt werden, um die Welt der Statistiken ein wenig verständlicher zu machen. Dieses Angebot richtet sich an Schüler sowie an Studenten und alle anderen, die Interesse an Statistiken haben.

Um die Finanzstatistiken des Sektors Staat zu verstehen, ist es wichtig, sich zunächst einen Überblick über die einzelnen Komponenten zu machen. Daher wird sich dieser Artikel zunächst damit beschäftigen, was Staat und Finanzen sind, bevor wir uns Fragen zuwenden, wie bspw. was wir von den Finanzstatistiken des Staates lernen können und wie diese berechnet werden.

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Vollständiger Artikel

Was ist ein Staat?

Zuerst müssen wir verstehen, was der Begriff Staat bezeichnet.

Für die Zwecke der Finanzstatistiken des Sektors Staat besteht der Staatssektor aus:

  • dem Zentralstaat;
  • Ländern, die ggf. unter anderen Bezeichnungen bekannt sind (nicht alle Staaten verfügen über diese Verwaltungsebene);
  • und Gemeinden.

Zum Sektor Staat gehört außerdem:

  • Sozialversicherungen; siehe Box 1 für weitere Informationen zu diesem Teilsektor.

Box 1: Sozialversicherungen

Der Teilsektor Sozialversicherungen umfasst bestimmte Einheiten innerhalb des Staates, deren Haupttätigkeit die Bereitstellung von Sozialleistungen ist. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind per Gesetz oder Verordnung zur Teilnahme an den Systemen oder zur Zahlung von Beiträgen verpflichtet. Der Staat verwaltet diese Mittel im Hinblick auf die Festlegung der zu leistenden Beiträge und der zu bezahlenden Leistungen.

Häufige Beispiele für Sozialleistungen sind Zahlungen im Zusammenhang mit Renten und Krankheit.

Was sind Finanzstatistiken des Sektors Staat?

Die Finanzstatistiken des Staates zeigen die wirtschaftlichen Aktivitäten des Staates, darunter:

  • Gesamteinnahmen und Gesamtausgaben, beispielsweise die Ausgaben für Sozialleistungen und die Einnahmen aus Steuern und Sozialbeiträgen;
  • Transaktionen von Forderungen und Verbindlichkeiten, zum Beispiel die Ausgabe von Anleihen und die daraus resultierenden Zuflüsse bei Staatseinlagen (der Banksaldo) sowie andere Ströme von Forderungen und Verbindlichkeiten, zum Beispiel Schwankungen des Marktwerts von Staatsanleihen;
  • Bestände von Forderungen und Verbindlichkeiten, an denen gemessen wird, was der Sektor Staat besitzt (seine Forderungen oder Vermögenswerte - nichtfinanzielle wie bspw. Grundstücke und Gebäude sowie finanzielle wie bspw. Einlagen bei Geschäftsbanken) und was er schuldet (seine Verbindlichkeiten, wie bspw. die von ihm ausgegebenen Anleihen). Diese werden zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen, beispielsweise am Ende eines Jahres.


In gewisser Weise ähneln die Finanzstatistiken des Sektors Staat den Konten eines Unternehmens: Sie enthalten eine Gewinn- und Verlustrechnung, die das Einkommen (Einnahmen) und Ausgaben innerhalb eines Jahres oder Quartals zusammenfasst, sowie eine Vermögensbilanz zu Beginn und am Ende des Jahres, in der die Forderungen und Verbindlichkeiten des Unternehmens dargestellt werden.
Die vollständige Bezeichnung der verbindlichen Standards und Methoden für die Erstellung der Statistiken über die Staatsfinanzen in der EU ist das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen auf nationaler und regionaler Ebene, oft abgekürzt als ESVG bezeichnet. Diese Standards werden regelmäßig aktualisiert, um Veränderungen in der Wirtschaft, z. B. finanzielle Entwicklungen, widerzuspiegeln. Die neueste Version ist das ESVG 2010. Spezielle Handbücher zu den Finanzstatistiken des Sektors Staat, die sich auf das ESVG 2010 beziehen, sind auf der Eurostat Website verfügbar. Dort finden Sie detailliertere Informationen.

Was können wir von den Finanzstatistiken des Staates lernen?

Einnahmen

Die Einnahmen umfassen verschiedene Arten von Staatseinnahmen, beispielsweise aus verschiedenen Arten von Steuern und Sozialbeiträgen. Diese Statistiken zeigen, wieviel der Staatseinnahmen von Einkommenssteuern von privaten Haushalten stammen (wie bspw. von persönlichen Einkommenssteuern), wieviel von Steuern auf Unternehmensgewinne, von Vermögens- oder Erbschaftssteuern, von Mehrwertsteuern (MwSt.) oder von Steuern auf Produkte wie Zigaretten, Alkohol oder Benzin. Die Staatseinnahmen aus Steuern und Sozialabgaben werden häufig in Relation zur Größe der Wirtschaft, d.h. im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), dargestellt. Weitere Informationen zum BIP finden Sie in einem anderen Artikel der Reihe „Statistiken für Anfänger“. Neben Steuern und Sozialabgaben hat der Staat beispielsweise auch Einnahmen aus Dividenden öffentlicher Kapitalgesellschaften, aus Zinserträgen seiner Kreditforderungen oder aus Geldbußen und Strafen.

Beispiele

Im Jahr 2016 machten die Steuern aus persönlichem Einkommen in Dänemark 55,2% aller staatlichen Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben aus, während sich dies in Zypern auf 7,4% belief.

Im Gegensatz dazu machten die Steuern auf die Gewinne von Unternehmen in Zypern 17,3% der gesamten Einnahmen aus, in Estland war es jedoch 0,5% der Gesamteinnahmen.

Insgesamt entsprachen Steuern und Sozialabgaben im Jahr 2016 in der EU 39,8% des BIP. Unter den EU Mitgliedstaaten war diese Quote in Frankreich mit 47,4% am höchsten und in Irland mit 23,6% am niedrigsten.

Ausgaben

Im Hinblick auf die Staatsausgaben können die Statistiken auf zwei Arten analysiert werden.

Erstens können sie anhand der Art der Ausgaben analysiert werden, z. B. Zahlungen an Staatsbedienstete (Arbeitnehmerentgelt), Zinsenzahlungen (auf Schulden), Investitionsausgaben (Bruttoinvestitionen), Subventionen, Sozialleistungen oder andere Ausgaben.

Beispiele

Regierungen können in eine Vielzahl von Bereiche investieren, beispielsweise in die Infrastruktur oder in Forschung und Entwicklung, um nur einige Beispiele zu nennen.

Im Jahr 2016 machten die Investitionen 5,8% der Staatsausgaben in der EU aus und sie reichten von 3,3% in Portugal bis 11,8% in Estland.

In der EU machten die Zinszahlungen 4,6% der Staatsausgaben aus und sie reichten von 0,1% in Estland bis 9,3% in Portugal.

Zweitens können die Staatsausgaben anhand des Zwecks der Ausgaben analysiert werden und zwar auf Grundlage der Klassifikation der Aufgabenbereiche des Staates (im Englischen: Classification of the Functions of Government; kurz: COFOG). Die Hauptbereiche dieser Klassifikation sind in Box 2 aufgeführt. Die vollständige detaillierte Liste finden Sie hier.


Box 2: COFOG-Abschnitte – Klassifikation der Aufgabenbereiche des Staates

01 Allgemeine öffentliche Verwaltung
02 Verteidigung
03 Öffentliche Ordnung und Sicherheit
04 Wirtschaftliche Angelegenheiten
05 Umweltschutz
06 Wohnungswesen und kommunale Einrichtungen
07 Gesundheitswesen
08 Freizeitgestaltung, Sport, Kultur und Religion
09 Bildungswesen
10 Soziale Sicherung





Visualisierungtool

Klicken Sie auf die Datenvisualisierung auf der rechten Seite, um die Staatsausgaben der EU und der Mitgliedstaaten für alle Aufgabenbereiche zu sehen!

Forderungen und Verbindlichkeiten und Staatsverschuldung

Im Hinblick auf die Forderungen (was der Sektor Staat besitzt) und Verbindlichkeiten (was der Sektor Staat schuldet) liegt der Schwerpunkt der meisten Analysen auf der Staatsverschuldung. Für den Bruttoschuldenstand des Staates können verschiedene Arten von Analysen durchgeführt werden:

  • Wie viel Schulden hat jeder der staatlichen Teilsektoren?
  • In welcher Währung wurden die Schulden emittiert (ausgegeben)?
  • Wie lang sind die Laufzeiten der Schulden, d.h. wie lang ist der Rückzahlungszeitraum?
  • Welchen anderen Sektoren werden die Schulden geschuldet: einem anderen Teilsektor des Staates, privaten Haushalten, Unternehmen oder dem Ausland?

Wie wird das Defizit des Staates berechnet?

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Nimmt man die gesamten Einnahmen und Ausgaben des Staates und berechnet deren Differenz ist das Ergebnis entweder ein Überschuss (wenn die Einnahmen höher als die Ausgaben sind) oder ein Defizit (wenn die Ausgaben höher sind als die Einnahmen). Diese Differenz wird auch als der öffentliche Saldo bezeichnet. Eine andere Möglichkeit dieses Gleichgewicht zu betrachten, besteht darin, sich die Bedeutung eines Überschusses oder eines Defizits zu verdeutlichen: Ist ein Überschuss vorhanden, hat der Staat Kredite zu vergeben; gibt es ein Defizit, muss er Kredite aufnehmen, um alle seine Ausgaben abzudecken. Daher wird der Überschuss / das Defizit des Sektors Staat in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Finanzierungsüberschuss / Finanzierungsdefizit bezeichnet.

Beispiel

Um beispielsweise Vergleiche zwischen den Ländern zu erleichtern, wird der Wert des Überschusses oder Defizits häufig mit dem Wert des BIP verglichen und dann als Prozentsatz (% des BIP) angegeben. Siehe Beispiel unten.

Öffentlicher Saldo, 2017 und 2018
(Finanzierungsüberschuss oder Finanzierungsdefizit des Sektors Staat, % des BIP)
Quelle: Eurostat (tec00127)

Wie wird der Schuldenstand des Staates berechnet?

Bei der Berechnung des Bruttoschuldenstand des Staates werden drei Arten von Verbindlichkeiten berücksichtigt:

  • Schuldverschreibungen;
  • Kredite;
  • Bargeld und Einlagen.

In der EU besteht der überwiegende Teil der Staatsschulden aus Schuldverschreibungen, hauptsächlich sind dies Anleihen, die vom Staat ausgegeben wurden. Anleihen geben im Allgemeinen das Zinsniveau an, das an den Käufer gezahlt werden wird. Sie geben auch den Zeitraum an, nach dem der volle Wert der Anleihe, ihr sogenannter Nominalwert, zurückgezahlt werden wird. Dieser Zeitraum wird als Fälligkeit bezeichnet.

Kredite sind Geldanleihen der Regierung. Der Kredit läuft ebenfalls in der Regel für einen gewissen Zeitraum, in welchem Zinsen gezahlt werden, und am Ende dieses Zeitraums sollte der Kredit vollständig zurückgezahlt werden. Dies kann ein Kredit von einem anderen Land sein, zum Beispiel, wenn ein relativ entwickeltes Land einem anderen Land Geld leiht, um dessen Entwicklung zu unterstützen oder einfach für kurzfristige Liquiditätsanpassungen.

Der Hauptunterschied zwischen Krediten und Schuldverschreibungen besteht darin, dass Kredite als „nicht handelbar“ bezeichnet werden, während Schuldtitel „handelbar“ sind. Dies bedeutet, dass Kreditnehmer und Kreditgeber im Allgemeinen für die Dauer eines Kredits festgelegt sind, da der Kredit generell nicht von einem Kreditgeber zum anderen gehandelt werden kann. Der Käufer einer Schuldverschreibung kann die Sicherheit jedoch vor Ende der Fälligkeit an eine andere Person verkaufen.

Verbindlichkeiten aus Einlagen des Zentralstaates sind wie Konten von Finanzinstituten, wie beispielsweise von Banken, Bausparkassen, Kreditgenossenschaften oder Spar- und Kreditgenossenschaften. Einlagen können auf Konten gehalten werden, von denen der Kontoinhaber ungehindert Zahlungen oder Abhebungen vornehmen kann, oder sie können auf Konten gehalten werden, für welche der Zugang beschränkt ist, beispielsweise auf einen bestimmten Zeitraum.

Der gesamte Schuldenstand des Staates ist die Summe dieser verschiedenen Arten von Schulden, nämlich der Schuldverschreibungen, Kredite sowie Bargeld und Einlagen. Der Wert des Staatsschuldenstands wird in einer Währung ausgedrückt, beispielsweise in Euro.

Beispiel

Wie beim Defizit wird der Wert des Schuldenstands häufig mit dem Wert des BIP verglichen und dann in Prozent (% des BIP) angegeben. Siehe Beispiel unten.

Staatsverschuldung, 2017 und 2018 (¹) (Konsolidierter Bruttoschuldenstand des Staates, % des BIP)
Quelle: Eurostat (tsdde410)

Was haben die Finanzstatistiken des Staates mit dem Euro und den Konvergenzkriterien zu tun?

Mit dem Vertrag von Maastricht wurden eine Reihe von Konvergenzkriterien festgelegt, welche die Bedingungen für die Einführung des Euro festgelegen. Länder, die dem Euroraum beitreten wollen, müssen diese Kriterien erfüllen und sollen danach ihre Finanzen in Einhaltung der Kriterien weiterführen. Es gibt zwei Konvergenzkriterien, die sich auf die Staatsfinanzen beziehen, nämlich:

Das Staatsdefizit - die Gesamteinnahmen des Staates abzüglich der Gesamtausgaben des Staates - sollte nicht über 3% des BIP liegen.

Der Bruttoschuldenstand des Staates - mit anderen Worten, wie viel hat sich ein Staat in Form von Schuldverschreibungen, Krediten sowie Bargeld und Einlagen geliehen und noch nicht zurückgezahlt - sollte nicht über 60% des BIP liegen.

Das Verfahren bei einem übermäßigen Defizit (VÜD)

Die EU Mitgliedstaaten übermitteln an Eurostat regelmäßig Daten zu ihrem Überschuss / Defizit und Schuldenstand zur statistischen Überprüfung. Diese Statistiken werden im Rahmen des Verfahrens bei einem übermäßigen Defizit (VÜD) der Europäischen Kommission excessive deficit procedure (VÜD) zur Analyse der Haushaltsdisziplin und der der Einhaltung der Konvergenzkriterien verwendet. Eurostat veröffentlicht die Daten in Form von Pressemitteilungen und die Daten werden auch in Artikeln zur Finanzstatistiken des Staates in Statistics Explained erläutert.

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