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Blog

Weiterbildung als Wachstums- und Innovationstreiber - Teil 1

03/07/2017
by Dieter Dohmen
Sprache: DE
Document available also in: EN

von Dr. Dieter Dohmen, FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie

Teil II dieses Blogposts finden Sie hier

Frühkindliche und schulische Bildung – wichtig, aber nicht hinreichend

Schaut man auf den Mainstream der ökonomischen bzw. wissenschaftlichen pädagogischen Literatur, dann haben sich in den letzten Jahren folgende Erkenntnisse durchgesetzt und erheblichen Einfluss auf die Bildungspolitik genommen: Zum einen ist die frühkindliche Bildung als zentraler Anker der Bildungsbiografie identifiziert worden. Der in den letzten zehn Jahren in Deutschland vorangetriebene Ausbau des Kita-Systems wurde jedoch interessanterweise nicht so sehr durch die Bedeutung der frühkindlichen Bildung für den Lebensverlauf, sondern die Verfügbarkeit der Mütter für den Arbeitsmarkt und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf begründet. Die Behauptung, dass frühkindliche Bildung die höchsten Erträge aller Bildungsbereiche einbringt, trifft zudem nur zu, wenn unterstellt wird, dass die Kosten in allen Bildungsphasen gleichhoch sind. Letzteres ist aber nicht der Fall: spätere Bildungsphasen sind i.d.R. mit deutlich geringeren Kosten als die frühkindliche Bildung verbunden. Und noch viel wichtiger: Frühkindliche Investitionen führen nur dann zur voller Blüte, wenn auch die nachfolgenden Phasen durchgängig von hoher Qualität sind – das ist aber vielfach nicht der Fall. Und zu guter Letzt sind die Bildungserträge von Kindern aus bildungsbenachteiligten Familien besonders hoch, sodass eigentlich sie im Fokus stehen müssten, was aber nicht der Fall ist.

Zum anderen determiniert, neueren Studien zufolge, die Qualität schulischer Allgemeinbildung das Wirtschaftswachstum genommem (siehe etwa Hanushek/Woessmanns „The Capital of Knowledge“). Danach haben Länder, in denen die Schüler/innen besser bei internationalen Leistungsvergleichen abgeschnitten haben, ein höheres Wirtschaftswachstum als Länder mit schlechteren Bildungsleistungen. Die folgende Grafik fasst das zentrale Ergebnis zusammen:

/epale/de/file/dohmenpngdohmen.png

IZA World of Labor

Source: https://wol.iza.org/articles/for-long-term-economic-development-only-skills-matter/long

Auch wenn beide Phasen der Grundbildung zweifellos wesentliche Bausteine und zentrale Weichenstellungen für die nachfolgenden Bildungsphasen und den Lebensverlauf darstellen, liegt die Vermutung nahe, dass ihre volkswirtschaftliche Bedeutung für Wachstum und Innovation überschätzt wird und damit der nahezu ausschließliche Fokus auf die frühen Bildungsphasen – und insbesondere die Vernachlässigung der Weiterbildung – sachlich nicht gerechtfertigt ist.

Warum ist der Blick auf die früheren Bildungsphasen verkürzt?

Erhebliche Zweifel an der übergreifenden These, dass es insbesondere die frühen Bildungsphasen sind, die wirtschaftlich bedeutsam sind, werden geweckt, wenn man sich die Kompetenzentwicklung des Geburtsjahrgangs 1985 zwischen PISA 2000 und PIAAC 2012 anschaut. PISA und PIAAC sind internationale Vergleichsstudien, die das Ziel verfolgen, die zentralen Kompetenzen von 15-jährigen Schüler/innen bzw. der erwachsenen Bevölkerung zu erheben. An diesen beiden genannten Studien haben die 1985 Geborenen als 15- bzw. 27-Jährige teilgenommen. Die folgende Abbildung zeigt, wie die Länder, die an beiden Studien teilgenommen haben, im Verhältnis zum internationalen Durchschnitt abschneiden; sie sind jeweils entsprechend der Rangfolge sortiert.  

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Ländervergleich Kompetenzniveaus PISA und PIAAC

Das durchschnittliche Kompetenzniveau verändert sich zwischen dem 15- und 27-Lebensjahr

Die Pfeile zeigen, wie sich die Position bzw. der Abstand der Länder zum internationalen Durchschnitt zwischen den beiden Erhebungen verändert hat. Da einige Pfeile nach oben und andere nach unten weisen, wird deutlich, dass sich die durchschnittlichen Kompetenzen der 1985 Geborenen in diesen Ländern innerhalb von zwölf Jahren erheblich – im Verhältnis zum internationalen Durchschnitt – verändert haben. Nur Japan und Finnland gehören weiterhin zur Spitzengruppe, allerdings vergrößert sich der Abstand von Finnland zum Durchschnitt, während sich der Abstand für Japan leicht verringert. Bei allen anderen Ländern, die bei Pisa 2000 noch zur Spitzengruppe zählten, hat sich der Abstand zum internationalen Durchschnitt erheblich verringert. Dies gilt z.B. auch für ein Land wie Korea, dessen extrem positive Entwicklung in Bildung und Wirtschaft eine der großen „Success stories“ ist, und bei der die Qualifizierung der Bevölkerung eine ganz zentrale Rolle gespielt hat.

Warum verschieben sich die Kompetenzniveaus derart stark?

Die Veränderungen verweisen übergreifend auf ein systematisches Muster: Die Werte der anglo-amerikanischen Länder (USA, Australien, Kanada, Großbritannien, Irland) verschlechtern sich deutlich, während sich die Werte der nord- und westeuropäischen Länder (Schweden, Dänemark, Tschechien, Österreich und Deutschland) verbessern sich beträchtlich. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass das (weitgehende) Fehlen einer wesentlichen Qualifizierungsstufe jenseits der Universitäten hier ein zentraler Faktor ist. Umgekehrt spielt die Existenz umfassenderer Bildungskonzepte – und mit Blick auf Deutschland und Österreich insbesondere die duale Berufsausbildung – eine ganz wichtige Rolle bei der Verbesserung der Kompetenzen im internationalen Vergleich. Während sich die anglo-amerikanischen Länder fast ausschließlich auf die leistungsstärkeren Jugendlichen konzentrieren und die anderen vernachlässigen, bieten die umfassenderen Konzepte bzw. Systemstrukturen der europäischen Länder einem deutlich größeren Anteil an Jugendlichen eine Qualifizierungschance. Dabei soll nicht übersehen werden, dass die Berufsausbildung sich nicht nur an leistungsschwächere Jugendliche richtet, sondern in gleichem Maße auch stärkere Schulabgänger adressiert. Bereits im Rahmen von Analysen der PISA-Ergebnisse zeigte sich, dass eine zu starke Leistungsstreuung guten Durchschnittswerten abträglich ist – die große Diskrepanz ist ein wesentlicher Faktor, warum Deutschland bei den Pisa-Studien – und letztlich auch bei PIAAC – nur im Mittelfeld abschneidet.

Im Ergebnis legen diese Ausführungen somit nahe, dass die frühkindliche und schulische Allgemeinbildung zwar wichtige Grundlagen für individuelle Bildungswege. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie von derart zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Volkswirtschaften sind. Schließlich würde dies zugespitzt bedeuten, dass die ersten fünfzehn Jahre relevanter sind als die nachfolgenden vierzig bis fünfzig. Dies ist auch angesichts der sich rapide verändernden Umweltfaktoren, wie etwa die Digitalisierung, unplausibel.

Dies wirft jedoch die Frage auf: Was determiniert wirtschaftliche Entwicklung und Innovation?

Die Antwort lesen Sie in einem folgenden Blog-Beitrag.

Cedefop (2012), Learning and Innovation in Enterprises, Luxemburg.
Dohmen, D. V. Cristobal, G. Yelubayeva (2017). Adult learning as a driver for economic growth and innovation (i.V.).
Lucas, Robert E. Jr. (1988), On the Mechanics of Economic Development, in: Journal of Monetary Economics, Vol 22, 1988, S. 3-42.
 
Dr. Dieter Dohmen ist Inhaber und Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin. Er arbeitet seit 30 Jahren als Forscher und Berater und in dieser Zeit auch als Dozent in der Erwachsenen- und Hochschulbildung sowie als Ausbilder in der dualen Ausbildung aktiv.

 

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