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Active Citizenship und politische Erwachsenenbildung in der EU – einige Gedanken aus Sicht von 15 Jahren Kooperation im DARE Netzwerk

09/05/2017
by Georg PIRKER
Sprache: DE
Document available also in: EN FR PT

Ziemlich genau 15 Jahre ist es her, dass auf einem europäischen NGO-Forum auf dem Internationalen Haus Sonnenberg das europäische Netzwerk „DARE – Democracy and Human Rights Education in Europe“ gegründet wurde. Im Enthusiasmus der anstehenden EU Erweiterung (wer kennt eigentlich noch die Kopenhagen- Kriterien?), inhaltlich und fachlich orientiert an den Education for Democratic Citizenship / Human Rights Education Politiken (EDC/HRE) des Europarats machten sich die Vertreterinnen und Vertreter von Bildungsanbietern vornehmlich non-formaler politischer Bildung und Menschenrechtsbildung auf den Weg: Ihre Ziele waren eine gemeinsame Fachlichkeit zu entwickeln, sich bei der Schaffung von Standards und Strukturen gegenseitig zu unterstützen sowie Bildungs- und Jugendpolitik auf der Europäischen Ebene aus der Perspektive non-formaler Bildung mitzugestalten.

Unterstützt durch eine zweimalige Grundtvig-Netzwerk-Förderung, ist des den Mitgliedern in den Jahren 2003-2010 gelungen viele Inhalte und Weichenstellungen zu bearbeiten, sich intensiv über Praxis auszutauschen und gemeinsam ein Gespür für Voraussetzungen und Gelingensbedingungen von non-formalem Lernen zu Menschenrechten und Politischer Bildung zu entwickeln - das vor dem Hintergrund höchst unterschiedlicher struktureller Voraussetzungen in den verschiedenen europäischen Staaten und deren Gesellschaften. Die gemeinsame Arbeit der DARE-Mitglieder beruht im fachlichen Fokus auf Menschenrechtsbildung und politische Bildung, daher hat sich das Netzwerk schnell zu der europäischen Anlaufadresse für Fragen von EDC/HRE entwickelt. Es ist die explizite Stärke des Netzwerks und seiner Mitglieder, dass die Expertise bereichsübergreifend angelegt ist und Erwachsenen- und Jugendbildung, sowie berufliche /Weiterbildung umfasst.

Das DARE-Netzwerk agiert seit Gründung auf drei Ebenen, die wechselseitig miteinander agieren:

  • Vertiefung und Netzwerken: Gemeinsame Projekte und Austausch vertiefen Fachlichkeit und sind für viele Mitglieder ein wesentlicher Beitrag ihre Existenz abzusichern. Seit der Etablierung von Erasmus+ registrieren wir hierzu im Bereich Erwachsenenbildung Schwierigkeiten, wohingegen der Jugendbereich auf Projektbasis vergleichsweise gut operieren kann.

  • Advocacy work: DARE ist daran gelegen, Evidenz und Praxis non-formaler Bildung an die politischen Ebenen in Europa heranzutragen. Der sicherlich größte Erfolg sind regelmäßige Einladungen zu Hearings und die fachliche Mitwirkung in verschiedenen Europäischen Gremien. Im Vergleich zum LLP hat sich der Zugang zu Politik durch Erasmus+ deutlich erschwert. Der Grund hierfür ist der Wegfall, bzw. die Engführung der vormals zentralisierten Aktionen wie z.B. Multilateraler Projekte und Netzwerke, die eine erstaunlich gute Anbindung auch kleinerer Initiativen an Politikgeschehen in Brüssel ermöglichten.

  • Informationsaustausch: Über einen offenen Newsletter, eine interne Newslist und eine Webseite werden Informationen zu politischen Entwicklungen, die für EDC/HRE relevant sind, für die Mitglieder aufbereitet, vice-versa können Mitglieder des Netzwerks über die Infokanäle aus erster Hand von ihrer Arbeit berichten.

Der vielleicht größte Erfolg von DARE ist, dass es DARE auch 15 Jahre nach seiner Gründung immer noch gibt!  DARE steht für eine heterogene und fluide Gruppe mittlerer und kleiner NGO´s und weiterer Bildungsanbieter in ganz Europa, die sich Mitgliedsbeiträge in europäischen Netzwerken von 500 EUR aufwärts nicht leisten können. DARE hat sich in den vergangenen 15 Jahren zu einem Netzwerk entwickelt, das alle Bereiche des Lebenslangen Lernens und der Jugendbildungsarbeit abbildet und bearbeitet. Dennoch steht das Netzwerk stellvertretend für den Politikbereich Menschenrechtsbildung und politische Bildung (EDC/HRE) vor großen Herausforderungen:

Der im Zuge der Europäischen Debatten um die Anerkennung von Lernleistungen immer stärkere Trend zu Formalisierung/Validierung berührt das Wesensmerkmal non-formalen Lernens – insbesondere, wenn es darum geht, Menschen Freiräume für das Erlernen von Demokratie und Menschenrechten bereitzustellen. Angesichts der Tatsache, dass es – anders als es die zahlreichen mantrahaft politischen Formelkompromisse auf allen europäischen Ebenen vermuten lassen – in kaum einem europäischen Land tatsächlich Systeme und Strukturen gibt, die non-formales Lernen in der Jugend- und Erwachsenenbildung ermöglichen, ist zu befürchten, dass der Druck zur beruflicher Verwertbarkeit von non-formalem Lernen sich weiter verstärkt. Die immensen, gesellschaftspolitischen Herausforderungen vor denen wir in zahlreichen europäischen Ländern in Puncto Demokratie, politischer Teilhabe und Wahrung von grundlegenden Menschenrechten stehen, werden ohne einen stärkeren politischen Einsatz für die Etablierung einer nicht auf berufliche Verwertung angelegten non-formalen Bildungsstruktur kaum zu bearbeiten sein.

Erasmus+ und Europe for Citizens? Als Instrumente für die strukturelle Entwicklung politischer Erwachsenenbildung in Europa erweisen sich die beiden Programme Erasmus+ und Europe for Citizens aktuell als ziemlich ungeeignet: Das Programm Europe for Citizens wurde mit Verabschiedung des aktuellen mehrjährigen Finanzrahmens finanziell heruntergestutzt (von 215 auf 185 Mio EUR ) und ist kaum in der Lage, in den Programmländern die Entwicklung von Active Citizenship nachhaltig anzustoßen; bereits das Vorgängerprogramm war in vielen Bereichen in der Antragstellung stark überzeichnet. Mit Erasmus+ ist im Prinzip die jahrelange Aufbauarbeit, welche auf der strukturellen Ebene über das LLP-Grundvtig Programm vorbildhaft geleistet wurde, verunmöglicht worden. Dies schlägt sich deutlich in im Vergleich zum Vorgängerprogramm niedrigen Antrags- und Bewilligungszahlen gerade strategischer Projekte, die über Mobilitäten hinausgehen im Bereich politischer Erwachsenenbildung nieder. In der Mitgliedschaft des DARE-Netzwerks bemerken wir in vielen Ländern ein sprichwörtliches Austrocknen der politischen Erwachsenenbildungsszene, die sich – so unsere Vermutung – über das LLP in vielen Ländern eine Finanzierungsgrundlage geschaffen hat. Nach wie vor wird der  Hochschulbereich in Erasmus+ stark bevorzugt (z.B. Einreichungsfristen, verfügbares Budget), die Programmstatistiken zur Förderung geben ein deutliches Signal, wo die eigentlich unterstützenswerte Musik spielt: die Mehrzahl der Antragsteller und Teilnehmer liegt im Jugendbereich. Hier und in die klassische Erwachsenenbildung sollten 50% der verfügbaren Mittel aus Erasmus+ hin, auch um den demokratiepolitischen und menschenrechtlichen Herausforderungen, vor denen wir in der EU stehen, gerecht zu werden. Wir benötigen in den meisten Mitgliedsstaaten einen umfassenden Infrastrukturaufbau auf der lokalen Ebene, der anders als über die EU nicht geleistet werden kann (vgl. bspw. das DARE Positionspapier 2016).

Politischer Umbau: Wir erleben derzeit auf verschiedenen Ebenen einen Umbau. So gibt es mehrere EU-Mitgliedsstaaten, bei denen Antragsteller und Projekte zu Themen von Demokratie und Menschenrechten relativ geringe Erfolgsaussichten haben. In anderen Ländern wird über die Neuausrichtung von Curricula die bestehende gute Kooperation non-formaler mit formaler Bildung unterbunden, indem die Themen politischer und menschenrechtlicher Bildung neu justiert werden. Die verschiedenen europäischen Ebenen sehen dem weitgehend tatenlos zu, sie haben kaum Befugnisse  Rechenschaft einzufordern. Im NGO Bereich – der wiederum auch in einigen Ländern einen massiven Umbau erfährt - gibt es hierfür eine besondere Sensorik. Diese Erfahrungen aus den verschiedenen Bildungsbereichen direkt nach Brüssel zu spielen, ist seit der Einführung von Erasmus+ so gut wie nicht mehr möglich, da die Programmlogik der zentralisierten Aktionen  (KA 3) das Grassroots-Feedback offenkundig nichtsucht – zumindest nicht so stark wie das Vorgängerprogramm. DARE fordert – gerade um hier entgegenzusteuern – von der EU ihre eigenen Programme und Förderinstrumente viel stärker auf deren Wirkungen hinsichtlich der Pariser Erklärung zu überprüfen und bspw. in Erasmus+ eine lokale Wirkungskomponente einzubauen, die den geförderten Trägern 60% der Mittel für Bildungsmaßnahmen und Strukturförderung zur Umsetzung der Pariser Erklärung vor Ort einzusetzen erlaubt. Den Anbietern von Jugend- und Erwachsenenbildung fehlt es derzeit nicht an Möglichkeiten in europäische Interaktion zu gehen, sondern an der Möglichkeit - mangels nationaler/lokaler Unterstützung – europäische Politik vor Ort erlebbar zu machen und als Europa vor Ort zu agieren.

Kleines Pflänzchen EB: Wäre es nicht gerade in der politischen Erwachsenenbildung im Sinne Grundtvigs – die mit dem Umzug von Angelegenheiten der Erwachsenenbildung ins DG Employment in doppelter Hinsicht herausgefordert wurde - notwendig einen europäischen Neustart auf lokaler Ebene zu wagen? Das bedeutet in den Ländern, in denen es Kapazität und Infrastruktur gibt, viel aktiver europäisch zu arbeiten und sich für eine Neugestaltung europäischer Kooperation stark zu machen, indem verstärkt Europäische Projekte zu Fragen von politischer Bildung und Menschenrechten durchgeführt werden.

Viele Fragen, die sich stellen, einige konnten nur kurz angerissen werden: Für Diskussion und Rückmeldungen bedankt sich Georg Pirker (pirker@adb.de)

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Georg Pirker, Politologe/Historiker M.A., Referent für internationale Bildungsarbeit im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) e.V., koordiniert seit 2007 u.a. die  Arbeit europäischen Netzwerks DARE – Democracy and Human Rights Education in Europe (www.dare-network.eu) .

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