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Mit Bildung die Weltgemeinschaft stärken

17/12/2018
Sprache: DE

Vorstellung des Weltbildungsberichts 2019 zu Flucht und Migration in Berlin – "Brücken bauen statt Mauern"

Etwa 350 Gäste sind an diesem Novembermorgen zur internationalen Vorstellung des UNESCO-Weltbildungsberichts 2019 in dem historischen holzvertäfelten Saal zusammengekommen. Bildungspolitiker und Mitarbeiterinnen verschiedener Ministerien sitzen im Publikum, neben Botschaftsangehörigen, Bildungsexpertinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft. Alle eint das Anliegen, die Bildungssituation weltweit zu verbessern, um bis 2030 das Globale Nachhaltigkeitsziel (SDG) 4 zu erreichen: allen Menschen eine inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung zu gewähren und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle sicherzustellen.

Wo die Weltgemeinschaft auf diesem Weg steht und was noch zu tun ist, beleuchtet seit 2015 der „Global Education Monitoring Report“ der UNESCO, jedes Jahr mit einem eigenen Schwerpunktthema. In diesem Jahr geht es um die Bildung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen sowie jungen Migrantinnen und Migranten. Der Titel des Weltbildungsberichts: „Migration, Flucht und Bildung – Brücken bauen statt Mauern“.

Viele Perspektiven – eine Botschaft

Mehr Menschen denn je verlassen aktuell ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg, Armut, Gewalt oder den Folgen von Klimawandel und Naturkatastrophen. Häufig haben sie gar keinen oder nur einen erschwerten Zugang zu Bildung – sowohl auf der Flucht als auch an ihren neuen Wohnorten. Wie viele Institutionen gemeinsam daran arbeiten, das hochgesteckte Bildungsziel SDG 4 zu erreichen, zeigt die Liste der Rednerinnen und Redner an diesem Vormittag.

Ehe Manos Antoninis, Direktor des Weltbildungsberichts, die Ergebnisse des neuen Berichts vorstellt, begrüßt Andreas Görgen, Abteilungsleiter für Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, die Gäste – stellvertretend für Außenminister Heiko Maas. Es folgen Grußworte von Martin Jäger, Staatssekretär im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), und der Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) Maria Böhmer. Anschließend führt Audrey Azoulay, Generaldirektorin der UNESCO, ins Thema des Weltbildungsberichts ein, dann folgt ein Impulsvortrag von Volker Türk, dem Beigeordneten UNHCR-Flüchtlingshochkommissar für Schutzfragen. Am Schluss ergänzt eine Podiumsdiskussion das Programm: Neben Manos Antoninis diskutieren Susanna Krüger, Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland, der tschadische Bildungsminister Aboubakar Assidick Tchoroma, João Costa, Bildungsstaatssekretär aus Portugal, sowie Thomas Rachel, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Alle Rednerinnen und Redner beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Trotzdem haben sie eine gemeinsame Botschaft: Bildung ist nicht nur für jeden einzelnen Menschen essenziell, sondern für unsere gesamte gesellschaftliche Zukunft. Und: Die Zeit drängt, wir müssen sofort handeln.

Warum Bildungsförderung für Migranten und Geflüchtete so wichtig ist

Wie vielfältig die Umstände sind, die Menschen dazu veranlassen, ihren Wohnort zu verlassen, zeigt zum Auftakt ein kurzer Film. In „Education on the Move – Voices“ schildern betroffene Jugendliche und Lehrkräfte aus allen Teilen der Welt, warum Bildung für sie wichtig ist und was sich ihrer Ansicht nach ändern muss. "People on the move do not leave their right to education behind", stellt der Film klar – wer aufbricht, lässt sein Recht auf Bildung nicht zurück.

In Gesprächen mit geflüchteten Familien höre er immer wieder einen Wunsch, erzählt Volker Türk (UNHCR): Eltern wünschen sich eine gute Bildung für ihre Kinder. Wer alles zurücklassen müsse, könne sich eben nur noch auf seine  Fähigkeiten verlassen. Bildung biete außerdem Schutz, vor Zwangsheirat oder Kinderarbeit etwa.

Als unsere „wichtigste Ressource“ sei Bildung essenziell für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, betont DUK-Präsidentin Maria Böhmer. Nur mit Bildung könnten wir gemeinsam den großen Herausforderungen unserer Zeit – Globalisierung, Migration, Klimawandel und Digitalisierung – begegnen. Auch gegen Extremismus und Ausgrenzung helfe Bildung, ergänzt UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay: Schule sei ein Bindeglied zwischen eingewanderten und alteingesessenen Familien, sie stärke das Gefühl der Zugehörigkeit. Trotzdem gewähren einige Aufnahmeländer Geflüchteten keinen Zugang zum Schulsystem – das zeigt der Weltbildungsbericht.

Viel Lob für Deutschland – aber auch Kritik

Deutschland bekommt im Weltbildungsbericht ein positives Feedback und von den Rednerinnen und Rednern des Tages reiches Lob – etwa für das Anerkennungsgesetz für berufliche Qualifikationen von 2012 oder die zahlreichen Angebote zur Sprachförderung. Darauf dürften wir uns aber nicht ausruhen, mahnt Böhmer. „Wir müssen unsere Anstrengungen weiter intensivieren.“ Zum Beispiel müssten insbesondere junge Migrantinnen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen.

Kritik an Deutschland klingt auch in der Podiumsdiskussion an. Zum Beispiel benachteilige die frühe Selektion im deutschen Schulsystem Kinder mit Migrationshintergrund. Bei gleicher Leistung sei die Chance männlicher Schüler mit Migrationshintergrund um sieben Prozentpunkte geringer, eine Empfehlung fürs Gymnasium zu erhalten, berichtet Manos Antoninis. Susanna Krüger, Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Save the Children in Deutschland, stellt fest, dass Personen mit „schlechter Bleibeperspektive“ weniger Zugang zu hochwertiger Bildung haben.

Bildung neu denken: was sich ändern muss

Um das SDG zu erreichen, ist noch viel zu tun – das ist allen Anwesenden klar. „Wir müssen unsere Bildungspolitik überdenken“, fordert UNESCO-Generaldirektorin Azoulay. Nur so könnten wir der wachsenden Ungleichheit entgegenwirken: „Big Data und künstliche Intelligenz eröffnen neue Perspektiven“, sagt sie, gleichzeitig erreichten mehr als 600 Millionen Kinder und Jugendliche nicht einmal eine Grundbildung.

Eine Zahl zieht sich durch die gesamte Veranstaltung: Mehr als die Hälfte der 25 Millionen Geflüchteten weltweit sind minderjährig. 1,5 Milliarden Schultage haben sie allein in den letzten zwei Jahren verpasst, berichtet Antoninis. Einen großen Teil seiner Präsentation widmet der Direktor des Weltbildungsberichts den Forderungen, mit denen sich die Bildungssituation für die betroffenen Mädchen und Jungen verbessern soll: Zugang zu Bildung auch ohne Ausweispapiere, gemeinsames Lernen anstelle gesonderter Klassen, besser auf die betroffenen Kinder eingestellte Lernangebote, interkulturell und im Umgang mit Traumata und Stress geschulte Lehrkräfte, gezielte Bildungsinvestitionen.

Wie der Umgang mit einer immer heterogeneren Schülerschaft gelingen kann, erklärt der portugiesische Bildungsstaatssekretär João Costa. „Wir haben den Begriff ‚homogen‘ konsequent aus allen Gesetzen gestrichen“, sagt Costa, „Inklusion betrifft alle.“ Er fordert einen Kulturwandel: weg von der Leistungsfixierung, hin zur Vermittlung sozial-emotionaler Fertigkeiten. Schulfächer wie Kunst und Sport seien dafür besonders wichtig.

Zusammen mehr Bildung erreichen

Noch eine Erkenntnis zieht sich durch viele Redebeiträge: Nationale und internationale Akteure, Regierungen und Institutionen müssen zusammenarbeiten, um weltweit Zugänge zu hochwertiger Bildung für alle zu öffnen. Mehr Bildungsinvestitionen sowie Gesetzesänderungen sind nötig, um SDG 4 zu erreichen. Am Schluss gibt Irmgard Maria Fellner, die Moderatorin der Veranstaltung, den versammelten Vertreterinnen und Vertretern von Ministerien und Organisationen, von Botschaften und Bildungseinrichtungen deshalb noch eine wichtige Aufgabe mit auf den Weg: „Sprechen Sie über den Bericht!“

Quelle: Pressemitteilung, UNESCO, 29.11.2018

Weltbildungsbericht 2019 Deutsche Kurzfassung

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