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EPALE

E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

 
 

Blog

Ohne Fleiß kein Preis!

10/04/2018
by Tiina Tambaum
Sprache: DE
Document available also in: ET EN FI LV

Sprache des Originals: Estnisch

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In Estland wird lebenslanges Lernen honoriert

Diesen Sommer fuhren wir nach Russland, genauer gesagt durch die Gebiete Kaliningrad und Pskow. In den Museen und im Zoo, wo es laut Preisliste eine Studentenermäßigung gab, zeigte ich meinen internationalen Studentenausweis und meine Reisebegleitung einen Berufsschulausweis vor. Sofort sagte man uns, dass man uns aufgrund unserer grauen Haare unser Alter ansehe.

Man lachte uns aus. Die Ticketverkäuferinnen schauten erstaunt aus ihrem Häuschen: „Studenten? Ähm... Machen Sie Witze?“ Eine von ihnen bot uns eine Seniorenermäßigung an.

Nachdem ich dieses Erlebnis meiner Kollegin Katrin Saks beschrieben hatte, erzählte sie mir eine Geschichte vom Tallinner Busbahnhof. Katrin stand bei einem Busfahrer an, um ihr Ticket zu kaufen. Alle, die vor ihr warteten, waren junge Studentinnen und Studenten, die nach einem Studententicket fragten. Als sie an der Reihe war, fragte der Busfahrer: – „Ermäßigung?“ – „Hm. Was für eine Ermäßigung geben Sie mir, für Studenten oder für Senioren?“ – „Ähm, für lebenslanges Lernen“, entgegnete der Fahrer mit einem Lächeln.

 

In den Senioren-Universitäten herrscht großer Andrang

In Estland ist Erwachsenenbildung nichts Außergewöhnliches. Die Esten legten schon immer sehr viel Wert auf Bildung und versuchten, ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen und sich persönlich weiterzuentwickeln. Auch als Antwort auf die Alterungsprozesse in der Gesellschaft bietet der Staat auch eine lernorientierte Lösung an. Die Bürgerinnen und Bürger müssen länger auf dem Arbeitsmarkt bleiben und neue Kompetenzen erwerben, am Arbeitsplatz lernen sowie Kurse und Seminare besuchen.

Aber wenn man einmal endgültig aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden ist, freiwillig oder unfreiwillig, stellt man plötzlich fest, dass das Leben weitergeht, aber niemand mehr erwartet, dass man noch dazu lernt. Obwohl die Teilnahmequote älterer Männer an Kursen in Estland  höher ist als in anderen europäischen Ländern, nehmen von 100 Erwerbslosen durchschnittlich nur 1-2 Personen an Kursen oder Schulungen für Personen ab 55 Jahren teil. Mit anderen Worten: Kurse sind eher für diejenigen gedacht, die die entstandenen Kosten auch zurückzahlen können.

Man fragt sich, wieso das so ist. Anfang September wurde in den Nachrichten zur Hauptsendezeit gezeigt, dass Präsidentin Kaljulaid an der Semestereröffnungsfeier der Universität Tartu für Senioren teilnahm, und im Auditorium in der Vanemuise-Straße, eines der größten dieser Universitätsstadt sah man im Saal grauhaariges Publikum. Universitäten für Senioren gibt es in rund zehn estnischen Städten. In jeder größeren Gemeinde gibt es Tageszentren für Senioren, in denen man neue Fähigkeiten lernen oder weniger formale Hobby-Kurse besuchen kann. Niemand wird schief angesehen, wenn er eine Volkshochschule oder ein anderes Schulungszentrum besuchen möchte. Darüber hinaus muss das Lernen nicht unbedingt eine formale Form annehmen. Dem soziokulturellen Lernansatz zufolge findet bei jeder zielgerichteten gemeinsamen Aktivität, einschließlich der Teilnahme an einer Tanzgruppe, einem Liederchor oder in einem Jagd-, Garten- oder Veteranenclub, Weiterentwicklung statt.

 

Bildungsbeteiligung nimmt mit 65 Jahren stark ab

Statistiken der SHARE-Umfrage zufolge beteiligt sich ein Viertel der über 55-Jährigen in Estland an Lernaktivitäten, wenn man Schulungen, Clubaktivitäten, Freiwilligentätigkeiten und die Beteiligung an Community Aktivitäten mit dazurechnet. Im Alter von 65 Jahren – mit dem Renteneintritt – nimmt die Aktivität stark ab. Im Vergleich zu anderen SHARE-Ländern steht Estland hier am schlechtesten da. Die optimistische Schilderung vom Lernen am Ende unseres Lebens gleicht dem Blick auf ein Sandkorn, das allein im riesigen grauen Meer schwebt, und das man mit der Lupe suchen muss.

Ein Fünftel der Bevölkerung Estlands ist über 65 Jahre alt. Der Anteil der Menschen, die nicht mehr am aktiven Leben teilnehmen, ist und bleibt hoch. Gleichzeitig ziehen sich die Zentren, die älteren Menschen Chancen zur Weiterentwicklung bieten zurück, weil sie vor der aktiven Bewerbung ihrer Aktivitäten zurückschrecken. „Die Gruppen sind voll, und die Ressourcen unseres Hauses sind erschöpft“, sagt Ivika Kärner, Leiterin des Sozialzentrums Lasnamäe. Obwohl Universitäten für Senioren die größten Veranstaltungsorte in den Städten nutzen, können trotzdem nicht alle, die dies möchten an den Massenvorlesungen teilnehmen. Seniorinnen und Senioren, die sich für die Teilnahme an der Pärnu-Universität für Senioren anmelden wollten, mussten Schlange stehen (Pärnu Postimees, 31.05.2017) – eine ziemlich respektlose Art, für sein Recht zu kämpfen, nicht mental einzurosten. Der Club Kanarbik im Dorf Välgi (Kreis Tartu) kann nur einmal pro Woche besucht werden, und zwar nicht aufgrund von mangelndem Interesse an häufigeren gemeinsamen Aktivitäten, sondern aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten.  Der Seniorenclub in Nõmme kann nicht erweitert werden, weil das Geld zum Heizen der Räumlichkeiten fehlt.

Zusätzlich zum Ungleichgewicht zwischen Angebotsumfang und Alterungstendenzen in der Gesellschaft  macht sich auch ein Gefühl der Stagnation breit. Jahrzehntelang haben sich Tageszentren und Universitäten für Senioren nicht daran gestört, dass Männer kein Interesse an ihren Programmen zeigen. Sie wollten nicht zugeben, dass Meinungsumfragen und Zufriedenheitsbefragungen bei den aktuellen Teilnehmern ihr angebotenes Programm für Neueinsteiger nicht attraktiver machten. Wenn im Arbeitsleben eine körperliche Behinderung lange ein Hindernis zur aktiven Beteiligung darstellte, stellt auch im Leben außerhalb der Berufstätigkeit die Verweigerung der Teilnahme an gemeinsamen Aktivitäten für Menschen mit körperlichen Problemen keine Ausnahme dar. (Hier muss ich an Frau Siina denken, die aufgrund von Gleichgewichtsproblemen nicht zum Volkstanz gehen kann, und frage, wo geschrieben steht, dass wir keine Volkstänze anbieten können, die im Rollstuhl getanzt werden können).

 

Der Bedarf an Lernmöglichkeiten und an Selbstverwirklichung ist stets da

Für die neuen lokalen Behörden möchte ich jedoch anmerken, dass das Leben älterer Menschen nicht auf Brot und Spiele beschränkt ist. Anstatt ältere Menschen ins Kino oder Konzert zu schicken, könnte man sich fragen, wie sie ihre Fähigkeiten und Kenntnisse in der Gemeinschaft am besten entwickeln und anwenden, Anerkennung und Aufmerksamkeit erhalten und eine Gelegenheit bekommen können, ihre Gedanken und Ideen mit Jüngeren auszutauschen. Denn bevor ein Mensch alt war, war er mittleren Alters bzw. jung. Mit dem Älterwerden ändern sich jedoch sein Charakter und sein Wesen nicht. Ein Mensch, der sein Leben lang gelernt und gearbeitet hat, wendet sich daher nicht abrupt von Kultur und Unterhaltung ab und wird zu jemandem, dessen Selbstverwirklichung nur aus Einkaufen oder Herumtrödeln besteht.

Estland ist ein gebildetes Land, in dem das Konzept des lebenslangen Lernens Fahrkartenverkäufern oder Busfahrern nicht erklärt werden muss. Was jedoch erklärt werden muss, ist die Tatsache, dass in unser System des lebenslangen Lernens ein struktureller Ausstieg eingebaut ist. Man muss keine Fähigkeiten besitzen, wenn man keiner Arbeit nachgeht.


---Tiina Tambaum ist Forscherin am estnischen Zentrum für Demographie an der Universität Tallinn und Dozentin für Erziehungsgerontologie am Institut für Erziehungswissenschaften. Sie ist Forscherin, Ausbilderin und Leiterin in den Bereichen Entwicklung älterer Menschen, Einbeziehung älterer Männer, intergenerationelles Lernen und Kooperationsthemen (siehe www.65b.ee)

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1 - 10 von 18 anzeigen
  • Bild des Benutzers Santa Pētersone
    Jāpilnveidojas ir visu laiku, mūsu strauji augošajā pasaulē nemaz nevar neko nedarīt. Ir jāseko līdzi visiem jaunumiem, tādēļ arvien biežāk ir redzami studenti, kas nav gados jauni. Tas ir tikai apsveicami, ka vecā gada gājuma cilvēki uzdrošinās mācīties un konkurēt ar jaunajiem. Jāņem vērā, ka viņiem šāds process ir daudz smagāks un sarežģītāks. Arī Latvijā būtu nepieciešams popularizēt mūžizglītību.
  • Bild des Benutzers elina nesterenkova
    Latvijā ka Krievijā ir veci standarti, ka pēc 50 gadiem cilvēkam jau jādomā, ka dzīve beidzās un vairs nevajag mācīties vai apgūt kaut ko jaunu un nezināmo priekš sevis. Un tas nav pareizi, kamēr cilvēks mācas viņam ir interesanti dzīvot. Kad cilvēks uzzina jaunas lietas viņu organisms ražo enerģiju lai visu iedomāto realizētu. Bet Latvijā dzīvo tāds standarts ka līdz 50 tu esi darbaspējīgs, bet pēc jau nē. Un tādus cilvēkus neatbalsta, nepalīdz atrasts sev jaunu profesiju. 
  • Bild des Benutzers Ingrida Birzniece
    It was very interesting reading about life long learning in Estonia! No one should be limited to what they can or cannot do/learn because of their age. More countries around the world should be supportive of life long learning.

    About the schools and clubs that cannot host more seniors: do they ask for a small fee to pay for heating and material costs? If they did, would they be able to host more classes for these willing citizens?
  • Bild des Benutzers Tiina Tambaum
    Dear Ingrida
    Thank you for your comment. You asked about the reasons why clubs cannot host more people. These Day Centres for older people have been established 25 years ago when the older population was smaller. Now the situation is changed but municipalities do not recognize that. They are proud of big numbers but these numbers are not interpreted as an increased demand.
    Our participants pay a small fee (e.g. 1 euro per time), but it is more like a disciplinary tool that does not cover the real costs.  
  • Bild des Benutzers Muneeb AHMAD
    Thank you for this informative blog post, it has lovely insights into lifelong learning in your country. 
  • Bild des Benutzers Tiina Tambaum
    Dear Muneeb, thank you for your kind remark.
  • Bild des Benutzers Elena Trepule
    I like your text very much - especially the coach driver's response - you are such a smart country if even coach drivers are aware of lifelong learning :); and I like an idea of inviting the President to the event of Third Age university. Or maybe to the Graduation - when happy Third Age graduates receive their hard earned diplomas...
  • Bild des Benutzers Tiina Tambaum
    Dear Elena
    Yes, I liked this story about the coach driver as well. Our coach drivers are witnessing the learning abilities of our population - they see student card holders who have the right to get discount. But they also see the (un)ability of older population to use e-tickets etc.
    What regards to the President I am pretty critical about this. First, our Universities of Third Age tend to be populist and provide topics and presenters that are popular and highly valued by the target group. But new skills and topics what are necessary for older people as active citizen are rather out of attention. But of course, all means that help to bring older people out of their homes and interact are good.
  • Bild des Benutzers Erol Bağcı

    Hello from Istanbul,

    It was very meaningful and effective article first of all thank you for this article. In every society minorities like handicapped people and/or elder people may be ignored. We always keep in mind that one day we will turn out old people so the life conditions and health services reflects a society's point of view to older people.

    As a lifelong education institute older generation is always welcomed in our school. We have a student in her 80's that attends art class in our institute. She celebrated her birthday with us.

    To sum up if we are a developed country one can understand it looking to old generations satisfaction.

     

    All the best,

    Mastering Beylerbeyi Istanbul Sabanci Institute

    Erol Bağcı

     

     

  • Bild des Benutzers Tiina Tambaum

    Thank you, Erol fo your for your comment! 

    I would like to add that older people cohorts are not a minority any more but lifelong learning opportunities are still limited for them. Our productive mindset restricts us to think in a more humanistic way.  

    Tiina