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Blog

Das Ehrenamt in der Erwachsenenbildung in Europa: Verschiedene Kontexte, gemeinsame Herausforderungen

11/04/2019
by Aleksandra Kozyra
Sprache: DE
Document available also in: EN

Lesedauer circa 9 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!

Originalsprache: Englisch


/epale/de/file/volunteering-activitiesVolunteering activities

Volunteering activities
Aleksandra Kozyra vom Europäischen Verband für Erwachsenenbildung EAEA vergleicht ehrenamtliche Arbeitspraktiken in der Erwachsenenbildung in Finnland, Belgien und Griechenland.

Die nicht-formale Erwachsenenbildung in Europa wird zweifellos maßgeblich durch ehrenamtliche Helfer*innen mitgetragen. In Ländern, in denen Erwachsenenbildung nur unzureichend gefördert wird, bilden ehrenamtliche Helfer*innen das Fundament für die Arbeit von Erwachsenenbildungsanbietern oder –Verbänden. Das kriegen wir auch häufig von unseren Mitgliedsorganisationen zu hören. Welche Unterschiede gibt es bei der ehrenamtlichen Arbeit in den verschiedenen Ländern Europas? Welche Herausforderungen haben sie gemeinsam? Meine Kolleg*innen aus Finnland, Belgien und Griechenland, die alle ein persönliches und berufliches Interesse an ehrenamtlicher Arbeit haben, schildern zu diesem Thema ihre Gedanken.

Das nordische Geheimnis

‚Ich persönlich bin ehrenamtlich tätig, seit ich ein Teenager war‘, erzählte mir Marion Fields vom finnischen Studienzentrum Sivis [EN]. Wie sich herausstellte, hatten wir beide Erfahrungen als ehrenamtliche Helferinnen bei Amnesty International gesammelt - obwohl ich zugeben muss, dass Marion dort sehr viel aktiver war als ich. Unter anderem arbeitete sie für lokale Gruppen, gehörte dem nationalen Beirat in Finnlandan, führte dort Umfragen durch und übersetzte.

Marion ist mit Erfahrungen dieser Art nicht allein - zumindest nicht in Finnland.

‚Wir haben in meiner Organisation eine Studie zu ehrenamtlicher Arbeit in Finnland in Auftrag gegeben, bei der 1.000 Menschen befragt wurden‘, teilte Marion mir mit. ‚Etwa 40 % der Erwachsenen (Menschen über 15 Jahren) gaben an, im vergangenen Monat Erfahrungen als ehrenamtliche Helfer*innen gesammelt zu haben. Diese Zahl wäre vermutlich sogar noch höher ausgefallen, wenn man nach den letzten 12 Monaten gefragt hätte‘.

‚Aus soziologischer Sicht war die Situation in Finnland schon immer so - ehrenamtliche Arbeit ist in allen nordischen Ländern sehr verbreitet‘, erklärt sie. ‚Einer der Gründe hierfür ist, dass wir es gewohnt sind, uns um andere außerhalb der eigenen Familie zu kümmern. Das liegt an verschiedenen politischen, religiösen und kulturellen Faktoren‘.

Die finnische Zivilgesellschaft zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie stark durchorganisiert ist. Historisch lässt sich dies auf unseren Bürgerkrieg vor hundert Jahren zurückführen. Beide Seiten wollten Ihre Macht demonstrieren, indem Sie Organisationen gründeten, welche die verschiedenen Seiten repräsentierten. Die Spannungen sind mittlerweile zurückgegangen, aber als Folge dessen ist uns unsere formale Zivilgesellschaft geblieben.‘

Das Studienzentrum Sivis ist ein gutes Beispiel für diese strukturierte Zivilgesellschaft. Dort beschäftigt man sich mit liberaler, nicht-formaler Erwachsenenbildung. Es werden beispielsweise Studienzirkel angeboten, von denen die Mehrzahl von ehrenamtlichen Helfer*innen organisiert wird: Selbstgesteuertes Lernen über Kunst und Kultur, die Verwaltung von Organisationen, Unterstützung für Familien. ‚Ich habe für meine Doktorarbeit zu lebenslangem Lernen zivilgesellschaftliche Organisationen erforscht. Dabei habe ich erfahren, dass Studienzirkel hierzulande dreimal üblicher sind als im Vereinigten Königreich. Ich denke, das liegt daran, dass in Finnland entsprechende staatliche Mittel zur Verfügung stehen‘, so Marion.

Horizontale Strukturen

Auch in Belgien hat ehrenamtliche Arbeit eine lange Tradition. DINAMO [NL], eine unabhängige gemeinnützige Organisation in der Stadt Turnhout, ist seit fast 40 Jahren auf der lokalen Ebene aktiv. Sämtliche Angebote im Bereich Erwachsenenbildung werden ehrenamtlich geleitet.

‚Von unseren 250 ehrenamtlichen Helfer*innen sind 80 Lehrer*innen. Die anderen unterstützen uns während der Kaffeepausen, bei sozialen oder kulturellen Aktivitäten, oder bei Ausflügen‘, sagte DINAMO-Koordinatorin Bieke Suykerbuyk. ‚Viele Menschen sind ehrenamtlich für verschiedene Organisationen tätig. Sie kennen uns und manchmal kommen sie einfach rein und fragen, ob sie uns helfen können‘.

‚In unseren Kursen gibt es keine Hierarchie und unsere Erwachsenlerner*innen arbeiten oft selbst als ehrenamtliche Helfer*innen in der Organisation. Manchmal finden wir gerade über unsere Kurse Lehrer*innen. Zum Beispiel könnte sich ein*e Teilnehmer*in eines Englischkurses als besonders kreativ herausstellen. Wir würden dann auf diese Person zugehen und sie beispielsweise dazu einladen, einen Kunst-Workshop zu organisieren.

Diese Herangehensweise scheint bei etwa 6.000 Anmeldungen pro Jahr von Erfolg gekrönt zu sein.

Solidarität aufbauen in Griechenland

‚Nach der Krise wurde mit ehrenamtlicher Arbeit ein Zeichen der Solidarität gesetzt‘, sagte Vassiliki Tsekoura von DAFNI KEK, einem Zentrum für Erwachsenenbildung mit Sitz in Patras, Griechenland. ‚In Patras allein haben wir etwa 80 ehrenamtlich tätige Organisationen, die manchmal auch zusammen arbeiten. Viele soziale Aktivitäten und Veranstaltungen werden zugunsten von Familien organisiert, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, oder älteren Menschen, die unter Einsamkeit leiden. Viele Angebote werden staatlich gefördert und in den letzten Jahren wuchs die Unterstützung für soziale Unternehmen‘, erklärt Vassiliki.

/epale/de/file/dafni-kek-activitiesDAFNI KEK Activities

DAFNI KEK Activities

Aktivitäten bei DAFNI KEK

Die Arbeit mit Migrant*innen war für DAFNI KEK ein besonderer Schwerpunkt. ‚Es war und ist eine große Herausforderung für Griechenland. Die Gemeinde muss mitmachen. Um sensibler zu werden und Stereotype zu vermeiden, müssen wir einander begegnen. Während der Entwicklung unseres neuen Projekts kontaktierten wir unsere ehemaligen Griechisch-Lerner*innen, die mittlerweile bereits griechische Staatsbürger*innen sind oder sich auf dem Weg dorthin befinden, sowie Migrant*innenverbände in Patras. Besonderes Interesse besteht wohl an konkreten Mitteln und Tools zur Kompetenzermittlung sowie an Beratung. Wir unterstützen sie durch unseren Kurs und sie sind wiederum dazu befähigt ihre Migrant*innen-Community als Mentor*innen besser zu unterstützen.

Schulen oder nicht schulen?

Bei der Diskussion zum Thema Ehrenamtliche Arbeit mit meinen europäischen Kollegen tauchten bald immer wieder dieselben Fragen auf. Wie wichtig ist es zum Beispiel, ehrenamtliche Helfer*innen zu Schulen, und was ist die richtige Herangehensweise?

‚Am Anfang haben wir sie nicht geschult‘, erzählte mir Bieke. ‚Wir haben immer gedacht: Sie wissen bereits, wie es geht, schließlich sind sie unsere Expert*innen. Wir arbeiten hauptsächlich mit Rentner*innen, von denen manche beispielsweise langjährige Arbeitserfahrung als Lehrer*in im formalen Sektor mitbringen. Außerdem hatten wir das Gefühl, ihnen bereits genug abzuverlangen. Aber in den letzten Jahren haben wir den Fokus mehr auf Qualität gelegt, und wir hatten eine vielfältigere Gruppe ehrenamtlicher Helfer*innen, von denen mittlerweile alle Lehrerfahrung haben. Wir haben festgestellt, dass sogenannte „Appreciative Inquiries“ (wertschätzende Befragungen) sehr gute Ergebnisse erzielen‘.

‚Meine Kolleg*innen führen dazu anerkennende Unterrichtsbesuche durch - sie sehen bei einer Stunde zu und führen dann eine Unterhaltung mit der Lehrkraft über die positiven Aspekte, die sie bemerken. Ehrenamtliche Helfer*innen motiviert das sehr. Zunächst fürchten sie vielleicht, dass dies eine Art Kontrolle ist, aber im Laufe der Zeit merken sie, dass es tatsächlich eine Form der Anerkennung ihrer guten Leistungen ist‘, so Bieke.

‚Wir müssen Bürger*innen dazu bringen, wie Erwachsenenbildner*innen zu denken, und ihnen helfen, zu verstehen, wie sie ihre Kenntnisse mit anderen teilen können, und wie vielfältig Lernen sein kann. Dazu müssen wir Methoden der nicht-formalen Erwachsenenbildung nutzen‘, fügte Vassiliki hinzu.

Anerkennung für Ehrenamtlichen Helfer*innen

Unsere finnischen Kolleg*innen warfen die Frage der offiziellen Anerkennung von Kompetenzen auf. ‚Viele unserer Organisationen erkennen ehrenamtlich erworbene Kompetenzen bereits an. Wir nutzen zum Beispiel digitale Zertifikate, die wir gemeinsam mit unseren Mitgliedsorganisationen entwickelt haben, und die auch von diesen ausgestellt werden‘.

‚Bei der Anerkennung ehrenamtlich erworbener Kompetenzen ist es von Vorteil, nah an den ehrenamtliche Helfer*innen dran zu sein. Wenn unsere Mitglieder diese Aufgabe übernehmen, ist das zuverlässiger, als wenn wir das tun würden - für uns wäre es unmöglich, das allein zu bewältigen. Schließlich sind in allen Mitgliedsorganisationen insgesamt zwischen 100.000 und 200.000 ehrenamtliche Helfer*innen für uns tätig. Also schulen wir unsere Mitglieder. Wir haben unsere eigenen Zertifikate rund um Themen wie NGOs und Führungskompetenzen - die Menschen zeigen uns ihre Portfolios und wir stellen ihnen die Zertifikate aus‘.

Dies, so betont Marion, wird von ehrenamtlichen Helfer*innen zunehmend gefordert. ‚Wir haben kürzlich eine Umfrage zum Qualifikationsbedarf im ehrenamtlichen Sektor veröffentlicht. Junge ehrenamtliche Helfer*innen und Organisationen, die für die Arbeit mit jüngeren Leuten geschult sind, halten Anerkennungen derzeit für wichtig. Besonders unter jüngeren Leuten herrscht Bedarf - fast 60% sagen, dass die Anerkennung von Fähigkeiten und Kompetenzen in ihren Organisationen notwendig ist. Arbeitslose ehrenamtliche Helfer*innen wären beispielsweise höchstwahrscheinlich froh über die Möglichkeit der Anerkennung. Aber es gibt auch andere Zielgruppen, die ihre persönlichen Lernziele erreichen möchten.‘

Wichtig ist, dass Anerkennung freiwillig ist - sonst weitet man den formalen Sektor einfach weiter aus. Ich bin zwar ein Verfechter von Anerkennungen, dennoch muss man das Thema manchmal kritisch betrachten. Es sollte freiwillig bleiben. Es darf sich nicht alles nur um Kompetenzen drehen‘, betont Marion.

Mehr Anreize benötigt

Die drei Kolleg*innen, mit denen ich gesprochen habe, sind sich einig, dass die Vorteile ehrenamtlicher Arbeit weit reichen können. ‚Tatsächlich bietet ehrenamtliche Arbeit einigen Menschen einen Weg, wahrgenommen zu werden. Es ist wichtig, dass Menschen spüren, dass sie etwas anzubieten haben. Aber dafür braucht es Zeit und aufrichtige Ziele‘, sagte Vassilki.

‚Es gibt viele Studien über die Vorteile ehrenamtlicher Arbeit, die belegen, dass ehrenamtliche Helfer*innen eine längere Lebenserwartung haben, dass sie glücklicher sind und sich gesünder fühlen‘, fügte Marion hinzu. ‚Es gibt des Weiteren Gemeinsamkeiten zu unseren Erkenntnissen über Erwachsenenbildung. Es ist dasselbe Muster: Je höher das Bildungsniveau, desto wahrscheinlicher ist es, dass jemand ehrenamtlich tätig wird‘.

Gibt es Anlass zur Sorge über die Beteiligung an ehrenamtlicher Arbeit, zum Beispiel wenn sich der berühmte Matthäus-Effekt auch in Bezug auf ehrenamtliche Arbeit als zutreffend erweist? Schließlich werden die Bedenken hinsichtlich der Teilnahme an Erwachsenenbildung auch lauter.

Marion ist optimistisch - ihrer Meinung nach sollte jedoch ehrenamtlichen Tätigkeiten europaweit mehr Aufmerksamkeit zukommen. ‚Neue Generationen zur ehrenamtlichen Arbeit ermutigen, das passiert nicht über Nacht. Es braucht Anreize, selbst hier in Finnland. Wenn wir es als eine Form der demokratischen Beteiligung betrachten, ist das insbesondere im aktuellen europäischen Kontext keine Selbstverständlichkeit - es besteht nach wie vor ein Bedarf nach Bildung'.


Über die Autorin: Aleksandra Kozyra ist Mitglieder- und Veranstaltungsbeauftragte des Europäischen Verbands für Erwachsenenbildung EAEA und verantwortlich für die Organisation von EAEA-Konferenzen und dem alljährlichen Younger Staff Trainings Zuvor war sie als Sprachlehrerin für Erwachsenlerner*innen in Polen tätig.


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