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Sprache - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

30/01/2019
by Eric FRYNS
Sprache: DE

Lesedauer: circa 12 Minuten - Lesen, liken, kommentieren!   

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Sprache: Wo kommt sie her?
  

Eine der spannendsten Fragen, die wir uns als Menschen stellen können, ist die nach der Herkunft unserer Sprache. Unsere Fähigkeit zur Kommunikation ist in ihrem Facettenreichtum und ihrer Komplexität einzigartig in der Tierwelt. Aber woher kommt sie bzw. wie haben wir uns dieses Alleinstellungsmerkmal angeeignet?

Durch die Entstehung von Schriftsystemen können wir auch in der heutigen Zeit auf präzise Weise Sprachen dokumentieren und ihre Entwicklung genauestens nachvollziehen. Durch die Sprachforschung und die vergleichende Grammatik können wir sogar Rückschlüsse auf Entwicklungen ziehen, die lange vor der Erfindung der Schrift erfolgt sind. Aber dieses Fenster in die Vergangenheit ist begrenzt – der Anfang der Sprache bleibt ungewiss. Im Gegensatz zur Schrift, die sich ab 6500 v. Chr. in verschiedenen Teilen der Welt allmählich herauszubilden begann, liegt der Anfang der Sprache im Dunkeln. Zwar kann man davon ausgehen, dass die Vorläufer unserer heutigen Sprachen mit dem Erscheinen des Homo Sapiens vor 200.000 Jahren einhergingen, aber unsere Fähigkeit zur Sprache attestieren Forscher auch anderen Menschenarten, die zwischen Lucy (Australopithecus, vor 2,5 Mio. Jahren) und uns auftraten. Indizien für die Nutzung von Sprache sind dabei künstlerisches Schaffen und die Erstellung von komplexen Werkzeugen sowie die anatomische Entwicklung des Menschen und dessen Vorläufern. Dennoch ist die Interpretation sehr frei und es lassen sich letztendlich nur Vermutungen diesbezüglich anstellen. Es gibt wahrscheinlich keinen präzisen Ausgangspunkt und wir werden vermutlich nie eine klare Zäsur zwischen einer primitiven Form von prähistorischen Sprachen und den komplexen modernen Sprachen finden.

So ungewiss wie der Zeitpunkt sind auch die Modalitäten der Entstehung der Sprache. Eine verbreitete Theorie veranschaulicht, dass zuerst ein System aus Gesten vorhanden war, welches mit Lauten versehen und optimiert wurde. Tatsächlich sind Gestik und verbale Sprache im Gehirn eng miteinander verbunden, was für eine Verwandtschaft spricht und eine gemeinsame Entwicklung befürwortet. Die Natur der „ersten“ sinnvollen Laute ist unklar. Eine Möglichkeit sind jedoch Onomatopöien, die sich natürlich herauszubilden scheinen und mithilfe von Gesten möglicherweise zu einer ersten effizienten Verständigung genutzt wurden. Anschließend gewann Sprache jedoch soweit an Komplexität, dass schlussendlich auch die umfassendsten Sachverhalte rein verbal ausgedrückt werden konnten. Doch auch heute noch ist unsere Gestik eng mit unserer Sprechweise verknüpft. Es handelt sich dabei allerdings weiterhin nur um eine Hypothese; auch diese Aspekte sind nicht unumstritten.

  
Sprache: Instinkt oder Kultur?
  

Ein anderer Aspekt, der von der Wissenschaft nicht gänzlich geklärt ist, ist die Frage, ob Sprache eher eine kulturelle Errungenschaft oder eine instinktiv vorhandene Fähigkeit ist. Dazu gibt es eine Reihe von Positionen, die ein gewisses Spektrum zwischen beiden Extremen abdecken. Eine weitere Frage ist zudem, ob Sprache maßgeblich das Denken formt oder Denkvorgänge weitgehend unabhängig von Sprache geschehen. Da die Sprache zumindest ein wichtiger Faktor für die Formulierung von Gedanken ist, scheint ein unmittelbarer Einfluss auf die Denkweise naheliegend; bewiesen ist dies allerdings nur in sehr begrenztem Maße bzw. dort, wo man es schlichtweg erwarten würde. Eine endgültige Antwort lässt sich wahrscheinlich in naher Zukunft nicht finden.

Gleichwohl dürfen wir uns nicht zu voreiligen Schlüssen verleiten lassen. Nehmen wir die folgende Anekdote: Es wird so manches Mal scherzhaft festgestellt, dass das Wort Schadenfreude in dieser Form nur im Deutschen existiert (und als Lehnwort in anderen Sprachen). Ferner wird dann die rhetorische Frage gestellt, was dies wohl über die deutsche Sprache aussagt. Die eigentliche Antwort ist: nicht viel. Die schiere Existenz eines Wortes sagt alleine nur wenig über dessen Nutzung oder dessen Wert in einer Sprache aus. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass Schadenfreude – wenngleich nicht als Wort, sondern als Konzept – überall existiert, zumindest aber in den Sprachgemeinschaften, mit denen ich selbst bisher in Berührung gekommen bin. Wir sollten uns ebenfalls davor hüten, einigen Mythen zu erliegen, die zwar längst widerlegt sind, sich aber immer noch größter Beliebtheit erfreuen. Nehmen wir beispielsweise den Mythos, dass indigene Völker am Polarkreis mehr Wörter für Schnee in ihrem Sprachgebrauch hätten. Dies ist seit langem widerlegt, doch der Glaube daran schwindet nicht.

Es bleibt dennoch die Frage: Formt Sprache unser Denken oder Denken unsere Sprache? Welcher Faktor ist primordial? Fakt ist: Wir können Gedanken mit unserer Sprache formulieren. Aber Sprache und Denken sind keine Synonyme. Wir können auch in Bildern denken und abstrakte Konzepte kognitiv erfassen, ohne Sprache zu benutzen. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ist die durch Einstein entdeckte Raumzeit wirklich nur eine Korrelation zwischen den Worten Raum und Zeit? Oder offenbart sich durch diese Erkenntnis nicht doch ein Konzept, das im Geiste erfasst wird, sich aber nur unzulänglich durch Sprache ausdrücken lässt? Mit anderen Worten: Wir können mehr erfassen und verstehen, als unsere Sprache es uns erlauben würde. Wir begreifen Konzepte, die sich in unserer Sprache nur unzulänglich bzw. mit vielen Umschreibungen ausdrücken lassen. Was machen wir beispielsweise, wenn unsere Sprache sich in einer lexikalischen Sackgasse befindet? Wir erfinden ein neues Wort und formen damit Sprache nach unserem Gutdünken.

Mit diesen Informationen könnten wir den Aspekt wie folgt interpretieren: Wir werden in eine Kultur und in eine Sprache hineingeboren und eignen uns die Eigenschaften dieser Gemeinschaft an – der Mensch ist ein soziales Tier, wie bereits Aristoteles feststellte. Diese Basis, die unsere Kultur uns weitergibt, schränkt allerdings nicht unser Denken und unsere Individualität ein. Wir besitzen kognitive Kompetenzen, die über unsere Fähigkeit zur Sprache hinausgehen und unserer Kreativität sind letztendlich keine Grenzen gesetzt. Sprache, genau wie Kultur, ist ein lebendiges Konstrukt, das mit seinen Sprechern gedeiht und sich weiterentwickelt. Wenn jemandem ein Konzept in den Sinn kommt, für das es keine Entsprechung in der deutschen Sprache gibt, dann erfindet man eben ein neues Wort. Dadurch entstehen unter anderem verschiedene Ausprägungen in einer Sprache, wie Idiolekte, Soziolekte und Dialekte.

  
Sprache: Schlüssel zur Welt?
  

Aus evolutionärer Sicht ist die Wichtigkeit der Sprache somit mehr als deutlich. Aber von diesen Erwägungen ganz abgesehen, sind die Vorteile von Sprachkenntnissen auch heute noch allgegenwärtig. Neben dem Erwerb der eigenen Muttersprache ist es in der heutigen globalisierten Welt von großem Vorteil, eine oder mehrere Fremdsprachen zu beherrschen. Zum einen ergeben sich dadurch mehr Einstellungsmöglichkeiten im eigenen Sprachraum, zum anderen eröffnen sich – je nach Stand der Kenntnisse – ganz neue Sprachräume. Häufig sind gewisse Sprachkenntnisse gar eine Bedingung für eine Anstellung. Tatsächlich werden heutzutage in einem Großteil der Stellenausschreibungen gute Kenntnisse in mindestens zwei, oftmals drei Sprachen erwartet. Wer mehrere Sprachen spricht, hat nicht zuletzt einen erweiterten Zugang zu Medien, Personen und Bildungsmaterial. Zudem bieten sich neue Möglichkeiten an, das eigene Unterhaltungsprogramm ausführlicher zu gestalten sowie Reisen zu planen und neue Kulturen zu entdecken. Zu guter Letzt lässt sich an dieser Stelle anführen, dass die Kenntnis einer Sprache auch einen intellektuellen Wert hat, denn durch den Spracherwerb überschreiten wir unseren Horizont, entwickeln uns weiter und betrachten unsere eigene Muttersprache mit anderen Augen. 

  
Sprache: Englisch als Lingua Franca?
  

Wenn man die Vorteile des Spracherwerbs hervorhebt, wird der Nutzen einer Sprache besonders deutlich: Englisch. Das liegt zum einen an der Omnipräsenz der Sprache, was sich im alltäglichen Leben, im Beruf, aber ganz besonders im Internet bemerkbar macht. Die Zahl der zugänglichen Medien, Informationen und Inhalte vervielfacht sich schlagartig mit der Beherrschung des Englischen. Zum anderen ist die Sprache das beste Medium für jeden, der sich größtmögliches Gehör verschaffen möchte. Rund 400 Millionen Menschen sprechen Englisch als Muttersprache und eine weitere Milliarde Menschen beherrscht Englisch als Zweitsprache. Die Tendenz ist steigend.

Mit anderen Worten: Die englische Sprache bietet größtmögliches Input und Output auf internationaler Ebene und dies wird vorerst auch so bleiben.

Obschon die Vorherrschaft des Englischen aus der internationalen Kommunikation somit kaum noch wegzudenken ist, stößt dies allerdings nicht immer nur auf Zustimmung. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Zum einen hat Englisch einen erheblichen Einfluss auf die anderen europäischen Sprachen. Dies äußert sich besonders im Wortschatz. Der Gebrauch von Wörtern wie „Input“, „Meeting“, „cool“ usw. veranschaulicht besonders gut, wie sehr die deutsche Sprache von Anglizismen durchsetzt ist. Noch bemerkenswerter ist allerdings der englische Einfluss in der Grammatik. Ein Beispiel ist der untypische Gebrauch von Präpositionen. Analog zum englischen „in 1984“ setzt sich im deutschen Sprachgebrauch ebenfalls „in 1984“ durch, obschon hier keine Präposition benötigt wird, ja diese sogar untypisch ist. Ein anderes Beispiel ist der Gebrauch der Wendung „das macht Sinn“, obschon es auf Deutsch eigentlich „es hat Sinn“ heißen müsste. Die Übernahme so vieler sprachlichen Eigenheiten aus dem Englischen wird von vielen nur missbilligend hingenommen und von Puristen sogar gänzlich abgelehnt. In einigen Ländern gibt es Kommissionen, die unter anderem den Einfluss des Englischen auf die eigene Sprache durch eigene Wortschöpfungen begrenzen sollen, wie beispielsweise die Académie Française. Allerdings ist die Wirkung begrenzt. Sprache lebt und entwickelt sich durch ihre Sprecher. Die sprachliche Realität wird durch Vorschriften nicht dauerhaft angepasst werden können.

Zum anderen stellen sich viele Menschen die Frage, warum gerade dem Englischen dieser Platz im internationalen Rahmen gewährt werden sollte, da es schließlich nur eine von vielen Sprachen ist. Könnte man auf europäischer Ebene nicht Französisch, Spanisch oder Deutsch vorziehen?

Somit kann Englisch neben den vorhin genannten Vorteilen auch Aspekte mit sich bringen, die als negativ oder ungerecht empfunden werden.

Wenngleich es unerwünschte Nebeneffekte hervorruft, ist es andererseits doch deutlich, dass dieser Prozess kaum mit konventionellen Mitteln aufzuhalten ist. In der Geschichte der Menschheit gab es bisher keine sprachliche Entwicklung, die mit der Ausbreitung des Englischen vergleichbar wäre. Statt diesen Prozess ändern oder abwenden zu wollen, sollte die Dynamik des Englischen vielleicht eher genutzt werden, um internationale Kooperation zu fördern und für mehr Gerechtigkeit einzustehen.

  
Sprache: Ein Weg zur Gerechtigkeit?
  

Der belgische Philosoph Philippe Van Parijs unterscheidet zwischen drei Faktoren für Gerechtigkeit in Bezug auf Sprache: Einerseits benötigen wir eine gerechte Zusammenarbeit bei der Einführung einer gemeinsamen Sprache, Chancengleichheit ungeachtet der Unterschiede in der Sprachkompetenz sowie eine gleiche Wertschätzung aller Sprachen und Sprachgemeinschaften.

Andererseits gibt es drei Faktoren, die aktuell besonders unfair erscheinen:

Die Last des Spracherwerbs liegt bei den Menschen, die eine andere Muttersprache als die englische haben. Es würde gerecht erscheinen, wenn man sich hier um einen Ausgleich bemühen würde. Eine zufriedenstellende Lösung ist aber leider sehr unwahrscheinlich. Andererseits profitieren auch Nichtmuttersprachler von dem umfassenden Angebot, das Englisch bietet, sowie von der Ausstrahlung, mit der die Sprache ein größtmögliches Publikum erreichen kann.

Des Weiteren gibt es durch die unterschiedlichen Kompetenzen in der internationalen Sprache Ungerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Hier hilft auf lange Sicht nur das flächendeckende Erlernen der Sprache. Es ist unwahrscheinlich, dass sich das Problem durch Quoten lösen ließe.

Schlussendlich erscheint es nicht fair, dass eine Sprache in besonderem Maße bevorzugt wird. Hier sind wir jedoch mit einer Realität konfrontiert, die diesen Prozess unaufhaltbar erscheinen lässt. Es ist daher wichtig, dass wir versuchen, Sprachen zu erhalten und diese im Kontext der jeweiligen Länder weiter benutzen. Die Wertschätzung der Muttersprache muss unterstützt werden. Darüber hinaus ist eine verbreitete Mehrsprachigkeit aus vielen Gründen erstrebenswert.

  
Sprache: Ein kostbares Gut!
  

Obschon die Herkunft der Sprache weiterhin vage bleibt, macht die Forschung große Fortschritte, die Natur des Menschen, unser Denken und Handeln sowie unsere Sprachfähigkeit zu erklären. Dass es nicht auf alle Fragen klare Antworten gibt, liegt auf der Hand. Der Artikel konnte die verschiedenen linguistischen und sprachhistorischen Faktoren hier nur sehr kurz umreißen. Es gibt über alle Aspekte wesentlich mehr zu sagen, als dieser Text wiederzugeben vermag. Interessierte werden dazu eingeladen, sich weiter einzulesen, denn es gibt einen reichen Fundus an Literatur zu diesem Thema. Die Werke, die für diesen Text konsultiert wurden, finden Sie im Literaturverzeichnis.

Dieser Artikel beschreibt eine bestimmte Sichtweise in Bezug auf die hier beschriebenen Faktoren. Es gibt natürlich auch andere Theorien, die keinen Platz im Text gefunden haben. Allerdings ist es nicht das Ziel dieses Artikels, eine Stellung zu beziehen und zu verteidigen. Ganz im Gegenteil: Es ist vielmehr eine Hoffnung, Ihnen durch eine kurze Beschreibung der verschiedenen Aspekte, die unsere Sprache ausmachen, einen Ansporn zu geben, sich selbst weiter mit dem Thema zu befassen. Es wäre allgemein wünschenswert, dass Menschen Sprache nicht immer als etwas Alltägliches abtun, sondern die Eigentümlichkeit der menschlichen Kommunikation zu schätzen wissen. Wir sollten uns der Tatsache bewusst sein, dass Sprache etwas Besonderes ist, und uns daran erfreuen, Sprache in unserem täglichen Leben zu benutzen, zu vermitteln und zu erlernen.

Sprachenvielfalt ist ein besonderes Anliegen der Europäischen Kommission und eines der Grundprinzipien des Erasmus+ Programms. Um Sprachenvielfalt zu zelebrieren, wird alle zwei Jahre das Europäische Sprachensiegel verliehen. Auch 2019 werden wieder Initiativen ausgezeichnet, die Spracherwerb auf besonders kreative oder innovative Weise unterstützen. Wer Sprache vermittelt oder neue Sprachen erlernen möchte, der sei außerdem dazu eingeladen, sich über die Möglichkeiten des Erasmus+ Programms zu informieren. Das Programm bietet viele Weiterbildungsmöglichkeiten, Hospitationen, Praktika und Freiwilligendienste im Ausland sowie eine Reihe von Möglichkeiten, Partnerschaftsprojekte mit Organisationen im Ausland durchzuführen und natürlich viele neue Menschen kennenzulernen. Schauen Sie doch einfach auf www.jugendbuero.be vorbei oder melden Sie sich unter info@jugendbuero.be.

  

Eric Fryns

Europäisches Sprachensiegel - Erasmus+

  

/epale/de/file/jbpicker012019rzfinalpdf-0Den Artikel gibt es auch hier als Download in lesefreundlicher PDF-Version!

Literatur:

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