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Politische Partizipation: Bürgerdialoge zur Zukunft Europas an Volkshochschulen

23/05/2019
by Lisa Freigang
Sprache: DE
Document available also in: EN

Lesedauer circa 6 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!


„Sprechen wir über Europa!" So lautete das Motto des „Bürgerdialogs zur Zukunft Europas“, an dem sich zwischen August und Oktober 2018 rund 30 Volkshochschulen aus zehn Bundesländern beteiligten. Die Dialogreihe geht zurück auf die vom französischen Präsidenten vorgeschlagene Initiative, europaweit Bürgerkonsultationen abzuhalten und den Dialog zur EU zu fördern. Zur Umsetzung in Deutschland war die  Bundesregierung auf den Deutschen Volkshochschul-Verband mit dem Anliegen zugekommen, als Partner die Reihe der Bürgerdialoge mitzutragen. Denn Bürgerdialoge an Volkshochschulen haben Tradition: Seit im Jahr 2012 in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung ein eigenes Formats für vhs- Bürgerdialoge entwickelt wurde, laden Volkshochschulen immer wieder zur Diskussion aktueller gesellschaftspolitischer Fragestellungen ein.

Bürgerdialoge bringen Menschen ins Gespräch

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VHS Bürgerdialoge ©Sebastian Pfütze
Das Format eines vhs-Bürgerdialogs ist angelehnt an die Methode World Café, denn die Bürgerinnen und Bürger diskutieren in mehreren aufeinanderfolgenden Gesprächsrunden in wechselnder Zusammensetzung zu einem vorgegebenen Thema. Zwischenstände der Diskussionen werden an Pinnwänden dokumentiert und vergemeinschaftet. Abschließend findet eine Abstimmung über die Priorisierung der erarbeiteten Positionen statt. Ziel der ca. dreistündigen Bürgerdiaoge ist es, Bürgerinnen und Bürger zu wichtigen gesellschaftlichen Themen miteinander ins Gespräch zu bringen, ihre Argumentationsfähigkeit zu stärken und sie für die Notwendigkeit von Kompromissen bei der Entwicklung gemeinsamer Positionen zu sensibilisieren. Das Ergebnis der Diskussion und der gemeinsamen Arbeit wird der Politik, oft aber auch der kommunalen Öffentlichkeit bekannt gemacht und mit ihr diskutiert.

Diskussionen an ungewöhnlichen Orten

Im Rahmen der Europadialoge griffen einige Volkshochschulen die Idee auf, ihre Veranstaltung an einem ungewöhnlichen Ort mit besonderer Gesprächsatmosphäre durchzuführen. In Leipzig und Naumburg kamen Bürgerinnen und Bürger zu Diskussionsveranstaltungen in einer Straßenbahn zusammen, die Volkshochschule Datteln wählte ein Museumsschiff als Veranstaltungsort. In Stuttgart nutzte man eine Busfahrt zur Europäischen Zentralbank, um über die Zukunft Europas ins Gespräch zu kommen und die Europäische Akademie in Sankelmark lud zur Diskussion in eine Dampflok, die nahe der deutsch-dänischen Grenze verkehrt. Durch diese besonderen Rahmungen konnten nicht nur neue Teilnehmende angesprochen werden, die niedrigschwellige Gesprächsatmosphäre an diesen Orten wirkte sich oftmals auch positiv auf den Diskussionsverlauf aus.

Drei vorgegebene Leitfragen strukturierten die Diskussion der Teilnehmenden: Wie erleben Sie Europa in Ihrem Alltag? Welche Rolle spielt Europa für Deutschland insgesamt? Wie sollte Europa in Zukunft aussehen? Zwar überwogen in den Dialogen die positiven Aspekte der EU, wie Reisefreiheit, gemeinsame Verbraucherschutzstandards und kultureller Austausch. Nicht selten kamen aber auch kritische Stimmen zu Wort. Negativ bewertet wurde beispielsweise die mangelnde Solidarität, die der EU bzw. einzelnen EU-Staaten vorgeworfen wird. Soziale Ungerechtigkeit und das Wohlstandsgefälle in der EU könnten wiederum dazu führen, dass Deutschland seinen Lebensstandard senken müsste, um eine Angleichung mit anderen EU-Staaten zu erreichen, lautete eine Befürchtung. Mit Sorge blickten einige Teilnehmende auch auf die Außengrenzen, die nicht ausreichend geschützt seien und unkontrollierte Zuwanderung ermöglichten. Überhaupt war die Flüchtlingspolitik der EU einer der häufigsten und kontroversesten Diskussionspunkte.

Obwohl die Mehrheit der Volkshochschulen von konzentrierten und engagierten Diskussionsrunden berichtete, wurden Meinungen bei diesem Thema auch durchaus provokant geäußert. So fasste die Teilnehmerin eines Dialogs, in dem verschiedene Perspektiven aufeinandertrafen, die Erfahrung mit folgenden Worten zusammen: "Wir sind das Spiegelbild der jetzigen Europäischen Union: Jeder versucht, seine Meinung durchzupeitschen." Die Begleitung der Dialoge durch eine erfahrene Moderation war daher essentiell, um eine wertschätzende Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Ansichten zu ermöglichen.

Im Gespräch mit der Bundeskanzlerin

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Bürgerdialoge VHS Angela Merkel © Foto Thewalt
In der medialen Wahrnehmung war der Bürgerdialog der vhs Trier sicherlich das Highlight in der Reihe der Diskussionsveranstaltungen. Rund 70 Bürgerinnen und Bürger – ausgelost unter vhs-Kursteilnehmenden oder vorgeschlagen von zivilgesellschaftlichen Organisationen vor Ort – bekamen die Gelegenheit, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Zukunft Europas zu diskutieren.

Etliche Personen kamen im Verlauf der anderthalb Stunden mit ihren persönlichen Anliegen zu Wort. Sie lernten die Bundeskanzlerin als überzeugte Europäerin kennen und als eine Regierungschefin mit erstaunlich detaillierter Kenntnis unterschiedlicher, oft mühevoller Aushandlungsprozesse. Kritischen Fragen wich die Kanzlerin nicht aus, verwies jedoch mehrfach auf das, was bei aller berechtigten Kritik das aus ihrer Sicht Wesentliche ist: Europa als Friedensprojekt und als Wertegemeinschaft, die auf Toleranz und Anerkennung der Menschenrechte gründet, und in der es immer auch um Interessenausgleich geht.

Positive Resonanz

An einzelnen Volkshochschulen diskutierten bis zu 80 Teilnehmende zu Europa, im Durchschnitt kamen 40 Personen bei den Bürgerdialogen der Volkshochschulen ins Gespräch. Dass trotz des „sperrigen“ Themas vielerorts  zahlreiche Teilnehmende gewonnen werden konnten, lag auch an Kooperationen mit Partnern wie etwa Europaschulen oder europapolitisch engagierten Organisationen, aber auch Sportvereinen, Seniorenbeiräten, Jugendparlamenten oder Jobcentern. Zur Teilnahme motiviert waren viele Bürgerinnen und Bürger auch, weil die Ergebnisse protokolliert und im Auftrag der Bundesregierung von einem unabhängigen Dienstleister ausgewertet wurden.

Im November beschloss das Kabinett den Bericht der Bundesregierung über den Europadialog und übermittelte die Ergebnisse der deutschen Bürgerdialoge nach Brüssel.

Veranstaltungen zur Europawahl

Nach den Bürgerdialogen des vergangenen Jahres widmen sich zahlreiche Volkshochschulen in diesen Tagen der Europawahl. Dabei bringen sie beispielsweise interessierte Bürgerinnen und Bürger direkt mit Kandidierenden für das Europäische Parlament ins Gespräch. An der vhs Köln wird unter dem Titel „Wen soll ich bloß wählen?“ ein besonders interaktives Format angeboten: In einem Speed-Dating mit Kandidierenden zur Europawahl können Teilnehmende die Kandidatinnen und Kandidaten persönlich kennenlernen und mit ihren Fragen löchern. Andere vhs-Veranstaltungen gehen den wichtigsten Positionen der Parteien in den Wahlprogrammen auf den Grund. Unter dem Titel „Noch 100 Stunden bis zur Europawahl 2019 - Fakten, Besonderheiten und letzte Infos“ bietet die vhs Duisburg eine Informations- und Diskussionsveranstaltung, in dem das Publikum „in letzter Minute“ Fragen zur Diskussion stellen kann. Auch am Abend der Wahl werden Interessierte in vhs-Programmen fündig: Bei der Wahlparty der kvhs Norden können die Ergebnisse live mitverfolgt und bei Snacks und Getränken diskutiert werden.

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Bildrechte: "Angela Merkel" © Foto Thewalt; "Bürgerdialoge" © Sebastian Pfütze


Über die Autorin: Lisa Freigang arbeitet seit 2010 beim Deutschen Volkshochschul-Verband, wo sie zunächst in einem Projekt der politischen Jugendbildung tätig war. Aktuell betreut sie als Referentin für Grundsatzfragen u.a. den Bereich Politik-Gesellschaft -Umwelt.


Lesen Sie auch die anderen Beiträge zur EPALE Themenwoche: Europawahl 2019 - Europa gemeinsam gestalten!

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Mit der Politik auf Du und Du

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Dr. Stephen Martin, UK (Übersetzung aus EN)

Dr. Stephen Martin ist Partner beim WWF und politischer Berater der UNESCO-Nationalkommission des Vereinigten Königreichs. In diesem Blogbeitrag beschreibt er, warum die sich verändernde Umwelt unsere Art, Probleme zu lösen, herausfordert und wie Bürgerversammlungen uns bei der Beantwortung dieser Frage helfen könnten.

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1 - 2 von 2 anzeigen
  • Bild des Benutzers Heike Kölln-Prisner
    Ein schöner Artikel, der jetzt besonders wichtig ist: in diesen Tagen entscheidet sich (klingt dramatisch, ist es auch), wie es mit Europa weitergeht. Werden wir ein Europa der (egoistischen, nationalistischen) Nationen (und damit eigentlich keines mehr) oder werden wir den Weg der zunehmenden Einigung und Zusammenarbeit weitergehen? Oder noch was Neues? Wie geht es mit Großbritannien und dem Brexit weiter? Was passiert in Ungarn? Solche Fragen werden immer wieder in Veranstaltungen der politischen Bildung gestellt und es ist merkbar, dass auch bisher europäisch Uninteressierte Fragen haben. Volkshochschulen sind dafür die richtigen Orte! 
  • Bild des Benutzers Christine Bertram
    Ich stimme dir da zu, liebe Heike.
    Das Problem aus meiner Sicht ist oft, die Menschen, vor allem die bisher Uninteressierten, zu den Veranstaltungen und in die Institutionen zu bekommen. Vor allem wenn es um Menschen geht, die mit dem Lernen im institutionellen Kontext eher schlechte Erfahrungen gesammelt haben. Hier bieten die Volkshochschulen tatsächlich einen guten Ansatzpunkt, da die Umgebung oft einladender ist als an anderen (Lern)Orten.
    Gleichzeitig kommt es aber auch auf den lokalen Kontext an, und wer die Kurse/ Vorträge besucht. Da waren schon einige, da bin selbst ich bei der Hälfte raus, obwohl das Thema durchaus interessant war. Die Atmosphäre aber nicht einladend.

    Deswegen sind Formate, wie die Bürgerforen so wichtig. Sie sind offen für alle und es besteht in der Diskussion keine Notwendigkeit sich offen profilieren zu wollen oder müssen.