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Digitale Medien und die Bildung Erwachsener. Wie ist der Status-quo und was sind die Erfolgsfaktoren?

15/02/2017
by Christian BERNH...
Sprache: DE
Document available also in: EN ES

von Prof. Dr. Josef Schrader

Auf den ersten Blick scheint es, als kennte die öffentliche Debatte über digitale Bildung keine Zwischentöne: Sie ist zukunftsfroh oder kulturpessimistisch, gibt sich fordernd oder abwehrend, klingt vollmundig oder nüchtern. Beispielhaft lässt sich das an dem jüngst erschienenen und anregenden Buch von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt zeigen. Die Autoren dokumentieren eindrucksvoll und mit vielen Beispielen aus aller Welt, wie digitale Medien zu einer Demokratisierung und Personalisierung des Lernens beitragen können; sie sehen und fordern eine digitale Bildungsrevolution, die, wenn schon nicht das alte Humboldtsche Bildungsideal, dann doch wenigstens „Harvard für alle“ machbar erscheinen lässt. Die „Musterschüler“ selbst aber sehen das ganz anders. So antwortete etwa John Hennessy, Rektor der eben noch gelobten Universität, auf die Frage, wie die universitäre Bildung im Jahr 2060 aussehe: „Eins ist klar: Die Revolution fällt aus. {...} Die Vorstellung, MOOCs (Massive Open Online Courses, d. R.) könnten das Rückgrat der akademischen Bildung im 21. Jahrhundert werden, hat sich nicht bewahrheitet. Die Abbrecherquoten waren enorm, die Heterogenität der Gruppen macht ein sinnvolles Curriculum fast unmöglich.“ (Die ZEIT, April 2016).

Digitalisierung bewirkt „verhaltene Modernisierung“ der Bildung in Deutschland

Auch für Deutschland zeigen empirische Befunde, dass die digitale Transformation inzwischen zwar im Bildungsbereich angekommen ist, oft allerdings recht konventionell: In Schulen dienen digitale Medien vor allem Präsentationen oder der Internetrecherche (Bitkom Research, 2015). Bei deutschen KMU liegt der Anteil der E-Learning-Nutzer bei 55 Prozent, Großunternehmen kommen auf 66 Prozent (MMB-Institut und Haufe Akademie, 2014). Für die Erwachsenen- und Weiterbildung fehlt es noch an belastbaren Daten. Der „Monitor Digitale Bildung“ der Bertelsmann Stiftung möchte zukünftig allerdings repräsentative empirische Daten für das Angebot und die Nutzung digitaler Medien von der Schule über die Ausbildung bis zu Hochschule und Weiterbildung anbieten. In der ersten Ausgabe (2016) zur beruflichen Ausbildung sehen die Autoren eher eine „verhaltene Modernisierung“; durchgreifende Innovationen scheiterten vielfach sowohl an den notwendigen Ressourcen als auch an den Kompetenzen der Lehrkräfte, die digitalen Medien zumeist nüchterner gegenüberstehen als ihre Schülerinnen und Schüler.

Zahlreiche Beispiele für eine „verhaltene Modernisierung“ wurden auch auf dem Deutschen Volkshochschultag 2016 präsentiert, den der Deutsche Volkshochschulverband (DVV) unter das Motto „Digitale Teilhabe für alle“ gestellt hatte. Hier wurden vor allem „erweiterte Lernwelten“ gezeigt, die präsenzförmige mit online-gestützten Angeboten verknüpfen. Vorgestellt wurden Beispiele für den Spracherwerb von Migrantinnen und Migranten, wie das DVV-Lernportal „Ich will Deutsch lernen“ sowie eine Sprachlern-App „Einstieg Deutsch“ mit dem Lernen in Kursen kombiniert werden kann, um das Hör- und Leseverständnis, aber auch das Sprechen und Schreiben zu fördern.

Nutzung digitaler Medien erfordert eine angepasste Didaktik

Wie also lassen sich die unübersehbaren Potenziale digitaler Medien für die Bildung Erwachsener zukünftig noch stärker nutzen als bisher? Als Erstes lässt sich erkennen, dass die Potenziale digitaler Medien nicht hinreichend ausgeschöpft werden, wenn das Nachdenken über ihre Nutzung an eine bloße Fortführung bewährter pädagogischer Konzepte gebunden bleibt. Dann wird die Bibliothek durch ein Content-Management-System ersetzt, das Buch durch eine PDF-Datei, Vorträge durch MOOCs, das Seminar durch einen virtuellen Klassenraum, die Tafel durch ein interaktives Whiteboard usw. Die gemeinsame

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Die fünf W-Fragen
Es ist richtig und wichtig, wenn Pädagoginnen und Pädagogen auch beim Nachdenken über digitale Medien auf den "alten" Fragen der Didaktik beharren: Wer soll was, wie, warum und wozu lernen?

Wissenskonstruktion durch Lehrende und Lernende, das adaptive und personalisierte Lernen nicht nur für Lerngruppen, sondern für jeden Teilnehmenden, die Simulation sozialer Prozesse und ihrer Steuerung geraten dann nicht in den Blick. Es ist richtig und wichtig, wenn Pädagoginnen und Pädagogen auch beim Nachdenken über digitale Medien auf den „alten“ Fragen der Didaktik beharren: Wer soll was, wie, warum und wozu lernen? Aber diese Fragen können heute nur noch angemessen beantwortet werden, wenn sie auf einem soliden Wissen über die Möglichkeiten digitaler Informationsumwelten beruhen. Insbesondere gilt es darüber nachzudenken, welche neuen Formen der Arbeitsteilung zwischen dem „Wissen in den Köpfen“ und dem „Wissen in der Technologie“ in der Lebens- und Arbeitswelt sich heute abzeichnen und wie Erwachsene darauf angemessen vorbereitet werden können. Wie verändern digitale Medien den produktiven und rezeptiven Umgang mit „fremden“ Sprachen, wie die politische Teilhabe, wie die kulturelle Partizipation usw.?

Zweitens wird deutlich, dass die bisherige Diskussion über die Nutzung digitaler Medien für Lern- und Bildungsprozesse immer noch stark technisch geprägt und auf Infrastrukturen („WLAN für alle“), auf Hard- und Software fixiert ist. Eine solche Fokussierung verleitet Förderer und Akteure dazu, ihre Modernisierungsfähigkeit allein durch den Aufbau digitaler Infrastrukturen zu dokumentieren. Darüber wird dann oft vergessen, dass die Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort das Nadelöhr jeder Bildungsreform sind, ohne deren begleitende Fortbildung und Beratung didaktische Innovationen nicht durchdringen.

Digitale Strategien sollten auf Nachhaltigkeit setzen

Ob wir eine digitale Revolution erleben oder „nur“ erkennbare Fortschritte dabei, dass, wenn schon nicht alle, so doch mehr Menschen lernen können, was sie lernen wollen oder sollen, um ihre Anlagen zu entwickeln, sich in die Gesellschaft zu integrieren oder am Erwerbsleben teilhaben zu können — um also in diesem Sinne „gebildet“ zu werden — hängt von vielen institutionellen und personalen Bedingungen ab. Nicht zuletzt wird es von Bedeutung sein, ob es der nationalen und internationalen Politik gelingt, digitale Strategien zu entwickeln, die nicht nur Modellprojekte („Lasst tausend Blumen blühen“) fördern, die zwar viel Akzeptanz bei den Geförderten finden, deren Wirkungen allerdings oft mit dem Ende der Projektförderung schwinden. Notwendig sind vielmehr auch ausgewählte „Leuchtturmprojekte“, die den Aufbau von Infrastrukturen mit der Qualifizierung des Personals verbinden und die Verknüpfung von Forschung, Entwicklung und Implementation von Beginn an mitdenken. Das Lehren und Lernen fremder Sprachen, nicht nur für Migrantinnen und Migranten oder für Geflüchtete und Vertriebene, scheint mir nur eines von mehreren geeigneten Handlungsfeldern für solche herausgehobenen Projekte.

„Erwachsenenbildung 4.0“ mag ein geeigneter Begriff sein, die öffentliche und politische Aufmerksamkeit auf den Einsatz digitaler Medien für Lern- und Bildungsprozesse Erwachsener zu lenken. Eine aussichtsreiche bildungspolitische und bildungspraktische Strategie erfordert darüber hinaus Weitsicht, Mut und Ausdauer, um nicht nur über digitale Bildung nachzudenken, sondern auch darüber, wie digitale Medien die Bildung Erwachsener unterstützen können.

Prof. Dr. Josef Schrader ist seit 2012 Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. in Bonn und seit Juli 2003 Professor für Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

 

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1 - 1 von 1 anzeigen
  • Bild des Benutzers Claudio Laferla

    I read with interest this article, and would like to comment about one particular aspect, mentioned in the first paragraph regarding the MOOC vs education.

    Coming to the notch of my views is the following: Why is it that the MOOC revolution has not taken place? - or that it 'will probably' not take place?

    I think that in the educational world, we are still too much obsessed with the fact that, a person is defined by his certificates, implying that, s/he is able because his/her learning has been accredited. Should people be defined by such a 'standard', even if 'Eras' come and go...change?

    Furthermore, why a MOOC certificate is not acceptable whilst a university certificate is? Doesn't this boil down to a differentiation in 'people's' expertise segregation? Why is it that knowledge is still understood as those of the 'academia' who are the 'gurus', and from whom everything else commences and is regularised?

    I have perosnally attended online MOOC courses. What I noticed is that, not only the content is very rich but it is also very practical. This led me to immediately implement and experiment the the newly acquired knowledge. Isn't this the best learning method...namely, implementation? And consequently acquiring more information and becoming more knowledgeable?

    I think that in the same manner that people have decided to make universities, we should also accredit MOOCs platforms in order to facilitate learning across the world. Consequently, the question calls for a new approach to certification for specific skills a person might achieve. This is the manner in which the skills-gap is possibly reduced and employability may flourish.