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Blog

Digitale Bildungsrevolution? Ein Plädoyer für die Gestaltung des digitalen Wandels

20/02/2017
by Christian BERNHARD
Sprache: DE
Document available also in: EN ES

Autor: Prof. Dr. Michael Kerres, Learning Lab der Universität Duisburg-Essen

Seit Jahren heißt es, die digitale Bildungsrevolution stünde kurz vor dem Durchbruch. Die Mediendidaktik verweist auf das Potenzial für ein „anderes“, nicht unbedingt  besseres Lernen.  

Regelmässig hören wir, die digitalen Medien würden das Lernen und das Lehren der Zukunft wesentlich verändern. Tatsächlich gibt es schon heute viele digitale Bildungsangebote in den verschiedenen Bildungssektoren, auch in Kombination mit traditionellen Formaten. Wir können sagen, dass sie sich an vielen Orten bereits etabliert haben. Doch in der dabei vielfach genutzten Rede von der „Wirkung“ digitaler Medien auf die Bildung verbirgt sich ein bestimmtes Verständnis der Medien, das von der mediendidaktischen Forschung immer wieder kritisiert worden ist und das uns in die Irre führen kann.

Denn es stellt sich die Frage: „Bewirkt“ die digitale Technik tatsächlich eine Veränderung sozialer Praxen in der Bildung? Führt die digitale Technik zu motivierten Schülerinnen und Schülern, zu besseren Lernleistungen und neuen Lehr-Lern-Arrangements? Zu bedenken ist: Die digitale Technik führt gerade nicht unweigerlich zu dieser oder jener – positiven oder negativen - Veränderungen in der Bildung. Ein solcher Technikdeterminismus würde verkennen, dass es auf die Akteure ankommt, um Veränderungen in der Bildungsarbeit und einen Wandel in der Lernkultur herbeizuführen.

Auf der Grundlage vorliegender Erfahrungen erscheint es sogar eher plausibel, dass digitalen Medien oder Werkzeuge in einem Klassenraum zunächst keinen Effekt darauf haben, wie der Unterricht von Lehrpersonen organisiert und gestaltet wird. Ebenfalls können wir davon ausgehen, dass die Medien auch keinen direkten Effekt auf die Lernintensität oder den Lernerfolg haben. Diese ernüchternde Feststellung lässt sich aus den vielen vorliegenden, wissenschaftlichen Studien zu den jeweils „neuen“ digitalen Medien der letzten Jahrzehnte ableiten. Wir müssen feststellen: Digitale Medien machen das Lehren und Lernen nicht a priori besser.

Angesichts der überwältigenden Zahl der vorliegenden Einzelstudien zu Effekten der digitalen Medien auf das Lernen, die in den letzten drei Jahrzehnten hierzu durchgeführt worden sind, werden heute Meta-Analysen herangezogen, die auf der Grundlage statistischer Verfahren die vielen Studienergebnisse aggregieren. Mittlerweile liegen bereits Meta-Metaanalysen solcher Auswertungen vor. Sie zeigen seit der ersten Meta-Analyse des Ehepaars Kulik aus dem Jahr 1980 erstaunlich beständig − und damit ganz unabhängig von der technologischen Entwicklung −- einen vergleichsweise kleinen Effekt des Einsatzes digitaler Medien auf Lernerfolge.

Das Potenzial neuer Lehr- und Lernarrangements

Wenn die Medien auch nicht zu „besseren“ Lernergebnissen führen, so haben sie aus mediendidaktischer Sicht das Potenzial, Lehr- und Lernprozesse anders zu gestalten und zu organisieren. Dieses Potenzial zur Transformation von Bildungsarbeit ist nicht zu unterschätzen und verweist auf die Verantwortung der Stakeholder in der Bildungsarbeit: Mediengestützte Lernarrangements können die Selbststeuerung beim Lernen unterstützen; sie können kooperative Lernszenarien wesentlich befördern und Lernangebote flexibel organisieren, um der Vielfalt der Lernenden entgegen zu kommen. Mediengestützte Lernarrangements stärken handlungs- und problemorientierte didaktische Methoden, indem authentische Materialien eingebunden werden und Lernprozesse in der (inter-)aktiven Auseinandersetzung mit medial präsentierten Inhalten und in der Produktion – etwa in Projektarbeiten oder bei der kooperativen Bearbeitung von Fällen angeregt werden. Ein solches „anderes Lernen“ ist im Übrigen auch mit anderen Lernergebnissen verbunden: Wir erhoffen uns von dem Einsatz der digitalen Medien in solchen Lernarrangements nicht einfach einen (eben eher selten eintretenden) höheren Lernerfolg, sie unterstützen „andere Lernziele“ – jenseits der (in den meisten Studien fokussierten) Behaltensleistung, sie befördern etwa Problemlösefertigkeiten, Lerntransfer oder Selbstlernkompetenz und Teamfähigkeiten.

 

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Brainstorming im Team

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Junger Mann mit Tablet auf einer Wiese
 Mit digitalen Medien Lernen neu organisieren: Im Arbeitsprozess und über Distanzen hinweg.
 

Die Wirkung und Wirksamkeit digitaler Medien in der Bildung liegt also nicht in den Medien bzw. der Medientechnik selbst; die Wirkungszusammenhänge und Interdependenzen zwischen den Medien und dem Lernen sind deutlich komplexer. Letztlich hängt es von der Aufbereitung und der Ausgestaltung der Medien in ihrer jeweiligen Umsetzung in einem Bildungskontext ab, ob sich bestimmte Erwartungen, die mit den Medien verbunden sind, einlösen lassen. Damit rücken die Potenziale von Medien in den Mittelpunkt, Lernprozesse gezielt zu intensivieren und Lernergebnisse über ein besseres student engagement anzuregen. Die mediendidaktische Forschung geht deswegen zunehmend der Frage nach, wann und wie eine solche Aktivierung mit digitalen Medien und im Internet gelingen kann.

Das Internet als sozialer Lernraum

Das Internet entwickelt sich zunehmend zu einem Raum, der ganz selbstverständlich für Lernzwecke genutzt wird, nicht unbedingt als Ersatz für traditionelle Räume des Lernens face-to-face in Schulungen und Lehrgängen, aber in Kombination und Erweiterung traditioneller Angebote. Das betrifft einerseits das formelle (auch non-formale) Lernen im Rahmen von organisierten Lernangeboten, zusehends aber auch das informelle Lernen, das beiläufig (intentional oder nicht-intentional) am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder an anderen Orten stattfindet, und zusehends in den Blick der Weiterbildungsdiskussion gerät.

Dabei hat sich der Blick auf das Internet maßgeblich geändert: Betrachtete man das Internet zunächst vor allem als einen Ort, um Inhalte für das Lernen bereitzustellen, rückt heute immer mehr die Bedeutung des Internets als sozialer Ort in den Mittelpunkt der Diskussion: Im Internet können Menschen sich austauschen, Beziehungen knüpfen und Wissen mit Anderen teilen. Sie tun dies teilweise mit großer Anteilnahme und großem Engagement, etwa in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Die in diesen Zusammenhängen zu beobachtende Bereitschaft von mindestens einem Teil der Nutzenden, ihr Wissen mit Anderen im Netz zu teilen, haben die Chancen des informellen Lernens auf solchen Plattformen deutlich gemacht: ein Lernen im Austausch von peer to peer, das beiläufig stattfindet, ohne dass die Beteiligten dies als Lernaktivität beschreiben würden.

In organisierten Online-Kursen und Lehrveranstaltungen kann Lernen ebenfalls als sozialer Prozess des Austauschs gestaltet werden, sei es von Seiten der ehrenden Instanz intendiert oder in der beiläufigen Kommunikation der Teilnehmenden über das Netz. Interessant ist dabei die Frage, inwieweit die Ansätze des Wissensaustauschs auf Online-Plattformen auch für Online-Kurse nutzbar gemacht werden können, um die positiven Wirkungen des sozialen Lernens einzulösen.

Change-Prozess muss viele Akteure einbeziehen

Der Blick wendet sich: Es ist nicht die Technik, die Bildung verändert, sondern Menschen können Bildung verändern – mit digitaler Technik als wirksamen Mittel, das uns hilft, bestimmte Szenarien besser umzusetzen. Wie bereits angedeutet: Es geht um Szenarien des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien, bei denen eine Lernkultur verfolgt wird, die das selbstgesteuerte genauso wie das kooperative Lernen oder das problembasierte Lernen mit vielfältigen Materialien in den Mittelpunkt stellt.

Aus vielen Projekten der letzten Jahre wissen wir auch, dass sich ein solcher Wandel von Lernkultur oftmals nur schwer einlösen lässt. Er kann in der Praxis an vielen Hürden und Hemmnissen scheitern, nicht zuletzt weil Lehren und Lernen in unseren Biografien und Bildungsinstitutionen tief verankerte Wesensmerkmale sind. Die skizzierte „digitale Transformation“ der Bildung scheitert jedoch zuverlässig, wenn davon ausgegangen wird, dass dieser Wandel bereits durch Einsatz von digitaler Technik selbst bewirkt werden wird. Wenn Formen des Lernens eingeführt werden sollen, die eine andere Lernkultur beinhalten, dann ist dies als umfassenderer Change-Prozess zu verstehen, der viele Akteure im Feld einbeziehen muss und den wir als gemeinsamen Lernprozess der Akteure reflektiert gestalten sollten.

Prof. Dr. Michael Kerres ist Inhaber des Lehrstuhls Mediendidaktik und Wissensmanagement und Leiter des Learning Lab an der Universität Duisburg-Essen. In den frühen 90er Jahren entwickelte er zusammen mit Kollegen das Studienprogramm Medieninformatik, das zum ersten Mal in Deutschland angeboten wurde. Die Gruppe folgte im Jahr 2001 dem Ruf an die Universität Duisburg-Essen und baute dort das Learning Lab mit den Online-Studienangeboten „Educational Media“ and „Educational Leadership“ auf.

 

 

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