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Erfolgskonzepte der Freiwilligen- und freien Bildungsarbeit im holländischen Lelystad

16/01/2019
by Linda JUNTUNEN
Sprache: DE
Document available also in: FI EN SV FR IT NL PL ES PT

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Im Oktober 2018 hatte ich im Rahmen des Mobilitätsprojekts Erasmus+ die Gelegenheit zu einem einwöchigen sogenannten „Job Shadowing“ in Holland, das meine Erwartungen in jeder Hinsicht erfüllte. Von der Reise brachte ich umfassendes Wissen über Hintergrundfaktoren, Methoden und Beurteilung ehrenamtlicher Arbeit mit und lernte viel über Motivierung von Freiwilligen, integrative Entscheidungsfindung und Wirksamkeitsmessung.

Es war mir ein Vergnügen, in das Land zurückzukehren, in dem ich vor einigen Jahren studiert hatte. In dieser Woche drehte sich alles um Ehrenämter und freie Bildungsarbeit. Zu Gast war ich in erster Linie bei Welzijn Lelystad (Wohlfahrt Lelystad), der Koordinationsstelle für städtische Wohlfahrt-, Integrations- und Kulturdienste sowie für die Organisations- und Freiwilligenarbeit in der Region. Die Angestellten und ehrenamtlichen Mitglieder von Welzijn Lelystad organisierten für mich ein abwechslungsreiches Programm. Ich durfte diverse Formen der ehrenamtlichen Arbeit beobachten und erhielt Gelegenheit zu Gespräche mit freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Fahrten zwischen den Standorten erfolgten auf holländische Art mit dem Fahrrad, in meinem Fall einem hübschen rosafarbenen mit dem Logo von Welzijn Lelystad.

Im Laufe der Woche stellte ich viele schwierige Fragen, denn ich wollte dem auch für Außenstehende klar erkennbaren Erfolg der Freiwilligenarbeit von Welzijn Lelystad in Bezug auf Wohlfahrt, Kompetenz und Gemeinsinn aller Beteiligten umfassend auf den Grund gehen.

Integration durch ehrenamtliche Tätigkeit

Als erstes durfte ich die Arbeit einer Gruppe von ImmigrantInnen beobachten, die in Zusammenarbeit mit Welzijn Lelystad, der FlevoMeer-Bücherei und dem holländischen Asylbewerberrat den Erhalt der holländischen Staatsbürgerschaft anstreben. Hauptcharakteristika der Gruppenarbeit sind Beteiligung, Fortbildung und Integration.

Die Teilnahme an den Aktivitäten der Gruppe kann einmalig oder dauerhaft sein, teils bis zu einem Jahr. Sie trifft sich monatlich in der Bücherei und besucht städtische Einrichtungen, um die Teilnehmenden mit gesellschaftlichen Institutionen vertraut zu machen.

Ein weiteres Ziel ist die Vermittlung holländischer Werte und Sitten und die erklärende Vorbereitung auf Herausforderungen und Überraschungen des Alltags. Ich durfte zusehen, wie die Teilnehmenden einen Test über die durchgenommenen Themen schrieben und eine Erklärung unterzeichneten, in der sie sich zur Befolgung der Werte der holländischen Gesellschaft verpflichteten. Abschließend erhielten sie ein Zeugnis, das einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Erlangung der holländischen Staatsbürgerschaft bedeutet.  

Nahtlose Zusammenarbeit von Angestellten und Ehrenamtlichen

Die bedeutende Rolle der Ehrenamtlichen und ihre nahtlose Zusammenarbeit mit den Festangestellten kamen schon an meinem ersten Besuchsziel zur Sprache. Sie bildete den Ausgangspunkt für meine Fragestellung – wie gelingt dies so gut? Der erste die freiwillige Arbeit begünstigende Umstand ist die Häufigkeit verkürzter Wochenarbeitszeiten in Holland. Es ist völlig normal, nur an vier Tagen pro Woche zu arbeiten und sich einen Tag beispielsweise für ehrenamtliche Tätigkeiten freizuhalten. 

An einem Nachmittag war ich Gast eines von Welzijn Lelystad, der Bücherei und dem Huis voor Taal (Haus der Sprache) veranstalteten Sprachlernprojekts, dessen nach Grad der Niederländischkenntnisse unterteilte Gruppen von Freiwilligen geleitet wurden. Interessierte konnten nach dem „Step in“-Prinzip informell hinzukommen und sich z. B. beim Ausfüllen von Formularen helfen lassen.

Ich hörte zuerst einer Diskussionsgruppe zu, deren Teilnehmende zu Beginn jeweils ein aktuelles Thema referierten, bevor neu gelernte holländische Wörter mit Hilfe von Rollenspielen und ähnlichen Methoden geübt wurden. Besonders beeindruckte mich die Begeisterung der Gruppenleiterin. Sie berichtete von der Unterstützung, die sie für die Anwendung spielerischer Methoden in der Sprachvermittlung erhalten hatte, und verwies stolz auf zwei große Koffer voller Spiele und Gruppenarbeitsmaterialien.

Innerhalb der Organisation ist diese Leiterin für ihre vielseitige Fachkompetenz bekannt. Dass sie freiwillig arbeitet, empfindet sie als nichts Besonderes, zumal in der Praxis kein klarer Unterschied zwischen Ehrenamtlichen und Angestellten herrscht. Dies zeigt sich schon daran, dass freiwillige ebenso wie bezahlte MitarbeiterInnen persönliche, mit Passbild versehene Zugangsausweise erhalten. Honoriert wird das Ehrenamt mit einem kostenlosen Büchereiausweis und einer kleinen Geldsumme für Gruppenaktivitäten.

Auch ich nahm an einer Konversationsgruppe teil – in der Rolle einer neuzugezogenen Finnin, die noch kein Niederländisch konnte. Das war anfangs schwierig, aber die anwesenden Schülerinnen, die sich auf ihr anstehendes Praktikum im Huis voor Taal vorbereiteten, zeichneten Bildchen für mich, die mir beim Erlernen der ersten Wörter halfen. Diese Mädchen werden sicher ebenfalls bald engagierte Freiwillige – jedenfalls wissen sie schon jetzt, dass sie künftig ImmigrantInnen helfen möchten.

Mit freiwilligen Kräften gegen gesellschaftliche Ausgrenzung

Ein Teil der breit gefächerten Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Organisationen in Lelystad besteht in der Ermutigung von Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, zur Teilnahme an freiwilligen Aktivitäten im Rahmen ihrer Kräfte. Ich machte mich mit der Tätigkeit von KWINTES vertraut, einer Organisation, die einen Treffpunkt und ehrenamtliche Tätigkeiten als Psychotherapiebegleitung bieten. Es gibt die Möglichkeit, in der Küche mitzuhelfen (was dem Zentrum das Angebot preisgünstiger Mittagsgerichte ermöglicht), einen Flohmarkt, Keramik- und Kunsthandwerkstätten sowie Herstellung und Verkauf von Druckerzeugnissen. Wir besuchten auch das Recyclingzentrum De Groene Sluis. Dieses wird fast komplett von Freiwilligen betrieben, die auch jedes Jahr entscheiden, welchem guten Zweck die erwirtschafteten Erträge gespendet werden. Die Stärken dieser Organisationen sind niederschwellige Angebote sowie Beteiligungsmöglichkeiten und Gemeinschaft in den Vorstädten. 

Das IDO-Zentrum wird von den Kirchengemeinden Lelystads betrieben und bietet einen Gemeinschaftsraum und die Möglichkeit zur freiwilligen Mitarbeit z. B. bei der Zubereitung der mittags für zwei Euro angebotenen Mahlzeiten. Hinzu kommen ein Flohmarkt sowie Beratung in Problemsituationen.

Vielleicht die berührendste Begegnung meiner Reise war das Gespräch mit dem neuen freiwilligen Mitarbeiter des IDO-Zentrums, einem ehemaligen Schaffner, und seiner ebenfalls ehrenamtlich arbeitenden Mentorin, einer ehemaligen Bankangestellten. Der neue Mitarbeiter hatte seinen Beruf vor mehr als zehn Jahren wegen psychischer Probleme aufgeben müssen. Jahrelang verbrachte er seine Zeit mit Computerspielen, hatte keinen regelmäßigen Tagesrhythmus und Angst davor, neue Bekanntschaften zu schließen oder auch nur das Haus zu verlassen.

Welzijn Lelystad vermittelte ihm eine Mentorin, die ihn zur ehrenamtlichen Arbeit ermutigte und darin weiterhin unterstützt. Heute arbeitet der einstige Bahnangestellte drei Stunden pro Woche ehrenamtlich an der Rezeption des IDO-Zentrums. Mehr lässt seine Kondition derzeit noch nicht zu, aber er hofft, in Zukunft auch längere Schichten übernehmen zu können. Die Tätigkeit hilft ihm dabei, seine sozialen Fähigkeiten zu trainieren und sich in sicherer Umgebung mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen. Im Gespräch gestand er mir, dass er unser Treffen fast noch abgesagt hätte, zumal er seit zehn Jahren keine ähnliche Situation mehr erlebt hatte. Aber er lächelte dabei fröhlich, sprach trotz seiner Anspannung fließendes Englisch und analysierte offen seine eigene Situation und das Mentorat. Nach eigener Aussage tat es ihm gut, über seine Krankheit, das Verhältnis zu seiner Mentorin und sein Ehrenamt zu sprechen, und er zeigte großes Interesse an meinen Handyfotos aus Finnland. Es ist ihm zu wünschen, dass er von der Mentorbeziehung profitiert und durch seine freiwillige Tätigkeit wieder aktiven Anschluss an die Gesellschaft findet.

Der Kern erfolgreicher Freiwilligenarbeit

Laut der Geschäftsführerin von Welzijn Lelystad und der Leiterin des Bereichs Wohlfahrt gliedern sich das erfolgreiche Ehrenämterkonzept und die organisationsübergreifende Zusammenarbeit in vier Teilbereiche: Aufwachsen in Lelystad, lebenslanges Lernen, gegenseitige Fürsorge und lebendige Nachbarschaft.

Auf dieser Grundlage bilden die Beschäftigten und Freiwilligen der Organisation, andere Vereinigungen und die Angestellten der Gemeinde ein Netzwerk zur gemeinsamen Verwirklichung des Ziels, allen EinwohnerInnen von Lelystad solange wie möglich die aktive Mitwirkung in der Gesellschaft zu ermöglichen. Jeder Mensch hat Fähigkeiten, Kenntnisse und Wissen, die anderen und der ganzen Gemeinschaft von Nutzen sein können.

Die Organisation unterhält ein umfassendes Freiwilligenregister, in dem sich alle an ehrenamtlicher Tätigkeit interessierten Personen registrieren lassen können. Ehrenamtliche Arbeit ist für die Stadt so bedeutend, dass mit jedem/jeder Freiwilligen ein individueller Vertrag über Form und Umfang der Tätigkeit abgeschlossen wird. Darüber hinaus werden alle Freiwilligen jährlich zu einem persönlichen Entwicklungsgespräch eingeladen und bilden einen Rat, der sich auch an der Beurteilung der Festangestellten und der Gesamtorganisation beteiligt. Mittels des sog. soziokratischen Verfahrens beteiligen sie sich darüber hinaus an der teilhabe- und konsensusbasierten Entscheidungsfindung der einzelnen Verwaltungsbereiche. Dieses Verfahren findet auf allen Organisationsebenen Anwendung. Es hat sich gezeigt, dass diese Beteiligung die Bindung und Zufriedenheit der Freiwilligen bezüglich des Ehrenamtes erhöht und sich positiv auf Qualität und Kontinuität der Tätigkeiten auswirkt.

Motivation durch positive Atmosphäre, Hilfsmöglichkeit und Lernchancen

Bei meinem Besuch hatte ich auch die Gelegenheit zum Kennenlernen der EDOS Foundation, einer Partnerorganisation von Sivis im Projekt Improving Validation in the Voluntary Field. Wir diskutierten angeregt über die Erkennung und Anerkennung der Kompetenz von Freiwilligen, über gute Arbeitspraktiken und die Ausbildung der EDOS-Mitglieder, die mir zudem nützliche Materialtipps gaben.

Des Weiteren erhielt ich Einblicke in die Arbeit von STIP Oud-West, einem fast ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis operierenden niederschwelligen Nachbarschaftszentrum, das den Anwohnern ohne Voranmeldung offen steht und Rat und Hilfe in allen Lebenslagen bietet. Häufig wird um Hilfe beim Verstehen und Ausfüllen von Formularen gebeten, aber bei Bedarf werden auch Notunterkünfte organisiert oder in Unterhaltsfragen vermittelt. Der eine sucht einen Freund, die andere braucht Rechtsbeistand, als nächstes ist vielleicht Hilfe beim Einkauf, der Kindererziehung oder in Gesundheitsangelegenheiten gefragt.

In sämtlichen Fällen hören die Freiwilligen zu, geben nach Möglichkeit direkten Rat oder aber vermitteln in schwierigeren Fällen professionelle Hilfe durch kooperierende Organisationen. Mehrmals in der Woche stehen Fachkräfte aus Kinderklinik, Arbeits- und Sozialamt zur Verfügung.

Die ehrenamtliche Mitarbeit ist beliebt, da das STIP gut organisiert ist, die Aufgaben klar definiert sind und zweckgerechte Schulungen geboten werden. Der Einsatz erfolgt paarweise, wobei Neulinge stets mit erfahrenen Kräften zusammenarbeiten. Auf meine Frage nach ihrer Motivation nannten die Freiwilligen die offene, unterstützende Atmosphäre des Zentrums sowie die Möglichkeit zu helfen und dabei selbst mehr über Alltagsprobleme und deren Lösung zu lernen und nicht zuletzt die eigene Sozialkompetenz zu entwickeln.   

Mit jedem Tag lernte ich die Arbeit Welzijn Lelystad besser kennen und schätzen. Meinen Besuchen wurde viel Zeit und Mühe gewidmet und ich lernte viele für meine berufliche Zukunft nützliche Dinge.

 

Annika Tahvanainen-Jaatinen

Studienzentrum Sivis

Dieser Blogtext erschien im Rahmen einer ursprünglich englischsprachigen Artikelserie über Lernerfahrungen im Bereich der Erwachsenenbildung im gesamteuropäischen Kontext. Der Titel unseres ERASMUS+/KA1-Projekts lautet „European Educational Know-how Supporting Civil Society”.

 

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Das finnische EPALE-Team organisierte im Dezember 2018 eine Artikelkampagne rund um die ehrenamtliche Arbeit. Als beste Darstellung des Themas wurde der folgende Blogtext gewählt.

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  • Bild des Benutzers Anna Kirstinä
    Onnittelut hienosta tunnustuksesta! :) Tämä kirjoitus on todella hyvä ja mielenkiintoinen pohdinta vapaaehtoistyöstä.