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Blog

100 Jahre Volkshochschulen: Demokratie braucht Bildung. Mehr denn je?

17/04/2019
by Heike Kölln-Prisner
Sprache: DE
Document available also in: EN

Lesedauer circa 5 Minuten – Lesen, Liken und Kommentieren!


100 Jahre Bildung: was hat das der Demokratie gebracht?

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100 Jahre VHS Blogbeitrag auf EPALE
Wie auf Fachtagungen üblich, waren mehrere ausgewiesene Expertinnen und Experten eingeladen, dieses Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Demokratie braucht Bildung! Aber welche?

Bildungssenator Ties Rabe legte das Fundament, indem er (bezogen auf alle Bildungsbereiche) verdeutlichte, dass Bildung eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Demokratie sei. (schöne Formulierung aus der Mathematik!). Sowohl historisch als auch aktuell ließen sich, so Rabe, Gegenbeispiele finden, die eine lineare Bedingtheit ausschließen. Und: die Gegenfrage, ob denn Bildung Demokratie brauche, müsse genauso beantwortet werden. Aus seiner Sicht muss Bildung mindestens 3 Voraussetzungen erfüllen, wenn sie antidemokratischen Tendenzen entgegen wirken will:

  1. Bildung muss sich an alle wenden
  2. Bildung muss emanzipieren, da ist vor allem die Gestaltung von Bildungsprozessen in den Blick zu nehmen
  3. Bildung muss dazu beitragen, dass Meinungsbildung auf Fakten basiert und begründet, also rational ist

Hohe Ansprüche, die aber auch für die Erwachsenenbildung gelten müssen, obwohl sie (meist) freiwillig und sogar gegen Bezahlung wahrgenommen wird.

Digitalisierung und Datafizierung als Bedrohung für die Demokratie

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100 Jahre Volkshochschule Frau Prof. Caja Thimm
Prof. Caja Thimm (Universität Bonn) machte den nächsten Aufschlag und veranschaulichte deutlich, welche Gefährdungen für die Demokratie durch digitale Entwicklungen entstehen: von der überprüften Übernahme von „Fakten“, die in Sozialen Medien gepostet werden über den gleichzeitigen Rückgang der Wahrnehmung von seriösen Zeitungen und Fernsehsendern bis hin zu absichtlichen Fake News, die politisch motiviert eingesetzt werden.

Besonders drastisch zeigte sie Manipulierbarkeit der Wahrnehmung am Beispiel der Veränderung der Mimik von Sprechenden auf: durch eine bestimmte Software kann eine Person in der Öffentlichkeit so gezeigt werden, dass ihre Mimik das Gesprochene lächerlich macht oder ad absurdum führt, und damit würde diese Person diffamiert. Ein solches Video wäre aber komplett „gefakt“, sowohl was die Stimme und den Inhalt als auch was die Mimik betrifft. Wie will man angesichts dieser Technik den Wahrheitsgehalt eines Beitrags überprüfen?

Hier sieht sie damit auch die größte Bedeutung von Bildung: aufklärerisch sein, zum kritischen Sehen und Denken anhalten, einen Gegenpol bilden zu schneller Meinungsmache. Dabei mahnt sie (wie interessant!) auch an, dass die Wissenschaft zukünftig verstärkt mit Einrichtungen der Erwachsenenbildung, besonders den Volkshochschulen, zusammenarbeiten sollte.

Wie lernt man Demokratie?

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100 Jahre VHS Michel Abdollahi, Journalist und Conferencier
Als nächstes kam Michel Abdollahi, Journalist und Conferenciér, so eine Bezeichnung verspricht schon Spannendes: Und das Publikum wurde nicht enttäuscht. „Wie lernt man Demokratie“ war der Titel, und Abdollahi machte gleich zu Anfang klar, dass er keine Antwort darauf hat. (Wenn er sie hätte, so seine Aussage, müssten wir alle nicht in dieser Fachtagung sitzen, sondern wären schon damit beschäftigt, diese Ideen in die Tat umzusetzen).

Stattdessen hielt er der Demokratie den Spiegel vor: er beschrieb Vorkommnisse, bei denen besonders Menschen mit Migrationserfahrung bedroht, beleidigt, verfolgt wurden, wie zum Beispiel die türkischstämmige Anwältin Seda Basay-Yildiz,. Der Rechtsstaat schaute zu, schlimmer noch, Vertreter/innen eben dieses Rechtsstaates sind mutmaßlich die Hauptakteure, und es geschieht: nichts.

Auch er stellte fest, dass Bildung ein wichtiger Faktor in der demokratischen Bildung ist, aber wahrlich kein Garant. Beweis: die demokratiefeindliche Partei AfD ist eine Partei der Besserverdienenden und Akademiker und Akademikerinnen.

Volkshochschulen müssen auch nach innen Demokratie leben!

Ernst Dieter Rossmann, Bundestagsabgeordneter für die SPD und Vorsitzender des Deutschen Volkshochschulverbands, schloss die Reihe der Redner*innen ab. Mit hohem Engagement hat er sich in den vergangenen Jahrzehnten für Bildung eingesetzt, besonders für die Erwachsenenbildung. Dabei liegen ihm schwer erreichbare Zielgruppen immer besonders am Herzen: sein Einsatz für Lernende aus dem Bereich der Alphabetisierung ist vorbildlich.

Seine Aufforderung, auch in die Einrichtungen selbst kritisch hineinzuleuchten, um festzustellen, ob denn die Volkshochschulen selbst Demokratie nicht nur lehren, sondern auch leben, zum Beispiel durch Teilnehmendenvertretungen oder andere Beteiligungsformate, machte den Anwesenden bewusst, dass man bei sich selbst anfangen muss. Wie verträgt sich dieser Gedanke, Teilnehmende als Gestaltende des Bildungsprozesses zu betrachten (und zwar in allen Aspekten, von der Programmentwicklung bis zur Durchführung), mit der Vorstellung, dass auch Volkshochschulen am Markt agieren müssen und daher „Kunden“-bindung und –pflege betreiben müssen? Hier setzte Rossmann klare Prioritäten. Für ihn ist die Werteorientierung der Bildung wichtigste Bedingung.

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100 Jahre VHS Demokratie
In der anschließenden Podiumsdiskussion, die noch um Marlene Schnoor, die Geschäftsleitung der Hamburger Volkshochschule, bereichert wurde, zeigte sich deutlich, dass die Aufgabe der Volkshochschulen, zur Demokratie zu bilden, keine ist, die sich nur auf Angebote der politischen Bildung beschränkt (aber natürlich auf diese auch!): die Gefahren für Demokratie, ob sie durch digitale „Entgleisungen“ oder durch populistische Vereinfacher (oder sogar beides zusammen) entstehen, müssen in allen Angeboten und auch im Auftreten eine Bildungseinrichtung erkannt und werden und aktiv bekämpft werden. Beim zentralen Festakt der Volkshochschulen, der am 13.2.2019 in Frankfurt (in der Paulskirche) stattfand, wurde dies eindrücklich vom Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, beschrieben. Nachzulesen ist dies. Keine leichte Aufgabe, aber eine, der man nicht aus dem Weg gehen kann!

Fazit: Bildungseinrichtungen müssen sich tatkräftig darum bemühen, demokratische Werte und demokratisches Handeln (wieder?) zu einem hohen Bildungsgut zu machen, denn ihre Legitimation ist hier gefragt. Sonst besteht die Gefahr, dass sie eines Tages aufwachen und sich wiederfinden in einer Gesellschaft, in der sie instrumentalisiert werden für antidemokratische Bestrebungen.

Das müssen sich alle Bildungsanbieter auf die Tagesordnung schreiben!

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Über die Autorin: Heike Kölln-Prisner ist seit 1986 in der Erwachsenenbildung tätig, spezialisiert auf Grundbildung, Projektmanagement und Bildung für Benachteiligte. Sie ist des Weiteren EPALE Botschafterin.


Lesen Sie hierzu auch die anderen Beiträge aus der EPALE Themenwoche: Europawahl 2019 - Europa gemeinsam gestalten!


Bildrechte: Markus Scholz, mit freundlicher Genehmigung der Hamburger Volkshochschule

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