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Karrieremöglichkeiten in der blauen Wirtschaft: Wie können Qualifikationsdefizite abgebaut und die marinen und maritimen Sektoren für junge Menschen attraktiver gemacht werden?

Karrieremöglichkeiten in der blauen Wirtschaft: Wie können Qualifikationsdefizite abgebaut und die marinen und maritimen Sektoren für junge Menschen attraktiver gemacht werden?

Unsere Küsten und Meere haben das Potenzial, in den kommenden Jahren zum Wachstum und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze beizutragen. Um blaues Wachstum zu erzielen – die langfristige Strategie der Europäischen Kommission zur weiteren Nutzung des Potenzials der europäischen Ozeane, Meere und Küsten für nachhaltiges Wachstum in den marinen und maritimen Sektoren –, werden hochqualifizierte und gut ausgebildete Fachkräfte benötigt. Allerdings sehen sich viele Sektoren der blauen Wirtschaft mit Schwierigkeiten konfrontiert, die geeigneten Mitarbeiter für hochqualifizierte Positionen im technischen Bereich zu finden – und in den meisten Sektoren geht man davon aus, dass diese Schwierigkeiten in absehbarer Zukunft auch noch weiter fortbestehen.

Warum ist das so? In vielen Fällen entsprechen die von den Bildungseinrichtungen vermittelten Kenntnisse und Fertigkeiten nicht den Bedürfnissen der Unternehmen in der blauen Wirtschaft. Als Folge daraus haben sie Schwierigkeiten, ihre freien Stellen zu besetzen. Gleichzeitig steigen die Arbeitslosenraten.

© Nightman1965

Das Wachstum in der Blauen Wirtschaft ist abhängig von der Schaffung von Arbeitsplätzen in den aufstrebenden, aber auch in den traditionellen Berufsfeldern wie Schiffbau. Diese erfordern entsprechend qualifizierte und spezialisierte Mitarbeiter.

Vielfach werden ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der europäischen Schifffahrtsbranche, die aus dem Arbeitsleben ausscheiden, nicht ersetzt. Die Gründe hierfür sind von Sektor zu Sektor und von Region zu Region verschieden. Doch die Hauptgründe sind im schlechten Image der maritimen Branche und in mangelnden Kenntnissen der Schulabgänger über die vielfältigen Karrieremöglichkeiten im marinen und maritimen Bereich zu finden. Damit sie diesem Qualifikationsdefizit begegnen können, müssen die Sektoren der blauen Wirtschaft für Schüler und Studenten attraktiver und spannender werden.

Eine weitere Hürde ist das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das in den meisten maritimen Sektoren vorzufinden ist. Nur wenigen Frauen scheint es attraktiv, in einem Bereich zu arbeiten, der traditionell gesehen als Männerdomäne gilt. Programme wie das Projekt „Generation BALT” helfen Frauen wie Eva Errestad, die einen Abschluss in Meeresbiologie hat, einer Karriere in der blauen Wirtschaft nachzugehen. „Damals arbeitete ich in einem unqualifizierten Teilzeitjob, der nichts mit meiner Ausbildung als Meeresbiologin zu tun hatte”, berichtet sie. „Ich dachte, das ist jetzt meine letzte Chance, etwas aus meinem Abschluss zu machen. Der Kurs half mir, wieder in meinen Beruf hineinzufinden und gab mir das Selbstvertrauen, mich für eine Stelle zu bewerben, auf die mich zu bewerben ich vorher nie gewagt hätte.”

Auch die Europäische Kommission hat das Problem erkannt. Wie sie in ihrer Mitteilung über Innovation in der Blauen Wirtschaft aus dem Jahr 2014 einräumte, erfordert „Wachstum in der blauen Wirtschaft […] angemessen qualifizierte Arbeitskräfte, die in der Lage sind, die neuesten Ingenieurtechnologien und eine Reihe anderer Disziplinen anzuwenden. Derzeit herrscht ein Qualifikationsdefizit, das abgebaut werden muss“.

Die Mitteilung wurde vom Europäischen Parlament unterstützt, das in seinem Bericht „eine zunehmende Verantwortungs- und Investitionsrücknahme seitens der Staaten in den Bereichen Wissenschaft und Bildung“ feststellt und die regionalen Behörden nachdrücklich auffordert, „in eine ehrgeizige soziale Dimension des blauen Wachstums und der maritimen Kompetenz zu investieren, um die Aus- und Fortbildung und den Zugang von Jugendlichen zu maritimen Berufen zu fördern“.

Kurz gesagt: Es ist höchste Zeit, zu handeln. In den vergangenen Jahren hat die Europäische Kommission mehrere Initiativen gestartet (z. B. die Europäische Ausbildungsallianz, die Beschäftigungsinitiative für junge Menschen und das Programm Erasmus+), um die Kooperation zwischen Schulen und Unternehmen zu fördern und den jungen Menschen den Weg ins Arbeitsleben zu erleichtern. Dies waren breit angelegte Maßnahmen, die nicht ausschließlich auf die blaue Wirtschaft zielten. Ein Ansatz, der besser auf diese Sektoren zugeschnitten ist und gleichzeitig regionale Unterschiede berücksichtigt, könnte einen Mehrwert bieten.

Die Kommission hat außerdem sektorbezogene Initiativen organisiert, darunter eine thematische Sitzung über Fertigkeiten in den maritimen Sektoren und „blaue“ Karrieremöglichkeiten, die auf dem Europäischen Tag der Meere in Piräus, Athen, im Mai diesen Jahres stattfand. In den Diskussionen, die diese Veranstaltung begleiteten, wurde festgestellt, dass die Qualifikationsdefizite auf mangelnde Kommunikation und Kooperation zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen zurückzuführen sind. In Spanien und im Vereinigten Königreich durchgeführte Studien belegen diese Einschätzung. Im akademischen Bereich ist es oftmals schwierig, Lehrpläne an Innovationen und technologische Entwicklungen, an den vermehrten Einsatz von Fremdsprachen und an die steigende Nachfrage nach IKT-Kenntnissen anzupassen. Gleichzeitig halten Unternehmen heute Ausschau nach Fachkräften, die nicht nur in der Lage sind, technische Kenntnisse und Kompetenzen anzuwenden, sondern auch teamfähig sind, auf wirksame Weise kommunizieren, unter Druck Entscheidungen treffen und sich schnell an neue Bedingungen und Technologien anpassen können. Um es mit den Worten von Kommissar Karmenu Vella zu sagen: „Ideen und Geld sind nicht ausreichend, wenn wir nicht über die Fertigkeiten und Fähigkeiten verfügen, sie Realität werden zu lassen.“

Maritime Cluster wurden dabei als besonders geeignet eingestuft, diesem Anliegen zu begegnen. In solchen Clustern sind sowohl Gremien der Industrie als auch Bildungsträger vertreten. Dank dieser unterschiedlichen Zusammensetzung können sie als Wegbereiter und Mediatoren des Wandels agieren. So können sie beispielsweise Unternehmen ermutigen, eine Führungsrolle zu übernehmen, und über unmittelbare und individuelle Unternehmensinteressen hinweg blicken.

Die Kommission beabsichtigt, solche Cluster zu unterstützen und hat angekündigt, im nächsten Jahr eine Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen zum Thema „Blaue Karrieremöglichkeiten in Europa“ zu veröffentlichen. Die gewährten Zuschüsse sollen dann der Einrichtung lokaler oder regionaler Plattformen für den Dialog zwischen Wirtschaft und Bildung dienen, der es ihnen ermöglichen soll, gemeinsam Maßnahmen zum Abbau der Qualifikationslücken zu entwickeln und umzusetzen, die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen und „blaue Karrieremöglichkeiten“ für Schüler und Studenten attraktiver zu machen.

Darüber hinaus enthält das kürzlich gestartete Programm Erasmus+ 2016[1] mehrere Initiativen, die im Interesse von Akteuren der blauen Wirtschaft stehen dürften. So verfolgen beispielsweise sektorbezogene Allianzen für den Erwerb von Fähigkeiten und Fertigkeiten das Ziel, europäische Partnerschaften zwischen Industrie, Berufsbildungs- und Bildungseinrichtungen und Aufsichtsbehörden ins Leben zu rufen, um Qualifikationsanforderungen für einen bestimmten Sektor zu definieren und dementsprechend neue Lehrpläne zu entwerfen und einzuführen. Weitere Wissensallianzen haben die höhere Bildung im Fokus und sollen die Beziehungen zwischen Industrie und Universitäten stärken. Ein Informationstag ist für den 23. November in Brüssel geplant[2].

Schließlich organisiert die Kommission derzeit eine Veranstaltung zu Karrieremöglichkeiten und der Entwicklung von Kompetenzen in der blauen Wirtschaft, die am 2. Dezember in Brüssel stattfinden soll (das Programm wird in Kürze zur Verfügung stehen und auf der Website der GD MARE veröffentlicht). Dies wird eine Gelegenheit sein, den politischen Rahmen festzustecken und die Pläne der Kommission für die nächsten Jahre zu umreißen. Wir laden maritime Cluster, Hochschulen, Berufsbildungseinrichtungen, Vertreter der Industrie, KMU, regionale Behörden und sonstige Akteure ein, daran teilzunehmen und ihr wertvolles Wissen und ihre umfangreiche Erfahrungen zu diesem Thema einzubringen.                          

Wir haben die Situation analysiert und Ziele gesetzt – jetzt ist es an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen und die blaue Wirtschaft zu entwickeln!

 


[2] Um sich für diese Veranstaltung anzumelden, besuchen Sie bitte unsere Website unter: http://eacea.ec.europa.eu/erasmus-plus/news/registration-now-open-for-er...

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June  2017 - Issue 75
March  2017 - Issue 74
November 2016 - Issue 73
August 2016 - Issue 72