Ein ernstzunehmendes Problem für alle
Marken- und Produktpiraterie ist ein Phänomen, das immer weiter ausufert und immer gefährlicher wird. Die Statistiken für das Jahr 2007 bestätigen einen bereits existierenden Trend. Von nachgeahmten und gefälschten Waren geht eine Bedrohung für die Gesundheit und Sicherheit der EU-Bürger und ihre Arbeitsplätze, die Wettbewerbsfähigkeit in der Gemeinschaft, den Handel und die Investitionen in Forschung und Innovation aus.
Im Jahr 2007 beschlagnahmten die EU-Zollbehörden über 79 Millionen nachgeahmte und gefälschte Waren und wickelten mehr Anti-Fälschungsfälle ab als je zuvor. Gesamt gesehen wurden mehr als 43.000 Fälle im Jahr 2007 behandelt, dies entspricht einer Steigerung um fast 17% im Vergleich zum Vorjahr. Diese Ziffern spiegeln die Tatsache wider, dass die Beschlagnahmen von kleineren Mengen nachgeahmter und gefälschter Waren gestiegen sind.
Im Vergleich zum Jahr 2006 ist ein Anstieg in allen Produktbereichen feststellbar. Neben dem Bereich der Arzneimittel, in dem die Anzahl der Beschlagnahmen verglichen mit dem Jahr 2006 um 51% angestiegen ist, ist der Anstieg um 264% der beschlagnahmten Pflegeprodukte noch mehr Besorgnis erregend, wenn man berücksichtigt, dass Cremes, Zahnpasta und Rasierklingen darunter fallen. Anlass zur Sorge gibt ferner der Bereich der elektrischen Ausrüstung, bei dem sich Sicherungskästen, Schalter und andere Sicherheitsausrüstung unter den beschlagnahmten Waren finden.
Das Internet wird immer häufiger zum Umschlagplatz für nachgeahmte Produkte (vor allem Arzneimittel). Aufgrund der Tatsache, dass Fälschungen von hoher Qualität sind, ist es ohne einschlägiges Fachwissen häufig unmöglich, diese als solche zu erkennen. Somit wachsen auch die Herausforderungen an den Zoll.
Einer der Gründe für diese explosionsartige Entwicklung des Handels mit Fälschungen ist die Tatsache, dass die Kriminellen nun in der Lage sind, diese im großen Stil herzustellen. Mit der Aussicht auf höhere Gewinne betätigen sich daher mittlerweile viele internationale Verbrechersyndikate im Bereich der Marken- und Produktpiraterie. Auch terroristische Vereinigungen steigen häufig ins Nachahmungs- und Fälschungsgeschäft ein, um ihre Aktivitäten zu finanzieren.
Die Rolle der organisierten Kriminalität
Die großen Beträge, die kriminelle Vereinigungen heute in die Produktionslogistik investieren (um sowohl die Qualität als auch die Quantität zu steigern), ermöglichen es ihnen, Nachahmungen und Fälschungen herzustellen, die zunehmend schwerer zu erkennen sind. In einigen Ländern sind Fabriken, die speziell zur Herstellung oder Verarbeitung von Nachahmungen und Fälschungen gebaut wurden, inzwischen kein ungewöhnlicher Anblick mehr. Dies gilt auch für Märkte unter freiem Himmel, auf denen praktisch nur Fälschungen verkauft werden. Zudem kann der Preis einer Fälschung höher festgesetzt werden als der des Originals, dies geschieht aber nur, damit ungewöhnlich niedrige Preise nicht die Aufmerksamkeit der Behörden oder der Rechteinhaber erregen. Es gibt so gut wie keine Zweifel mehr daran, dass internationale kriminelle Vereinigungen an dem weltweiten illegalen Handel von gefälschten und raubkopierten Waren beteiligt sind. International agierende Fälscher machen sich häufig Freizonen zur Umladung von Waren zunutze, so dass diese Freizonen zum blühenden Umschlagplatz für Nachahmungen und Fälschungen werden. Solche Machenschaften sind zu einer ebenso bedeutenden Einnahmequelle geworden wie Drogen, Diebstahl und Waffenhandel. So bringt ein Kilo Cannabisblätter in Europa 2000 Euro, ein Kilo raubkopierter CDs hingegen 3000 Euro.
Diese Vereinigungen sind zwischenzeitlich besser strukturiert und arbeiten professioneller. Sie wenden für die Verbringung von Waren, die Rechte an geistigem Eigentum verletzen, dieselben Methoden an wie für Drogen. Daher sind sie gezwungen, eine Route zu sichern, über die sie alle Arten von Schmuggelwaren leiten können.
Bei der Beförderung von umfangreichen Sendungen mit kommerziell gefälschten oder raubkopierten Waren quer durch die ganze Welt müssen diese Vereinigungen besonders vorsichtig sein, um eine Beschlagnahme ihrer Waren zu vermeiden. Sie müssen versuchen, der Wachsamkeit der Zollbehörden zu entgehen, und sich ihren Weg vom Ort der Herstellung zum Ort der Lieferung bahnen, indem sie die direkten Wege vermeiden, die den auf diese Betrugsart spezialisierten Diensten bestens bekannt sind. Diese Methode wird "Umladung" genannt und besteht darin, den Ursprung der Ware durch Beförderung über mehrere andere Zollgebiete zu verschleiern und dadurch die Aufmerksamkeit der Zollverwaltungen auf die unmittelbare Herkunft und nicht auf den tatsächlichen Ursprung der Ware zu lenken.
Bei dieser Methode werden in Asien hergestellte gefälschten Waren per Schiff in ein Land verbracht, das nicht für die Herstellung von Fälschungen bekannt ist. Von hier aus werden die gefälschten Waren per Flugzeug ihrem Endbestimmungsort zugeführt. Auf diese Weise entgehen sie den wichtigsten Kontrollkriterien. Diese Vorgehensweise könnte man als geopolitischen Betrug bezeichnen.
Aber die neuen Methoden und die Verschärfung der Zollkontrollen halten mit den Praktiken der Fälscher Schritt. So wurden viele Verstecke wie doppelte Böden in Containern oder Taschen, in denen nachgeahmte oder gefälschte Waren verborgen waren, gefunden. Eine weitere, oft praktizierte Methode ist das "Mischen" von Originalen und Fälschungen in ein und derselben Sendung.
Die Verantwortung der EU-Bürger
Ein großer Teil der in Umlauf gebrachten Fälschungen entfällt zweifellos auf die Ströme emsiger Touristen, die sich Urlaubssouvenirs mitbringen (sogenannter "Ameisenschmuggel"). Jedes Jahr nehmen zumeist ahnungslose Passagiere aus aller Welt Millionen und Abermillionen von Artikeln mit, was kriminellen Vereinigungen satte Gewinne einbringt.
Generell kann dieser Plage nur durch eine kollektive Sensibilisierung für die Gefahren, die sie birgt, begegnet werden. In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts M.O.R.I. (Market and Opinion Research International) ziehen 40 % der Befragten den Kauf von Nachahmungen und Fälschungen in Betracht.



