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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Sonderausgabe - April 2005   
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NEURODEGENERATIVE KRANKHEITEN
Title  Vom Vergessen zum Zusammenbruch

Alzheimer. Noch vor kurzem kaum bekannt, verbreitet der Name heute Angst und Schrecken. Von dieser Krankheit des Erinnerungsvermögens sind heute fast fünf Millionen Europäerinnen und Europäer betroffen und jedes Jahr kommen 800 000 hinzu. Die Wissenschaftler begreifen den Prozess dieses tödlichen Neuronensterbens erst ansatzweise. Das European Alzheimer's Disease Consortium (EADC), das rund fünfzig Exzellenzzentren vereint, ist eines der weltweit ersten Netze zur Bekämpfung dieser Krankheit auf zwei Fronten, der Vorbeugung und der Therapieforschung.

Alzheimerkrankheit: degenerierte Plaques auf der Gehirnrinde. © INSERM
Alzheimerkrankheit: degenerierte Plaques auf der Gehirnrinde.
© INSERM/ E.Hirsch
„Ob es sich nun um die Alzheimer-Krankheit(1) oder eine andere neurodegenerative Störung wie etwa die frontotemporale Demenz oder die so genannte Lewy-Körper-Demenz handelt, allen gemein ist die irreversible Schädigung und der Tod der Nervenzellen in den Hirnarealen, die von den Gedächtnis- und Lernfunktionen betroffen sind“, erklärt Bruno Vellas, Professor für innere Medizin und Geriatrie am Universitätskrankenhaus Toulouse (FR) und Koordinator des EADC-Netzes. „Denn im Unterschied zu anderen Zellen können sich die Nervenzellen nicht teilen und folglich auch nicht regenerieren.“

Die Ursachen des Alzheimer sind kaum bekannt – manche Spezialisten sehen darin „bloß“ eine pathologische Variante des Alterns. In Betracht gezogen wird eine mögliche genetische Prädisposition, unter Verweis auf die Rolle des für das Apolipoprotein E (ApoE) codierenden Gens, das die Neuronen mit dem notwendigen Cholesterin versorgt. Im Verdacht steht auch das Chromosom 14, das für eine frühe Form der Krankheit verantwortlich ist. Umweltfaktoren (zu reichhaltige Ernährung, Bewegungsmangel usw.) werden ebenfalls angeführt. Was das Phänomen der Degeneration anbelangt, sind sich die Wissenschaftler heute einig, dass es zwei sich nicht ausschließende Prozesse gibt, nachdem sie lange Zeit entweder nur den einen oder nur den anderen anerkannten: das Vorhandensein von Ablagerungen (die insbesondere aus Beta-Amyloid-Proteinen gebildeten Plaques) zwischen den Neuronen in der grauen Masse der Hirnrinde, und die Besiedlung dieser Rinde durch Neurofibrillen, mikroskopisch kleine Fasern, die hauptsächlich aus Tau-Protein bestehen.

Schneller und besser vorankommen
„Anlass für die Gründung des EADC gab im Wesentlichen das Bedürfnis, die Kenntnisse auszutauschen, um schneller und besser voranzukommen“, sagt sein Koordinator. „Spezialisten unterschiedlicher Kulturen – Grundlagenforscher und Praktiker, Neurologen, Geriater, Psychiater usw. – einigten sich daher darauf, nach gemeinsamen Protokollen bezüglich Diagnosekriterien, Bewertungswerkzeugen, Methoden der Datensammlung usw. zu arbeiten. Verschiedene Arbeitsgruppen untersuchen gezielt die Therapien, die Genetik, die kognitiven Funktionen, die medizinische Bildgebung, die Verhaltensstörungen usw. Das EADC arbeitet aktiv mit der Alzheimer cooperative study zusammen, die in gewissem Sinne unser Pendant in den Vereinigten Staaten ist. Wir profitieren gegenseitig von unseren Erfolgen und ziehen gemeinsam Lehren aus unseren Fehlschlägen.“

Denn die Herausforderung ist groß und verdient ein Maximum an wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Diese Krankheit zieht tiefes Leiden für den Patienten wie seine Angehörigen nach sich. Sie führt zu einem Zustand totaler Abhängigkeit und kann sich lange hinziehen. In Europa bedingt sie soziale Kosten, die genauso hoch sind wie für die Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen zusammen. Zwei große Forschungsprojekte, die vom EADC mit EU-Unterstützung durchgeführt werden, konzentrieren sich auf die Prävention und die Behandlung.

Vorbeugung ist möglich
„Es gibt mittlerweile Tests und Verfahren für eine gezieltere Diagnose und Behandlung, die das Voranschreiten der Krankheit verlangsamen können. Das Projekt Descripa(2) untersucht die MCI- (Mild Cognitive Impairment-) Stadien, das heißt das Vorhandensein leichter kognitiver Störungen. Man schätzt, dass jedes Jahr 15 % der Personen, die nach MCI klassierte Symptome aufweisen, eine Krankheit vom Alzheimer-Typ entwickeln. In den letzten zwanzig Jahren gelang es, dank Vorbeugung die Gefäßkrankheiten erheblich einzudämmen. Derselbe Nutzen könnte sich auch bei den neurodegenerativen Krankheiten einstellen.“

Das zweite Projekt namens Ictus(3), das kürzlich von der EADC gestartet wurde, analysiert die Wirkung der Behandlung mit AChE I, einem Anticholinesterase-Hemmer. 1400 Patienten in Europa, die sich noch in einem leichten Stadium der Krankheit befinden und zu Hause leben, sollen während zwei Jahren beobachtet werden.

Die Pharmaindustrie ist ebenfalls sehr an dem Problem interessiert, da der Markt sich im selben Rhythmus ausdehnt wie die Lebenserwartung. „Das Segment der Medikamente zur Gedächtnisstärkung wächst um 20 % pro Jahr. Wenn die Forschung einmal auf wirklich wirksame Moleküle stoßen wird, wollen die europäischen Unternehmen mit im Rennen sein.“ Dieser riesige Markt betrifft übrigens nicht nur die Kranken. Ein gutes Gedächtnis ist eine viel beneidete Fähigkeit, und der Verkauf der Gingko-biloba-Extrakte, einer Pflanze, die ein wahres „Gedächtnisvitamin“ zu sein scheint, beläuft sich offenbar heute in den Vereinigten Staaten auf eine Milliarde Dollar pro Jahr.

(1) Die Krankheit ist nach dem deutschen Psychiater Alois Alzheimer benannt, der die spezifischen Symptome dieser „Krankheit der Hirnrinde“ bereits 1906 an einer seiner Patientinnen, die 51 Jahre alt war, identifiziert hatte.
(2) Development of Screening guidelines and diagnostic Criteria for Predementia Alzheimer's disease.
(3) Impact of Cholinergic Treatment Use.

    
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