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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Sonderausgabe - November 2005   
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 EDITORIAL

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STUDIEN
Title  Erhebungsmethoden

Erläuterungen von Leendert de Voogd, Direktor bei EOS Gallup Europe, das mit den Eurobarometer-Erhebungen beauftragte Koordinationszentrum.

Zufallsmethode
Erhebungsmethoden
Die Stichproben der Interviews für die Eurobarometer-Erhebungen werden nicht nach der Quotenmethode (x Personen pro Berufs-, Alters-, Geschlechtergruppe usw.), sondern nach einer besonderen Zufallsmethode gezogen. Diese verhindert jegliches Betrugsrisiko, da der Interviewer die befragten Personen nicht selbst auswählen kann. Anhand einer geografischen Klassierung wird zunächst ein Ausgangspunkt oder eine Anfangsadresse bestimmt, von der aus der Interviewer oder die Interviewerin einem Zufallsweg folgen muss (erste Straße links, zweite rechts, drittes Haus, zweiter Stock...). Er oder sie klingelt und bittet, mit derjenigen Person (über 15 Jahren) in diesem Haushalt sprechen zu dürfen, deren Geburtstag dem Interviewtag am nächsten liegt.

Im Allgemeinen werden die Interviewer wohlwollend empfangen. Sie stellen fest, dass die Befragten sich häufig aufgewertet fühlen, wenn man ihnen Fragen stellt, und zufrieden sind, dass sie ihre Meinung abgeben können. Die Akzeptanzrate variiert je nach Land. Die Bürgerinnen und Bürger der neuen Mitgliedstaaten nehmen lieber an solchen Umfragen teil als die von Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden, wo manche den Eindruck haben, sie würden von den Erhebungen, über die dauernd in den Medien berichtet wird, regelrecht überflutet.

Nach Leendert de Voogd erlaubt die Zufallsmethode, eine repräsentative Stichprobe der sozialen und demografischen Strukturen eines Landes zu erheben. Als Erstes wird die geografische Verteilung gemäß der Demografie der Einzugsgebiete festgelegt. Es spielt das Gesetz der großen Zahlen. Ab 50 Befragungen kann man sich bereits ein Bild der Wirklichkeit machen, wir haben jedoch im Durchschnitt 1000 pro Land. Gegenüber einer Befragung der gesamten Bevölkerung eines Landes würde ein Umfrageergebnis von 50 % in Wirklichkeit zwischen 53 % und 47 % liegen, Sie haben also eine Fehlermarge von mehr oder weniger 3 Prozentpunkten. In unseren Erhebungen müssen die 1000 Personen eine repräsentative Stichprobe auf regionaler und kommunaler Ebene, aber auch hinsichtlich Geschlecht, Alter, Beruf und Sozialstatus darstellen. Wenn wir Abweichungen haben, beispielsweise nur 20 % Angestellte gegenüber den 25 %, die wir bräuchten, wenden wir einen Gewichtungskoeffizienten an, um die Ergebnisse zu berichtigen.

Die Technik und der Trichter
Die Reihenfolge der Fragen ist sehr sensibel und kann sich auf die Ergebnisse auswirken. Eine Frage kann die andere beeinflussen und umgekehrt. Entscheidend ist, ein Gleichgewicht zu finden. Soll man beispielsweise erst die allgemeinen Fragen stellen und dann ins Detail gehen? Oder ist es besser, nach Themen vorzugehen? Darüber diskutieren wir mit unseren Auftraggebern und den Fachleuten. Wir selbst bevorzugen eher die Technik des Trichters, bei der man vom Allgemeineren zum Spezifischeren gelangt, damit der Befragte Vertrauen fasst.

Aufmerksames Hinhören
Wissenschaft und Technologie sind keine einfachen Themen und können Personen, denen man in einer Umfrage damit konfrontiert, abschrecken. Dabei berichten Medien zunehmend darüber, und manche Begriffe sind vertraut geworden. Bei den neueren oder komplexeren Themen, etwa der Nanotechnologie, erhielten die Interviewer strikte Anleitungen, wie sie die Begriffe in wenigen Worten einzuführen hatten, bevor sie ihre Frage stellten. Eine solche Unterrichtung schlägt sich in verlässlicheren Antworten nieder. Ein ausgezeichneter Indikator für das Verständnisniveau der Fragen ist der Anteil des Nichtwissens und der Verweigerungen. Wenn diese 10 bis 15 % übersteigen, überlegen sich die für die Erhebung Verantwortlichen, ob die gestellten Fragen stichhaltig und verständlich waren.

Wenn sich jemand wirklich unwohl fühlt, spürt das der Interviewer sehr schnell. Wenn er hört: ‚Das betrifft mich nicht, fragen Sie jemand anderen oder eine ähnliche, spontan geäußerte Bemerkung, bricht er sofort ab. Man nennt dies aufmerksames Hinhören. Der Interviewer geht nicht nur den Fragebogen durch, er hört auch genau hin. Wenn zu viele ‚weiß nicht’ kommen, hört er auf. Dies ist entscheidend für die Qualität der Erhebung; wir überprüfen immer die Rate der Weiß-nicht-Antworten und Verweigerungen.

Keine voreiligen Schlüsse
Im Eurobarometer Soziale Werte nimmt das Interesse an der Umwelt, wie bereits in anderen, Ende des letzten Jahres durchgeführten Studien, einen hohen Stellenwert ein. Sie zeigten sehr klar, dass den Europäerinnen und Europäern, wenn es galt, zwischen Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und Umweltschutz zu wählen, mehr an der Umwelt lag.

Aber auch abgesehen davon muss man sich davor hüten, aus dem Rückgang des Interesses an der Umwelt, der sich in der WuT-Erhebung abzeichnet, voreilige Schlüsse zu ziehen. Auf die gestellte Frage gab es drei Antwortmöglichkeiten: Man interessiert sich sehr, mäßig oder gar nicht für das Thema. Die Verschiebung von sehr zu mäßig fällt auf, wenn man mit 1992 vergleicht, da sie von minus 18 für sehr zu plus 11 für mäßig umschlägt. Aber wir müssen diese Problematik in ihren Zusammenhang stellen. Vor dreizehn Jahren war das Thema praktisch neu, die Staaten begannen, diesbezügliche Maßnahmen zu treffen, die Leute waren für eine Frage, die sich abzuzeichnen begann, sensibilisiert. Heute ist die Umwelt, krass ausgedrückt, banal geworden. Man ist tagtäglich mit dieser Problematik konfrontiert. In den großen Städten sieht man täglich Anzeigen, die über die Qualität der Luft orientieren. Die Personen, die uns antworten, wollen nicht sagen, dass sie die Frage nicht mehr für wichtig erachten, sondern sie finden die Information, die sie dazu erhalten, ausreichend. Es handelt sich nicht um ein Werturteil.

Glauben
Der Glaube ist in Europa über die Jahre, im Laufe der verschiedenen Erhebungen, relativ stabil geblieben. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Europa glaubt an Gott oder eine geistliche Macht. Das atheistischste Land ist Frankreich, wo die aus der Revolution von 1789 hervorgegangene Trennung von Kirche und Staat als wertvolles Gut betrachtet wird. Was sich hingegen verändert, ist die Art und Weise, wie die Religion in den Medien behandelt wird. Man spricht heute viel mehr darüber als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Es besteht ein gewisses Missverhältnis zwischen der Tatsache, dass mehr darüber gesprochen wird, und dem Niveau des Glaubens, das stabil geblieben ist.

Freiheit
Die Redefreiheit ist ein Grundrecht, ebenso wie der Schutz des Privatlebens. Auch wenn die Menschen das Internet als wichtige Informationsquelle betrachten, die sie sehr gern in Anspruch nehmen, machen ihnen bestimmte Aspekte Angst: die Zunahme der Daten, die Tatsache, dass man anhand seiner Bankdaten registriert wird, dass die Sozialversicherungskarte über den Gesundheitszustand Aufschluss geben kann usw. Außerdem werden die Bürger immer häufiger aufgefordert, Fragebögen über ihre Haltungen, ihre Hobbys usw. auszufüllen, was dazu führt, dass sie sich gewissermaßen verfolgt fühlen. Das bekommen wir auch bei unseren Erhebungen zu spüren, und daher sind die Eurobarometer-Interviewer auch gehalten, darauf hinzuweisen, dass alles anonym vor sich geht. Wir machen deutlich, dass nicht die Ergebnisse einer bestimmten Person analysiert werden, sondern nur die Summe der Ergebnisse. Allerdings werden die Befragten am Ende des Gesprächs um ihre Telefonnummer gebeten, was teils auf Befremden stößt, nachdem man ihnen zunächst Anonymität zugesichert hat. Dann muss man ihnen erklären, dass es darum geht, die Arbeit des Interviewers kontrollieren zu können.

Nationale Sensibilitäten
Man fragt sich oft, ob es eine europäische öffentliche Meinung gibt. Ja und nein. Der europäische Durchschnitt verbirgt häufig sehr große Disparitäten zwischen den Ländern, selbst benachbarten. Die Vorstellung eines Nord-Süd- oder Ost-West-Bruchs ist zu einfach, derartige Vorurteile werden durch unsere Erhebungen vielfach widerlegt. So unterscheiden sich in der Mittelmeerregion Griechen und Portugiesen sehr stark. Und wenn die Niederländer eine große intellektuelle Unabhängigkeit und einen kritischen Geist zu Tage legen, widerspiegelt das ihre Kultur eines kleinen Landes mit Eroberervergangenheit, das seine Ideen lautstark vertritt. Finnland, das für seinen technologischen Fortschritt sehr gelobt wird, bewahrt gleichwohl eine gewisse Skepsis und kann sicher nicht als naiv gelten. In verschiedenen Ländern beeinflussen die morose Wirtschaftslage oder die politische Skepsis die Moral der Bürger und färben auf sämtliche Wahrnehmungen ab – was zu einer negativen Sicht führt, die sich in den Umfragen niederschlägt. Auch die Geschichte spielt eine Rolle. Das ist sehr klar zu erkennen, wenn man zwei benachbarte Länder wie Bulgarien und Rumänien vergleicht. In Bulgarien sicherte der kommunistische Staat jedem Bürger ein gewisses Lebenshaltungsniveau, und der Eintritt in die Weltwirtschaft brachte alles durcheinander; der Arbeitsplatz ist nicht mehr sicher, die Leute verarmen, ihre Stimmung ist trüb, und das spürt man in den Meinungsumfragen. Die Rumänen hingegen haben eine Diktatur hinter sich, sie können nicht mehr tiefer fallen, und Europa ist eine Chance, die sich ihnen bietet – sie betrachten es daher mit Wohlwollen. Wenn man diese örtlichen Wirklichkeiten kennt, begreift man auch die Reaktionen ein bisschen besser. Häufig hat man Vorurteile, etwa gegenüber den Briten. Sie pflegen ihren insularen Geist und ihren Pragmatismus, aber sie sind nicht grundsätzlich antieuropäisch. Manche der skandinavischen Länder, insbesondere Schweden, sind in vieler Hinsicht gegenüber dem europäischen Haus viel negativer eingestellt.

Für jemanden wie mich…
Diese Formulierung mag eigenartig erscheinen. Bedeutet sie nicht, dass das in Frage stehende „Ich” nicht zu einem Urteil fähig ist? Effektiv haben wir es mit einer in den Umfrageinstituten geläufigen Technik zu tun, die darauf abzielt, den Befragten zu repositionieren und zu verhindern, dass er seine eigene Meinung auf die gesamte Bevölkerung projiziert. Wenn Sie jemanden im Land X fragen, ob die Lage der Haushalte sich binnen fünf Jahre verbessern wird, überwiegt zweifellos das Nein. Stellen Sie ihm dieselbe Frage mit der Einschränkung ‚in Ihrem Fall, für Sie selbst...’, fallen die Antworten nuancierter aus. Die Beziehung, die zwischen dem Interviewer und dem Befragten entsteht, verhindert jegliche auf Missverständnissen beruhende Fehlinterpretation. Es kommt zu einee recht nahen Beziehung. Die Befragten akzeptieren, dass man sich für einen Moment bei ihnen einrichtet. Es stellt sich eine gewisse Empathie und eine Art von Einverständnis ein. Wir hören uns die Reaktionen der Interviewer sehr genau an, wenn sie uns ihre Berichte abliefern, insbesondere bezüglich bestimmter Fragen, und diese Formulierung scheint keinerlei Missfallen zu erregen.

    
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