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 EDITORIAL
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EMBL
Title  Der Stammbaum des Lebens im Zeitalter der Genomik

Im Jahre 1870 veröffentlichte der deutsche Natur - wissenschaftler Ernst Haeckel den ersten Stammbaum des Lebens. Er stellt eine Zusammenstellung des damaligen Wissens über die Abstammung der Lebewesen, auch bekannt unter dem Begriff der Phylogenese dar.
Im März 2006 erschien in der Zeitschrift Science eine neue Sichtweise zu diesem Thema, die sechs Forscher des EMBL unter der Leitung von Peer Bork entwickelt hatten. Zwischen diesen beiden Bildern liegen 136 Jahre. Auf den ersten Blick scheinen sie keine Ähnlichkeit zu haben, doch sie verfolgen beide die gleiche Absicht: die Rekonstruktion der Entwicklung der Lebewesen bis zum heutigen Tag. Ausgehend von dem Prinzip einer identischen Basis fand man heraus, dass zwei Lebewesen, die ein gleiches Merkmal teilen, einen gemeinsamen Vorfahren haben.

Stammbaum des Menschen - Pedigree of Man: 1870 entwickelte Ernst Haeckel
den ersten Stammbaum des Lebens, indem er die gesamte klassifizierte
Genealogie aller zu seiner Zeit bekannten lebenden Arten rekonstruierte.
Die Wurzeln dieses Baums bilden die Moneren (Prokaryoten) und an der
Spitze, sozusagen als Krönung, steht der Mensch
Stammbaum des Menschen - Pedigree of Man: 1870 entwickelte Ernst Haeckel den ersten Stammbaum des Lebens, indem er die gesamte klassifizierte Genealogie aller zu seiner Zeit bekannten lebenden Arten rekonstruierte. Die Wurzeln dieses Baums bilden die Moneren (Prokaryoten) und an der Spitze, sozusagen als Krönung, steht der Mensch.
Was sich in fast einhundertfünfzig Jahren geändert hat, sind vor allem die nach Gemeinsamkeiten untersuchten Merkmale. Zu Haeckels Zeiten konnte nur die Morphologie der Lebewesen untersucht werden. So interessierte man sich vor allem für Aufbau, Skelette, Gebisse und die Anatomie der Organe. Fast ein Jahrhundert lang haben sich Generationen von Biologen damit beschäftigt, den Baum Haeckels zu verbessern und zu verfeinern.

In den 70er Jahren erfuhr diese Geduldsarbeit eine grundlegende Veränderung. Die Entdeckung, dass die DNA Träger genetischer Informationen ist, und der Fortschritt der Analysetechniken machten es möglich, sich auf biochemische Merkmale anstelle der morphologischen zu stützen: Aminosäuresequenzen in Proteinen, Basensequenzen der Ribonukleinsäure (RNA) – sie stellen die Proteinbiosynthese dar – oder auch Basensequenzen der Desoxyribonukleinsäure (DNA).

Zwei Jahrzehnte später fand ein neuer Umbruch statt. Auch er wurde durch wichtige Fortschritte in der Analysetechnik ausgelöst. Durch die Automatisierung der Genomsequenzierung – die Bioinformatik hatte einen großen Aufschwung erlebt – konnte man nun riesige Datenmengen vergleichen. Nun stützte sich die phylogenetische Rekonstruktion nicht länger nur auf ein Gen oder ein Protein, sondern auf vollständige Genome.

Der horizontale Gentransfer

„Am Anfang brachten die neuen Informationen über die Genome mehr Verwirrung als Aufklärung. Sie warfen mehr neue Fragen auf als alte zu lösen“, betont Peer Bork. So wurde es zu einer der Hauptaufgaben der Wissenschaftler, Ordnung in die Unordnung zu bringen, die durch die Fülle der Sequenzierungsdaten entstanden war. Ihre Arbeit führte zur Veröffentlichung des neuen „Stammbaums des Lebens“ in der Zeitschrift Science. Das Projekt trägt denselben Titel wie das des Naturwissenschaftlers Haeckel – „Rekonstruktion der Genealogie der Lebewesen“ – nur mit dem Unterschied, dass nun die Genome die Morphologie von damals ersetzen.

Zahlreiche Versuche in diese Richtung wurden schon unternommen, die allerdings jedes Mal am horizontalen Gentransfer scheiterten. Worum geht es hier? Es handelt sich um die Fähigkeit der Einzeller wie Hefepilze oder Protozoen mit oder wie Bakterien ohne Zellkern, Gene innerhalb der gleichen Generation auszutauschen.

Konsequenz: Das Grundprinzip jeder Phylogenese (Zuweisung eines gemeinsamen Vorfahrens zu zwei Lebewesen mit demselben Merkmal) ist dabei nicht anwendbar. Zwei Lebewesen können die gleichen Merkmale haben, weil sie sie untereinander ausgetauscht und nicht weil sie sie von einem gemeinsamen Vorfahren geerbt haben. Der horizontale Gentransfer ist eine komplizierte Angelegenheit, die es für die Systematiker zu lösen gilt.

Die Forscher um Peer Bork identifizierten in
Genomen von 191 untersuchten Lebewesen
31 gemeinsame Gene und wiesen auf diese Weise
eine phylogenetische Übertragung sicher nach.
So konnte dieses EMBL-Team einen neuen
Stammbaum des Lebens errichten, der 2006
in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde.
Die Forscher um Peer Bork identifizierten in Genomen von 191 untersuchten Lebewesen 31 gemeinsame Gene und wiesen auf diese Weise eine phylogenetische Übertragung sicher nach. So konnte dieses EMBL-Team einen neuen Stammbaum des Lebens errichten, der 2006 in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde.
© Science Magazine, 2006.
36 Gene und 191 Genome bilden einen Baukasten

Die Indizienverfolgung dieses horizontalen Gentransfers gehörte zu den schwierigsten Aufgaben der Arbeitsgruppe des EMBL. Die Forscher nahmen die Untersuchung der 191 Genome (1), denen ein Erbgut von 36 Genen gemeinsam ist, in Angriff. Selbst im Zeitalter der Bioinformatik konnte diese Untersuchung nicht vollständig automatisiert werden. Man musste geduldig und fast manuell die Indizien untersuchen, anhand derer die Gene, die aus diesem horizontalen Transfer stammten, isoliert werden konnten. Nach dieser geduldigen Kleinarbeit blieben nur noch 31 Gene übrig, die nun mit Sicherheit aus einer phylogenetischen Übertragung stammen mussten.

Erst nach Abschluss dieser Vorauswahl wurden leistungsfähige Bioinformatikprogramme entwickelt, mit denen nach dem Prinzip des gemeinsamen Vorfahrens die Existenz dieser Gene in der Erbsubstanz der 191 untersuchten Arten rekonstruiert werden sollte und so ein neuer Stammbaum des Lebens erstellt werden konnte.

Die Kleinsten entwickeln sich am schnellsten

„Diese groß angelegte Studie wirft einige Vorstellungen über den Haufen, die man über die Abstammung der Lebewesen gewonnen hatte“, betont der Ire Christopher Creevey, ein Post-Doktorand in der Arbeitsgruppe von Peer Bork. „Eine erste, fundamentale Erkenntnis lässt sich daraus ableiten: Je kleiner die Genome, desto schneller entwickeln sie sich.“ In gewisser Weise bedeutet dies, dass Bakterien höher entwickelt sind als Säugetiere…

Ansonsten bietet der neue Stammbaum des Lebens nicht weniger als fünfzehn Änderungen unserer Auffassung über die Genealogie der Lebewesen. Eine der wichtigsten ist die Platzierung der Wirbeltiere und der Insekten auf einer gemeinsamen Abstammungslinie, abweichend von der der Fadenwürmer, auch Nematoden genannt. Seit Jahrzehnten war man davon ausgegangen, dass Wirbeltiere über eine eigene Abstammungslinie verfügten, die sich ganz klar von der der Nematoden und Insekten abhebt.

„Seit der Veröffentlichung unserer Forschungsergebnisse in der Zeitschrift Science, werden wir mit Fragen von Forschern überhäuft, die Genaueres über den einen oder anderen Zweig unserer Phylogenese wissen wollen, auf den sie sich spezialisiert haben – als ob man einen Bildausschnitt vergrößern würde“, erzählt Christopher Creevy. Diese Synthese wurde also ungeduldig von der Wissenschaftlergemeinde erwartet, aber sie fand auch großen Anklang in der breiten Öffentlichkeit. „Uns erreichten sogar Anfragen, in denen man um die Erlaubnis zum Abdruck unseres Stammbaumes auf T-Shirts bat!“

Der Tag danach

Die äußerst faszinierende Frage nach dem Ursprung des Lebens auf der Erde erscheint nun in einem neuen Licht. Der Stammbaum des Lebens macht sehr deutlich, dass das erste Lebewesen auf der Erde in einer sehr heißen Umwelt existiert haben muss. Vermutlich lebte es in einer der heißen Quellen, die am Grund der Ozeane durch austretendes Magma aus der Erdkruste vorkamen.

Der Stammbaum des Lebens wird sich weiter entwickeln, wenn Sequenzierungsdaten neuer Genome fast automatisch hinzugefügt und auf den vom EMBL verwalteten Webseiten veröffentlicht werden. Eine Flut neuer Informationen könnte rasend schnell auf uns zukommen: Während zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in der Zeitschrift Science erst 352 Genome sequenziert waren, stehen jetzt nicht weniger als 1000 vor ihrem Abschluss.

(1) 150 Bakteriengenome, 23 Eukaryotengenome – darunter die des Homo sapiens – und 18 Archaengenome (sehr alte Bakterien mit einem Zellkern)

    
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