Wichtiger rechtlicher Hinweis
   
Kontakt   |   Suche   
FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Sonderausgabe - März 2004   
Top
 HOME
 INHALT
 EDITORIAL
 Die Wissenschaft und die Welt, die Kunst und ich
 Das Rätsel der Knoten
 Von der Schönheit der Mathematik
 Die Geheimnisse einer mutierten Kunst
 Der Forschung Kern
 Intuitionen und Phantastereien
 Wissenschaft im Spiegel der Fiktion
 Im Spiegel der Filmkunst
 Die Paradoxe der Wahrnehmung
 Einstellung, Gegeneinstellung
 Die Musen im digitalen Zeitalter
 Europa, seine Forscher und das Erbe

PDF herunterladen de en fr


PHILOSOPHIE, KUNST UND WISSENSCHAFT
Title  Gedankenaustausch jenseits der Fachgrenzen

„Müssen wir uns damit abfinden, dass die Wissenschaft nur eine Maschine ist, die Wahrheiten oder funktionsfähige Formeln produziert? Sollten wir in ihr, ob Theorie oder Praxis, nicht eher ein unablässiges Streben nach Verständnis und Kreativität sehen?“ Es ist der Mathematiker Luciano Boi, der diese Fragen stellt. „Es gilt, die Schönheit in ihrer ganzen Komplexität, ihrer Zeitlosigkeit und Zeitgebundenheit, ihren sinnlichen und verstandesmäßigen, natürlichen und künstlichen Aspekten neu zu denken.“ Soweit die Meinung des Kunsttheoretikers Roberto Barbanti. Gemeinsam haben sie in der Nähe von Urbino (Italien) einen Ort der Ruhe und Erinnerung gefunden, an dem sie das Zentrum Pharos gründeten. Ein Raum der Reflexion, wo Wissenschaftler, Philosophen und Künstler aller „Disziplinen“ gemeinsamen Fragen nachgehen.

Luciano Boi (links), Mathematiker und Philosoph, und Roberto Barbanti (rechts), Kunsttheoretiker und Künstler.
Luciano Boi (links), Mathematiker und Philosoph, und Roberto Barbanti (rechts), Kunsttheoretiker und Künstler.
Ausgangsort ist Urbino. Etwa 40 Kilometer entfernt liegt das Montefeltrotal, am Schnittpunkt von vier Regionen – Emilia, Toskana, Umbrien und San Marino. Auf einem Felsen steht die kleine Stadt San Leo. Rund um den Hauptplatz ein paar Palazzi, daneben die Kathedrale, und über alles wacht eine Granitfestung. Es könnte ein Archetypus – oder eine Ansichtskarte – Italiens sein, dieser von der Stiefelspitze bis zu den Alpen mit Geschichte getränkten Halbinsel. Wenn man den etwas verwilderten Weg durch den Wald einschlägt, gelangt man zum Kloster Sant'Igne. „Wir suchten einen intimen, stillen, aber auch schönen Ort, kein Institut, sondern einen Raum der Gemeinsamkeit, wo man nachdenken, arbeiten, entdecken, kreieren und seinen eigenen Rhythmus finden kann.“

Dieser Ort ist von der Geschichte der Franziskaner geprägt. „Hier ist ein außergewöhnliches kulturelles Gedächtnis lebendig. Die Mönche haben diskutiert, nachgedacht, die Natur beobachtet und erforscht, ihre Formen geachtet und mit ihnen gelebt. Uns erschien das ideal, um den Dialog zwischen einem Denken, das sucht und überlegt, und einem kontemplativen Denken, das den Wert der Dinge wieder entdeckt, neu zu knüpfen(1).“

Sinn und Widersinn
Ein paar Gebäude umschließen den Kreuzgang. Wir sind im Zentrum Pharos angelangt, geführt von zwei alten Weggefährten, Luciano Boi(2) und Roberto Barbanti (siehe Kasten). Ihr Ziel: Wissenschaftler, Philosophen und Künstler zusammen bringen, die sich gemeinsam einer kritischen Reflexion über den Sinn ihrer Arbeit und das „Schicksal der menschlichen Erkenntnis“ stellen wollen. „Viele von uns spüren einen Sinnverlust in dem, was wir tun, ob exakte Wissenschaften, Geisteswissenschaften oder Kunstschaffen. Zunehmend wird das, was wir tun, von Interessen und Motiven diktiert, die mit der Dynamik und den ureigensten Zielen unserer Disziplinen nichts mehr zu tun haben. Die Wissenschaften sind je länger je weniger eine Form schöpferischer, uneigennütziger Erkenntnis.“ Warum? „Weil sie zunehmend von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Interessen abhängen, die ihren eigentlichen Zweck überlagern.“

Für Barbanti und Boi geht diese Sinnerosion, die jegliche mit Erkenntnis verbundene Arbeit erfasst hat, mit einem viel breiteren Verlustrisiko einher. Ganze Bereiche der Kultur verschwinden im Nichts (Sprachen oder massakrierte Buddhas in Afghanistan); „Menschenwerk“ verschandelt Küsten und Berge, die Artenvielfalt schwindet zusehends. Diese „Verwüstung“ und Banalisierung bleibt im Übrigen nicht ohne soziale Folgen. „Je weniger Formen und Harmonie wir in unserer Umgebung vorfinden, desto mehr verkümmern unsere perzeptiven und intuitiven Fähigkeiten. Wenn Sie in einer Umgebung ohne Ästhetik und ohne eine gewisse Organisation leben, verlieren Sie Ihre Intelligenz und Ihre Sensibilität. Daher kommen auch die sozioökonomischen Probleme. Es schien uns, wir stünden da vor einem Knoten, auf den man die Aufmerksam der Forscher, der für die Politik und Wirtschaft Verantwortlichen, der Architekten usw. lenken muss.“

Form und Schönheit
Das Franziskanerkloster von Sant'Igne, in dem sich, unweit von San Leo (Italien), das Zentrum Pharos befindet. „Wir wollten einen Ort der Gemeinsamkeit, wo man nachdenken, arbeiten, entdecken, kreieren, seinen eigenen Rhythmus finden kann.“
Das Franziskanerkloster von Sant'Igne, in dem sich, unweit von San Leo (Italien), das Zentrum Pharos befindet. „Wir wollten einen Ort der Gemeinsamkeit, wo man nachdenken, arbeiten, entdecken, kreieren, seinen eigenen Rhythmus finden kann.“
Das erste interdisziplinäre Kolloquium, das Pharos organisierte, hatte die Schönheit zum Thema – sowohl als der Erkenntnis innewohnender Faktor wie auch als Kriterium eines Lebensstils. Das zweite befasste sich mit der Entstehung der Formen in Wissenschaft, Natur und Kunst. Einmal übers andere schossen diese Treffen weit über die Fragestellungen hinaus, so elitär diese auf den ersten Blick auch scheinen mögen. Es geht zu allererst darum, die künstlichen, zwischen den verschiedenen Fachgebieten errichteten Grenzen zu überschreiten. Und dann gilt es, neue Annäherungen zwischen der theoretischen Forschung und der praktischen Umsetzung des Wissens zu finden.

Über diese Fragen nachzudenken, ist für Boi und Barbanti auch eine Art und Weise, den Kampf um die Erde aufzunehmen. „Es ist ein Kampf – nicht um irgendeine Entwicklung oder einen Fortschritt, sondern vielmehr für die Aufwertung und Achtung aller natürlichen, lebendigen und menschlichen Ressourcen. Und das mit Blick auf einen neuen Humanismus, dem es gelingt, die Wissenschaft – im Sinne einer Schöpfung von Konzepten, nicht als Anhängsel der Technik – mit der philosophischen Reflexion und der ästhetischen Phantasie in Einklang zu bringen.“

Was somit ansteht, ist die Entwicklung einer „qualitativen“ Wissenschaft, deren Ziel nicht ist, die Natur zu beherrschen – diese Natur, deren untrennbarer Bestandteil wir sind. „Denken wir an die Größe, die wir erreichen könnten, wenn wir die Natur anders betrachten; wenn wir unser wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben neu zu organisieren wagten, in Übereinstimmung mit unserem derzeitigen Wissen über die komplexen, interdependenten Verhältnisse in der Biosphäre und unserer Umwelt, die Fähigkeiten zur Selbstorganisation und die Entwicklung der nanobiologischen und nanochemischen Strukturen, die Artenvielfalt in den Meeren und auf der Erde und die alternativen, erneuerbaren Energien... Wir müssen dieses Risiko zu ergreifen lernen, um unsere wahrhaft menschliche und kulturelle Dimension wiederzuentdecken. Wir brauchen sowohl mehr wissenschaftliche Phantasie, mehr philosophisches Hinterfragen, als auch mehr künstlerisches Schaffen, wenn wir in unserem Leben wieder Schönheit und Wahrheit finden wollen. Wir müssen wieder lernen, zu staunen. Es ist Zeit, die Welt wieder zu verzaubern.“

Übereinstimmungen und Gegensätze
Pharos’ neuestes Projekt widerspiegelt diesen Ehrgeiz. Ausgehend – zumindest vorerst – von Arbeiten über die neuen Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft, will es einen Beitrag zur Reflexion über die kulturelle Identität Europas leisten. Mehrere italienische, französische, britische und belgische Universitäten sowie ein deutsches Forschungszentrum haben mit der Analyse der Beziehungen zwischen den zwei Zugängen, die viele Ähnlichkeiten und Entsprechungen aufweisen, begonnen. Zu denken ist etwa an das Experiment (zunehmend auch in der zeitgenössischen Kunst ein Begriff), die neuen Dimensionen der Technik (Informationsspeicherung, -verarbeitung und -übertragung, Visualisierung, kognitive Modellierung), den Austausch ähnlicher Werkzeuge, die Hinterfragung von Raum und Zeit usw.

Dieses Vorgehen wirft auch ein neues Licht auf einige herkömmliche Gegensätze zwischen Kunst und Wissenschaft, wie etwa Rationalität/Irrationalität, bewusst/unbewusst, Ursache/Zufall, Wahrheit/Schönheit. Die Analyse der Grenzen zwischen diesen beiden Welten erlaubt, den Graben, der sie trennt, aber auch die Gemeinsamkeiten abzustecken. „Das künstlerische Schaffen beispielsweise widersetzt sich jeder Methodik des Vorgehens und der Protokollierung, während sich die Validierung der Wissenschaft im Wesentlichen auf diese Mittel der Verifizierung beruft. Die Wissenschaft geht von einem bestimmten Verständnis des Fortschritts aus, während diese Vorstellung in der Kunst eher marginal ist. Aber neben diesen Gegensätzen gibt es auch Übereinstimmungen, und wir möchten die Beziehungen zwischen den verschiedenen Forschungsfeldern, ob sie nun wissenschaftlicher, ästhetischer, philosophischer oder anthropologischer Natur sind, der Reflexion zugänglich machen.“

Schönheit und Wahrheit
Ist beispielsweise der Dualismus Schönheit-Wahrheit, ein Erbe des Positivismus und Szientismus, nicht in hohem Grade fragwürdig? Ist nicht die Schönheit eine der Antriebskräfte der Erkenntnis? „ Man spricht von einer schönen Theorie. Eleganz, Einfachheit, Sparsamkeit der Mittel, Symmetrie, die Beziehung zwischen dem Ganzen und seinen Teilen: dies sind lauter Elemente, die mit Schönheit assoziiert werden und Bestandteil des abstrakten Denkens sind.“ Man weiß auch, dass Wissenschaft nicht mit Wahrheit ineins fällt. Andererseits ist auch die Schönheit einigermaßen zerfleddert aus der Kunst hervorgegangen. „Diese Frage stellt sich ganz anders, seit Duchamp und die Dadaisten die Instrumentalisierung der Schönheit bloßgestellt haben. Auch andere Künstler haben sich diesem Zugang zur Schönheit verschlossen, ja sogar absichtlich auf Hässlichkeit hin gearbeitet. Aber diese letztgenannte Tendenz betrifft vor allem den visuellen – oder ‚retinalen’ – Bereich, das heißt den abstraktesten der Sinne, dem die westliche Kultur auf Kosten anderer Wahrnehmungsweisen Vorrang einräumt. Ein Koch, um den Geschmackssinn zu nennen, wird kaum Interesse dafür aufbringen, ‚ungenießbare’ Speisen zu kochen.“ Mit Blick auf die Biotech-Kunst bemerkt Roberto Barbanti, dass wir ins Zeitalter der Chimären eingetreten seien, das einen neuen Zugang zu den ästhetischen Fragen erheische. „Das Problem der Schönheit wird in diesem neuen Rahmen zur Grundfrage, denn nunmehr unterliegt die lebende Wirklichkeit der Gestaltung durch menschliches Vorhaben. Unter diesem Gesichtswinkel wird jede ästhetische Frage auch zur Frage der Ethik.“

(1) Die Zitate stammen entweder von Roberto Barbanti oder Luciano Boi. Der Lesbarkeit zuliebe, und weil der eine dem anderen nicht widersprechen würde, werden sie nicht persönlich zugeordnet.
(2) Pharos wäre nicht zustande gekommen ohne die Arbeit von Simona Capra, Angela Gorini, Simonetta Piscaglia und Sabina Raggini, die Gründungsmitglieder des Zentrums sind. Enzo Tiezzi, Giuseppe O. Longo, Pino Paioni und Pascal Gabellone haben die Entwicklung des Projekts ebenfalls befruchtet und ermutigt.


Ausdruckbare Version

  MEHR EINZELHEITEN  
  Pharos, zweistimmig

Roberto Barbanti und Luciano Boi stehen seit Jahren im Dialog. Luciano Boi ist Autor vieler Werke und Forschungsberichte über Mathematik, theoretische Physik, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Derzeit arbeitet er vor allem daran, die Bedeutung ...
 

  MEHR WISSEN  
 
  •  

      KONTAKTE  
     
  • Pharos
  •  


       
      Top
      Pharos, zweistimmig

    Roberto Barbanti und Luciano Boi stehen seit Jahren im Dialog. Luciano Boi ist Autor vieler Werke und Forschungsberichte über Mathematik, theoretische Physik, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Derzeit arbeitet er vor allem daran, die Bedeutung der geometrischen und topologischen Methoden für das Verständnis der biologischen Prozesse herauszustellen. Er hat unter anderem folgende Werke veröffentlicht: Le problème mathématique de l'espace (Springer-Verlag, 1995), Science et Philosophie de la Nature (Peter Lang, 2000) und Geometries of Nature, Living Forms and Human Cognition (Springer-Verlag, 2003). Er ist auch einer der Leiter der Sammlung Philosophiae Naturalis et Geometricalis bei Peter Lang.

    Der Kunsttheoretiker und Kunstschaffende Roberto Barbanti hat unter anderem L'art au XXe siècle et l'utopie (L'Harmattan, 2000 - mit Claire Fagnart) und Francis of Assisi and Marcel DuchampRudiments for an aesth-ethic (Danilo Montanari, 2001) verfasst. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung des Zeit- und Raumbewusstseins, das sich sowohl in der Wissenschaft wie in der Kunst niederschlägt. Er untersucht die ethischen Konsequenzen einer Kunst, die mit neuen Technologien experimentiert, und arbeitet an Fragen des Lebens, der Evolution, des Körpers und des Bewusstseins. Als Künstler hat Barbanti mehrere Multimedia-Werke geschaffen (Performances, musikalische Raumgestaltungen, Installationen, Ästhetik- und Kommunikations-Events).

    MEHR WISSEN

    KONTAKTE