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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Sonderausgabe - März 2004   
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 INHALT
 EDITORIAL
 Die Wissenschaft und die Welt, die Kunst und ich
 Das Rätsel der Knoten
 Von der Schönheit der Mathematik
 Die Geheimnisse einer mutierten Kunst
 Der Forschung Kern
 Intuitionen und Phantastereien
 Im Spiegel der Filmkunst
 Gedankenaustausch jenseits der Fachgrenzen
 Die Paradoxe der Wahrnehmung
 Einstellung, Gegeneinstellung
 Die Musen im digitalen Zeitalter
 Europa, seine Forscher und das Erbe

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LITERATUR
Title  Wissenschaft im Spiegel der Fiktion

Es gibt nicht nur die Sciencefiction, die über die Zukunft der Wissenschaft phantasiert, sondern auch die Fiktion, die deren Gegenwart und Vergangenheit ausleuchtet. Schriftsteller können ihre Gedanken frei laufen lassen. Und sie wissen, wie man die Abenteuer der Wissenschaft spannend darstellt.

© Roger-Viollet
© Roger-Viollet


Als der Physiker Richard Feynman gebeten wurde, seine Forschungen für das Radio in drei Minuten zusammenzufassen, antwortete er, wenn das möglich wäre, hätte er keinen Nobelpreis erhalten. Es liegt im Wesen des wissenschaftlichen Diskurses, dass er komplex und präzis ist. Wie soll es also Romanautoren gelingen, sich ein derart schwer zugängliches Material zu erschließen? Nun, der Schriftsteller ist frei, seinen Gegenstand nach eigenem Gutdünken zu bearbeiten: in Ausschnitten, parteiisch, je nachdem, wie es sein Plot und sein Gestalterwille verlangen. Er will nicht beweisen, sondern aufzeigen. Er stellt die Ausschnitte der Wirklichkeit nach eigenen Gesetzmäßigkeiten neu zusammen. Er wählt die Themen, die seine Phantasie anregen, und vor allem „metabolisiert“ er sie wie ein Verdauungssystem. Sagte nicht Marcel Proust, ein großer Liebhaber von der Wissenschaft entliehener Metaphern: „Die Theorie in den Roman einzubauen wäre, wie wenn man die Preisschilder auf den Nippes ließe“.

Die einen und die anderen
Wenn ein Schriftsteller sich entschließt, die Welt der Wissenschaft anzugehen, tut er dies gewöhnlich nicht ohne Hintergedanken. Laut Christine Maillard, Professorin für deutsche Literatur und Zivilisation an der Universität Marc Bloch (Straßburg - FR), lassen sich grob zwei Motivationstypen unterscheiden. Der erste umfasst Autoren, die die Wissenschaft einer sozialen, ideologischen oder persönlichen Kritik unterziehen. Sie analysieren ihre Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt, das ökologische Gleichgewicht, die ethischen Fragen oder die psychische Gesundheit der Menschen. Der Wissenschaftler wird darin oft als Mensch dargestellt, der unter schweren psychischen Störungen leidet und Beziehungsprobleme hat. Der Romanautor, die Autorin zieht die Alarmglocke und warnt vor den Auswüchsen einer einseitigen Wissenschaftsgläubigkeit. So arbeiten Autoren wie Michel Houellebecq (Die Elementarteilchen), Zadie Smith (Zähne zeigen), Bernard Werber (L’ultime secret), David Lodge ( Thinks…) die „entmenschlichenden“ Folgen einer bis ins Letzte vorangetriebenen Wissenschaft heraus.

Eine zweite Richtung ist charakterisiert durch Schriftsteller, die sich eher auf eine philosophische Erörterung der Natur wissenschaftlicher Erkenntnis, ihrer Grenzen, ihrer Zusammenhänge mit andersartigen Ansätzen oder sogar des Wesens der Wirklichkeit selbst, ihrer Einheitlichkeit oder „Erkennbarkeit“ einlassen. Sie werfen Fragen bezüglich der Legitimität des wissenschaftlichen Vorgehens und dessen Verhältnis zu anderen menschlichen Tätigkeiten auf. Dieser Weg wurde von ein paar ganz Großen der Weltliteratur beschritten, etwa Robert Musil (Der Mann ohne Eigenschaften), Thomas Mann (Der Zauberberg), Hermann Broch (Die Schlafwandler), Georges Perec (Das Leben. Gebrauchsanweisung), Raymond Queneau (Petite cosmogonie portative), Umberto Eco (Der Foucaultsche Pendel).

Freies Ineinanderspielen
Ob der Schriftsteller nun die eine oder die andere Attitüde wählt, kritisch oder erkenntnistheoretisch vorgeht, immer nimmt er sich die Freiheit heraus, Wissensinhalte aus den verschiedensten Quellen miteinander in Verbindung zu setzen. Er vermengt in seinem narrativen Raum Disziplinen, die die akademische Organisation peinlichst auseinander hält. Der englische Dichter Percy Shelley war der Meinung, eine der Aufgaben des Schriftstellers liege gerade darin, die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse aufzugreifen und sie in neue Wurzeln menschlichen Denkens zu verwandeln. „Das heißt, dass der Roman vielleicht seinem Wesen nach dieser disziplinübergreifende Raum ist, den sich die Wissenschaftler herbeisehnen, während sie ihre Spezialisierung stetig weiter treiben“, fährt Christine Maillard fort. „Seitdem die Wissenschaft allgemeinen Erklärungen, das heißt den nicht sektoriellen oder spezialisierten Lösungen, misstraut, ist es Aufgabe der Literatur, sich der großen Herausforderung zu stellen und zu lernen, die verschiedenen Wissenszweige, die verschiedenen Codes zu verknüpfen, um eine vielfältige und komplexe Vision der Welt zu entwerfen“, schrieb Italo Calvino.

   Dies ist es, was manche heutige Romanautoren in großen Fresken mit vielen Facetten leisten. In Habitus verbindet James Flint Konzepte aus Mathematik und Informatik mit Ideen, die er aus dem Bereich der Spiritualität, aus Glücksspielen, Biologie oder Psychologie bezieht, während Harry Mulisch in Die Entdeckung des Himmels Archäologie, Astronomie, Musik und Religion vermengt. Die Literatur hält den Wissenschaftlern den Spiegel vor und sorgt für Kritik, wo es an Selbstkritik mangelt, und stellt andererseits die wissenschaftliche Erkenntnis in den umfassenderen Kontext menschlichen Denkens, statt sie an der Elle ihrer eigenen Kriterien zu messen.

Was für die Disziplinen gilt, gilt auch für die unterschiedlichen gedanklichen Ebenen. Wo die Wissenschaften künstlich trennen, sortieren, bereinigen und vereinfachen, bleibt der Roman dem unentwirrbaren Durcheinander der Wirklichkeit treu. Für Jean-François Chassay, Professor an der Universität von Quebec in Montreal, „besteht die Tätigkeit wissenschaftlichen Denkens nicht nur aus Vernunft, sondern auch aus anderen, oftmals unfassbaren und manchmal auch sehr trivialen Ingredienzien. Von Schrödingers Gleichungen zu Yvonnes Beinen überzugehen, ist zweifellos nicht sehr edel. Aber Trivialität ist Teil der Funktionsweise unseres Denkens – ohne Verquickungen geht nichts“. Anders ausgedrückt, der Roman ist ein genügend „wirrer“ Raum, um Wissen und Gefühle in ein freies Wechselspiel treten zu lassen. Er könnte eine Art gemeinsamer Stamm sein, aus dem die verschiedenen Zweige sprießen, die das organisierte Wissen darstellen – mit dem Risiko, sich aus den Augen zu verlieren.

„Dass es gemeinsame Wurzeln gibt, ist leicht nachzuvollziehen“, fährt Jean-François Chassay fort. „Dreht sich nicht alles wissenschaftliche Vorgehen um den Begriff der Hypothese? Und was ist eine Hypothese anderes als eine Fiktion – bis zu dem Tage, an dem ein geeigneter Versuch sie bestätigt oder widerlegt? In diesem Sinne könnte man sagen, dass die Wissenschaft eine Tochter der Fiktion ist. Sie schlägt freilich eigene Wege ein, um ihren Intuitionen nachzugehen, aber das ändert nichts daran, dass ein Wissenschaftler ohne Hypothesen so arm dran ist wie ein Schriftsteller ohne Einfälle.“

Von Leben und Abenteuern 
Im Unterschied zu den spezialisierten Publikationen hat der Roman den Vorteil, ein wesentlich größeres Publikum anzusprechen. Es sei hier nur an die Art und Weise erinnert, wie Jostein Gaarder (Sophies Welt) die Philosophie popularisierte. Desgleichen gelingt es seinem Autor, der fähig ist, Wissenschaft in Worte, Geschichten oder Intrigen zu fassen, Widerstände auszuräumen und selbst jene für Ameisen oder die Eroberung des Mars zu begeistern, die ihre wissenschaftlichen Lehrbücher hassten. Schaut man genau hin, so „ist“ die Wissenschaft ein Roman, auch wenn die gängige Kommunikations- und Unterrichtspraxis sich zu häufig damit begnügt, aseptische Ergebnisse aufzutischen. Um ihre erzählerische und abenteuerliche Dimension wieder zu entdecken, genügt es, Bertolt Brecht (Das Leben des Galilei), Michael Frayn (Kopenhagen), Daniele Del Giudice (Der Atlas des Westens), Michael Paterniti (Unterwegs mit Mr. Einstein) zu lesen – und viele andere, die die Leidenschaft ihrer Helden wiedergeben und wiedererleben lassen. Eine Leidenschaft, ohne die die Wissenschaft – so vernünftig sie sich auch geben mag – nichts wäre.


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  Bouvard und Pécuchet

Der unvollendete Roman Bouvard und Pécuchet ist Flauberts letztes Werk. Dieser auf einer gigantischen Dokumentation beruhende, mit wissenschaftlichen Bezügen, verdichteten Abhandlungen und enzyklopädischen Auszügen gespickte Roman setzt zwei Antihelden, die sich sämtlichen Disziplinen zuwenden, in Szene. Die beiden kleinen Pariser Angestellten, die plötzlich ein Haus in der Normandie erben, richten sich dort ein Chemielabor ein, stellen agronomische Experimente an, stürzen sich in die Geologie und die Paläontologie und brüsten sich mit ihren medizinischen Kenntnissen. Alles versetzt sie in Begeisterung, aber nie für lange. Sie gehen von Misserfolg zu Misserfolg, von Katastrophe zu Katastrophe und erlauben Flaubert, in seinen eigenen Worten „eine kritische Enzyklopädie als Farce“ vorzulegen. In einem Jahrhundert, in dem Wissenschaft und Fortschritt noch über alle Zweifel erhaben sind, schmeißen Bouvard und Pécuchet, dieses rührende und etwas lächerliche Duo, ungwollt sämtliche Gewissheiten über den Haufen.

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