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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Sonderausgabe - März 2004   
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 EDITORIAL
 Die Wissenschaft und die Welt, die Kunst und ich
 Das Rätsel der Knoten
 Von der Schönheit der Mathematik
 Die Geheimnisse einer mutierten Kunst
 Der Forschung Kern
 Wissenschaft im Spiegel der Fiktion
 Im Spiegel der Filmkunst
 Gedankenaustausch jenseits der Fachgrenzen
 Die Paradoxe der Wahrnehmung
 Einstellung, Gegeneinstellung
 Die Musen im digitalen Zeitalter
 Europa, seine Forscher und das Erbe

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SCIENCEFICTION 
Title  Intuitionen und Phantastereien

1623 schrieb der deutsche Astronom Johannes Kepler Somnium, die Erzählung einer Reise auf den Mond, nicht ohne darauf hinzuweisen, wie „angenehm es ist, der Wahrheit um Jahre vorzugreifen“. Ein Wissenschaftler hatte sich an eine neue literarische Form gewagt: die Sciencefiction. Heute ist es an der Europäischen Weltraumagentur (ESA), ohne Berührungsängste Dokumente und „futuristische“ Ideen zu sammeln und einen Schreibwettbewerb rund um das Thema SF auszurichten. Eine Jagd in den Gefilden der Phantasie, die, wer weiß, den Wissenschaftlern und Ingenieuren neue Horizonte erschließen könnte.

Anfang des 20. Jahrhunderts für die Firma Liebig hergestellte Lithographie.  © Agence Martienne
Anfang des 20. Jahrhunderts für die Firma Liebig hergestellte Lithographie.
© Agence Martienne
Die Beschleunigung des technischen Fortschritts hat auch die Phantasie der Autoren beflügelt und sie veranlasst, Technologien auszuhecken, deren Verwirklichung noch lange dauern wird. Zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist es allerdings nicht nur ein Schritt. Die realisierbaren „Erfindungen“ stellen gerade mal 1 % der gesamten Sciencefictionliteratur dar.

Aber warum soll man gewisse visionäre Ideen nicht etwas ernsthafter untersuchen? Die Nasa hat kürzlich eine eingehende Studie über das Konzept des Weltraumfahrstuhls, den Arthur C. Clarke in seinem Roman Fahrstuhl zu den Sternen (1979) erfunden hatte, durchgeführt und kam dabei zu dem Schluss, dass er in fünfzig Jahren sehr wohl das beste Transportmittel auf einer geostationären Umlaufbahn werden könnte.

Die Sammlung der ESA
Realistisch bleiben, ohne sich die Befruchtung durch die Phantasie entgehen zu lassen, dies ist das Wagnis, dem sich David Raitt, Projektleiter bei der Europäischen Weltraumagentur (ESA), stellen will. „Ich bin weder Wissenschaftler noch Ingenieur, und ich lese keine Sciencefiction. Das hindert mich nicht daran, ein paar Ideen zu haben. Eine bestand schlicht darin, die SF-Literatur durchzugehen und zu schauen, ob die in diesen Werken beschriebenen Konzepte heute, dank der fortgeschritteneren Technologien, realisierbar sind. Manche Autoren haben beispielsweise Werkzeuge beschrieben, die das, was sie Miniaturisierung nannten, voraussetzten – Miniaturisierungen sind seit kurzem möglich.“

David Raitt hat daher der ESA vorgeschlagen, sich auf dem großen Tummelfeld der Literatur auf Ideenjagd zu begeben. „Dieses Projekt wurde zunächst nicht allzu wohlwollend aufgenommen. Es gab Befürchtungen, die Agentur könnte in den Ruch geraten, es mangele ihr selbst an Phantasie, darum müsse sie sich nun bei der Sciencefiction bedienen. Aber es gelang mir dann, die ESA davon zu überzeugen, mir diese Studie zu erlauben, und bei seiner Bekanntmachung wurde das Projekt sowohl von der Tagespresse als auch von den Wissenschaftsjournalisten als eine neue, erfrischende Initiative begrüßt.

Konzepte in Hülle und Fülle
Zwei Partner haben sich auf das Abenteuer eingelassen: Das Maison d’Ailleurs, ein Schweizer Museum, das mehr als 40.000 Sciencefictionbände sein Eigen nennt, und die – ebenfalls schweizerische – Stiftung OURS, die kulturelle Aktionen (Kolloquien, Ausstellungen usw.) zu Themen rund um den Weltraum entwickelt. Dank eines über Internet verbreiteten Aufrufs haben rund 600 Personen (darunter auch Ingenieure und Wissenschaftler verschiedener Weltraumagenturen) ihr Interesse für das Projekt angemeldet. Sie teilen die Arbeit untereinander auf, vertiefen sich in die Lektüre, vervollständigen die vorgefundenen Ideen mit technischen Dossiers, geben Hinweise darauf, was sie für realisierbar halten und was nicht. 250 Konzepte oder Technologien ließen sich so ermitteln, die nun Gegenstand der Analyse durch eine Expertengruppe sind. Die Vorschläge werden nach Kategorien gruppiert: Antriebstechniken, Besiedelung des Weltraums, Energie, Kommunikation, Robotik, Werkstoffe usw. „Am Ende dieses Prozesses bleiben vielleicht nur noch fünf oder sechs Konzepte für eine gründlichere Analyse übrig, aber das ist bereits mehr als genug“, meint der Initiator dieses Vorhabens.

Mit den Mitteln der literarischen Schöpfung
Die ESA hat überdies The Clarke-Bradbury International Competition lanciert, einen Schreibwettbewerb (für SF natürlich), dessen erster Preis einem im Vereinigten Königreich lebenden 26jährigen Autor, Lavie Tidhar, für seine Novelle Temporal Spiders, Spatial Webs verliehen wurde. „Wir haben zahlreiche interessante Erzählungen aus 36 Ländern erhalten, ein Fünftel davon war von Frauen verfasst. Lavies Geschichte wurde wegen ihrer schriftstellerischen Qualitäten, dem ihr zugrunde liegenden technologischen Konzept und nicht zuletzt auch wegen ihrer poetischen Anklänge auserkoren. Sie weckt die Vorstellung einer befremdlichen, andersartigen Zukunft. Wir werden wahrscheinlich nächstes Jahr wieder einen ähnlichen Wettbewerb organisieren.“

Die literarische Schöpfung besitzt die Fähigkeit, uns in das weite Feld der Möglichkeiten zu versetzen – die Erkundung des Weltraums ist ein gutes Beispiel dafür. Patrick Gyger, Leiter des Maison d'Ailleurs, glaubt, dass die Sciencefiction ihr Publikum darauf vorbereitet, die Wissenschaft zu akzeptieren – oder ihr zu misstrauen. „Ich glaube, dass eine der Nebenwirkungen der SF – ‚Nebenwirkung’, weil sie von den Autoren nicht unbedingt beabsichtigt ist – darin liegt, zum Träumen zu bringen. Da innovative Technologien der Schlüssel einiger dieser Träume sind, neigen die Leser eher dazu, sie zu akzeptieren. Umgekehrt warnt uns allerdings die Sciencefiction auch vor dem unkontrollierten Gebrauch mancher dieser Techniken, wie zum Beispiel Klonen oder genetische Manipulationen. Sie kann somit manche Forscher motivieren, auf diesem oder jenem Gebiet zu arbeiten und sie für den Gebrauch, den sie selbst oder andere von ihren Erfindungen machen könnten, sensibilisieren.“

Die Vorgeschichte, oder SF mit umgekehrtem Vorzeichen
Doch die Zukunft ist nicht das einzige geheimnisvolle Gebiet, das die Künstler reizt. Auch die Vergangenheit ist dunkel, insbesondere die Epochen, die hinter das menschliche Erinnerungsvermögen zurückreichen. Geologen, Paläontologen und Archäologen rekonstruieren vorsichtig eine Geschichte, von der sie nur einige wenige Bruchstücke in Händen halten. Und der Rest, wie verhält es sich damit? Anlässlich der Präsentation von Jean-Pierre Andrevons Roman L'homme aux dinosaures plädierte der Paläontologe Stephen Jay Gould für die Phantasie. Er beteuerte, die Fiktion könne viel zum wissenschaftlichen Vorgehen beitragen, indem sie intellektuell anregende Überlegungen beisteure, die die Wissenschaftler selbst aufgrund der in ihrem Beruf geltenden Normen in ihren Publikationen nicht berücksichtigen dürften. Gould beklagte sich auch darüber, dass den Forschern „dieses fruchtbare Herangehen an wissenschaftliche Fragen verwehrt“ ist.

So ist das Aufeinanderstoßen von Neandertalern und Cro-Magnon-Menschen eine faszinierende Episode in der Menschheitsgeschichte, die die Wissenschaft noch nicht völlig erhellt hat. Mehrere Schriftsteller haben dieses Thema aufgegriffen, um sich oftmals gut durchdachte Szenarios auszudenken(1). Abgesehen von der freien Spekulation über den Verlauf der Geschichte machen sich die Romanautoren einen weiteren, den Wissenschaftlern strikt verbotenen Kunstgriff zunutze: die Rekonstruktion einer subjektiv erlebten Welt, die den Menschen aus jenen fernen Zeiten eigen gewesen sein mag, ihrer Gefühle und Beziehungen. Auch da kann die Phantasie wichtige Beiträge zur wissenschaftlichen Erkenntnis leisten. Jean M. Auel beispielsweise hatte sich, bevor sie ihre Trilogie Die Kinder der Erde zu schreiben begann, überlegt, wie diese prähistorischen  Menschen tranken, aßen und – warum nicht? – beteten. Björn Kurtén, übrigens ein Paläontologe, stellt in seinen Romanen weißhäutige Neandertaler dunkelhäutigen Cro-Magnon-Menschen gegenüber. Jedem Autor seine Vorstellungen, jedem Roman seine Welt. Die Zeit wird neue Elemente zu Tage fördern, die diese Hypothesen stützen oder widerlegen werden – wie bei den wissenschaftlichen Theorien auch.

(1) Insbesondere William Golding (Die Erben), Björn Kurtén (Dance of the tiger), Joseph-Henry Rosny Ainé (La guerre du feu), Pierre Pelot (Les mangeurs d’argile) oder Jean M. Auel (Die Kinder der Erde).


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      Hergé. Intuition und Zeitgeist

    Tintin (auf Deutsch Tim) hat seinen Fuß siebzehn Jahre vor Neil Armstrong auf den Mond gesetzt. Das von Hergé erzählte Abenteuer vermischt treffende Vorwegnahmen mit einigen Irrtümern. Die Wirkung der Schwerelosigkeit, die etwa den Whisky von Kapitän Haddock als Kugel aus dem Glas schweben lässt, ist eine schöne Intuition. Der Reporter und der Kapitän entdecken Eiswände und eine Grotte, die beweisen, dass es in früheren Zeiten auf dem Mond Wasser gab. Dies ist richtig und falsch zugleich. Neuere Beobachtungen (Lunar Prospector, 1998) lassen darauf schließen, dass der Boden des Monds von mindestens sechs Milliarden Tonnen Wasser in Form von Eis durchsetzt ist. Aber dieses Wasser kann sich nie in flüssigem Zustand befunden haben, die Mondgrotten sind folglich ein aus der Luft gegriffener Traum.

    Hergé begeisterte sich auch für die Geisteswissenschaften (Ägyptologie, Ethnologie, Archäologie), die Chemie, die Nuklearphysik usw. Nicolas Witkowski(1), ein französischer Physiker, macht darauf aufmerksam, dass Professor Bienleins Pendel, der nie funktioniert wie er sollte, „ihn bestimmte Dinge entdecken lässt, obwohl er ganz andere suchte.“ Und er bemerkt, dass dieses Phänomen, „das in der Geschichte der Wissenschaft sehr häufig ist und den Namen Serendipity trägt, zeigt, dass Hergé sehr gut mit der Erkenntnistheorie vertraut war“.

    Nach Nicolas Witkowski durchläuft die Einstellung Hergés gegenüber der Wissenschaft drei Phasen und deckt sich mit der Entwicklung, die sich diesbezüglich in der Öffentlichkeit vollzog. Bis zu den 40er Jahren herrscht eine gewisse Gleichgültigkeit vor – Bienlein ist noch nicht da. Zwischen den 40er und den 60er Jahren macht sich Enthusiasmus für die Wissenschaft und Vertrauen in den technischen Fortschritt breit, der danach wieder in ein gewisses Desinteresse abfällt.

    (1) Siehe Alliage Nr. 47

      Jules Verne. Wenn die Phantasie eine Länge voraus ist

    Jules Verne ist vielleicht der berühmteste utopische Schriftsteller, aber er ist nicht der einzige, vor allem hatte er Nachfolger. Arthur C. Clarke dachte sich bereits 1945 eine Satellitenkommunikation auf einer geostationären Umlaufbahn aus. Isaac Asimov verkündete 1942 die Gesetze der Robotik, lange bevor Roboter Wirklichkeit wurden. 1988 erkundete C.J. Cherryh die Möglichkeiten des Klonens, zehn Jahre bevor das Schaf Dolly zur Welt kam. Unter den technischen Vorrichtungen ließen sich erwähnen: die ultraschnellen Geschosse (1865), die Raketen mit Rückstoß (1869), die planetaren Landemodule (1928), die vertikal zusammengesetzten Gebäude (1929), die Druckanzüge (1929), die bewohnten Raumstationen (1945), die Sonnensegel (1951), die Behälter für mehrere Kraftstoffe (1954), die bewohnten, für die Rückkehr in die Atmosphäre konzipierten Module (1954) usw.

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