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Die Herausforderungen der Neuropharmakologie

   

Neuronen tauschen zur Kommunikation Moleküle aus, die durch die Bindung an Membranrezeptoren elektrische Ströme aktivieren. In der Forschung nach neuen Arzneimitteln gegen Gehirnerkrankungen und Schmerzen kommen verschiedene Strategien wie beispielsweise Täuschung, Blockierung oder Saturierung dieser Rezeptoren zum Einsatz.

     
   

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Die Entwicklung von Medikamenten gleicht einem langen Hindernislauf. Zunächst muß ein Ziel gefunden werden, ein Molekül oder eine Gruppe von Molekülen, deren anormale Funktion mit der Krankheit zusammenhängt. Anschließend müssen Millionen möglicher Moleküle, die sich mit dem Ziel verbinden und ihm wieder zu einer normalen Funktion verhelfen könnten, getestet werden. Danach beginnt die langwierige Arbeit, die Zellen auszusondern, die sich aufgrund ihrer Toxizität oder ihres raschen Abbaus durch den Organismus nicht für den Einsatz beim Menschen eignen.

Noch komplexer wird die Sache, wenn es sich um Medikamente handelt, die für das Gehirn bestimmt sind. Dies liegt in erster Linie daran, dass die so genannte Blut-Hirn-Schranke den Durchlauf zahlreicher Substanzen verhindert. Aus diesem Grund versagen etliche, viel versprechende Medikamente, denen es nicht gelingt, das Gehirn zu erreichen. Im Übrigen ist das Problem der Nebenwirkungen weitaus heikler, da sich nicht alle unerwünschten Effekte in Tierversuchen nachweisen lassen.

Das Zeitalter der Konsortien
Trotz dieser Hindernisse macht die Neuropharmakologie Fortschritte und wagt sich an Störungen wie die Sucht heran (siehe Kasten). Eine der Strategien ist Judokas wohl bekannt: den Gegner durch seine eigene Kraft überwinden. Man hat entdeckt, dass bei vielen Gehirnfunktionen eine kleine Gruppe von Rezeptoren eine Rolle spielt. Durch Konzentration der Forschung auf den einen oder anderen davon könnten Medikamente für eine Reihe verschiedener Krankheiten entwickelt werden. Für diese Strategie haben sich zwei europäische Forschungskonsortien entschieden, die derzeit von der Europäischen Union unterstützt werden.

Das erste, von Alvaro Villaroel (Instituto Cajal, Madrid) koordiniert, befasst sich mit einem Kanal, der Kaliumione durchlässt und als KCNQ-Kanal bezeichnet wird. Es handelt sich um ein Protein, das in die Neuronenmembran eingeführt wird und Kaliumionen nur unter bestimmten Bedingungen passieren lässt. Sind diese gegeben, geht der Ionenfluss mit einem spezifischen elektrischen Strom - M-Strom genannt - einher, dessen medikamentöse Modulation kognitive Fähigkeiten verbessern kann. Jeder KCNQ-Kanal enthält eine so genannte Alpha-Proteinkette, die derzeit im Brennpunkt des Interesses steht. Thomas Jentsch von der Universität Hamburg, einer der Projektpartner, schrieb dazu in der Zeitschrift Nature: "Wir kennen heute vier Typen von Alphaketten. Die Veränderung jeder dieser Ketten ist mit einer menschlichen Krankheit verbunden." Das Konsortium hat sich der multidisziplinären Erforschung des KCNQ-Kanals, von seiner biochemischen Struktur bis zu den physiologischen Eigenschaften des elektrischen M-Stroms, verschrieben. Die gewonnenen Einsichten sollen der Entwicklung neuer Medikamente dienen. Diese Aufgabe fällt den beiden Industriepartnern des Projekts, den Firmen Diver Drugs in Barcelona und Neurosearch im dänischen Ballerup, zu. Ihre Bemühungen werden sich im Wesentlichen auf neonatale Epilepsie und die Alzheimer Krankheit konzentrieren.

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Multiple Sklerose ist eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, die durch eine Autoimmunreaktion ausgelöst wird. Einem Projekt, an dem holländische, schwedische und österreichische Teams mitwirken, ist es gelungen, an Tiermodellen eine vielversprechende Therapie zu demonstrieren, bei der ein monoklonaler Antikörper (erscheint in Orange) benutzt wird, der die Autoimmunattacken blockiert.

Das zweite Konsortium interessiert sich für ein anderes Schlüsselmolekül der Neuronenmembran: die Somatostatin-Rezeptoren. Warum gerade Somatostatin? Der Koordinator dieses 12 Labors umfassenden Netzwerks, Wolfgang Meyerhof (Deutsches Institut für Ernährungsforschung, Potsdam) erläutert die Entscheidung: "Somatostatin ist ein Modell der Gruppe der Neuropeptide, winzig kleine Proteine, deren Rolle in der Zellkommunikation wohl bekannt ist. Aber bevor wir sie einsetzen können, müssen wir mehr über ihre Eigenart, ihre Pharmakologie und ihre beschränkte in-vivo-Halbwertzeit wissen." Diese umfangreichen Forschungsbemühungen in Sachen Somatostatin erklären sich insbesondere durch die Vielzahl von Krankheiten, an denen dieses Peptid beteiligt ist: Alzheimer und Parkinson, Huntington Chorea, aber auch Depressionen, Schizophrenie und Angstneurosen. Nicht zuletzt hat dieses Molekül proliferationshemmende Eigenschaften und ist damit interessant im Hinblick auf die Bekämpfung von Gehirntumoren. Es ist daher verständlich, dass zwei bedeutende Unternehmen der europäischen Pharmaindustrie, Novartis aus der Schweiz und Glaxo-Wellcome aus Großbritannien, an dem Projekt teilnehmen.

Endogene Morphine gegen Schmerz
Parallel zu dieser Forschung über Gehirnkrankheiten laufen umfassende Arbeiten zu einer der größten Herausforderungen, mit denen das zentrale Nervensystem die moderne Medizin konfrontiert: die Schmerzbekämpfung. Dieser Zweig der Pharmakologie wurde lange vernachlässigt. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Die Entwicklung von Analgetika stellt heute in Europa einen Markt von schätzungsweise 300 Millionen Euro pro Jahr dar. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Zahl der unter hartnäckigen, wiederkehrenden Kopfschmerzen leidenden Europäer auf knapp 50 Millionen geschätzt wird. Chronische Schmerzen gelten heute als erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität und sind Gegenstand fortgesetzter Grundlagen- und angewandter Forschung.

"Morphium ist wahrscheinlich das in der westlichen Medizin seit der längsten Zeit gebrauchte Arzneimittel", erklärt Ian Kitchen (Universität Surrey, Vereinigtes Königreich), der von 1996 bis 1998 ein europäisches Forschungsnetzwerk koordinierte, dessen Mitglieder die Rolle der D-Opioide bei Schmerzkontrolle und Abhängigkeit untersuchten. "Morphium ist bestimmt ein hervorragendes Analgetikum, hat aber zahlreiche Nebenwirkungen. Aus diesem Grund sind die Mediziner schon seit langem an neuen Arzneimitteln interessiert." Die Forscher dieses Netzwerks wollten die molekularen Grundlagen der Wirkung von Morphium, wie auch der verwandten Opioidmoleküle, die von Natur aus in unserem Gehirn zirkulieren und als Endorphine bezeichnet werden, besser verstehen. Ihre Untersuchungen - von der Reaktion auf Schmerzen und deren Behandlung bei Mäusen bis zu den transgen modifizierten Opioid-Funktionen - waren Gegenstand von rund fünfzig Publikationen in spezialisierten Fachzeitschriften. Im Anschluss an diese Grundlagenforschung widmet sich ein von Andis Kreicbergs (Karolinska Hopital, Stockholm) koordiniertes Programm der Suche nach neuen Opioid-Arzneien ohne Nebenwirkungen, die auf Entzündungsschmerzen des Fortbewegungsapparats abgestimmt sind. Diese Bemühungen sind zweifellos ganz im Sinne der Millionen Europäer, die unter Arthritis und Rückenschmerzen leiden.

Ein Medikament gegen Toxikomanie

Wie lässt sich Lust definieren? Für den Neurobiologen handelt es sich vor allem um die Freisetzung eines Neurotransmitters - Dopamin - in einer Gehirnregion, die als mesolimbisches System bezeichnet wird. Die Quelle der Lust - Essen, Sex usw., aber auch Kokain oder Nikotin - spielt dabei keine Rolle. Auf dieser Erkenntnis beruht die Idee, Moleküle einzusetzen, die den Dopaminrezeptor überlisten und den Drogensüchtigen so von seiner Abhängigkeit befreien. Das erste derartige Molekül, das so genannte BP897, wurde von der Gruppe um Pierre Sokoloff (INSERM, Fachbereich 104, Paris) entdeckt. Für diesen Forscher, der seit 1995 nacheinander zwei durch die Europäische Union geförderte Forschungsnetze koordinierte, besteht "die Neuheit des BP 897 darin, dass es nicht auf den primären, nach Drogen strebenden Mechanismus einwirkt und folglich keine neuen Abhängigkeiten auslöst." Derzeit laufen erste klinische Versuche.

Kontakt

Pierre Sokoloff
INSERM, Unité 104, Paris
sokol@broca.inserm.fr



Kontakte

 

Alvaro Villaroel
Instituto Cajal, Madrid, Spanien
av@cajal.csic.es

Wolfgang Meyerhof
Deutsches Institut für Ernährungsforschung, Potsdam, Deutschland
meyerhof@www.dife.de

Ian Kitchen
Universität Surrey, Vereinigtes Königreich
i.kitchen@surrey.ac.uk

Andis Kreicbergs
Karolinska Hopital, Stockholm, Schweden
kreicbergs@ort.ks.se

Koordinator: Jon Laman
Universität Erasmus, Rotterdam (NL)
laman@immu.fgg.eur.nl

       
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