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Öffentliche Gesundheit

Dem Geheimnis der Prionen auf der Spur

  

Knapp 45 von der Union finanzierte Forschungsprojekte arbeiten daran, die BSE-Krankheit zu enträtseln und wirksame Mittel dagegen zu entwickeln. Die gezielte Forschung über TSE (übertragbare spongiforme Enzephalopathie) mobilisiert zahlreiche Wissenschaftler, die sich das Ziel gesetzt haben, die Geheimnisse der Prionen - dieser neuen Form infektiöser Agenzien, denen die Wissenschaft offenbar hilflos gegenübersteht - zu ergründen. Ein kurzer Überblick über die (lange) Suche nach Erkenntnissen.

    
   Das neurodegenerative Phänomen, das durch übertragbare spongiforme Enzephalopathien hervorgerufen wird - so bezeichnet, weil das angegriffene Gehirn unter dem Mikroskop wie ein Schwamm mit lauter kleinen Löchern aussieht - ist seit langem bekannt, sowohl beim Menschen als auch beim Tier. Diese in jedem Fall tödliche Krankheit führt zu einem Verlust der motorischen Kontrolle mit anschließender Demenz und eventuellen Lähmungen.

Seit dem 18. Jahrhundert
Die älteste Beschreibung - der Traberkrankheit (Scrapie), von der Schafe befallen werden - datiert aus dem Jahr 1732. Daß sie übertragbar ist, wurde erst 1938, also zwei Jahrhunderte später, nachgewiesen. Beim Menschen wurde die sogenannte Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) erstmals 1920 festgestellt, aber erst Ende der 50er Jahre mit Scrapie in Verbindung gebracht. Inzwischen kennt man noch andere, seltenere TSE-Krankheiten, die dem Menschen gefährlich werden können: das Gerstmann-Straussler-Scheinker-Syndrom, die familiäre, tödliche Insomnie oder Kuru. Letztere wurde in den 50er Jahren bei einem Stamm in Neuguinea entdeckt, und erstaunlicherweise wurde ihre Übertragung mit einem Bestattungsritual, das den Verzehr bestimmter Organe der Toten beinhaltete, in Zusammenhang gebracht. Nachdem dieser Brauch 1955 verboten worden war, ging die Zahl der Fälle rapide zurück.

Und so wurden weder die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit - mit ihrer geringen Inzidenz von 0,4 bis 1 pro Million - noch Scrapie (nach damaligem Kenntnisstand als nicht auf Menschen übertragbar und ohne erhebliche Auswirkungen auf die Zucht betrachtet) intensiv erforscht, bevor die oben erwähnte BSE-Krise ausbrach. Während etliche Anzeichen für eine sogenannte Slow-virus-Infektion sprachen, konnte kein einziges virales Partikel nachgewiesen werden. In den 70er Jahren durchgeführte Versuche zeigten sogar, daß das Übertragungsagens kein genetisches Material enthalten dürfte, was allen Dogmen der Übertragung von Infektionen widersprach. Die epidemiologischen Untersuchungen hingegen belegten, daß die Krankheit auch einen genetischen Träger haben könnte, entweder in Form der familiären Übertragung oder durch sporadische Mutation bei bestimmten Personen.

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Diese mikroskopischen Aufnahmen von menschlichem Gehirngewebe wurden 1996 von Robert Will und seinen Kollegen, den Mitverfassern des berühmten Lancet-Artikels, der die BSE-Krise in Großbritannien auslöste, präsentiert. Sie verdeutlichen die Ähnlichkeit, aber auch die erkennbare Spezifität der Schäden, die von zwei TSE-Typen verursacht werden: Die ersten Fotos zeigen die bereits bekannte Form der Kuru-Krankheit (1957 bei Papuastämmen festgestellt, die das Gehirn menschlicher Leichen verzehrten), die zweiten stammen von Patienten, die mit der neuen Enzephalopathie-Variante infiziert wurden, die auf die Übertragung durch kontaminierte Rinder zurückgeführt wird.

 

80er Jahre: erste Alarmzeichen
Erst in den 80er Jahren traten erneut ernsthafte Befürchtungen hinsichtlich der Existenz einer infektiösen Übertragung der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auf den Menschen auf. Zu diesem Zeitpunkt war man zu der Erkenntnis gelangt, daß die neuen Behandlungen mit aus menschlichen Hypophysen gewonnenen Wachstumshormonen weltweit einige Dutzend Fälle von CJD ausgelöst hatten. Dieses Risiko konnte 1986 dank der Einführung eines gentechnisch erzeugten Hormons jedoch ausgeschaltet werden.

Im gleichen Jahr trat mit dem Aufkommen einer neuen TSE-Form, von der Rinder befallen wurden, ein folgenschweres Ereignis ein: BSE, auch unter dem Namen Rinderwahnsinn bekannt. Sehr bald ging aus der epidemiologischen Untersuchung hervor, daß sich die BSE durch eine Übertragung von Scrapie vom Schaf auf das Rind - über die Herstellung von Mehl tierischen Ursprungs, das dem Rinderfutter beigemischt wurde - erklären ließe. Auch wenn umgehend Maßnahmen ergriffen wurden, um die Epidemie an ihrer Quelle zu stoppen, kennen doch alle die "Versäumnisse", die zur Entwicklung neuer Infektionsherde beigetragen haben ...

Auf wissenschaftlicher Ebene ist es verwunderlich, daß diese Hypothese des Übertretens der Artengrenze bei bestimmten Spezialisten nur wenig Aufregung auslöste. Seit zwei Jahrhunderten war die Traberkrankheit bei Schafen bekannt, und das Dogma ihrer Nichtübertragbarkeit hielt sich zäh und beharrlich. Es sollte noch zehn Jahre dauern (1996), bis der Abschlußsatz des Artikels des schottischen Forschers Robert Will und seiner Mitarbeiter, in dem sie eine neue, im Vereinigten Königreich beobachtete Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (nvCJD) beschrieben, wie eine Bombe einschlug: "Die plausibelste Interpretation unserer Entdeckungen ist vielleicht, daß diese neue Variante auf einen Kontakt mit dem BSE-Erreger zurückzuführen ist".(1)

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Vom Schaf auf die Kuh, von der Kuh über den Menschen auf die Maus: die Artengrenze wird übersprungen ...

Ein rätselhaftes infektiöses Agens

Was ist ein Prion? Diese Frage kann bisher niemand beantworten. Die physiko-chemischen Eigenschaften des anormalen Proteins haben seine vollständige Reinigung bisher verhindert, seine genaue Struktur ist unbekannt, und die den Versuchstieren eingeimpften infektiösen Präparationen enthalten auch Fette, Zucker und Nukleidsäuren. "Das Protein ist höchstwahrscheinlich mit dem infektiösen Agens verbunden", erklärt Dominique Dormont. "Wir vermuten, daß das Protein selbst das infektiöse Agens ist, aber wir haben keinerlei Gewißheit." Und auch was die normale Funktion des PrP-Proteins im Organismus betrifft, sind die Forscher hauptsächlich auf Vermutungen angewiesen, da die genetisch modifizierten Mäuse auf seine Entfernung nicht reagieren.
Ohne ein klar identifiziertes und isoliertes Agens ist es schwierig, die Risiken der BSE-Übertragung auf den Menschen richtig einzuschätzen, und die Präzision von Diagnosetests ist beschränkt. Die Infektion durch ein Prion löst keine Immunreaktion aus - unmöglich also, Antikörper festzustellen; das Prion enthält kein bekanntes genetisches Material - und da keine Nukleidsäure vorhanden ist, können die modernen Genamplifikationsmethoden nicht eingesetzt werden, um es nachzuweisen. Bleibt nur die Möglichkeit, Antikörper zu präparieren, die das PrP-Protein angreifen - auf dieser Technik beruhen mehrere Schnelltests, die im Rahmen europäischer Projekte entwickelt wurden und sich derzeit in der Validierungsphase befinden. Allerdings erkennen die Antikörper auch das normale Protein, und selbst der wirksamste Test erfaßt bestenfalls 1000 bis 10 000 infektiöse Einheiten im Hirn der Rinder. Diese Schwelle ist jedoch viel zu hoch, um die Infektion lange vor Auftreten der ersten klinischen Anzeichen diagnostizieren zu können (BSE hat eine Inkubationsperiode von fünf Jahren). Vor diesem Hintergrund ist es nicht möglich, die Ergebnisse der ersten, an Tiermodellen vorgenommenen Forschungen über Moleküle, mit denen sich die Überlebenschancen erhöhen lassen, direkt und unmittelbar auf die Humanmedizin zu übertragen.

Die (Wieder)entdeckung des Prions
Schon bald wurde eine grundlegende Hypothese, die der Amerikaner Stanley Prusiner Anfang der 80er Jahre entwickelt hatte - und die ihm 1997 den Nobelpreis einbrachte -, wieder aufgegriffen: die Übertragung von TSE-Krankheiten durch ein einfaches Protein - das gleiche, aus dem die fibrillären Ablagerungen bestehen, die in den angegriffenen Hirnen zu finden sind. Bei diesem neuartigen infektiösen Agens, das Prusiner Prion (proteinaceous infectious particle) nennt, handelt es sich um die Isoform eines normalen Proteins des Organismus, das sogenannte PrP, das durch Mutationen verändert wurde. Proteine bestehen ja aus einer linearen Kette von Aminosäuren, die auf ganz bestimmte Weise geknickt ist, und genau dieser Knick soll sich hier verändern. Diese geringfügige Veränderung hat erhebliche Auswirkungen auf die physiko-chemischen Eigenschaften des Proteins: Es wird hydrophob, verfestigt sich und kann nicht mehr abgebaut werden. In der Folge sammelt es sich so im Gehirn an und führt zur Zerstörung der Neuronen.

Der infektiöse Charakter der Krankheit soll mit der Fähigkeit des modifizierten Proteins (allein oder in Verbindung mit anderen, unbekannten Elementen) zusammenhängen, die Konformationsveränderung des normalen, in jedem Organismus vorhandenen PrP-Proteins auszulösen. Diese Veränderung soll genetischer Art sein und mit Genmutationen des PrP-Proteins einhergehen. Dieser atypische Mechanismus wirft jedoch etliche Fragen auf. Die von der Europäischen Kommission eingesetzte europäische BSE-Forschungsgruppe unter Leitung von Charles Weissmann, einem renommierten europäischen Prionenspezialisten, der heute in der Abteilung für Neurogenetik des Imperial College in London arbeitet, hat diese Fragen zusammengetragen.

Die europäische Wissenschaft auf dem Kriegspfad
Zwei große Fragenkomplexe wurden ermittelt. Der erste ist mit den praktischen Aspekten von BSE verbunden. Ist die Rinderseuche wirklich auf den Menschen übertragen worden? Wie läßt sich das Übertragungsrisiko abschätzen? Welche Gewebe sind infiziert? Wie könnte man wirksame Methoden für Diagnose, Inaktivierung, Behandlung usw. entwickeln? Die zweite Gruppe betrifft die Grundlagenforschung: Art des infektiösen Agens, Übertragungsweise, Pathogenese- und Transportmechanismus, Spezifität, Suszeptivitätsfaktoren usw. Der mit 50 Millionen Euro ausgestattete Aktionsplan, den die Kommission auf den Weg gebracht hat, ist in erster Linie auf diese Forschungsthemen ausgerichtet.

"Wir kommen nur langsam voran, wie immer in der Forschung; Projekte, die erst 1998 gestartet wurden, dürften erst in fünf oder sechs Jahren sichtbare Ergebnisse hervorbringen", betont Dominique Dormont, Mitglied des ständigen Ausschusses der europäischen BSE-Forschungsgruppe. Dennoch hat der Aktionsplan nach Ansicht dieses französischen Forschers, der sich seit über 20 Jahren mit diesem Thema befaßt, schon jetzt einiges bewirkt. "Die europäischen Projekte verlangen eine bessere Festlegung der Kooperationsziele, sie zwingen die Partner, sich regelmäßig zu treffen und schneller zu arbeiten als im Rahmen einer informellen Zusammenarbeit." "Darüber hinaus", sagt Maria Vidal-Ragout, zuständig für die BSE-Projekte bei der GD Forschung der Europäischen Kommission, "haben die Ausschreibungen das Interesse von Labors geweckt, die bis dahin nicht auf Prionen spezialisiert waren, aber über die für ihre Untersuchung wichtigen Kenntnisse verfügten."

"In der Epidemiologie zeichnen sich bereits konkrete Ergebnisse ab, weil es sich hier um die ältesten Projekte handelt", so Dominique Dormont weiter. "Die Diagnosemittel sind heute überall in Europa gleich, es sind die besten, die verfügbar sind. Es gibt keine Region auf der Welt, die sich einer so bemerkenswerten BSE-Kontrolle rühmen könnte. Im Bereich dieser Epidemiologie ist ein Netzwerk entstanden, das alle europäischen Labors umfaßt, die an Prionen arbeiten. Es hat beispielsweise erlaubt, zwischen der Human- und der Tiermedizin Schnittstellen zu schaffen. Dies ist natürlich von grundlegender Bedeutung, wenn man bedenkt, daß die bovine Enzephalopathie auf den Menschen übergegangen ist."

ie sich auf dem Symposium, das letzten September von der Europäischen Kommission in Tübingen organisiert wurde(2), gezeigt hat, konnte dank der europäischen Mobilisierung in kurzer Zeit eine beeindruckende Wissensgrundlage aufgebaut werden. "An dem Tag, an dem das infektiöse Agens endgültig identifiziert ist, wird sich alles weitere von selbst ergeben", schließt Dominique Dormont. "Die Techniken der Molekularbiologie erlauben, sehr schnell voranzukommen; wir werden in der Lage sein, an Nachweistests zu arbeiten, ohne erst zehn verschiedene Hypothesen formulieren zu müssen, wir werden die Prävalenz des Agens bewerten können anstatt die der Krankheit usw. Das bedeutet nicht, daß alle Probleme auf einen Schlag geregelt sind. Selbst dann steht uns noch eine Menge Arbeit bevor. Ein Problem, das für die Volksgesundheit derart bedrohlich ist wie die spongiformen Enzephalopathien, kann nur durch einen Durchbruch in der Grundlagenforschung gelöst werden."

(1) R. G. Will, J. W. Ironside, M. Zeidler, S. N. Cousens, K. Estibeiro, A. Alperovitch, S. Poser, M. Pocchiari, A. Hofman, P. G. Smith, A new variant of Creutzfeldt-Jakob disease in the UK, Lancet 1996, 347: 921- 25
(2) Characterisation and diagnosis of prion diseases in animals and man, Tübingen symposium, 23.-25. 9.1999.



Contact

Maria-José Vidal-Ragout, GD Forschung
maria-jose.vidal-ragout@ec.europa.eu
The European and Allied Countries Collaborative Study Group of CJD (EUROCJD)
http://www.eurocjd.ed.ac.uk/
The UK Creutzfeldt-Jakob Disease Surveillance Unit
http://www.cjd.ed.ac.uk/index.htm

Ein universeller Mechanismus?

Das Prion-Phänomen beschränkt sich nicht auf die TSE von Säugetieren. Es wurde nachgewiesen, daß bestimmte "Mutationen", die von den von Mendel aufgestellten, seit über 20 Jahren bekannten Regeln der Genetik bei Hefe oder bestimmten Pilzen abweichen, "Prionenmechanismen" ins Spiel bringen. Hier stößt man auf Konformationsveränderungen von Proteinen, die übertragbar und von der Expression der Gene unabhängig sind. Dabei kann man mit Hefe viel einfacher Experimente in Molekularbiologie, Biochemie und Genetik durchführen als mit den TSE-Tiermodellen. So zielt das im Rahmen des Aktionsplans ausgewählte, von der Universität Kent koordinierte Projekt Maintenance and transmission of yeast prions: a model system, an dem französische und deutsche Laboratorien teilnehmen, darauf ab, anhand des Hefemodells den universellen Charakter des Prionmechanismus' festzustellen und zu beschreiben - ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des infektiösen TSE-Agens und seiner Übertragungsmechanismen.

     
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