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Vor dem Wiegen wird geerntet
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Ein Weg, die Insektengemeinschaften
zu kontrollieren
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Produktivitätsmessung
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Messung der Zersetzung verwelkter
Blätter
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Wenn
ein Stück Land mit einer einzigen Grasart und ein vergleichbares Stück
mit verschiedenen Arten besät wird, erzielt man im zweiten Fall eine
größere Zahl von Pflanzen und ein höheres Gewicht der Gräser",
wußte schon Charles Darwin. Die Entwicklung der Agronomie hin zu industriellen
Monokulturen mit der Garantie einer gesteigerten Produktivität schien
diese Feststellung zu entkräften. "Trotz der Ergebnisse, die mit den
Techniken der modernen Landwirtschaft erreicht werden, hatten wir dennoch
das Gefühl, daß die Artenvielfalt sich auf die Gesamtheit der
Ressourcen des Ökosystems auswirkt und dieses vereinfachte Agrarmodell
einfach nicht der Realität entsprach. Diese Überzeugung war allerdings
noch nie bestätigt worden. Wir wollten nachprüfen, ob die Arten
in einer reichen Pflanzenkultur spontan bestimmte Nischen besetzen und einen
anderen Gebrauch von Ressourcen machen, was der Gesamtheit in Wirklichkeit
erlaubt, mehr zu produzieren als eine Monokultur", erklärt John Lawton
des NERC Centre for Population Biology (CPB) des Imperial College of Science,
Technology and Medicine, Koordinator des Projekts Biodepth und Direktor
des britischen National Environmental Research Council (NERC).
Winzige
Wiesen unter der Lupe
An diesem großangelegten Vorhaben, dessen Anfang November in der
amerikanischen Wochenzeitschrift Science veröffentlichte Ergebnisse
eine Weltpremiere darstellen, haben ungefähr fünfzig Forscher
von 11 Universitäten acht europäischer Länder mitgewirkt.
Ihr Studienobjekt waren 480 Parzellen von jeweils 4 m2 Wiese,
verstreut über zwei große diagonale Achsen des Kontinents,
von Nordwesten bis Südosten (Irland, Vereinigtes Königreich,
Deutschland, Schweiz, Griechenland) und von Nordosten bis Südwesten
(Schweden, Portugal), so daß unterschiedliche Klimabedingungen und
Breitengrade berücksichtigt werden konnten.
"Der Erfolg von Biodepth beruht zu einem Großteil auf der sehr weitreichenden
Zusammenarbeit und dem Teamgeist der Partner, sowie auf den ausgesprochen
vielfältigen Kenntnissen und technischen Kompetenzen, die sie eingebracht
haben. Sie alle, erfahrene Professoren ebenso wie junge Forscher, haben
entscheidend zu diesem europäischen Projekt beigetragen, das im übrigen
zu einem umfassenden Austausch von Wissen und Verständnis - auf wissenschaftlicher
und kultureller Ebene - geführt hat", betont Philip Heads, verantwortlich
für die administrative Koordination des Projekts.
Drei Jahre lang (1996-1998) haben die Teams die Auswirkungen der Biodiversität
- und ihres Fehlens - beobachtet, gemessen und analysiert. Eine Arbeit,
die größte Sorgfalt erfordert. Jedes Stück Land wird zunächst
sterilisiert - jede Pflanze muß entfernt werden, damit die Reinheit
des Experiments gewährleistet ist. Anschließend wird jede Parzelle
besät, entweder mit einer einzigen Art oder einer Kombination von
mehreren. Die Mischung wird einheitlich verteilt, wobei darauf geachtet
wird, daß die Saatdichte auf dem gesamten Boden gleich ist. An jeder
Stelle werden lokale Pflanzen angebaut, deren Samen im Vorjahr geerntet
wurden. Ihre Kombination wird systematisch nach zwei Kriterien für
Biodiversität ausgewählt: die Anzahl der Arten, aber auch die
Anzahl der funktionellen Gruppen, zu denen sie gehören - Hülsenfrüchte,
Gräser oder Kräuter.(1)
Von der
Keimung bis zur Zersetzung
Das CPB zum Beispiel untersuchte 66 Parzellen, die sehr unterschiedlich
besät worden waren (manche von ihnen enthielten verschiedene Arten,
andere waren Monokultur vorbehalten). Um Zufallsergebnisse auszuschließen,
wurde jede Kombination zweimal wiederholt, mit Vergleichen gegenüber
unbehandelten Testböden. An jeder Stelle wurde die gleiche Methode
angewandt. Mit einer maximalen Biodiversität von 32 Arten in einer
Parzelle haben die Forscher 200 verschiedene Artenkombinationen benutzt.
Dieses wissenschaftliche Experiment - weltweit das bisher größte
seiner Art - geht nach einem wirklich kontinentalen geografischen Ansatz
vor, was sein besonderes Interesse erklärt.
Die Parzellen sind während der gesamten Versuchsdauer immer wieder
gründlich gejätet worden: Nur die ursprünglich gesäten
Arten durften bleiben. Der gesamte Prozeß, von der Keimung bis zur
Zersetzung, wurde sorgfältig untersucht: Die Forscher haben die Produktivität
gemessen, die reifen Pflanzen gewogen, Bodenproben entnommen, die Insekten
(die, wie andere Tiere, von den Pflanzen abhängen, und umgekehrt)
erfaßt und die Zersetzung der Pflanzen und verwelkten Blätter
ebenso analysiert wie den Grad der Feuchtigkeit und Wasserretention im
Boden.
Von
der Zucht zur Landwirtschaft
Die von den Biodepth-Forschern nachgewiesene Überlegenheit diversifizierter
Wiesen ist für die Bewirtschaftung von Europas rund 60 Millionen
Hektar Grasland - d.h. die Hälfte der Anbauflächen - bestimmt
von Bedeutung. "Die Ergebnisse unserer Untersuchung könnten direkt
auf die Viehfuttererzeugung angewandt werden", meint John Lawton.
Aber wie sieht es bei den Ackerböden aus? Die technischen Zwänge
dieses Sektors folgen der Logik einer wirtschaftlichen Produktion,
und aus Gründen der Bewirtschaftung und Mechanisierung wird auf
einem einzigen Feld nur eine einzige Art kultiviert. "Die modernen
Praktiken der intensiven Landwirtschaft haben die Artenvielfalt beeinträchtigt
und andere Probleme wie Verschmutzung und Eutrophierung verursacht.
Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, daß eine vernünftige Bewirtschaftung,
bei der Anzahl und Typ der benutzten Arten berücksichtigt werden,
im Hinblick auf die Agrarproduktion ebenfalls eine positive Rolle
spielen kann. Daran sollte man denken, wenn es darum geht, diese Schäden
durch die Reduzierung von Düngemitteln und Pestiziden zu begrenzen",
fügt Andy Hector vom CPB des Imperial College von Ascot (UK)
hinzu, Hauptverfasser des in Science erschienenen Artikels.
Die Artenvielfalt ist letztlich ein wesentlicher Faktor in der komplexen
Ernährungskette. "Biodepth hat mehr getan, als lediglich das
Interesse einer nicht-intensiven Landwirtschaft für die Umwelt
nachzuweisen. Unsere eigene Energie hängt von der Produktivität
der Pflanzen ab, und wir sind dabei, die Lebensenergie zu verringern,
auf der die Nahrungskette beruht", betont Michel Loreau.
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Artenvielfalt
= Produktivität
Was die Produktivität betrifft, sind die Versuche überzeugend.
Nach den Schätzungen der Forscher sinkt sie jedesmal, wenn die Anzahl
von Arten um die Hälfte reduziert wird, durchschnittlich um 80 Gramm
pro Quadratmeter. Wenn eine der funktionellen Gruppen fehlt, gehen pro
Quadratmeter 100 Gramm verloren. "Wir haben gezeigt, daß eine artenreichere
Kultur ohne Düngerzusatz eine höhere Produktivität hat.
Ganz zweifellos wird der Stickstoff von den Pflanzen besser aufgenommen.
Es gibt also weniger Nitrat im Wasser, was sich wiederum positiv auf die
menschliche Gesundheit auswirkt", kommentiert Professor Lawton.
Die Vorteile der Biodiversität gehen jedoch weit über den quantitativen
Aspekt hinaus. Wenn sie verkümmert oder schwindet, hat das ganze
Ökosystem darunter zu leiden. Widerstandsfähigkeit und Gesundheit
der Pflanzen verschlechtern sich. Die Insekten werden weniger (Anzahl
und Arten). Das Aufkommen wirbelloser Tiere veränder sich - und diese
Veränderungen haben negative Folgen für die Chemie der Böden
und die Wiederverwertung der mineralischen Elemente. Diese Auswirkungen
haben die Forscher an allen Versuchsorten festgestellt, trotz der Unterschiede
im Hinblick auf Klima, Bodentypen und Pflanzenarten.
Komplementaritäten
Das Projekt Biodepth hat auch einen Eindruck davon vermittelt, wie wichtig
der Begriff komplementäre Nischen in Verbindung mit einer diversifizierten
Kultur sein kann. Die Arten besetzen bestimmte Nischen und nutzen die
Ressourcen auf unterschiedliche Weise. Manche Pflanzen holen sich ihre
Nährstoffe ziemlich tief im Boden, andere bleiben näher an der
Oberfläche. Zusammen nehmen sie also insgesamt mehr Nährstoffe
- wie Stickstoff oder Phosphor - auf als einzeln in Monokultur. Diese
einleuchtende Idee erklärt die Bedeutung der Artenvielfalt für
die Nahrungskette und das Interesse dieses Konzepts für eventuelle
Anwendungen in der Landwirtschaft. Die Komplementarität ist das indirekte
Ergebnis des Artenwettbewerbs.
"Stellen Sie sich zwei Fußballmannschaften vor. Die erste - A -
besteht aus elf Personen, die alle in der Lage sind, auf verschiedenen
Posten zu spielen, während ihre Gegner - B - gewöhnlich immer
auf dem gleichen Posten spielen. Wie wird das Spiel wohl verlaufen? Die
Mannschaft A mit ihren vielfältigen Talenten, mit Sportlern, die
verschiedene Taktiken beherrschen, wird gewinnen. Allerdings sind diese
Komplementaritätsmechanismen beim Fußball einfacher nachzuweisen
als bei Pflanzen", erklärt Asher Minns, zuständig für die
wissenschaftliche Kommunikation des CPB.
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Versuchsparzelle in Silwood Park
(UK) - Die entscheidende Rolle der Artenvielfalt nachweisen.
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Interaktionen
Es gibt jedoch neben dieser Komplementarität, die die erzielten quantitativen
Ergebnisse erklärt, noch andere Hypothesen im Hinblick auf die günstigen
Auswirkungen des Zusammenlebens verschiedener Pflanzenarten. Das Konzept
der positiven Interaktionen beruht beispielsweise auf der Idee, daß
eine Art eine andere, von ihr verschiedene nach sich ziehen und somit
selbst ein Faktor der Biodiversität sein kann. In extremen Situationen
- wie Trockenheit - kann eine Pflanze den Schatten spenden, der das Wachstum
einer neuen Pflanze begünstigt. Außerdem sind noch andere Formen
sehr spezifischer Interaktionen vorstellbar.
"Es kann aber durchaus sein, daß die positiven Auswirkungen, die
im Projekt Biodepth nachgewiesen wurden, nur die Spitze des Eisbergs darstellen",
meint Michel Loreau, Professor für Ökologie an der Université
Pierre et Marie Curie (Paris VI), der für die Entwicklung der im
Rahmen von Biodepth eingesetzten Theorien und mathematischen Modelle zuständig
ist. "Wir wollen ähnliche Experimente fortsetzen und diesmal die
Wirkung der Artenvielfalt in einer Umgebung untersuchen, die sich im Laufe
der Zeit verändert. Indem wir sie verschiedenen Störungen -
Trockenheit, Frost, Feuer, erhöhte Stickstoffzufuhr usw. - aussetzen,
wollen wir beweisen, wie wichtig die Biodiversität unter diesen Bedingungen
ist, und auch, welch bedeutsame Rolle sie beispielsweise bei Klima- oder
Umweltveränderungen spielen könnte."
So werden die europäischen Forscher künstliche Heiß- und
Kaltluft über die Parzellen blasen und ihr Wissen über komplementäre
Nischen und Interaktionen zwischen Arten vertiefen, um den verschiedenen
Aspekten der Artenvielfalt auf die Spur zu kommen. Ihre Arbeiten werden
zweifellos bestätigen, daß die Artenvielfalt entscheidend zur
Anpassungsfähigkeit der Biosphäre beiträgt.
(1)
Im Gegensatz zu Gräsern oder Kräutern binden Hülsenfrüchte
den Luftstickstoff.
Artenvielfalt
und Biodepth online
Die Anzahl der auf unserer Welt lebenden Arten wird auf 5 bis 50 Millionen
geschätzt. Aber bisher sind erst rund 1,5 Millionen erfaßt
worden, darunter 360 000 Pflanzen und Mikroorganismen. Jeden Tag verschwinden
50 bis 300 Pflanzen- und Tierarten. Auch wenn diese Zahlen ungenau
bleiben, steigt unter Wissenschaftlern und in der Öffentlichkeit
die Besorgnis über die zunehmende Verarmung unserer biologischen
Umwelt.
Die Forscher des Projekts Biodepth haben zu diesem Thema eine sehr
benutzerfreundliche und informative Website eingerichtet. Dort erfährt
man beispielsweise, was der 1985 von Walter G. Rosen geschaffene Begriff
Artenvielfalt oder Biodiversität genau beinhaltet. Sehr viel
mehr jedenfalls als eine quantitative Größe. Das Konzept
beruht auf drei Grundpfeilern, nämlich der spezifischen und der
genetischen Vielfalt (die der Arten bzw. die der Gene innerhalb einer
Art) sowie der ökologischen Vielfalt, und umfaßt auch die
Interaktionen zwischen diesen drei Ebenen. Die Bedeutung der Biodiversität
bei der Steuerung der Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Wasserzyklen und
ihre entscheidende Anpassungs- und Ausgleichsfunktion bei Störungen
(Naturkatastrophen, erhebliche Klimaänderungen usw.) wird besser
verständlich. Hier finden sich auch viele Informationen über
Biodepth, die wissenschaftlichen Grundlagen und die Ergebnisse dieses
Projekts, das ein besonders schönes Beispiel für den Mehrwert
europäischer Forschung darstellt.
http://forest.bio.ic.ac.uk/cpb/cpb/biodepth/contents.html |
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