GEISTESWISSENSCHAFTEN Auf den Spuren der sechziger Jahre
Von den Friedensbewegungen der fünfziger Jahre bis zum Mai '68 in Frankreich und der politischen Ökologie. Dies sind verschiedene Gesichter eines Phänomens, das sich durch den Bruch mit der Gesellschaft und ihre
Ablehnung auszeichnet. Das Themennetzwerk European Protest Movements since the Cold War (Europäische Protestbewegungen seit dem Kalten Krieg) bietet einen internationalen und multidisziplinären
Forschungsansatz zu diesem unverzichtbaren Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft.
Während des Vietnamkriegs tauchten neue Formen des Protestes auf und brachen mit den politischen oder syndikalistischen Widerstandsformen,
die sich seit dem 19. Jahrhundert eingebürgert hatten. Die Amerikaner zeigten immer deutlicher ihren Abscheu durch massenweise
Missbilligung eines Konflikts, in dem es für die Truppen keinen Ausweg mehr gab, in dem Soldaten starben und zum Himmel schreiende Machtmissbräuche
verübten. Auch in zahlreichen europäischen Städten wurden Friedensmärsche veranstaltet. Auf dem Höhepunkt der Protestaktionen im
Mai 1971 versammelten sich 500.000 Menschen (ein buntes Völkergemisch mit einem großen Anteil an Hippies und Veteranen) bei einem gigantischen
Sit-in in Washington. Zwischenzeitlich hatte der Mai '68, dem nur kurz zuvor der Prager Frühling vorausgegangen war, bereits seine ersten Spuren in
Nordamerika, Europa und Japan hinterlassen. Nichts war mehr so wie früher.
Sind diese ganzen aufstrebenden Protestbewegungen zwischen den Kontinenten oder Ländern miteinander vergleichbar? Wie haben sie
sich entwickelt? Welche Veränderungen haben sie auf politischer, sozialer und kultureller Ebene tatsächlich gebracht? Diese Fragestellungen, mit
denen sich die Forscher des Interdisziplinären Forschungskolloquiums Protestbewegungen, IFK Protest (1), seit dem Jahr 2004 beschäftigen, sind
jetzt Gegenstand einer Marie-Curie-Maßnahme (siehe Textbox).
Ungefähr 40 Forscher aus Europa und den Vereinigten Staaten sind heute diesem Netzwerk angeschlossen, das von dem Historiker Martin Klimke,
Forscher am HCA (Heidelberg Center for American Studies) der Universität Heidelberg (DE), Joachim Scharloth, Linguist an der Universität Zürich (CH)
und Kathrin Fahlenbrach, die Forschungen im Bereich Medien an der Universität Halle (DE) durchführt, ins Leben gerufen wurde. Ihr Ziel ist die Analysen
und Forschungen zu den nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Protestbewegungen auszuweiten. Allgemein werden alle Arbeiten zu
diesem Phänomen im Bereich der Geschichte durchgeführt. Aber für die Forscher des IFK können auch andere Forschungsdisziplinen wie
Politikwissenschaften, Soziologie, Literaturwissenschaften und Linguistik Beiträge zu Aspekten dieser unverzichtbaren Protestkultur und den Formen,
die diese heutzutage annimmt, leisten.
Nationales Terrain, international verankert
Die Aufmerksamkeit, die diesem Thema zuteil wird, scheint besonders deswegen notwendig zu sein, weil sich Gegenkulturbewegungen auf
einem komplexen Gebiet entwickeln. „Wir untersuchen unter anderem, wie Protestformen, beispielsweise ziviler Ungehorsam, der sich in den
Vereinigten Staaten aufgrund des Rassismus bemerkbar machte und Erbe großer Pazifisten wie Ghandi oder des Amerikaners Henry-David war,
in verschiedenen Teilen Europas umgesetzt wurden. Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied bei den Formen, die diese Ablehnung in
Nordirland, im ehemaligen Ostdeutschland oder selbst in der Ukraine annimmt“, erklärt Martin Klimke. „In Spanien und Griechenland
beispielsweise, Diktaturen der 70er Jahre, konnte der Protest gegen die Herrschaft nur dieselben Wege beschreiten, die bereits vorher von
Demokratien beschritten wurden. In diesem Zusammenhang unterschieden sich die Reaktionen in Osteuropa oder Westeuropa, vor
allem wenn es um die USA ging. In Westeuropa verurteilte ein Teil der Jugend (und der Bevölkerung) unerbittlich den amerikanischen
Imperialismus, wohingegen zur gleichen Zeit Dissidenten der ehemaligen kommunistischen Staaten die Kultur jenseits des Atlantiks (ihre Jeans, Sodawasser
und Musik) benutzten, um ihre Ablehnung zu bekräftigen.“
Und dennoch sind alle diese Protestbewegungen der sechziger und siebziger Jahre miteinander verbunden und weisen Gemeinsamkeiten auf.
„Eines ihrer Merkmale ist, dass sie sowohl national als auch international waren. Internationale Themen wurden verwendet, um nationale Politiken
zu bekämpfen. Internationale Protestcodes (wie beispielsweise der Hippielook) wurden benutzt, um zu zeigen, dass man die kulturellen
Codes des Establishments des eigenen Landes ablehnt, insbesondere die Werte der älteren Generation.“ (2).
Audiovisuelle Medien und das Internet
Diese Jahre zeichnen sich ferner durch eine andere Form der Inter - nationalisierung aus: die Machtübernahme der audiovisuellen Medien.
Die Verantwortlichen der Fernsehsender haben sehr schnell den „Vorbildeffekt“ dieser Bewegungen erkannt, doch genauso schnell haben die Protestler die
Auswirkung ihres Auftretens in den Massenmedien erfasst und damit begonnen diese zu nutzen, um ihren Platz in der internationalen Szene zu
festigen. Damit haben sowohl die „Nachrichtenproduzenten“ als auch ihre Themen zur Verstärkung der Vision einer globalen Bewegung beigetragen,
die durch zahlreiche Länder und Kontinente gezogen ist. Seit den achtziger Jahren werden manche Bewegungen (wie Greenpeace oder Attac)
zu Meistern in der Kunst, aus der spektakulären und telegenen Seite ihrer Aktionen das meiste herauszuholen.
Das Internet markiert einen weiteren Schritt. Das Netz macht es möglich zu informieren, sich zu sammeln, zu organisieren und zu mobilisieren. Die
großen Protestversammlungen sind beeindruckend. „Früher einte Solidarität die Protestler aus allen Teilen Europas. Sie besuchten sich gegenseitig,
tauschten sich persönlich aus, tauschten Literatur und Zeitschriften untereinander aus... Heute läuft ihre wesentliche Kommunikation über das
Internet und erreicht selbst die abgelegendsten Ecken. Die Protestaktionen während der G8-Gipfel oder der Treffen der Welthandelsorganisation
bezeugen die Effizienz dieser globalen Strategie.“
Vom Protest zum Lobbying
Welches Bedürfnis wird mit diesen auf der ganzen Welt auflodernden Protestbewegungen in all ihren Formen gestillt – wie beispielsweise über die
NRO, deren Zahl immer weiter steigt und die immer stärker international ausgerichtet sind? Die Globalisierung betrifft in Wirklichkeit alle Steuerungsmechanismen
und zieht den Verlust der nationalen Souveränität nach sich. Diese wird auf supranationale Gebilde wie die Europäische Union oder,
noch globaler, die Welthandelsorganisation übertragen. Damit wird die demokratische Kontrolle auf der Ebene der Nationalstaaten ausgehöhlt.
Paradoxerweise sind es häufig die Aktionen der internationalen Protest - bewegungen, durch die die öffentliche Meinung zu wichtigen Fragen des
Planeten sensibilisiert wird (Armut, Klimaänderungen usw.), und die zur Wiederaufnahme der demokratischen Diskussion auf internationaler Ebene
beitragen. „In zu großen Systemen, in denen die Bevölkerung von jeder Form der Beteiligung enttäuscht ist, äußern die Bürger ihren Anspruch auf grenzübergreifende
Proteste. Aus diesem Grund befinden sich die Protest - bewegungen derzeit in einer entscheidenden Phase. Derartige Mobilisierungen waren auf globaler Ebene noch nie möglich gewesen.“
Manche Organisationen, die einen unleugbaren repräsentativen Charakter haben, werden zu anerkannten Gesprächspartnern der Regierungen. Somit
müssen die großen NRO Struktur und Organisation ändern, mit anderen Worten, sie müssen sich institutionalisieren. Werden sie zu reinen Lobbys?
Welche Auswirkungen hätte dieser Umschwung auf die Protestbewegungen? Es stimmt, dass vierzig Jahre nach dem Mai '68 der soziale, politische und
wirtschaftliche Kontext sich sehr verändert hat.
Für Martin Klimke „spielten die Protestbewegungen der Sechziger Jahre nicht nur eine ausschlaggebende Rolle, indem sie auf sozialer und kultureller Ebene
den Weg zu einer substantiellen Veränderung geebnet haben, sondern sie haben auch die erforderliche Grundlage für die Bildung einer öffentlichen
transnationalen Sphäre geschaffen“. Die Nichtregierungsorganisationen, die sich mit den Menschenrechten, der Umwelt, dem Frieden usw. beschäftigen,
sind damit auch eine Folge der großen Protestbewegungen, die ihnen vorausgegangen sind.
Die Grenze der Gewalt
Welchen Platz nimmt die Gewalt, vor allem durch die verschiedenen Formen des Terrorismus, in diesen Überlegungen ein? „Die Protest -
bewegungen umfassen auch Formen der Gewalt, aber uns interessiert, wie die Gewalt in den Medien dargestellt wird und wie die Öffentlichkeit diese
aufnimmt, indem wir die Reaktionen und Interaktionen dieses Phänomens analysieren. Wir möchten beide Seiten dieses Aspekts betrachten, sowohl
aus dem Blickwinkel der Herrschaft und der Gesellschaft als auch aus dem Blickwinkel der Protestbewegungen. In einigen Fällen, wenn sich die Staatsgewalt
gegen die Bürger richtet, scheint die Gewaltanwendung die einzige Möglichkeit zu sein, diesen Ausschreitungen entgegenzutreten.“
Die Anwendung von Gewalt scheint im Übrigen in den Aktivistengruppen sehr umstritten zu sein und häufig angefochten zu werden. „Die Befürwortung
oder Ablehnung von Gewalt markiert in der Tat die Grenze zwischen den Protestbewegungen und dies gilt vor allem heutzutage.
Zahlreiche Aktivisten respektieren eine vollkommene Gewaltlosigkeit, andere sind für eine beschränkte Gewaltanwendung. Die große Mehrheit
distanziert sich allerdings von den Terrorismusbewegungen.“
(1) IFK: Interdisziplinäres Forschungskolloquium Protestbewegungen Interdisciplinary Research Forum on Protest Movements, Activism and Social
Dissent.
(2) Alle Zitate sind von Martin Klimke.
MEHR EINZELHEITEN
Marie Curie auf neuen Pfaden
Forscher zusammenzuführen, die an derselben Thematik arbeiten, multidisziplinäre Diskussionen eröffnen, neue Projekte
und Methoden ersinnen.… Dies sind die großen Ziele des Themennetzwerks European Protest Movements since the Cold War,
das von der EU im Rahmen der Marie-Curie-Maßnahmen...
Marie Curie auf neuen Pfaden
Forscher zusammenzuführen, die an derselben Thematik arbeiten, multidisziplinäre Diskussionen eröffnen, neue Projekte
und Methoden ersinnen.… Dies sind die großen Ziele des Themennetzwerks European Protest Movements since the Cold War,
das von der EU im Rahmen der Marie-Curie-Maßnahmen unterstützt wird. Es geht hier um die Analyse des europäischen
Beitrags bei der Entwicklung einer grenzübergreifenden Zivilgesellschaft und der Transformation des öffentlichen Raums,
der sich seit einigen Jahren auf einen weltweiten Maßstab erweitert hat. Auf den im Rahmen des Netzwerkes veranstalteten
Denkforen treffen sich junge Wissenschaftler und Experten aus unterschiedlichen Forschungsbereichen. Ihre Arbeiten gehen
über den einfachen historischen Rahmen hinaus, um die sozialen und kulturellen Bestandteile dieser Bewegungen zu
erforschen. Nach einem ersten Seminar, bei dem die medienwirksamen Aspekte dieser Protestbewegungen analysiert wurden,
wird das nächste Treffen (im März 2007) unter dem Titel Designing a New Life: Aesthetics and Lifestyles of Political and Social
Protest stattfinden. Weiterhin lancieren die Partner eine Publikationsreihe, deren erster Titel Protest, Culture and Society in
the 20th Century (Berghahn Books, Oxford/New York) lautet.