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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Nr. 50 - August 2006   
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 Nach wie vor gut in Schuss
 „Es gibt einiges zu kommunizieren...“
 Die Wissenschaft, Zeichen der Zeit
 Forschung, ein Wirkungsfeld für Philanthropen
 Es regt sich was in Sachen Biokraftstoffe
 Die Forscher und das Wohlbefinden der Tiere
 Abweichung, Umwelt und Genetik
 Der andere Blick auf das Mittelmeer
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PORTRÄT
Title  Fotis Kafatos: das Vorbild Mentors

Beseelt von einer ungewöhnlichen, im hellenischen Erbe verwurzelten wissenschaftlichen und kulturellen Neugier, ist Fotis Kafatos, der neue Vorsitzende des wissenschaftlichen Ausschusses des Europäischen Forschungsrats, ein brillanter Biologe, der sich als Glückspilz betrachtet. Denn er ist überzeugt, dass er sein Wissen nur dank der wertvollen Hilfe von Mentoren – ein von der mythologischen Figur des Lehrers von Telemachos, dem Sohn Odysseus’, abgeleiteter Begriff, den er besonders schätzt – aufbauen konnte. Und dieses Glück will er weitergeben, indem er der menschlichen Beziehung, die der Ausbildung der jungen Wissenschaftlergenerationen zugrunde liegt, einen zentralen Stellenwert einräumt.

Fotis Kafatos
Fotis Kafatos
Alles begann auf einer geschichtsträchtigen Insel. In den 40er Jahren erlebte der junge Fotis, Sohn eines kretischen Agronomen, der nach vierzig Jahren in den Vereinigten Staaten wieder in die Heimat zurückgekehrt war, eine glückliche Kindheit. „Mein Vater hat mir schon sehr früh einen ausgeprägten Sinn für die aufmerksame Beobachtung der Natur vermittelt. Ich war sehr früh fasziniert von der Welt der Insekten. Und dann lag das kleine Dorf, in dem unsere Familie die Ferien verbrachte, nahe den minoischen Ruinen von Knossos, die ich in- und auswendig kannte.“ Als junger Gymnasiast war er fasziniert von dieser Zivilisation und verbrachte jeden Sonntagmorgen mit der Erkundung der Schätze des Museums von Heraklion. „Lange bevor ich an die Biologie dachte, wollte ich Archäologe werden. Von außergewöhnlichen Lehrern angespornt, sah ich mich auch als Schriftsteller oder Dichter.“

Die Schönheit der Wissenschaft
Doch er hatte nicht mit dem Einfluss eines Naturwissenschaftslehrers in den letzten Gymnasiumsjahren gerechnet. „Dieser Lehrer war fasziniert von der Evolutionstheorie und der DNA-Struktur und ihren Implikationen, die Watson und Crick eben entdeckt hatten. Er setzte alles daran, mich in diesen grandiosen Abstieg in das Verständnis des Lebens einzuweihen. Er machte mich mit der Schönheit der Wissenschaft vertraut, die in meinen Augen das Fundament der menschlichen Kultur schlechthin ist.“

In der Familie Kafatos wurde bei Tisch Englisch gesprochen und die Vorbereitung auf ein Studium in Amerika, nach dem Vorbild des Vaters, ergab sich fast von selbst. Das Glück lächelte ihm erneut zu, als er Anne Gruner Schlumberger traf, eine Mäzenin, die sich mit Enthusiasmus für die Verbindung von Kultur und Wissenschaft(1) einsetzte. „Sie widmete sich damals in Griechenland der Vermittlung von Universitätsstipendien an junge Studenten aus den ländlichen griechischen Provinzen, die noch sehr stark von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gekennzeichnet waren. Sie war der Meinung, dass es sinnvoller war, die Motivation eines jungen Kreters zu unterstützen als einem Athener Studenten, dem mehr Türen offen standen, zu helfen. Anne interessierte sich auch später sehr freundschaftlich für meinen Werdegang in den USA. Sie bat mich allerdings, eines Tages wieder heimzukehren und in Griechenland Wissenschaft zu betreiben, wenn möglich sogar auf Kreta.“

Das Versprechen wurde zwanzig Jahre später eingelöst, doch erst kam es zu einem langen Aufenthalt in den USA. Er begann mit einem Lizenziat in Biologie an der Cornell-Universität in Ithaca, der Stadt mit dem hellenischen Namen im Staat New York. „Dort saugte ich mich wie ein Schwamm mit der Schönheit des Verständnisses der Lebensprozesse voll.“ Jeden Abend sagte sich der junge Student auf dem Heimweg von der Bibliothek die ersten Verse von Ithaka, eines Gedichts des griechischen Dichters Kavafis, auf; ihm wurde bewusst, dass sich sein Leben auf die „lange, abenteuerliche Reise des Wissens, wie er sie empfahl(2)“, hin bewegte.

„Als ich die Cornell University verließ, suchte ich noch meinen Weg. Ich hatte vor, Forschungen in Biologie und Medizin zu verbinden. Eines Tages besuchte ich dann eine Vorlesung über die Metamorphose der Insekten. Ich empfand eine unmittelbare Faszination für dieses außergewöhnliche Phänomen der natürlichen biologischen Entwicklung. Von der Raupe zum Schmetterling – wie bringen es die Zellverbände fertig, von einem Zustand in einen derart andersartigen zu kippen? Zudem wurde meine kindliche Leidenschaft für die Welt der Insekten wieder geweckt, ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Metamorphose ein beliebtes Thema der griechischen Antike ist.“

Dieses Abtauchen in den Mikrokosmos der Bioentomologie gab Anlass zu einer neuen Lehrer-Schüler-Beziehung, die sich später in eine Zusammenarbeit von Gleichgestellten verwandelte. „Ich besuchte Tom Eisner, einen weltweit renommierten Spezialisten dieser neu aufkommenden Forschung, und bat ihn, mir bei der Ausbildung zu helfen. Bis heute verbindet uns diese Leidenschaft für das Fach, gekoppelt mit einer echten wissenschaftlichen Freundschaft. Eigentlich nutze ich auch heute noch jede Chance zum Weiterzukommen, die sich bietet. Und lerne, das Wissen aufzunehmen, das andere mir vermitteln können.“

Europäisches Come-back
Darauf trat Fotis Kafatos in die Harvard-Universität ein, wo er 1965 promoviert wurde. Vier Jahre später, mit 29, wurde er der jüngste Titularprofessor dieser akademischen Hochburg (an der er bis 1994 unterrichtete). Doch damit war das Ende seiner großen Reise nicht erreicht. Die Heimkehr nach Europa, genauer nach Griechenland, begann bereits in den 70er Jahren. Damals war an der Universität Athen einiges in Bewegung und die molekularbiologische Forschung stand in vollem Aufbau. Kafatos teilte sich die Zeit zwischen Harvard und seiner Heimat, wo er sich aktiv der Erneuerung der biowissenschaftlichen Ausbildung und Forschung widmete, ohne seine eigenen Arbeiten darüber zu vernachlässigen. Nach dem Sturz des Obristenregimes und dem Beitritt Griechenlands zur EU 1991 nahm er die Schaffung einer Biologischen Fakultät an der neu gegründeten Universität Heraklion, wo der Minister für Forschung ihn überdies mit der Einrichtung des ersten griechischen Instituts für Molekularbiologie und Biotechnologie betraute, aus dem Nichts in Angriff. „Es war ein aufregendes Abenteuer, das ich mit Teams teilte, denen die Bewältigung der ihnen gestellten Aufgabe am Herzen lag: hochwertige Einrichtungen zu gründen, die die Jugend darauf vorbereiten würden, an der Spitze der auf europäischer und weltweiter Ebene ablaufenden Entwicklungen mitzuhalten.“

1992 wurde Fotis Kafatos gebeten, die Leitung des European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg (DE) zu übernehmen. „Es war ein Job, der es wert war, die Segel wieder zu setzen und sowohl Harvard wie meine Insel hinter mir zu lassen. In der griechischen Seele schlummert ein Seefahrer oder Emigrant, der die Weite schnuppern will. Heidelberg ist eine Hochburg der Wissenschaft mit herausragender Kompetenz, die ihre Pforten einer brillanten internationalen Generation junger Forscher geöffnet hat. In deren Umgebung zu arbeiten und ihnen Unterstützung und Zusammenarbeit anzubieten – zu geben und im selben Zuge zu empfangen – ist besonders spannend. Der andere wichtige Trumpf des EMBL war, dass ich selbst als Direktor einen beträchtlichen Teil meiner Zeit der Forschung widmen konnte.

Großaufnahme der Anopheles
Als auf der Weltbühne der Molekularbiologie bekannter „Forscherkopf“ nahm Kafatos in den 90er Jahren an einem der großen, bahnbrechenden Programme der Genomsequenzierung, demjenigen der Taufliege Drosophila, teil. Doch die Insektengruppe, die danach in den Mittelpunkt seines Forschens rückte, ist die Anopheles-Mücke, die Trägerin des Malariaerregers. Kafatos war einer der wichtigsten Exponenten der vollständigen Sequenzierung des Genoms der Anopheles, deren Gene eines nach dem anderen identifiziert wurden.

„Wir stehen heute vor der spannenden wissenschaftlichen Herausforderung, dieses Wissen für das Verständnis der molekularen Beziehungen und der komplexen Zellentwicklung einzusetzen, die auf der Ebene der molekularen Umgebung zwischen Anopheles und dem sie kolonisierenden Plasmodiumparasiten bestehen. Wenn es gelingt, zu verstehen, warum gewisse Anopheles, in Abhängigkeit von einer Kombination genetischer Faktoren, die allerdings auch mit Umweltparametern verknüpft sind, Träger der Malaria sind und andere nicht, hätte man vielleicht die seit langem ersehnte Waffe in der Hand, um diese Krankheit in den Griff zu kriegen und möglicherweise auszurotten.“

Im Übrigen weist dieser Spezialist gerne darauf hin, dass Wissenschaft und Gewissen denselben Wortstamm teilen. „Die Wissenschaft steht im Dienste aller Menschen und die Malaria ist eine tödliche Feindin von tausenden, zumeist sehr armen Menschen, denen ich in Kenia, Mali und Kamerun begegnet bin, und von Millionen anderen, die vorwiegend in den Tropen leben.“

Mit 66 Jahren musste Kafatos diese ausgeprägte Vorliebe für die Forschung, der er am Imperial College in London frönt, und seine Leidenschaft für das mentoring in die Waagschale werfen, als er letztes Jahr die Einladung seiner europäischen Kollegen erhielt, dem wissenschaftlichen Ausschuss des Europäischen Forschungsrats, der mit dem Siebten Rahmenprogramm ins Leben gerufen wird, vorzusitzen. „Es ist ein Unternehmen, von dem ich viel halte. Es führt wieder eine europäische Dimension in die Grundlagenforschung ein. Europa war die Wiege einer Wissenschaft, die ihrem Wesen nach die Grenzen sprengt. Europa ist auch heute noch ein erstrangiger Akteur, aber seit zu langer Zeit finden zu viele große Fortschritte anderswo statt. Sie hat die Fähigkeit, sich neu zu beleben und vermehrt wieder bei der Kreativität und Innovation anzuknüpfen, falls sie tut, was nötig ist, um ihre Exzellenz zu stärken. Und falls sie den besten Wissenschaftlern – insbesondere den jungen, die die Spitzenteams von morgen bilden – die Möglichkeit und die Freiheit gibt, die große Reise nach ihrem Ithaka anzutreten.“

(1) Anne Gruner Schlumberger (1904-1993) war Enkelin eines Elsässer Textilfabrikanten und Tochter eines Physikers, der das Familienvermögen dank der Erfindung eines Erdöl-Erkundungsverfahrens vervielfachte. Sie war sowohl eine begnadete Unternehmerin als auch eine glühende Mäzenin in den Bereichen Erziehung und Kultur. Sie schuf insbesondere die Stiftung des Treilles, einen Ort der Begegnung und der Forschung in den Bereichen Wissenschaft, Literatur und Kunst im Herzen der Provence (www.les-treilles.com).
(2) http://cavafis.compupress.gr/


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