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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Nr. 50 - August 2006   
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 Nach wie vor gut in Schuss
 Die Wissenschaft, Zeichen der Zeit
 Forschung, ein Wirkungsfeld für Philanthropen
 Fotis Kafatos: das Vorbild Mentors
 Es regt sich was in Sachen Biokraftstoffe
 Die Forscher und das Wohlbefinden der Tiere
 Abweichung, Umwelt und Genetik
 Der andere Blick auf das Mittelmeer
 HD69830 und seine drei Neptune
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WISSENSCHAFT UND GESELLSCHAFT  GESPRäCH
Title  „Es gibt einiges zu kommunizieren...“

Philippe Busquin, der ehemalige Forschungskommissar und „Vater“ des Europäischen Forschungsraums – eingerichtet zu dem Zweck, die Wissenschafts- und Technologiepolitik an die Spitze der EU-Strategien zu setzen – hat auch sehr namhaft dazu beigetragen, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu einem demokratischen Imperativ zu machen.

Philippe Busquin
Philippe Busquin: „Die wahre Arbeit des Forschers ist es, zu forschen, zu entdecken, zu verstehen. Kommunizieren ist nicht unbedingt seine vorrangige Aufgabe.“
Warum haben Sie diesen Aspekt zu einer Priorität Ihrer politischen Tätigkeiten gemacht, als Sie EU-Forschungskommissar waren?

Das Bedürfnis zu kommunizieren, nicht nur über die europäische Dimension der Forschung, sondern auch über den Stellenwert der Wissenschaft und Technologie in der ganzen Weltgesellschaft, drängt sich aus zwei Gründen auf. Dadurch, dass sich die EU die Schaffung eines Europäischen Forschungsraums zum Ziel setzte, hat sie 2000 eine sehr wichtige Wende genommen, die im Idealfall zu einer Art Binnenmarkt der Wissenschaft und der technologischen Entwicklung führen muss. Dieser Ansatz basiert auf der im selben Jahr erfolgten Verabschiedung des Lissabon-Ziels – dem Ziel, Europa zu einem der weltweit wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsräume zu machen. Dieses Ziel beinhaltet insbesondere eine verstärkte Forschungsanstrengung. Es war das erste Mal, dass der Europäische Rat eine derartige Strategie verabschiedete und damit die Forschungspolitik in die vordersten Ränge beförderte. Es gibt somit einiges zu kommunizieren, um diese neuen Herausforderungen bewusst zu machen.

Aber das ist nicht alles. Seit zwei Jahrzehnten wird die Gesellschaft durch die raschen, von der Wissenschaft und Technologie vollzogenen Wandlungen auf der Ebene der Wirtschaft, der Arbeit, des Lebensstils und der sozialen Beziehungen von Grund auf verändert. Überall auf der Welt, jedenfalls ganz klar in Europa, stellen die Bürger, aber auch die Wissenschaftler und die Entscheidungsträger diese Veränderungen in Frage. Kritik an der Wissenschaft, ihre manchmal unumwundene, vielleicht sogar gewalttätige Zurückweisung gibt es sicherlich nicht erst seit heute. Aber aus der Distanz erhält man den Eindruck, dass die Wissenschaft früher gemächlicher voranschritt und das Empfinden der Gesellschaft nicht allzu viel Bedeutung hatte.

Heute ist man sich jedoch des Gewichts der neuen Herausforderungen, wie etwa der absoluten Notwendigkeit der nachhaltigen Entwicklung und der ethischen Fragestellungen, die von den Biowissenschaften aufgeworfen werden, bewusst. Man ist sich auch darüber klar geworden, dass die Sicherheit der Technologien und der Anwendungen der Wissenschaft untersucht werden muss; ein Bewusstsein, das durch die Krisen der zwei vergangenen Jahrzehnte – von Tschernobyl über den Skandal des aidsverseuchten Bluts oder den Rinderwahnsinn bis hin zur Perspektive des Klimawandels – noch verschärft wurde. Was Letzteren anbelangt, ist übrigens festzustellen, dass die Entscheidungen über die Energieforschung und -entwicklung zu lange ausschließlich auf die fossilen Brennstoffe setzten. Wenn sie daher heute in Frage gestellt werden, liegt das auch daran, dass die Wissenschaft die Einsichten liefert, die die Notwendigkeit einer dringenden Eindämmung der durch den Menschen verursachten Schädigung der globalen Umwelt belegen.

Die Debatte über die Aspekte von Wissenschaft und Gesellschaft wird somit in Europa sehr aktiv geführt. Vielleicht beeinflusst sie die politischen Entscheidungen stärker als in der übrigen Welt. Unter demokratischen Gesichtspunkten ist dies eine gute Sache.

In Ihrem kürzlich erschienen Buch mit dem Titel Le déclin de l'empire scientifique européen(1) geißeln Sie die GVO-Debatte als ungenügend und wenig vernünftig.

Die Polemiken rund um die gentechnisch veränderten Organismen (GVO) sind leider ein Schulbeispiel eines schlecht, um nicht zu sagen aneinander vorbei geführten Dialogs. Verantwortlich sind sicher die Biotechnologen und insbesondere die multinationalen Firmen, die lange Zeit die – zum Teil sehr legitimen – durch den Fortschritt der Gentechnik aufgeworfenen Fragen nicht ernst nahmen. Umgekehrt haben sich viele derjenigen, die die Opposition gegen die GVO anführen, in einer Festung der Ablehnung dessen verschanzt, was sehr wohl ein Fortschritt in der Beziehung zwischen Mensch und Natur bedeutet. Seit Jahrtausenden nimmt der Mensch genetische Kreuzungen vor. Unsere heutigen Kulturpflanzen sind Ergebnis von Hunderten von Hybridisierungen zwischen verschiedenen Stämmen, deren Ziel immer die Verbesserung der landwirtschaftlichen Eigenschaften der Pflanzen war. Dank der Gentechnik gelingt uns dies heute mit viel größerer Präzision und Geschwindigkeit. Man darf nicht das Vorsorgeprinzip, das unverzichtbar ist, mit der diktatorischen und lähmenden Obsession eines Nullrisikos verwechseln.

Doch wie kommen wir aus dieser offensichtlichen Sackgasse, die sich heute in anderen Bereichen, etwa der Nanotechnologie, zu wiederholen droht, wieder heraus?

Das gesamte, für eine echte Debatte notwendige Umfeld muss erst geschaffen werden. Man muss informieren, in der Öffentlichkeit die Wissenschaftskultur fördern und unter transparenten Bedingungen diskutieren. Dies ist ein riesiges Programm, aber die Kommission hat es durch eine Reihe von Aktivitäten in Angriff genommen. Sie verfügt diesbezüglich über eine besonders wirksame Vermittlerrolle, da sie die verschiedenen in der EU existierenden gesellschaftlichen Standpunkte zu Wissenschaft und Technologie einander gegenüberstellen kann. Diese Sensibilitäten treten beispielsweise in den Eurobarometer-Erhebungen zu diesem Thema zutage.

Man muss auch bewährte Verfahren austauschen, um die Jugend zu bilden und wieder für die in Europa entstandene Wissenschaftskultur, die paradoxerweise zunehmend verblasst, zu interessieren. Gleichzeitig muss man die Wissenschaft popularisieren – wie es im Grunde das Magazin FTE info macht – und sie erklären, ohne den ernsthaften Fragen, die sie aufwirft, auszuweichen. Darin besteht ein großer Teil der Maßnahme Wissenschaft und Gesellschaft, die 2001 in die Wege geleitet wurde.

Manche glauben, dass das Ziel der Debatte über Wissenschaft und Technologie darin liegt, die gesellschaftliche Akzeptanz des aus der Forschung resultierenden Fortschritts zu stärken. Was halten Sie davon?

Ich mag diesen Ausdruck, der eine doppelte Bedeutung annehmen kann, nicht sonderlich. Zu erklären, dass alles unternommen werden muss, um die Ergebnisse der Forschung gesellschaftlich akzeptabel zu machen, kann auch heißen, sie so zu kommunizieren, dass sie akzeptiert werden, auf die Gefahr hin, dass die Präsentation der Tatsachen durch Überzeugungsversuche getönt ist. Oder aber dieser Ausdruck unterstellt umgekehrt, dass die Wissenschaft sich auf das beschränken muss, was „gesellschaftlich akzeptabel“ – so genannt „politisch korrekt“ – ist. Mit der Folge, dass gewisse Forschungen – ich spreche hier nicht von Anwendungen –, die die gesellschaftlichen Werte in Frage stellen, wie etwa das therapeutische Klonen oder die Hinzuziehung von Stammzellen als Reservoir der Zellregeneration, gestoppt werden.

Dazu sage ich offen nein. Ich bin ein libre-exaministe, also keinem Credo verpflichtet, und ich fordere, dass die Wirtschaft keinem Vorurteil, ob erklärter oder anderer Art, unterliegt. Die Dynamik der Erkenntnis ist das Ureigenste des Menschen. Wie es die Grundrechtecharta in Artikel 13, wenn ich nicht irre, vorschreibt, müssen Kunst und Wissenschaft frei sein. Und die Rolle der Ethik?, werden Sie mich fragen. Die Ethik ist unverzichtbar, aber sie darf keine Regeln diktieren, die den Erwerb neuer Erkenntnisse, zumindest in der Grundlagenwissenschaft, einschränken. Sie darf sich nur zu den Verfahren des Erwerbs dieser Erkenntnisse – beispielsweise bei klinischen Tests – und zu der Verwendung der Forschungsergebnisse äußern. Wir begeben uns da auf das Feld der demokratischen Debatte, wo es gilt, gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen.

Die Wissenschaft wäre also verantwortlich für die Folgen ihrer Entdeckungen?

Ich würde sagen, dass keine Erkenntnis für die Art und Weise, wie sie verwendet wird, verantwortlich gemacht werden kann. Die Kernphysik hat sowohl die Atombombe als auch die biomedizinische Bildgebung ermöglicht.

Sind Sie der Meinung, dass die Wissenschaftlergemeinde sich ausreichend an dieser Debatte beteiligt?

Ich glaube, dass sich diesbezüglich eine sehr einschneidende Entwicklung abzeichnet. Heutzutage beteiligen sich viele Wissenschaftler an den Debatten und nehmen öffentlich Stellung in den Medien – nicht nur in den Ethikausschüssen. Das persönliche Engagement mancher Forscher ist geradezu beispielhaft. Doch abgesehen davon ist die wahre Arbeit eines Forschers zu forschen, zu entdecken, zu verstehen. Kommunizieren ist nicht unbedingt seine vorrangige Aufgabe, auch wenn manche Persönlichkeiten alle diese Talente besitzen.

Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie die Medien über Wissenschaft und Forschung berichten?

Mein Eindruck ist, dass die Medien der Wissenschaft und Technologie einen zunehmenden Stellenwert einräumen. Manchmal beschönigen sie die Dinge zu sehr – jede neue Entdeckung muss einen sensationellen Dreh haben –, oder sie blasen im Gegenteil die Befürchtungen und Kontroversen auf, da Spannung gefragt ist. Häufig erfüllen die Medien jedoch auch einen hochwertigen Bildungsauftrag.

(1) Philippe Busquin und François Louis, Le déclin de l'empire scientifique européen (Der Zerfall des europäischen Reiches der Wissenschaft), Nachwort von Janez Potočnik – Ed. Luc Pire, 2005

    
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