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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Nr. 49 - Mai 2006   
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INITIATIVE NEST-PATHFINDER
Title  Der unbekannte Verlauf unserer Grenzen

Verstehen, sich ausdrücken, sich orientieren, leiden, erfinden, fürchten, andere brauchen... Alle diese Gefühle sind menschlich. Aber sie sind nicht unbedingt eine Eigentümlichkeit des Menschen. Verschiedene, von der Europäischen Kommission im Rahmen einer völlig neuen Initiative – Nest (New and emerging science and technology) – unterstützte fächerübergreifende Forschungsprojekte sind damit beschäftigt, unsere Evolution und diese „Einmaligkeit“, die uns von anderen Arten unterscheidet, aufzuschlüsseln.

Der unbekannte Verlauf unserer Grenzen
© Michel Vanden Eeckhoudt
Was macht den Menschen aus? Die Frage wurde erst formulierbar, als der Mensch in der Evolution auftauchte und die „zerebrale“ Fähigkeit besaß, sie zu stellen. Seit Jahrtausenden haben Mythologien, Religionen und Philosophien versucht, diese ontologische Frage zu klären. In neuerer Zeit hat sich nun in dieser Debatte dank wissenschaftlicher Erkenntnis und Objektivität ein radikal anderer Ansatz durchgesetzt. Von Darwin über die Paläoanthropologie bis hin zur heutigen Sequenzierung des menschlichen Genoms wurde – ob es den „Kreationisten“ nun passt oder nicht – der Nachweis erbracht, dass die Menschheit aus der Natur hervorgegangen und eines der Produkte der Evolution des Lebens ist.

Das Leben auf dem Planeten Erde und insbesondere die einmalige Stellung, die der Mensch darin einnimmt, sind die Hauptfragen, zu denen die Wissenschaft heute über bislang unbekannte Schlüssel des Verständnisses verfügt. Diese von der Genetik (insbesondere der Sequenzierung verschiedener Genome), der Molekularbiologie und der Neurobiologie vorangetriebene Entwicklung begnügt sich allerdings nicht mit „mechanistischen“ Erklärungen des Phänomens Mensch. Die Genexpression lässt sich nicht auf eine DNA-Sequenz reduzieren, sondern hängt ebenso eng von komplexen Wechselwirkungen mit den Umweltfaktoren ab.

Unser Genom ist „technisch“ sequenziert worden und hat einige Überraschungen preisgegeben. Es unterscheidet sich in weniger als 2 % von demjenigen der Schimpansen. Während die Forscher glaubten, sie würden um die 100 000 Gene entdecken, sind gerade mal 30 000 aufgetaucht – manche sprechen sogar nur von 20 000 –, und wir werden bezüglich der Zahl der Sequenzen von so bescheidenen Gewächsen wie etwa der Senfpflanze geschlagen. Und dennoch – selbst wenn unsere Gene denjenigen unserer Verwandten in der Affenwelt ähneln, exprimieren sie sich auf eindeutig komplexere Art und Weise. Unsere Spezifität beruht nicht auf der Menge.

Dasselbe gilt für das Gehirn. Obschon unser Gehirn größer und entwickelter ist als das der Tiere, gleicht es in mancherlei Hinsicht dem der Säugetiere. Seine Entwicklung ist nicht nur eine Frage der Übertragung zwischen Nervenzellen, denn sie ist ganz eindeutig an den sozialen und kulturellen Kontext gebunden, der die geistigen Lernprozesse prägt.

Harte und weiche Wissenschaften ergänzen sich
Während die Ansätze der „harten“ Wissenschaften das physiologische Verständnis der menschlichen Besonderheit revolutionieren, nähern sich ihr die „weichen“ Wissenschaften eher auf „deutenden“ wissenschaftlichen Pfaden. Die kognitiven Wissenschaften erkunden und modellieren die Gedankengänge, Lernpfade und Entscheidungsfindungen. Die Verhaltenswissenschaftler sondieren die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen menschlicher und tierischer Natur. Die Paläoanthropologen wissen immer mehr über den Stammbaum der Vorfahren des Menschen und die Umwelten, die den Ausschlag für ihre Evolution und die ihrer Fähigkeiten gaben. Die Linguisten spüren der erstaunlichen Fähigkeit des Menschen nach, Sprachen zu erfinden und zu strukturieren – ein absolut einmaliges und universelles Merkmal des spezifisch Menschlichen. Die Philosophen und Psychologen schließlich, deren Reflexions- und Untersuchungsobjekt definitionsgemäß alles umfasst, was das menschliche Denken, Bewusstsein, Fühlen und Verhalten im evolutionären und kulturellen Kontext anbelangt, interessieren sich vorrangig für diese Fragen.

„Heute herrscht allgemein die Meinung vor, dass es Zeit ist, den absolut unerlässlichen Austausch und die Synergien zwischen den Akteuren der verschiedenen Fächer zu verstärken“, sagt Keith Stenning, Professor für kognitive Wissenschaften an der Universität Edinburgh (UK). „Als daher die Europäische Kommission ihre Initiative Nest-Pathfinder lancierte, um die sich neu abzeichnenden Forschungsthemen zu ermitteln, die in den nächsten fünfzehn Jahren vorrangige Aufmerksamkeit verdienen (siehe Kasten), bildete sich eine Partnerschaft zwischen europäischen und internationalen Teams, um über die Frage: ‚What it means to be human’ zu arbeiten.“

Ein Beispiel der Möglichkeiten, die Aufnahmen der Hirntätigkeit mittels PET (Positronenemissionstomographie) bieten.Ein Beispiel der Möglichkeiten, die Aufnahmen der Hirntätigkeit mittels PET (Positronenemissionstomographie) bieten.Ein Beispiel der Möglichkeiten, die Aufnahmen der Hirntätigkeit mittels PET (Positronenemissionstomographie) bieten.
Ein Beispiel der Möglichkeiten, die Aufnahmen der Hirntätigkeit mittels PET (Positronenemissionstomographie) bieten. In diesem Fall handelt es sich um eine im Inserm (FR) durchgeführte Dyslexie-Studie.
a) Eine Gruppe gesunder Versuchspersonen während der Lektüre einer Wortfolge im Rahmen einer Dyslexie-Studie.
b) Eine Gruppe von Versuchspersonen mit einer Leseschwäche bei derselben Aufgabe.
c) Der Unterschied zwischen den Aufnahmen gesunder bzw. dyslexischer Versuchspersonen zeigt, dass die linke Stirnlappenregion bei den Letztgenannten weniger aktiviert ist. Sie ist für die Umwandlung der graphischen (Buchstaben) in eine phonetische Information (Klänge) verantwortlich.

Die vergleichende Studie bei französischen, italienischen und englischen Versuchspersonen zeigt, dass die mit der Dyslexie einhergehenden Funktionsstörungen des Gehirns identisch sind, wenn sich auch die Leseschwäche je nach Sprache unterschiedlich äußert.
© Inserm/J.F.Demonet


Dieses breite Interessensgebiet gliedert sich in verschiedene thematische Forschungsschwerpunkte:

  • der genetische Ansatz der kognitiven menschlichen Fähigkeiten – d.h. die Art und Weise, wie „unsere Spezies, trotz beachtlicher genetischer Ähnlichkeit mit den anderen Primaten, sich entwickelt und so außerordentlich komplexe geistige Fähigkeiten herausgebildet hat“;
  • Verständnis der geistigen Entwicklung „oder wie die vielfältigen Lebenserfahrungen die Entwicklung, Reifung und Alterung eines jeden menschlichen Gehirns beeinflussen“;
  • Analyse der Denkprozesse – Überlegen, Lernen, Erinnern – und die Auswirkungen, die Erziehung, Kommunikation und die Entwicklung intelligenter Technologien darauf haben;
  • Analyse der Motivationsprozesse (beispielsweise die Bestimmungsfaktoren der Fähigkeit zu kooperieren oder im Gegenteil sich zu widersetzen) und der Entscheidungsfindung;
  • Einfluss des kulturellen Hintergrunds auf den „natürlichen“ Teil der Menschen, der Wandel und das Überdauern der Kulturen usw.


Wissen und Technowissenschaft
Alle diese Grundlagenforschungsbereiche heben auf gesellschaftliche Veränderungen ab, die häufig unter dem etwas schwammigen Begriff der sich herausbildenden Wissensgesellschaft zusammengefasst werden. Diese Veränderungen sind mit Fragen des Zusammenlebens in einer menschlichen Welt verbunden, die durch eine bisher nie dagewesene Verflechtung mit der Technologie geprägt ist. Diese entwickelt zunehmend ihre eigene Intelligenz, mit bisher unbekannten Formen der Bildung, neuen Fragen der Governance und der Ethik, einer wachsenden Verantwortung der Menschen gegenüber der Natur usw. „Zahlreiche Fragen, mit denen die Menschheit sich in den nächsten Jahren wird auseinandersetzen müssen, werden sich nicht dank technologischer Lösungen von selbst erledigen“, fährt Keith Stenning fort. „Wir werden auch unsere Art zu denken und unser Verhalten ändern müssen, wenn wir überleben und uns in dem überbevölkerten, verschmutzten und hektischen global village, in dem wir leben, weiterentwickeln wollen. Diese Forschungen liefern die Antworten, die uns erlauben sollten, die großen Probleme, vor denen wir stehen, besser anzugehen – die Globalisierung, der demographische Übergang, die Versuchungen des Rassismus und der Gewalt, die Korruption, das Geburtendefizit, die Konfliktlösung.“

Könnte es in einer von stets neuen „Wertekrisen“ geschüttelten Welt eine Aufgabe der Wissenschaft sein, die Grundlagen zu einer neuen Art Humanismus zu legen? „Man muss sich sehr hüten, in diese Falle zu tappen. Die Wissenschaft ist in keiner Weise befähigt, menschliche Werte zu definieren. Entscheidend ist hingegen, dass der Zuwachs der wissenschaftlichen Kenntnisse über die Spezifität des menschlichen Geistes, seine Funktionsweise und seine Entwicklung auf eine möglichst leserfreundliche Art und Weise aufbereitet und in der Bürgergesellschaft weit verbreitet wird. Dieses Wissen ist nicht da, um Werte zu diktieren. Es stellt vielmehr das erforderliche Ausgangsmaterial dar, das zum Nachdenken über die Vision anregt, die man vom Menschen haben kann.“


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  Nest: Prospektivforschung

Nest (New and emerging science and technology), eine im Sechsten Rahmenprogramm neu gestartete Aktivität, verfolgt das Ziel, Prospektivforschungen zu unterstützen, die der europäischen Wissenschaft und Technologie neue Forschungsfelder erschließen und zu völlig neuen Fragestellungen führen werden. Diese Initiative ermuntert ausdrücklich zu fächerübergreifender Forschung und zu Forschungsbemühungen in sich neu abzeichnenden Bereichen. Ihr Gesamtbudget beläuft sich auf 215 Millionen Euro.

Nest unterstützt drei Handlungsstränge: Adventure (Projekte, die neue Entwicklungen in von den Forschern festgelegten Bereichen ermöglichen), Insight (Vertiefung neuer Entdeckungen oder Erscheinungen, die zum Risiko oder Problem für die Gesellschaft werden könnten) und Pathfinder (auf die Herausforderungen fokussiert, die sich im Bereich der Wissenschaft und der neu auftauchenden Technologien stellen und ergänzende Projektgruppen bedingen). Darüber hinaus hat die Kommission eine Online-Erhebung lanciert (Do we need a NEST Programme?), um im Hinblick auf die Vorbereitung des Siebten Rahmenprogramms zu erfahren, was die Wissenschaftler von dieser Initiative halten.

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