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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Nr. 49 - Mai 2006   
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EUROPAïSCHE SICHERHEITS- UND VERTEIDIGUNGSPOLITIK
Title  Sicherheit: Forschung in den Startlöchern

Nach langer, mehr als fünfzehn Jahre dauernder Vorbereitung einer wirklichen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik schreitet die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Forschung rasch voran. Abgesehen von den komplexen Fortschritten, die ein erhöhter militärischer und diplomatischer Zusammenhalt zwischen – in diesen Fragen traditionellerweise souveränen – Mitgliedstaaten mit sich bringt, eignet sich dieser Bereich in Anbetracht der Kompetenzen der Europäischen Union bei der Forschungsförderung besonders für die Einrichtung einer gemeinsamen EU-Politik. Nach dreijähriger „Pilotphase“ einer 2004 lancierten vorbereitenden Maßnahme wird die Sicherheitsforschung als eigenes Kapitel eingeführt, für das die Kommission im Siebten Rahmenprogramm, das nächstes Jahr startet, ein Siebenjahresbudget von rund einer Milliarde Euro vorgeschlagen hat.

Am 7. Juli fanden in der Londoner U-Bahn um 8 Uhr 50 und 8 Uhr 51 drei Explosionen statt.

Am 7. Juli fanden in der Londoner U-Bahn um 8 Uhr 50 und 8 Uhr 51 drei Explosionen statt. Um 9 Uhr 47 explodierte ein Doppeldeckerbus auf dem Tavistock Square. Bilanz dieses Morgens: 56 Tote und 700 Verwundete.
© De Malglaice-Lafargue/Gamma-Photo News
Aus und vorbei, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und die Unsicherheit des so genannten Kalten Krieges, der immerhin auf der Grundlage des bis zum Mauerfall herrschenden Gleichgewichts der nuklearen Abschreckung diplomatisch sehr „institutionalisiert“ war. Binnen kaum zwei Jahrzehnten griff eine andere Welt Platz, die sowohl multipolar als auch zunehmend interdependent war. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und technologischen Globalisierung befindet sich die Geopolitik in einem tief greifenden Umbruch. Das Spielfeld der Weltmächte ist erheblich vielfältiger geworden. Doch während Stabilitätsfaktoren wie etwa das erweiterte Europa sich festigen, bauen sich an vielen Ecken und Enden des Planeten teils alte, teils neue Spannungen auf.

Ihre Ursachen sind vielfältig und kumulativ. Oftmals entstehen sie entlang ethnischer, religiöser oder kultureller Spannungslinien und werden von Territorialkonflikten, von Streitigkeiten über den Zugang zu Ressourcen wie Energie oder Wasser, von der Machtergreifung durch eine Minderheit, in gewissen Ländern auch durch die Desintegration der staatlichen Strukturen zugunsten Korruption und organisiertem Verbrechen gespeist. Das Ganze in einem globalen Klima, in dem der Bevölkerungsdruck, die sozioökonomische Ungleichheit und die Armut vieler Menschen wachsen und unkontrollierbare Migrationsbewegungen auslösen.

Die daraus entstehenden inner- und zwischenstaatlichen Krisen haben die klassischen militärischen Konzepte der Verteidigung und Sicherheit hinfällig gemacht. Wie der Krieg in Ex-Jugoslawien gezeigt hat, ist es Aufgabe der Armeen der europäischen Demokratien, Konflikte zu lösen, ohne sich hineinziehen zu lassen. Gleichzeitig müssen sie bei den sich neu abzeichnenden globalen Bedrohungen und Risiken einsatzfähig sein. Die Erpressung der Verbreitung „lokaler“ – nicht nur nuklearer, sondern auch chemischer, biologischer oder radiologischer – Massenvernichtungswaffen ist an die Stelle des Kriegs der Sterne getreten. Die militärischen Konfrontationen nehmen mehr und mehr die Form eines Kampfes gegen den kosmopolitischen, von integristischem Wahn gespeisten Terrorismus an, der blind an jedem beliebigen Punkt des Globus Zivilisten treffen kann und sich heute als gefährlicher Faktor einer internationalen Destabilisierung abzeichnet.

Im Flug gepackt
In der Folge hat die Frage der Sicherheit und Verteidigung Europas um die 2000er Jahre ein deutlich rascheres Tempo eingeschlagen. Vor dem Hintergrund des 11. Septembers 2001 und des internationalen Terrorismus, der Besetzung Afghanistans, des Irakkriegs und des unmöglichen Friedens in Nahost – nicht zu reden von den übrigen regionalen oder internen Krisen, die beispielsweise in Afrika immer wieder auflodern – hat die EU im Dezember 2003 einen politischen Text mit dem Titel Ein sicheres Europa in einer besseren Welt verabschiedet. Darin werden der Wille Europas, seine Rolle in einem wirksamen Multilateralismus zu spielen, sowie sein Wille zu vorbeugenden Einsätzen zur Verhinderung internationaler oder lokaler Krisen festgehalten.

Die Europäische Kommission hat den Ball im Flug gepackt und sich daran gemacht, dieses neue Schwerpunktthema bei der Umsetzung eines ihrer großen, unmittelbar mit Sicherheit befassten Politikbereiche zu konkretisieren: der Forschung und technologischen Entwicklung. Der Anstoß erfolgte unverzüglich in Form sehr klarer und umfassender Orientierungen einer Gruppe von Persönlichkeiten (GOP), die den Kommissaren Philippe Busquin (Forschung) und Erkki Liikanen (Unternehmen und Informationsgesellschaft) direkt unterstellt war.

Vorbereitende Erfahrung
Verschiedene von Ineris, Partner des Projekts L-surF, durchgeführte Versuche.Verschiedene von Ineris, Partner des Projekts L-surF, durchgeführte Versuche.

Verschiedene von Ineris, Partner des Projekts L-surF, durchgeführte Versuche.Verschiedene von Ineris, Partner des Projekts L-surF, durchgeführte Versuche.
Verschiedene von Ineris (Institut national de l'environnement industriel et des risques – FR), Partner des Projekts L-surF (Large Scale Underground Research Facility on Safety and Security), durchgeführte Versuche.

a) Entzündungsversuche mit organischem Peroxyd,
b) Versuch an mit gefährlichen Stoffen gefüllten Tanks,
c) Versuch der Nicht-Übertragung,
d) Messung des Schutzfaktors an einem Elektro-Schrank.
© Ineris

Ziel – und mittlerweile fester Beschluss – ist, der europäischen Sicherheitsforschung im Siebten Rahmenprogramm ein gesondertes Kapitel einzuräumen. Unverzüglich hat die Kommission 2004 für die folgenden zwei Jahre eine mit 65 Millionen Euro dotierte vorbereitende Maßnahme in die Wege geleitet. 2004-2005 wurden 25 Forschungsprojekte unterstützt, eine dritte Serie soll dieses Jahr abgeschlossen werden. Diese Erfahrung erlaubt es, eine wissenschaftliche und technologische Forschungsstrategie zu entwickeln, die den dringendsten und am schärfsten umrissenen Bedürfnissen der europäischen Zusammenarbeit gerecht wird.

Die im Rahmen dieser vorbereitenden Maßnahme berücksichtigten Schwerpunkte betreffen Forschungsprojekte, deren Ziel es ist, Europa und seinen Bürgern eine konzertierte Verstärkung des Zivilschutzes zu gewährleisten, keinesfalls jedoch spezifisch militärische Technologien zu entwickeln. Dieser letztgenannte Bereich ist Aufgabe der Europäischen Verteidigungsagentur, eines gemeinsamen Regierungsorgans, das 2004 im Rahmen der Entwicklung der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik auf EU-Ebene eingerichtet wurde.

Trotz dieser klaren Abgrenzung der Kompetenzen ist festzuhalten, dass die heutigen Technologien sich in einer Konvergenzspirale drehen und ihre Verwendung zunehmend multifunktional ist. Arpanet, der Vorläufer des Internet, war geschaffen worden, um die Computer des Pentagons auf amerikanischem Hoheitsgebiet zu vernetzen. Die Satellitenbeobachtung der Erde und das GPS dienen sowohl militärischen Zielen als auch der Bewältigung von Umweltproblemen, dem Handels- wie dem Privatverkehr. Die GOP hält in ihrem Bericht fest, „dass es heute ein Kontinuum gibt, bei dem die Entwicklungen in den Bereichen Verteidigung, zivile Sicherheit oder für den Verbrauchermarkt konzipierte Technologien zu Anwendungen führen, die von einem Bereich zum anderen springen können“.

Verletzlichkeit der Netze
Ein erster sensibler Sicherheitsbereich, der für den Start dieser europäischen Forschungsförderung ausgewählt wurde, betrifft den Schutz vernetzter Systeme. Wie bereits die GOP betonte, „besteht das Paradox der Technologie darin, dass sie sowohl Teil der Probleme als auch der Lösungen ist“. Sie wird für eine größere Sicherheit zweifellos zunehmend unverzichtbar, aber dadurch, dass sie mittlerweile immer enger und komplexer mit dem ganzen Räderwerk des gesellschaftlichen Lebens verzahnt ist, wird sie selber Quelle neuer Störanfälligkeiten und schafft damit bisher unbekannte Risiken und Ziele potenzieller Anschläge.

Die immer ausgedehntere Interoperabilität und Integration der Informations- und Kommunikationsnetze, die von einer stets raffinierter agierenden Cyberkriminalität bedroht werden, stellt naheliegenderweise einen der sensibelsten Bereiche dar, auf den Projekte der vorbereitenden Maßnahme angesetzt werden. Aber viele andere lebenswichtige Infrastrukturen, etwa die Energieerzeugungs- und -verteilungssysteme, die von einem der Projekte untersucht werden, setzen Forschungen voraus, die auf einer echten Kultur der Wachsamkeit gegenüber solchen Bedrohungen fußen. 

Den Bedrohungen des Terrorismus entgegentreten
Andere Projekte sind konkret dem Kampf gegen den Terrorismus gewidmet, insbesondere dem Schutz der Verkehrsnetze (U-Bahnen, Eisenbahnen, Flughäfen, Hafengebiete). Mehrere Forschungsprojekte zielen auf technologische Fortschritte bei der Überwachung stark frequentierter Örtlichkeiten und auf innovative Mittel zur Erkennung von Waffen, Sprengstoffen oder Bedrohungen vom Typ CBRN (chemische, biologische, radiologische und nukleare Waffen).

Neben den öffentlichen, universitären und industriellen Forschungsinstituten, die an gezielten technologischen Innovationen arbeiten, beziehen die meisten Projektteilnehmer-Konsortien auch „Benutzer“ mit ein – Verkehrsbetriebe, öffentliche oder private Zivilschutzdienste usw. Diese haben den Auftrag, die Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken, und versorgen die Forscher mit wirklichkeitsgetreuen Daten und Auflagen hinsichtlich der Anwendung.

Krisenmanagement
Diese verschiedenen Akteure sind auch wichtige Partner eines dritten Forschungsbereichs, der systematischen Verbesserung der Vorbereitung des Krisenmanagements. Im Falle eines Angriffs wie 2004 in Madrid oder 2005 in London – zu denken ist jedoch auch an andere Arten von Ereignissen, etwa vom Typ CBRN – sind die Organisation der Rettungsarbeiten und die zu ergreifenden Notfallmaßnahmen von herausragender Bedeutung, um die Lage in den Griff zu kriegen und den Schaden zu begrenzen. Im Übrigen ist festzuhalten, dass diese Dimension des Krisenmanagements nicht nur Angriffe betrifft, sondern auch sämtliche Arten von Natur- oder Industriekatastrophen.

Außerdem können sich in einer EU mit 25 Mitgliedstaaten die Bedrohungen jederzeit auf mehrere Länder erstrecken. Ein von der vorbereitenden Maßnahme eingeführter Forschungsbereich ist daher die Kernfrage der Interoperabilität der nationalen Sicherheitssysteme. Dies gilt für Krisensituationen, ist mittlerweile aber darüber hinaus unabdingbarer Bestandteil der gemeinschaftlichen Verantwortung für die Überwachung der 6000 km Außengrenzen und 85 000 km Meeresküsten, die die EU umgeben.

Schwerpunkt Sicherheit im Siebten Rahmenprogramm
Die Einführung eines bedeutenden Kapitels Sicherheitsforschung stellt eine der markanten Neuerungen des nächsten Rahmenprogramms 2007-2013 dar. Da die Verhandlungen zwischen Kommission, Rat und Europäischem Parlament noch nicht abgeschlossen sind, lässt sich noch nicht genau angeben, über welche Mittel es verfügen wird. Die Kommission hat indes 2005 ein gemeinsames Budget Sicherheit & Weltraum von annähernd 4 Milliarden Euro vorgeschlagen, wovon rund ein Viertel auf diesen neuen Bereich entfallen könnte. Diese Zahl gibt immerhin einen Hinweis auf die Größenordnung, die im Jahresdurchschnitt 100 Millionen Euro überschreiten sollte. Jedenfalls wird es sich um eine beachtliche Starthilfe handeln.

Aufgrund der in der vorbereitenden Maßnahme untersuchten Schwerpunkte sollten vier Forschungsstränge weiterentwickelt werden: Schutz gegen terroristische und kriminelle Bedrohungen, Sicherheit der Infrastrukturen und kollektiven Dienste, Kontrolle und Überwachung der Grenzen, Krisenmanagement und Wiederherstellung der Sicherheit. Die Aktivitäten des Programms werden auch den Aspekten der Integration und Interoperabilität der nationalen europäischen Systeme, der Gewährleistung des Schutzes der Privatsphäre und der Freiheitsrechte und der Koordinierung mit anderen europäischen Entwicklungsstrukturen im Bereich der Sicherheit – insbesondere der europäischen Verteidigungsagentur – Rechnung tragen.

Für die Vorbereitung und künftige Verwaltung des Programms stützt sich die Kommission auf ein Konsultativgremium mit 50 Mitgliedern, das European Security Research Advisory Board (ESRAB), das repräsentativ ist für einen breiten Fächer in diesem Bereich tätiger europäischer Akteure (Verteidigungs- und Sicherheitsbehörden der Mitgliedstaaten, Industrie- und Forschungskreise usw.)


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  MEHR EINZELHEITEN  
  Expertise auf Spitzenniveau in Ispra

Die Gemeinsame Forschungsstelle, die als Dienststelle der Europäischen Kommission wissenschaftlich-technische Unterstützung für die Umsetzung sämtlicher politischer Maßnahmen der Gemeinschaft leistet, umfasst auch ein Institut für Schutz und Sicherheit der Bürger ...
 
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In der Sprache der Internetsurfer bezeichnet Web 2.0 die Veränderung, die sich mit der wachsenden Flut der Flexibilitäts- und Interaktivitäts-fähigkeiten des Internets eingestellt hat. Am Anfang war das Internet vor allem eine riesige „Bibliothek“, in die ...
 
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Wenn es Orte gibt, wo Sicherheit von höchster Wichtigkeit ist und besonders gezielte und zuverlässige Schutzvorkehrungen zwingend sind, dann sind es sicherlich die unterirdischen Einrichtungen – Straßen- oder Eisenbahntunnel und sämtliche unter dem Stadtgefüge liegenden ...
 
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  MEHR WISSEN  
 
  • Websites zur Sicherheitsforschung
    Sicherheitsgewerbe, Sicherheitsforschung
    CORDIS – Security research
  • Bericht der Gruppe der Persönlichkeiten (2004)
  • Mitteilung der Kommission zur vorbereitenden Maßnahme
  •  


       
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      Expertise auf Spitzenniveau in Ispra

    Die Gemeinsame Forschungsstelle, die als Dienststelle der Europäischen Kommission wissenschaftlich-technische Unterstützung für die Umsetzung sämtlicher politischer Maßnahmen der Gemeinschaft leistet, umfasst auch ein Institut für Schutz und Sicherheit der Bürger (IPSC) mit Sitz in Ispra (IT). Dieses entwickelt eine erstrangige fächerübergreifende Exzellenz in Bereichen wie der Analyse von Weltraumbildern, den Informations- und Kommunikationstechnologien sowie im nuklearen Bereich und auf zahlreichen Gebieten im Zusammenhanag mit technologischen Geräten (Erkundung durch Sonden und Sensoren, Radar, Rückverfolgbarkeitssysteme usw.).

    Das IPSC ist mithin ein wichtiger wissenschaftlicher Pfeiler der unmittelbar mit den Bedrohungen der zivilen Sicherheit in Europa befassten Forschung(1). Seine Tätigkeiten betreffen insbesondere die Bekämpfung der Cyberkriminalität, terroristische Angriffe vom Typ CBRN, den illegalen Handel mit spaltbarem Material sowie die Grenzüberwachung. Darüber hinaus entwickelt das Institut Know-how im Bereich des Krisenmanagements. All dies führt dazu, dass es an vier der 2004-2005 gestarteten Projekten der vorbereitenden Maßnahme beteiligt ist.

    (1) Zu den Missionen des IPSC gehören auch die Verhütung von und der Schutz vor natürlichen und industriellen Risiken, die Sicherheit der Luftfahrt, die Betrugsbekämpfung usw.

      Auf der Hut vor Big Brother

    Die vom Schrecken und der Brutalität der blindwütigen Attentate von Madrid (2004) und London (2005) erschütterte Öffentlichkeit unterstützt in ihrer großen Mehrheit alle Mittel, die zur Verstärkung der zivilen Sicherheit in Europa angewendet werden. Diese legitime Entwicklung einer Schutzpolitik bringt jedoch den Einsatz immer raffinierterer, unter sich vernetzter technologischer Überwachungsmittel mit sich, die auch sehr ernst zu nehmende Fragen des Schutzes der Privatsphäre und der Freiheitsrechte aufwerfen. Die keineswegs zu vernachlässigende Berücksichtigung dieses Aspekts ist ebenfalls Teil des europäischen Ansatzes der Sicherheitsforschung. Wie der GOP-Bericht betont, „hat die EU die Aufgabe, ihre Bürger zu schützen, gleichzeitig muss sie aber auch die Spezifität ihrer Werte als pluralistische, offene und demokratische Gesellschaft verteidigen. Ein Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Freiheit herzustellen ist eine ethische Herausforderung, die unablässige Aufmerksamkeit erheischt.“

    Diese Problematik wird im Rahmen der vorbereitenden Maßnahme in einem Evaluations- und Empfehlungsprojekt untersucht. „Unser Projekt, das technologische Entwickler, öffentliche und private Sicherheitsbeauftragte, Politiker und mit dem Schutz der Privatsphäre und der Freiheitsrechte befasste Einrichtungen und Organisationen hinzuzieht, hat sich ein pragmatisches Vorgehen zu Eigen gemacht und entwickelt Kriterien und konkrete methodologische Guidelines“, betont Koordinator Johann Čas vom Institut für technologische Bewertungen der österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Diese Bewertungswerkzeuge müssen ein analytisches Raster bereitstellen, das auf die bestehenden wie auch auf die in Entwicklung begriffenen Sicherheitstechnologien anwendbar ist. Es gibt Fälle, in denen eine technologische Innovation, die zu einer verstärkten Überwachung führt, keineswegs einen Sicherheitsgewinn darstellt, und andere, in denen die potenziellen Sicherheitsgewinne die ernsthaften Risiken einer Einschränkung der Persönlichkeitsrechte nicht rechtfertigen.“

    Damit begeben wir uns in eine demokratische Debatte, in der auch die Öffentlichkeit Schiedsrichter ist. Daher ist vorgesehen, die methodologischen Ergebnisse dieses Projekts am Ende in Form von Szenarien verstärkter technologischer Sicherheit zu testen, die in verschiedenen europäischen Ländern „partizipativen Konsensusbewertungen“ unterzogen werden sollen.

      Bedrohung des Web 2.0

    In der Sprache der Internetsurfer bezeichnet Web 2.0 die Veränderung, die sich mit der wachsenden Flut der Flexibilitäts- und Interaktivitäts-fähigkeiten des Internets eingestellt hat. Am Anfang war das Internet vor allem eine riesige „Bibliothek“, in die Dokumente oder Bilder gestellt wurden. Heute ist es eine weltweite Plattform und ein multimediales Instrument des Tausches, der Forschung, der Informations- und Wissensbeschaffung. Von den Diskussionsforen bis zu den Blogs, von Google bis zum kollektiven Verfassen von Wikipedia, von der E-Kultur bis zum E-Business hat sich mit unkontrollierbarer Geschwindigkeit eine Kommunikationsarchitektur von derartiger Komplexität entwickelt, dass sie gerade dadurch ein immer anfälligeres Opfer sich stetig wandelnder bösartiger Attacken geworden ist.

    Die Sicherheit im Internet gibt zu wachsender Sorge Anlass, und die Anzeichen zunehmenden Misstrauens der amerikanischen Nutzer sind bereits sehr klar zu erkennen. „Die von Consumer Reports Webwatch durchgeführte Untersuchung Leap of faith Using the Internet Despite the Danger zeigt, dass 86 % der Internetsurfer ihr Online-Verhalten aus Furcht vor dem ‚Raub ihrer Identität’ auf die eine oder andere Art verändern“, sagt Boaz Glebord, Experte der European Network and Information Security Agency (Enisa). Etwas mehr als die Hälfte weigert sich, Informationen zur eigenen Person mitzuteilen, und ein Viertel verzichtet auf Online-Einkäufe.“

    Die ENISA ist eine EU-Agentur, die den Auftrag hat, die Kommission, die Mitgliedstaaten und die öffentlichen, wirtschaftlichen und privaten Akteure der Union zu unterstützen, um ein Höchstmaß an Know-how in puncto Schutz und Überwachung gegenüber den stets raffinierter werdenden Attacken auf das Internet zu gewährleisten und zu verbreiten. Als echter „Wachtturm“ gegen neue Bedrohungen und Risiken, die sich in einem stetig expandierenden Internet entwickeln, richtet ENISA innerhalb der EU ein aktives, zielgerichtetes Informations-, Kooperations- und Ausbildungsnetz ein, um sowohl bei Informatik-Profis wie Nutzern eine echte „Wachsamkeitskultur“ zu schaffen.

    • Sie möchten mehr wissen?
      (Die Agentur veröffentlicht insbesondere Enisa Quarterly, eine Zeitschrift, die sich an Sicherheitsverantwortliche im Internet richtet.)
      Sicherheit unter der Erde

    Wenn es Orte gibt, wo Sicherheit von höchster Wichtigkeit ist und besonders gezielte und zuverlässige Schutzvorkehrungen zwingend sind, dann sind es sicherlich die unterirdischen Einrichtungen – Straßen- oder Eisenbahntunnel und sämtliche unter dem Stadtgefüge liegenden öffentlichen Räume. Sie sind sowohl durch Unfälle als auch durch terroristische Anschläge gefährdet.

    Es gibt in Europa eine ganze Anzahl nationaler und regionaler Institute, die über innovatives Know-how in puncto Verbesserung der unterirdischen Sicherheit verfügen, aber diese Bemühungen sind leider sehr versplittert. Sechs dieser Institute haben sich die Entwicklung eines großen europäischen Zentrums namens L-surF (Large Scale Underground Research Facility on Safety and Security)(1) vorgenommen. Diese Forschungs- und technologische Entwicklungsinfrastruktur, die darauf ausgerichtet ist, verschiedenartige Konfigurationen unterirdischer Räume zu simulieren, wird die Entwicklung realistischer Tests der Wirksamkeit von Sicherheitsausrüstungen (Sonden, Werkstoffe, Belüftung usw.) ermöglichen. Ein weiteres Ziel von L-surF ist es, Aus- und Weiterbildungszentrum für Spezialisten aus ganz Europa zu werden.

    (1) Es handelt sich um VHS (Schweiz), SP (Schweden), STUVA (Deutschland), TNO (Niederlande), SINTEF NBL (Norwegen) und INERIS (Frankreich).

      Wie Fledermäuse im Flughafen

    Diese Technologie hatte ihren Ursprung in den Raumfahrtprogrammen der ESA. Seit mehreren Jahren hat sich das irische Unternehmen Farran Technology auf die Konzipierung von Bestandteilen spezialisiert, die im Mikrowellenbereich (30-300 GHz) arbeiten und für astronomische Geräte und Breitband-Kommunikationssysteme für die Kommunikation zwischen Satelliten entwickelt werden. Dieses Know-how machte es dann möglich, auf einem ganz anderen Gebiet ein neues System der Mikrowellen-Erkundung namens Tadar zu entwickeln, das in Flughäfen zum Einsatz kommt. Dieser Name ist von Tadarida, dem Namen einer in Brasilien beheimateten Fledermausart, abgeleitet. Wie diese Tierart sendet das Gerät Mikrowellen aus, deren Brechung ihm erlaubt, durch die Kleider hindurch das Vorhandensein sämtlicher Objekte einer bestimmten Dichte zu „sehen“. Im Unterschied zu den herkömmlichen Detektoren, die heute ausschließlich Metalle erkennen, ist dieses Gerät fähig, zwischen der Brechung von Wellen, die für die Körpertemperatur charakteristisch sind, und solchen, die von unsichtbaren, von der untersuchten Person getragenen Gegenständen herrühren, einschließlich nicht metallischer und flüssiger Stoffe, zu unterscheiden.

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