Wichtiger rechtlicher Hinweis
   
Kontakt   |   Suche   
FTE info logoMagazin für die europäische Forschung Nr. 49 - Mai 2006   
Top
 HOME
 INHALT
 EDITORIAL
 Sicherheit: Forschung in den Startlöchern
 ITER richtet sich in Cadarache ein
 Der unbekannte Verlauf unserer Grenzen
 Dem Wesen des Menschen auf der Spur
 Ene Ergma, zwischen Himmel und Erde
 Die Rätsel der Blaualgen
 Virtuelle Enzyklopädie der Fische
 WISSENSCHAFT VERBREITEN
 KURZINFOS
 PUBLIKATIONEN
 AGENDA
 AUSSCHREIBUNGEN

PDF herunterladen de en fr


ALTE MENSCHEN
Title  Wenn die Pyramide Kopf steht

Wann ist man „alt“? Vielleicht immer später. Die Forscher finden stets feinere terminologische Nuancen, sie unterscheiden zwischen aktiven oder jungen Alten, Senioren, Betagten und Hochbetagten. Aber welche Wörter man auch benützt, Europa ist am Ergrauen, und diese Entwicklung stellt die öffentlichen Finanzen (Gesundheitskosten, Renten), die Wirtschaft (Abnahme der Arbeitskräfte) und, rein menschlich gesehen, die für diesen letzten Lebensabschnitt notwendige soziale und familiale Organisation vor eine große Herausforderung. Erklärungen der Forscherinnen und Forscher der Projekte Soccare und Care Work

Wenn die Pyramide Kopf steht
© Frédéric Thiry
Wie soll man die Jüngsten und die Ältesten betreuen in einer Gesellschaft, in der sich die Familienstrukturen und Rollen wandeln? Das Projekt Soccare (New Kinds of Families, New Kinds of Social Care) hat auf der Grundlage zahlreicher Gespräche die neuen, durch diese Veränderungen geschaffenen Bedürfnisse untersucht. Eine der Arbeitsgruppen(1) hat die Mehrgenerationenfamilien etwas genauer unter die Lupe genommen. Das Zusammenleben von vier – oder gar fünf – Generationen ist in Europa effektiv ein relativ häufiges Phänomen geworden. Es bedingt neue Rollen, die vorwiegend den Frauen der so genannten „Sandwich-Generation“ aufgebürdet werden. Als Mütter oder Großmütter sind sie sowohl für die kleinen Kinder als auch für die alt gewordenen Eltern verantwortlich.

An zwei Fronten
Diese oftmals belastende, ermüdende und stressende Pflege an zwei Fronten bleibt nicht ohne Folgen für das Familienleben. Laut den Forscherinnen und Forschern von Soccare „verwandeln sich die Beziehungen zwischen den Ehepartnern nicht nur wegen des symbolischen und materiellen Gewichts dieser Pflege, sondern auch aufgrund des durch den Erwerb neuer Kompetenzen erforderlichen Einsatzes. Sie müssen gegenseitig in ihrer Beziehung eine neue Rolle finden“(2). Die Kinder, die man leichter jemandem zum Hüten überlassen kann, als dass man jemanden zu den Großeltern schickt, sind oft selbst die Leidtragenden; die daraus entstehenden Schuldgefühle kann man sich leicht vorstellen. Gegenüber den Eltern sind die neuen Rollen auch nicht unbedingt leicht zu übernehmen. Das Kind wird verantwortlicher Elternteil und umgekehrt. „Die Qualität der ursprünglichen Beziehung kann entscheidend sein. Wenn sie immer positiv war, ist die Chance größer, dass die Dankbarkeit des Kindes gegenüber seinen Eltern die mit der Pflege verbundene Last der Verantwortung etwas leichter macht.“(2)

Häufig wird diese Aufgabe auch mangels Alternativen übernommen. Die betagte Person weigert sich, in ein Heim zu gehen – wofür die meisten Familien Verständnis haben.

Ein Service-Mix
Die für alte Menschen vorgesehenen „Lösungen“ variieren in Europa je nach Land, sowohl aufgrund der kulturellen Traditionen als auch der Tragfähigkeit der sozialen Systeme. Finnland ist das Land, wo dank eines effizienten Hauspflegedienstes eine große Zahl der alten Menschen autonom ist und allein lebt (42 % der Männer und 80 % der Frauen über 75 Jahren). Portugal, am anderen Ende des Spektrums, ist das Land, wo die Autonomie am geringsten ist (mit Anteilen von 16 bzw. 33 %). Wie auch in Italien lassen sich die Familien von Personen helfen, die häufig der Schattenwirtschaft angehören. Und in Frankreich bietet ein spezieller öffentlicher Dienst (die Allocation personnalisée autonomie) verschiedene Formen der Hilfe an (Haushalt, Pflege usw.), was oft einen Heimaufenthalt zu umgehen erlaubt.

Die meisten europäischen Familien verlassen sich auf einen Service-Mix zwischen den – oftmals sehr gut organisierten – öffentlichen Hilfen sowie auf verschiedene Systeme, die die Form kostenloser, von gemeinnützigen Organisationen aufgebauter Dienste annehmen können. Diese zunehmende Inanspruchnahme nicht professioneller Hilfe „kann als Antwort auf von der öffentlichen Sozialhilfe nicht befriedigte Bedürfnisse interpretiert werden, aber auch als Wille, flexiblere und persönlichere Lösungen zu finden. Solche Systeme haben den Vorteil, dass sie die Organisation der Pflege der Familie selbst überlassen“(2).

Verhältnis zwischen den Jüngsten und den Ältesten EU-25, Vereinigte Staaten und Japan - 2000-2050
Verhältnis zwischen den Jüngsten und den Ältesten EU-25, Vereinigte Staaten und Japan - 2000-2050Verhältnis zwischen den Jüngsten und den Ältesten EU-25, Vereinigte Staaten und Japan - 2000-2050

In allen drei Fällen nimmt die Zahl der Jüngsten stark ab, während die Gruppe der Ältesten immer weiter wächst und eine zunehmende Pflegenachfrage nach sich zieht.
© Europäische Kommission
Kontrastreiche Modelle
Eine der Arbeitsgruppen des Projekts Care Work in Europe hat die Situation in Schweden, Spanien und im Vereinigten Königreich untersucht (3). Ziel war es, einen Vergleich anzustellen zwischen den verschiedenen angebotenen Hilfeformen, der Ausbildung und den Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals sowie den Wünschen der Familien und der alten Menschen. Diese drei wirtschaftlich und soziokulturell sehr unterschiedlichen Länder weisen interessante Kontraste auf.

Die öffentliche Verantwortung kommt in Schweden, wo die örtlichen – und kostenpflichtigen – Dienste im Zuge der 60er Jahre entwickelt wurden, stark zum Tragen. Diese Sozialarbeit ist mit den Jahren zunehmend strukturiert und hierarchisiert worden. Das sehr gut ausgebildete Personal wird von Verwalterinnen begleitet, die einen echten Managerstatus einnehmen.

Spanien stützt sich am stärksten auf Familiensolidarität, entwickelt jedoch seit kurzem Pflegedienste, die nationalen Normen entsprechen und geeignet sind, die wachsenden und zunehmend komplexen Bedürfnisse abzudecken und die Pflege im Familienkreis zu ergänzen. Im Vereinigten Königreich erbringen Personen mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen (deren allgemeines Ausbildungsniveau jedoch steigt) verschiedene Dienstleistungen, sowohl im Heimsektor als auch zu Hause. Ein großer Teil dieser Arbeit wird von gemeinnützigen Vereinen übernommen.

Aktive Bevölkerungsgruppen: die Jüngsten (15-24 Jahre) und die Ältesten (55-64 Jahre) - EU-25 - 1995-2030
Aktive Bevölkerungsgruppen: die Jüngsten (15-24 Jahre) und die Ältesten (55-64 Jahre) - EU-25 - 1995-2030

Um 2009 werden sich die steigenden bzw. fallenden Kurven dieser beiden Bevölkerungsgruppen kreuzen. 2050 ist mit 66 Millionen Beschäftigten im Alter von 55-64 Jahren und 48 Millionen 15- bis 24-Jährigen zu rechnen. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten wird nach 2010 steigen. Es drängt sich daher auf, sich über die Einsatzfähigkeit der Älteren Gedanken zu machen, um den Arbeitsmarkt auf die Alterung vorzubereiten.
© Europäische Kommission
Profil der Care workers
In diesen drei Ländern entspricht das typische Profil des Care workers einer Frau um die vierzig (deren Kinder flügge sind). Die große Mehrzahl der von den Forschern befragten Fachfrauen gibt an, gute Beziehungen mit den von ihnen betreuten alten Menschen und ihren Familien zu haben – oft betrachten sie übrigens die Unterstützung der Familie als Teil ihrer Aufgabe. Wenn sie von ihrer Arbeit sprechen, heben die Britinnen die Bedeutung der Kommunikation, des Einfühlungsvermögens, der Geduld, des Zuhörens, des Verantwortungsbewusstseins und der Kunst, Zeit zu schenken, hervor. Die Spanierinnen legen den Schwerpunkt ebenfalls auf die affektiven Werte und die Qualität der Beziehungen, während die Schwedinnen die Kenntnisse und die Kompetenzen im Gesundheitsbereich und „das auf Erfahrung beruhende Wissen“ unterstreichen.

Viele von ihnen betonen die Komplexität ihrer Arbeit, die sie oft vor vielfältige Dilemmas stellt: effizient arbeiten und gleichzeitig auf die Bedürfnisse der betagten Person eingehen, mit der administrativen Arbeit und den praktischen Aufgaben jonglieren, unter stetigem Zeitdruck persönliche Beziehungen aufbauen... Viele glauben auch, dass ihre Arbeit gesellschaftlich nicht anerkannt wird. Warum? Sicherlich weil sie unsichtbar ist und mit einem geringen Qualifikationsniveau in Verbindung gebracht wird. Weil es eine Tätigkeit „ohne Ergebnis“ ist, die daher nicht als vorrangig betrachtet wird. Weil das Image des Alters eher negativ ist. Dem ließe sich hinzufügen – außer in Schweden –, dass ihre Gehälter angesichts der sowohl physisch als auch psychisch anspruchsvollen Aufgabe niedrig sind und in diesen Berufen kaum Aufstiegsmöglichkeiten bestehen.

Und doch... Während die Verantwortung der öffentlichen Dienste im Kindersektor praktisch alle Aspekte abdeckt, muss sie im Bereich der alten Menschen noch um einiges konkreter werden, zu welchen Kosten auch immer.

Entwicklung der Bevölkerung Europas - EU-25, nach Altersgruppen (1950-2050)
Entwicklung der Bevölkerung Europas - EU-25, nach Altersgruppen (1950-2050)

Die Generation der Baby-Boomer durchläuft die Alterspyramide und bewirkt eine Zunahme der Älteren und eine Abnahme der Jüngeren. Die Bevölkerung Europas ist von 350 Millionen im Jahr 1950 auf 418 Millionen 1975 und 450 Millionen im Jahr 2000 gewachsen. Bis 2025 wird sie auf 470 Millionen steigen, um 2050 wieder auf 449 Millionen zu fallen. Es wird zwei Jahrzehnte dauern, bis die Alterung sich negativ auf die Gesamtbevölkerungszahl auswirken wird. Auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesundheitspflege werden die Folgen jedoch schon früher spürbar machen.
© Europäische Kommission


(1) Vier Forschergruppen haben in fünf Ländern (Finnland, Frankreich, Italien, Portugal, Vereinigtes Königreich) an Fragen gearbeitet, vor denen insbesondere allein erziehende Eltern, berufstätige Paare, Einwandererfamilien und Mehrgenerationenhaushalte stehen.
(2) Schlussbericht einer Projektgruppe: Trifiletti Simoni e Pratesi - Care arrangements in double front career families.
(3) Andere Teams von Care Work haben die Pflege von Kleinkindern und Behinderten im Vereinigten Königreich, in Dänemark, den Niederlanden, Spanien, Schweden und Ungarn untersucht.


Ausdruckbare Version

Dossier 1 2 3 4
  Soziale Kohäsion und demographische Engpässe
  Europa, wo sind deine Kinder?
  Spagat und Doppelleben
  Wenn die Pyramide Kopf steht

  MEHR EINZELHEITEN  
  Drittes, viertes, fünftes Alter…

Die im Rahmen des Projekts Dialog befragten Europäerinnen und Europäer schätzen und respektieren die Senioren, die „helfen, Traditionen zu erhalten und weiterzugeben, und die Jüngeren von ihren Erfahrungen und ihrem Wissen profitieren lassen können“. ...
 
  Familie und Sozialpolitik

Von der EU im Vierten (1994-1998) und Fünften (1998-2002) Rahmenprogramm unterstützte Projekte

  • Care Work (Care work in Europe: current understandings and future directions)
    Koordinatoren: Peter ...
  •  

      MEHR WISSEN  
     
  • Grünbuch „Angesichts des demographischen Wandels: eine neue Solidarität zwischen den Generationen“Mitteilung der Kommission (KOM(2005)94 endgültig
  • Projekt Soccare
  • Projekt Care Work
  •  


       
      Top
    Dossier 1 2 3 4
      Drittes, viertes, fünftes Alter…

    Die im Rahmen des Projekts Dialog befragten Europäerinnen und Europäer schätzen und respektieren die Senioren, die „helfen, Traditionen zu erhalten und weiterzugeben, und die Jüngeren von ihren Erfahrungen und ihrem Wissen profitieren lassen können“.

    Trotzdem ist für die Hälfte der Befragten die Alterung der Bevölkerung ein Besorgnis erregendes Phänomen, insbesondere für die Tschechen, die Deutschen, die Polen, die Esten und Litauer (je um die 70 %). Wer hat die Folgen dieser Entwicklung zu tragen? Sowohl die Gesellschaft (95 % der Österreicher finden, dass die Behörden durch die Förderung geeigneter Dienste für die Bedürfnisse der alten Menschen aufkommen müssen) als auch die Familie, die ebenfalls Solidarität zwischen den Generationen an den Tag legen muss.

    Die Mehrheit (64 bis 88 %, je nach Land) glaubt, dass die alten Menschen idealerweise so lange wie möglich zu Hause leben sollten, mit Unterstützung sowohl von Hauspflegediensten als auch von ihren Angehörigen. Die Vorstellung, die Eltern zu sich zu nehmen, wird in Rumänien, Polen und Litauen noch weitgehend akzeptiert (rund 80 %), während sich in Deutschland nur 16,4 % mit ihr anfreunden können.

    Mit der Alterung der Bevölkerung und ihren Kosten für die soziale Sicherheit stellt sich auch die Frage des Pensionierungsalters, das je nach Land variiert. Die Mehrheit der Befragten spricht sich für ein Ende der Beschäftigung vor 60 Jahren aus: 52 und 53 in Slowenien und Polen, 59 Jahre in Deutschland und den Niederlanden. Die Wenigsten möchten ihren Beruf nach 65 weiterführen, selbst wenn es ihnen möglich wäre, nach der Pensionierung, sofern erwünscht, weiterzuarbeiten (mehr als 50 % in Estland und fast 40 % in Rumänien).

    Quelle: Dialog – Population Policy Acceptance Study (PPAS)

      Familie und Sozialpolitik

    Von der EU im Vierten (1994-1998) und Fünften (1998-2002) Rahmenprogramm unterstützte Projekte

    • Care Work (Care work in Europe: current understandings and future directions)
      Koordinatoren: Peter Moss und Claire Cameron, Thomas Coram Research Unit, London (UK)
      Partner: DK, NL, ES, SE, HU>
    • DynSoc (The Dynamics of Social change in Europe)
      Koordinator: Richard Berthoud, ISER, University of Essex (UK)
      Partner: DK, DE, IRL, IT, NL>
    • Fadse (Family Structure, labour market participation and the Dynamics of Social Exclusion)
      Koordinator: Christopher Heady, University of Bath (UK)
      Partner: AT, DE, GR, PT, UK, NO
    • Fare (Family Reunification Evaluation Project)
      Koordinator: Richard Berthoud, ISER, University of Essex (UK)
      Partner: DK, DE, IRL, IT, NL
    • Fenics (Female Employment and family formation in National Institutional Contexts)
      Koordinator: Peter Elias, Institute for Employment Research, University of Warwick (UK)
      Partner: FR, DE, NL, ES, UK
    • HWF (Households, Work and Flexibility)
      Koordinatorin: Claire Wallace, Institute for Advanced Studies, Wien (AT)
      Partner: NL, SE, UK, BG, CZ, HU, RO, SL
    • Iprosec  (Improving Policy Responses and Outcomes to Socio-Economic Challenges)
      Koordinatorin: Linda Hantrais, European Research Centre, Loughborough University (UK)
      Partner: UK, FR, DE, GR, IT, SE, EE, HU, PL
    • Men (Thematic Network on the social problem and societal problematization of Men and masculinities)
      Koordinator: Keith Pringle, University of Sunderland (UK)
      Partner: FI, UK, DE, PL, EE, IT, LV, NO, RU
    • MoCho (The rationale of Motherhood Choices: influences of employment conditions and of public policies)
      Koordinatorin: Danièle Meulders, DULBEA, Université Libre de Bruxelles (BE)
      Partner: FR, GR, IT, NL
    • Nieps (Network for Integrated European Population Studies)
      Koordinatorin: Thérèse Jacobs, CBGS (BE)
      Partner: AT, FI, DE, IT, NL, CZ, EE, HU, LV, PL
    • Soccare (New kinds of families, new kinds of Social Care: shaping multi-dimensional European policies for informal and formal care)
      Koordinatoren: Jorma Sipilä und Teppo Kröger, Universität Tampere (FI)
      Partner: FR, IT, PT, UK
    • TSFEPS (Changing Family Structure and Social Policy: childcare services in Europe and social cohesion)
      Koordinatoren: Bernard Eme und Laurent Fraisse, CRIDA-LSCI (FR)
      Partner: BE, DE, IT, ES, SE, UK, BG
    • W&M (Working and Mothering: social practices and social policies)
      Koordinatoren: Ute Gerhard und Johann Wolfgang, Goethe-Universität, Frankfurt (DE)
      Partner: FR, DE, IT, NL, ES, SE, UK, NO

    MEHR WISSEN

    KONTAKTE