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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung N° 46 - August 2005   
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SOZIALWISSENSCHAFTEN
Title  Schule und Gleichheit

Das europäische Schulsystem hat in den letzten Jahrzehnten einen tief greifenden Wandel vollzogen. Die Staaten erlassen laufend wichtige neue Spielregeln, delegieren aber deren Umsetzung und Kontrolle an unterschiedliche Akteure. Diese stellen ebenfalls ihre eigenen Leitlinien auf und nur zu oft sind es „Unternehmergeist” und Managementinstrumente, die den Schulsystemen Pate standen. Die Partner des Projekts Reguleduc haben diese Entwicklung in fünf Ländern (Belgien, Frankreich, Ungarn, Vereinigtes Königreich und Portugal) analysiert und versucht, den Grad der sozialen Gleichheit in der Schule einzuschätzen

Schule und Gleichheit © Michel Vanden Eeckhoudt
© Michel Vanden Eeckhoudt
Budapest, 23. Bezirk. Ein Industrieviertel, das wirtschaftlich daniederliegt, 20 % seiner Einwohner verloren hat und wo neben kleinen, von Gärten umgebenen Häusern aus der Jahrhundertwende soziale Wohnbautürme in den Himmel ragen. Ein sozial gemischtes Viertel (Arbeiter, Angestellte, Zigeuner), in dem die Arbeitslosigkeit hoch ist und die Schulbesuchsquote unter dem städtischen Durchschnitt liegt. Zwei Grundschulen (6-14 Jahre), die „Rutten”, wie sie hier genannt wird, und die Martyn-Schule sind von den ungarischen ForscherInnen des Projekts Reguleduc untersucht worden.

Das Labor Ungarn
Die Martyn-Schule ist die leistungsfähigste des Bezirks, Rutten eine der schwächsten. Die erst genannte rekrutiert ihre 400 Schülerinnen und Schüler aus den besseren Wohnvierteln. Es herrscht strenge Disziplin und intensive Arbeit. Die Zweite zählt 200 Kinder (trotz einer Kapazität von 300), die in den Sozialwohnungen leben, und pflegt einen eher entspannten Stil. Die ungarischen Schulen wie auch die Behörden, die sie kontrollieren, verfügen über eine große Autonomie, mit der Folge, dass der Unterricht eine große Vielfalt an Bewertungsmethoden, Führungsinstrumenten und neuen Regulierungs-Akteuren(1) kennen gelernt hat und dieses Land zu einer Art pädagogischem Labor geworden ist. Mithilfe entsprechender Finanzspritzen haben die lokalen Behörden die Schulen, wo dies notwendig erschien, angeregt, Aufholklassen einzurichten, Logopädinnen einzustellen und für Schüler mit Schwierigkeiten pädagogische Projekte zu entwickeln. Die Rutten-Schule ist ein Beispiel dafür. Indes, diese an sich sehr löblichen Anreize ziehen auch unerwünschte Nebeneffekte nach sich, denn der Versuch einer Niveauangleichung und Eingliederung in den normalen Unterricht wird nicht unternommen. „Die Kinder werden zunehmend in Sondereinrichtungen und Sonderklassen von ebenfalls spezialisiertem pädagogischem, sozialem und medizinisch-psychologischem Personal betreut, was zu einer Segregation führt, die von eben jenen abgelehnt wird, die sie unbeabsichtigt verstärken”, schreiben die ungarischen ForscherInnen dieses Projekts(2).

Europäische Tendenzen
Heutzutage ist Klassierung und Effizienz gefragt. Gemäß den Partnern von Reguleduc ist das gesamte europäische Bildungssystem seit rund zwanzig Jahren in ein „Gleiten” geraten, das sie in sechs Punkten zusammenfassen: zunehmende Autonomie der Schulen; Streben nach einem Gleichgewicht zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung seitens der staatlichen Behörden; wachsende Bedeutung der externen Evaluation der Schuleinrichtungen und, ganz allgemein, des Erziehungssystems; „freie Wahl” der Schule durch die Eltern; Diversifizierung des schulischen Angebots sowie, sechstens, Erosion der Autonomie der Lehrkräfte. Macht und Verantwortung haben sich mithin erheblich verschoben, während das Wort „Wettbewerb” zunehmend an Aktualität gewinnt. Eine der Unternehmenswelt nachgebildete Logik führt dazu, dass die Schulbildung zu einem System mutiert, das die Partner als „marktähnlich” einstufen. In den Erziehungssystemen vervielfältigen sich die „vermittelnden” Akteure (mit dem Auftrag, pädagogische Ansätze zu entwickeln, die Ergebnisse zu evaluieren, die Qualität zu kontrollieren usw.), die sich zwischen die zentralen öffentlichen Behörden und die Schulen schieben.

Effekte der Dezentralisierung
© Michel Vanden Eeckhoudt
© Michel Vanden Eeckhoudt
So erlaubte es die Dezentralisierungspolitik in Portugal kürzlich verschiedenen Instanzen (akademische Inspektionsstellen, regionale Direktionen usw.), sich unabhängig vom zentralen Ministerium zu entwickeln. Die Analyse der ForscherInnen konzentrierte sich auf die Regionale Schuldirektion Lissabons (DREL), die für 30 % der Schüler Portugals in einem Einzugsgebiet zuständig ist, das durch das höchste wirtschaftliche Entwicklungsniveau des Landes, aber auch durch große soziale Kontraste gekennzeichnet ist. Die „Projektlogik” beginnt auch in der DREL Platz zu greifen.

Dieselbe Bewegung hin zu mehr Dezentralisierung lässt sich in Frankreich beobachten. Die Region Lille, die von den französischen Partnern als Beispiel gewählt wurde, zählt eine Million Schüler in privaten und öffentlichen Schulen. Dieses traditionelle Industriegebiet weist ernsthafte sozioökonomische Probleme und eine hohe Einwanderungsquote auf. 31 % der Mittelschulen sind als „Zonen prioritärer Ausbildung” (eine schönfärberische Umschreibung von „Nachholen an allen Fronten„) eingestuft. Die erzieherischen Maßnahmen werden durch Audits und Schalttabellen rationalisiert. Man spricht von „Bauplatz” und „Evaluation” und zählt „Ergebnisse”. Fördert diese neue Politik die Gleichheit? Die Forscher sehen sich außerstande, ein abschließendes Urteil abzugeben. Sie stellen gewisse Erfolge im Kampf gegen die Ungleichheit und den schulischen Misserfolg fest, die allerdings an Grenzen stoßen. In ihren Augen „gelingt es (diesen neuen Mechanismen) nicht, den schwer wiegenden wirtschaftlichen und soziokulturellen Determinanten wirksam entgegenzutreten”.

Variationen über die Gleichheit
In der französischsprachigen Gemeinschaft Belgiens (CFB) geraten die Unterrichtsnetze und organisatorischen Instanzen, die seit vielen Jahren in einem Kontext arbeiten, in welchem der Staat eine untergeordnete Rolle spielt, zunehmend in eine Lage, in der die von der zentralen Behörde ausgehende Kontrolle sich verstärkt, gleichzeitig aber den Akteuren bei ihrer Tätigkeit eine sehr große pädagogische Autonomie gewährt wird. Ein Vorteil? Anhand der von der OECD erhobenen PISA- (Program for International Student Assessment) Daten (Zahlen für 2000) haben die ForscherInnen festgestellt, dass die „Ungleichheit der Ergebnisse„(3) im Vergleich zu den anderen EU-Mitgliedsländern besonders stark ist. Die CFB bildet, gemeinsam mit Griechenland, das Schlusslicht, während Finnland und die Niederlande bezüglich Gleichheit am besten abschneiden. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt man, wenn man die Chancengleichheit unter dem Gesichtspunkt der Leistungen der Kinder in Abhängigkeit vom Schulabschluss ihrer Mutter bewertet: Die CFB (wie auch Ungarn) setzt mittels differenzierter erzieherischer Vorschläge auf die Karte der „Reproduktion”, während Länder wie Finnland, Irland und Schottland die soziokulturellen Ausgangs-Handicaps stark abschwächen.

Eine etwas anders geartete Entwicklung als in den übrigen untersuchten Ländern zeichnet sich im Vereinigten Königreich ab. Die Ende der 80er Jahre gegründeten Local Education Authorities (LEA) verlieren an Bedeutung, während der Staat sich als Evaluationsinstanz etabliert, indem er die zu erreichenden Qualitätsnormen festlegt und den LEA eher die Aufgabe einer Vermittlungsstelle als die einer Initiatorin einer eigenen Bildungspolitik zuweist. Diese Re-Zentralisierung steht einer „Gewinnlogik” keineswegs entgegen. Entscheidend ist, dass es „vorangeht”, wie die britischen Projektpartner bei ihrer Untersuchung der Londoner Agglomerationsgemeinde Wyeham feststellen konnten. Schüler wie Schulen haben Studienziele zu erreichen, Effizienz ist die Regel, es zählen die Ergebnisse und bewährte Praktiken werden als Beispiele weitergegeben.

Schulisches Management
Doch nicht nur im Vereinigten Königreich fordern die Eltern zunehmend eine Qualitätsausbildung, personalisierten Unterricht und eine Individualisierung der Schule. „Daraus ergeben sich bei der Gestaltung der öffentlichen Politik wachsende Besorgnisse hinsichtlich der Effizienz und Rationalisierung, die einer Aufwertung des Marktmodells und, in einem weiteren Sinn, Managementlösungen Vorschub leisten, die aus der Privatindustrie übernommen werden”, bemerkt Christian Maroy, Koordinator des Projekts und Forscher an der Katholischen Universität Louvain (BE). „Qualität ist ein Leitmotiv der öffentlichen Behörden, auch wenn dieses Wort je nach Situation eine unterschiedliche politische oder ethische Bedeutung annimmt.” Effizienzstreben, Flexibilität, Instrumente für die Evaluation der Ergebnisse, Definition von Lernzielen, „Bauplatz”, Selbst-Evaluation, Führung, Kunde als König... Das Vokabular stammt aus der Unternehmenswelt – und die Maßnahmen neigen dazu, dem Vokabular zu folgen. Die Schulen – wie auch die Universitäten und alle übrigen Schulungseinrichtungen – stehen zueinander im Wettbewerb. Mehr Schüler aufzunehmen bedeutet, mehr finanzielle Mittel zu erhalten und mehr – und vielleicht auch bessere – Lehrkräfte einzustellen. Die Zeiten des „schulischen Managements” sind angebrochen.

(1) Das heißt die Spielregeln, die vom Erziehungssystem für seine eigene Verwaltung aufgestellt werden (vom Staat und den auf verschiedenen Ebenen angesiedelten Behörden erlassene Normen, eigene Regeln der Bildungseinrichtungen oder Lehrkräfte, Konzertierungsmaßnahmen usw.). Die Regulierung ist mithin ein komplexer Prozess, bei dem zahlreiche Akteure mitspielen.
(2) Siehe Recherches sociologiques, vol. XXV, Nr 2, 2004 - édition Université catholique de Louvain, Unité d'anthropologie et de sociologie. Dieses Heft ist der „Soziologie der Unterrichtsregelungen” gewidmet.
(3) Mit „Gleichheit der Ergebnisse” wird eine Situation bezeichnet, in der alle Schülerinnen und Schüler am Ende eines Ausbildungsabschnitts die gleichen Leistungen erbringen.


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  MEHR WISSEN  
 
  • European Project: "Changes in regulation modes and social production of inequalities in educational systems"
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  • Christian Maroy – Katholische Universität Louvain (BE)
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