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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung N° 46 - August 2005   
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INFORMATIONS- UND KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIEN
Title  Biometrik und Justiz

In einer zunehmend durchlässigen und mobilen Welt, in der die Informationen möglichst rasch zirkulieren müssen, ist der gesicherte Austausch nicht nur für finanzielle Transaktionen ein Thema. Die Erfindung, Entwicklung und Überprüfung innovativer biometrischer Identifizierungs- und Authentifizierungssysteme, die eine maximale Sicherheit vor Versuchen „unrechtmäßiger Aneignung” und vor „Irrtümern der Person” gewährleisten, sind für die Justiz im weitesten Sinne (Richter, Verwaltung, Polizei) von größtem Interesse. Das europäische Projekt eJustice macht einsatzfähige Technologien für die gesicherte Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen europäischen und nationalen Organisationen und Behörden verfügbar – und dies nicht nur auf unserem Kontinent.

Im Rahmen des Projekts eJustice hergestellter Prototyp einer Smartcard, die es erlaubt, ihren Träger anhand zweier Fingerabdrücke und des Gesichts zu authentifizieren. Thales Security Systems (Vergleich von Fingerabdrücken) und Viisage (Gesichtsvergleich) haben die spezifischen biometrischen Algorithmen entwickelt. Die Verschlüsselungsalgorithmen (Oberthur card systems) gewährleisten die Funktionalitäten der numerischen Signatur eines Dokuments, der Authentifizierung auf Distanz, der Akzeptierung einer Transaktion und der Vollständigkeitskontrolle von Daten.
Im Rahmen des Projekts eJustice hergestellter Prototyp einer Smartcard, die es erlaubt, ihren Träger anhand zweier Fingerabdrücke und des Gesichts zu authentifizieren. Thales Security Systems (Vergleich von Fingerabdrücken) und Viisage (Gesichtsvergleich) haben die spezifischen biometrischen Algorithmen entwickelt. Die Verschlüsselungs-algorithmen (Oberthur card systems) gewährleisten die Funktionalitäten der numerischen Signatur eines Dokuments, der Authentifizierung auf Distanz, der Akzeptierung einer Transaktion und der Vollständigkeitskontrolle von Daten.
Die zivile Sicherheitspolitik wird mit von neuen Formen der Zusammenarbeit hervorgerufenen Bedürfnissen konfrontiert. Europol und Eurojust beispielsweise sind auf Polizei- und Justizebene gegründet worden, um die grenzüberschreitende Bekämpfung schwerer Formen des organisierten Verbrechens zu verstärken. Die Mitglieder dieser Behörden arbeiten über die Landesgrenzen hinweg, ohne sich zwangsläufig zu kennen. Und häufig muss es schnell gehen. Bei internationalen Fahndungsfällen – europäischer Haftbefehl, grenzüberschreitende Zahlungsaufforderung usw. – ist ein beschleunigter Austausch nützlich, insbesondere wenn die Höchstdauer des Polizeigewahrsams kürzer ist als die für die Sammlung und Übermittlung von Dokumenten benötigte Zeit.

Untersuchungsrichter X, Fall Y
Die Elektronik ist wertvoll – aber ist sie immer verlässlich? „Es geht zunächst darum, in der virtuellen Welt gegenseitiges Vertrauen zwischen Mitarbeitern unterschiedlicher Behörden herzustellen. Dies beinhaltet die Möglichkeit eines gesicherten Austauschs, die formelle Festlegung der Aufgaben eines jeden und die Garantie, dass sich niemand unrechtmäßig eine Identität oder Rolle aneignet”, erklärt Michel Frenkiel, Koordinator des Projekts.

Wie kann man sich versichern, dass die um eine Information ersuchende Person wirklich der mit Fall Y betraute Untersuchungsrichter X oder das übermittelte Dokument keine Fälschung ist? Wie soll man identifizieren oder authentifizieren? Rund um solche Fragen kreisen die neuen Technologien, an denen die 16 Partner von eJustice arbeiten. Eines der Ergebnisse des 2004 gestarteten Projekts ist die Entwicklung einer Match-on-Card (Vergleich der Daten direkt auf der Karte), die zwei sorgfältig verschlüsselte, nachträglich nicht bearbeitbare biometrische Elemente enthält: das Gesicht und Fingerabdrücke. Anhand einer Webcam und/oder eines Scanners lässt sich verifizieren, ob der Träger wirklich der rechtmäßige Eigentümer ist und keine missbräuchliche Aneignung einer Identität vorliegt.

Test
„Wir haben dieses Authentisierungssystem anhand einer Kombination dieser beiden Biometriken an einer Testgruppe von 2200 Personen überprüft”, erklärt Andrew Robinson, Kommunikationsbeauftragter des Projekts. „Die Fehlerquote gegenüber dem aktuellen Stand der Technik wurde für jede einzeln durch zwei und für die Kombination durch den Faktor 30 geteilt. Dies ergibt eine Fehlerquote der so genannten falschen Akzeptierung oder falschen Zurückweisung in der Größenordnung von eins zu zehntausend – das entspricht dem Risiko der Verwendung eines PIN-Codes in Verbindung mit einer Kreditkarte oder einem Handy. Eine solche Karte ist marktreif und mit den meisten Normen der Public-Key-Infrastruktur (PKI) kompatibel. Unsere Umfrage bei Bürgerschutzgruppen hat gezeigt, dass diese Lösung von den Benutzern gut akzeptiert wird.”

Workflows
Darüber hinaus entwickeln die Partner ein System, bei dem die Workflows (die elektronischen Programme, die Arbeitsschritte verwalten, koordinieren und erlauben, eine gewisse Anzahl Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten) verschiedene Kontrollelemente enthalten, die die Sicherheit zu verschiedenen Zeitpunkten und auf unterschiedlichen Verfahrensebenen gewährleisten und insbesondere auch die formale Definition der Rolle der Benutzer sicherstellen. Auf die Weise lässt sich während wichtiger Schritte des Austausches verifizieren, ob der Benutzer zu dem jeweiligen Schritt berechtigt ist.

„Die im Wesentlichen angestrebte Sicherheit besteht darin, Zugang nicht direkt zu den Datenbanken, sondern nur zu den in einem rechtlichen Rahmen definierten zulässigen Daten zu gewähren”, betont Michel Frenkiel. „In diesem Zusammenhang entwickelt das Projekt auch Instrumente, die den Benutzern helfen, die in einem internationalen Gerichtsfall in Anwendung kommenden Gesetze und die Verfahren, die seine Behandlung ermöglichen, zu verstehen. Diese kombinierte Darstellung des Rechts und der Art und Weise, wie es andernorts gesprochen wird, wird von den Fachleuten als höchst interessant beurteilt, nicht nur zur Ausübung ihres Berufs, sondern auch im Unterricht und in der juristischen Ausbildung.”

Von institutionellem Interesse
Konkrete Anwendungen zeichnen sich bereits ab. Die Partner des Projekts arbeiten an einem Unterstützungsinstrument des europäischen Haftbefehls für EJN (European Judicial Network – justizielle Zusammenarbeit im zivilen und kommerziellen Bereich) und Eurojust (Bekämpfung des organisierten Verbrechens). Europol will prüfen, ob sich sein Netz auf neue Mitglieder ausdehnen lässt. Das Kanzleramt Österreichs – im Bereich e-Government eines der fortschrittlichsten Länder – interessiert sich für die von eJustice entwickelten Instrumente, um sein System der Bürgerkarte durch neue Anwendungen zu bereichern und die Sicherheit seiner Software eRecht(1) zu verbessern. Einige belgische, französische und britische Schulnetze möchten ebenfalls biometrische Lösungen nutzen, um die Pädophilie zu bekämpfen. Weitere Institutionen haben ihr Interesse angemeldet, insbesondere in Algerien und Indien.

„Aber wir sind nicht die einzigen, die in diesen Fragen Fortschritte machen”, sagt Andrew Robinson. „Die Partner von eJustice pflegen viele Kontakte mit anderen Akteuren europäischer, von der Kommission unterstützter Projekte, wie etwa Fidis oder Challenge. Wir würden übrigens diese Zusammenarbeit gern durch die Einrichtung eines justiziellen e-Exzellenznetzes verstärken.”

(1) eRecht, von der österreichischen Handelskammer als „Amtsmanager 2005” ausgezeichnet, erlaubt dem Kanzleramt, den Prozess der Entwicklung von Gesetzen, vom Vorschlag bis hin zur Veröffentlichung des endgültigen Texts, papierlos durchzuführen.


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  MEHR EINZELHEITEN  
  Vorteile von Match-on-Card

Die biometrischen On-card-Erkennungstechnologien finden weit über den Bereich der Justiz hinaus in einer Vielzahl gesellschaftlicher Sektoren Anwendung. Wer trägt nicht eine (wenn nicht mehrere) Karte(n) mit PIN-Code bei sich, die Zugang zu Bank-, Handels- und Verwaltungsdiensten geben, ...
 
  Die Spuren des Körpers

Fingerabdrücke - Dank der Elektronik kann die Signatur des Abdrucks auf einer Festplatte, einer Chipkarte oder einem anderen Träger gespeichert werden, mithilfe dessen die Abdrücke einer der Überprüfung unterzogenen Person verglichen werden können. ...
 

  MEHR WISSEN  
  Das von der EU mit 4 Millionen Euro unterstützte Projekt eJustice (Towards a global security and visibility framework for Justice in Europe) mit einer Laufzeit von 24 Monaten fasst 16 Partner (Forschungszentren, öffentliche Organe und Unternehmen) aus sechs EU-Ländern ...  

  KONTAKTE  
 
  • Michel Frenkiel und Andrew Robinson
  • Guenter-Egon Schumacher, DG INFSO
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      Vorteile von Match-on-Card

    Die biometrischen On-card-Erkennungstechnologien finden weit über den Bereich der Justiz hinaus in einer Vielzahl gesellschaftlicher Sektoren Anwendung. Wer trägt nicht eine (wenn nicht mehrere) Karte(n) mit PIN-Code bei sich, die Zugang zu Bank-, Handels- und Verwaltungsdiensten geben, und besitzt Passwörter für das Internet. Diese numerischen Schutzvorkehrungen, die verifizieren sollen, dass der Benutzer wirklich der Eigentümer ist, sind mit großen Mängeln behaftet. Die Karte, der Code, das Passwort können von jemandem benutzt werden, der sie geraubt hat oder dem sie aus Gefälligkeit überlassen wurden. Biometrische Sicherheit bedeutet hingegen, dass die Karte, die den Zugang zu Transaktionen und/oder Daten gibt, nur von einer einzigen Person genutzt werden kann. Der verwendete materielle Träger, die Smartcard, ist überdies sehr gut geschützt. Es ist beispielsweise unmöglich, sie wie die RFID (Radio Frequency Identification) auf Distanz zu lesen.

      Die Spuren des Körpers

    Fingerabdrücke - Dank der Elektronik kann die Signatur des Abdrucks auf einer Festplatte, einer Chipkarte oder einem anderen Träger gespeichert werden, mithilfe dessen die Abdrücke einer der Überprüfung unterzogenen Person verglichen werden können. Unterbrochene Linien, Verzweigungen, Seen, Inseln, Punkte... die Elemente lassen sich fast unendlich kombinieren. 8 bis 17 übereinstimmende Punkte genügen, um eine Identifizierung vorzunehmen.

    Hand - Ein Scanner nimmt die Form der Hand (Länge, Dicke der Finger, Gelenke, Position usw.) auf und gibt 90 Merkmale wieder. Diese Methode wird vor allem in den Vereinigten Staaten für die Zugangskontrolle verwendet (Olympische Spiele in Atlanta, Gesprächszellen von Gefängnissen usw.).

    Gesicht - Die Stellung und Entfernung der Augen, die Breite des Mundes usw. erlauben, eine in einer Datenbank gespeicherte Person zu identifizieren, selbst wenn diese sich zu tarnen versucht (Schnurrbart, Brille usw.). Zwei Zwillinge auseinanderzuhalten ist jedoch unmöglich, und Schönheitschirurgie ist auch nicht immer leicht aufzudecken. 3D-Bilder erlauben eine sehr viel eindeutigere Wiedergabe (Vorsprung der Nase, Vertiefung der Augen usw.) und ermöglichen es, die Person zu drehen und unter verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

    Auge - Die Iris, der farbige Bereich zwischen Pupille und Weiß der Augen, besteht aus einer Vielzahl farbiger Stäbchen. Auf einer fotografischen Abbildung sind mehr als 200 unabhängige Variablen zu unterscheiden – zwei Personen zu verwechseln, ist daher fast unmöglich. Das Ablesen der Netzhaut ergibt ebenfalls einen ganz und gar einmaligen Bio-Abdruck. Sie ist von Blutgefäßen durchzogen, und zeigt mithin eine Gefäßkarte, die sich selbst bei Zwillingen unterscheidet und rund 400 charakteristische Punkte enthält (zehnmal mehr als ein Fingerabdruck).

    DNA - Als einmalige individuelle Spur ist die DNA das Identifizierungsinstrument par excellence. 76 Staaten weltweit und 35 europäische Länder besitzen oder programmieren eine genetische Datenbank. 60 Länder haben diesbezüglich bereits Gesetze erlassen oder haben dies vor. Das Vereinigte Königreich ist führend auf diesem Gebiet und besitzt in seiner Databank NDNAD relativ zur Bevölkerung die größte Zahl von Profilen (weit mehr als die USA). Die Verwendung der DNA erleichtert auch die Überführung eines Schuldigen: im Zeitraum2003-2004 konnten dank dieser Angaben 43 % der Verbrechen geklärt werden (gegenüber 23 %), 45 % der Einbrüche (gegenüber 15 %) und 61 % der Autodiebstähle (gegenüber 7 %).

    Quelle: Robin Williams – Universität Durham (UK) – Seminar von Lancaster, Projekt Bite, Januar 2005.

    MEHR WISSEN

    Das von der EU mit 4 Millionen Euro unterstützte Projekt eJustice (Towards a global security and visibility framework for Justice in Europe) mit einer Laufzeit von 24 Monaten fasst 16 Partner (Forschungszentren, öffentliche Organe und Unternehmen) aus sechs EU-Ländern zusammen. Es ist eines von 15 Projekten, die 2004 im Rahmen des Programms IST (Information Society Technologies) gestartet wurde. Es ist eine Antwort auf das strategische Ziel "Towards a global dependability and security framework".

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