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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung N° 46 - August 2005   
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BALTISCHE REPUBLIKEN
Title  Ein Neubeginn für die Forschung

Der EU-Betritt der drei baltischen Republiken hat ihre Geschichte in ganz besonderem Maße geprägt. Als sie noch Teil der UdSSR waren, verfügten Estland, Litauen und Lettland über fortgeschrittene Wirtschaften, die völlig auf den Ostblock orientiert waren. Ihr hoch entwickelter Wissenschaftsbetrieb war nach sowjetischem Modell auf zwei Pfeiler gegründet: die Akademie der Wissenschaften und die militärische Forschung. Dieses ganze System musste zerschlagen werden, damit ein neues entstehen konnte, was nicht ohne Mühen und Verluste abging.

Litauen (im Bild Vilnius) ist nicht Lettland und Lettland ist nicht Estland. Jeder der baltischen Staaten besitzt seine eigene Identität, auf die sie alle drei stolz sind und die sie sich bewahren wollen. Doch sie blicken auch auf eine gemeinsame, oftmals leidvolle Geschichte zurück, mit denselben wichtigen Daten, die Unabhängigkeit oder Unterwerfung bedeuteten. Dieses gemeinsame Schicksal ist in allen Bereichen – Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft – spürbar.
Litauen (im Bild Vilnius) ist nicht Lettland und Lettland ist nicht Estland. Jeder der baltischen Staaten besitzt seine eigene Identität, auf die sie alle drei stolz sind und die sie sich bewahren wollen. Doch sie blicken auch auf eine gemeinsame, oftmals leidvolle Geschichte zurück, mit denselben wichtigen Daten, die Unabhängigkeit oder Unterwerfung bedeuteten. Dieses gemeinsame Schicksal ist in allen Bereichen – Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft – spürbar.
Die drei Republiken sind nicht nur objektiv, sondern auch in ihrem Selbstverständnis drei verschiedene Länder, und zwar in recht ausgeprägtem Maße. Litauisch und Lettisch sind baltische Sprachen, während das Estnische, das nur von 900 000 Personen gesprochen wird, eine finnougrische Sprache ist. Litauen ist überwiegend katholisch, Estland und Lettland sind lutherisch (ausgenommen die 30 % der dort lebenden, überwiegend orthodoxen Russen). Doch diese drei Länder, die auf ihre eigene Identität Wert legen, teilen eine bewegte, dramatische Geschichte, die ihre heutige Situation weitgehend erklärt.

Universitäten mit großer Ausstrahlung
Die baltischen Staaten waren voll am Aufschwung der modernen Wissenschaften beteiligt. Die erste Universität wurde 1579 in Vilnius (Litauen) gegründet, das damals noch unter polnischer Herrschaft stand; ihr folgte 1632 Tartu in Estland, unter schwedischer Herrschaft. Diese zwei Einrichtungen strahlten in das zaristische Russland aus, das sich die drei Republiken im 18. Jahrhundert unterwarf, und trugen dort zur Einführung neuer Ideen bei. Russland schloss 1832 aus politischen Gründen die Universität Vilnius, gründete hingegen dreißig Jahre danach das Polytechnische Institut Riga. Zwei spätere Nobelpreisträger, die Chemiker Wilhelm Ostwald und Svante Arrhenius, wirkten dort, während zahlreiche spätere Mediziner und Biologen des Zarenreichs sich in Tartu ausbilden ließen. Als Estland, Lettland und Litauen 1918 erstmals unabhängig wurden, konnten sie sich mithin bereits auf eine solide wissenschaftliche Tradition berufen, die sie weiter ausbauten. Die derzeit bedeutendsten wissenschaftlichen Einrichtungen sind in der Zwischenkriegszeit gegründet worden: 1919 die Universität Lettlands in Riga, 1922 die Universität Vitautas Magnus in Kaunas (Litauen) – sie ersetzte jene von Vilnius, das damals von Polen besetzt war –, und 1936 die Technische Universität Tallinn (Estland). Das wissenschaftliche Leben konzentrierte sich auf das, was die Balten als nationale Wissenschaft bezeichnen: Völkerkunde, Sprachwissenschaft, Geschichte, Studium der natürlichen Umwelt. Abgesehen von der Biologie und der Medizin, die auf hohem Niveau standen, wurden die experimentellen Wissenschaften, die zu zaristischen Zeiten den Ruhm der baltischen Staaten ausmachten, eher vernachlässigt.

Der „Stempel” der UdSSR
Doch die Unabhängigkeit währte nicht lange. Die 1940 von der UdSSR annektierten baltischen Staaten wurden bis 1944 vom nationalsozialistischen Regime besetzt, dem sie einen schweren Blutzoll entrichteten. Mit ihrer Rückkehr in die UdSSR nahm ihr Leid indes kein Ende. Zigtausend Menschen, darunter zahlreiche Wissenschaftler, wurden umgebracht oder nach Sibirien deportiert. Das stalinistische Regime reorganisierte das Forschungssystem nach dem russischen Modell und gründet in jeder der drei Republiken Akademien der Wissenschaften, die praktisch alle Laboratorien unter Kuratel nahmen. Die gesamte Forschung wurde aus den Universitäten ausgegliedert, die nur noch dem Unterricht dienten, wobei der geisteswissenschaftliche Unterricht unter strengste ideologische Kontrolle kam. Des Weiteren wurden „Zweiginstitute” gegründet, die mit der angewandten Wissenschaft befasst und unmittelbar den betreffenden Ministerien unterstellt waren.

Trotz dieser rigiden Struktur löste das System eine neue wissenschaftliche Entwicklungsphase in den baltischen Staaten aus, wo sich ein bedeutender Teil der Spitzentechnologie der UdSSR konzentrierte: Laser, Werkstoffphysik, Pharmakologie (ein Viertel der neuen Medikamente der UdSSR kamen aus den lettischen Instituten), Biotechnologie (1986 wurde in Tartu das estnische Biozentrum gegründet) sowie Halbleiter (in Litauen). Im Unterschied zu ihren Moskauer oder Leningrader Kollegen, von jenen in den geheimen sibirischen Städten gar nicht zu reden, veröffentlichten die baltischen Wissenschaftler ab den 70er Jahren in internationalen Zeitschriften und konnten in bescheidenem Umfang auch reisen.

Hat diese relative Freiheit dazu beigetragen, dass die Wissenschaftler treibende Kräfte der nationalen und demokratischen Bewegung waren, die von den ausgehenden 80er Jahren an einen starken Aufschwung nahm? Lettland nutzte die Perestroika, um im November 1988 „Wissenschaftsverbände” zu gründen, die beiden anderen Republiken folgten im Jahr danach. Diese Vereinigungen forderten die Demokratisierung des Forschungssystems – und erhielten sie. 1990, noch vor der Unabhängigkeit, wurden Forschungsräte gebildet, in die nur die anerkanntesten Wissenschaftler gewählt werden konnten. Die Räte begannen, die Wissenschaft nach einem in der sowjetischen Epoche unbekannten Prinzip zu leiten: die Bewertung der Qualität eines Projekts durch Peers. Diese von jeglichem Regierungseingriff befreite Selbstverwaltung dauerte bis 1992.

Die Ergebnisse der nordischen Audits
Eine wichtige Initiative der Forschungsräte, die den baltischen Republiken half, mit Europa gleichzuziehen, war die Bestellung eines externen Audits. 1991 ersuchte Estland um die Meinung der Königlichen Akademie der Wissenschaften Schwedens, gefolgt von Lettland im Jahr darauf, das sich an den dänischen Forschungsrat wandte, und 1995 von Litauen, das vom norwegischen Forschungsrat evaluiert wurde. Diese von der EU unterstützten Audits skandinavischer Experten spielten eine wichtige Rolle bei der Umgestaltung der baltischen Forschungssysteme. Ihre grundlegenden Empfehlungen – Annäherung von Forschung und Lehre, Anhebung der Studentenzahlen, Vereinfachung der Strukturen, Bewertung ausschließlich aufgrund der Qualität – wurden von Estland und Lettland vollumfänglich, von Litauen zum Teil umgesetzt. Die Akademien der Wissenschaften verloren ihre uneingeschränkte Macht und wurden, wie im Vereinigten Königreich, eine Art Gelehrtengesellschaften, deren Aufgabe es ist, sich in den öffentlichen Diskurs einzuschalten. Die Institute, die sie verwalteten, wurden geschlossen, sofern sie veraltet waren, oder den Universitäten oder dem Staat angeschlossen. Für die Forschungsfinanzierung wurden Agenturen mit dem Auftrag gegründet, Projekte einzig aufgrund ihrer Qualität zu beurteilen, während die Hochschulausbildung ausgebaut wurde.

Welche Bilanz ist aus diesen Reformen zu ziehen, die im Kontext der Wirtschaftskrise und knapper öffentlicher Forschungsbudgets durchgeführt wurden? Mit dieser Frage setzte sich die EU-Kommission 1997 im Rahmen der Beitrittsverhandlungen auseinander. Die Experten stellten damals fest, dass sie einen Neustart der Grundlagenforschung auf solider Basis erlaubt hatten. Die Politik der Exzellenzzentren des Fünften Rahmenprogramms steuerte Finanzierungen bei, die sich für die Modernisierung und die internationale Anerkennung der besten Labors als sehr nützlich erwiesen. Die Organisation der angewandten Forschung hingegen, wie auch die industrielle Verwertung der Ergebnisse der Grundlagenforschung blieben weiterhin ungenügend. Die Zahl der Publikationen stieg zwar unentwegt, doch die Patentanmeldungen wurden immer seltener.

Ein dreifacher Übergang
In keinem anderen Land des ehemaligen Ostblocks war der Übergang der letzten fünfzehn Jahre derart tief greifend und hart und spielte sich in einer derart bewegten Geschichte ab. Nach Ansicht des lettischen Chemikers und Wissenschaftshistorikers Janis Stradins „hat sich das Forschungs- und Hochschulbildungssystem in den drei baltischen Staaten sowohl historisch wie institutionell recht ähnlich entwickelt. Alle durchliefen eine Folge von drei Übergangsperioden von einer Wissenschaft, die in ein großes Land integriert war, zu einer autonomen Wissenschaft in einem kleinen, unabhängigen Land: erst vom Zarenreich zur Unabhängigkeit der Zwischenkriegszeit, dann zum Sowjetregime und schließlich wiederum zur Unabhängigkeit”. Der Unterschied der heutigen Zeit liegt natürlichen im Wesentlichen in der Integration dieser Länder in die EU. Sie konnten das Wichtigste, ihre auf hohem Niveau arbeitenden Grundlagenforschungsinstitute, bewahren, müssen nun aber Mittel und Wege finden, wie sie sich voll in den Europäischen Forschungsraum einklinken können. Es kam zur Festlegung nationaler Strategien, die im Wesentlichen die Empfehlungen des Lissabonner Gipfels aufgreifen, mit Schwerpunkten auf Biotechnologie und Informations- und Kommunikationstechnologie. Doch es bleibt noch viel zu tun, insbesondere, um den privaten Forschungsinvestitionen, die in keinem Bereich 30 % übersteigen (gegenüber 55 % in der EU-25), mehr Dynamik zu verleihen. Ein kürzlich erschienenes, von drei Experten – der Estländerin Helle Martinson, dem Letten Janis Kristapsons und der Litauerin Ina Dagyte(1) – verfasstes Buch über die Entwicklung der baltischen Forschungssysteme in den letzten fünfzehn Jahren kommt denn auch zu dem Schluss: „Die Entscheidungsträger der baltischen Republiken müssen nun zwei wesentliche Aufgaben lösen: die Investitionen in die FuE massiv erhöhen, um auf 3 % des BIP zu gelangen, und Maßnahmen ergreifen, um die begabtesten jungen Wissenschaftler dazu zu bewegen, in ihrer Heimat zu bleiben. Dies sind die entscheidenden Fragen, nicht nur für die Wissenschaft, sondern für die Zukunft ihrer Länder.”

(1) J. Kristapsons, H. Martinson und I. Dagyte, Baltic R and D systems in transition, Zinatne, Riga, 2003 – Siehe auch: J. Allik, The quality of science in Estonia, Latvia and Lithuania after the first decade of independence, Trames (2003) 7: 41-52.

    
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