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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung N° 45 - Mai 2005    
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 INHALT
 EDITORIAL
 Die Umrisse des Siebten Rahmenprogramms 
 Östlicher Vorposten des Europäischen Forschungsraums
 Landwirtschaftliche Tradition
 Geburt einer von Europa aufgepeppten Forschung
 Out of Africa
 Die Campylobakterien unter der Lupe
 Rendezvous mit fernen Welten
 Aus der Haft entlassen, ins Nichts entlassen?
 Forschung im Schaufenster
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GESPRäCH
Title  Die Logik des „Sprungs nach vorne“

Die europäische Forschung steht vor einer einmaligen Wende. Mit ihrem Vorschlag im Jahr 2004, die Mittel, die die EU für das Siebte Rahmenprogramm zur Verfügung stellt, zu verdoppeln, hat die Kommission die Kernpriorität der Lissabon-Strategie – Europas Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit neuen Schwung zu verleihen, indem sie es mitten in die Wissenswirtschaft katapultiert – auf spektakuläre Weise ins Rampenlicht gestellt. Gespräch mit dem neuen, für Wissenschaft und Forschung zuständigen Kommissar Janez Potočnik, der nunmehr eine der wichtigsten treibenden Kräfte dieses „Sprungs nach vorne“ ist.

Indem die Kommission das gemeinschaftliche Forschungsbudget verdoppelt – und es auf den dritten Rang nach der Landwirtschaft und den Strukturfonds hebt –, schlägt sie eine gelinde gesagt beachtliche Neuanpassung der politischen Hierarchie der EU vor...

Janez Potočnik, für Wissenschaft und Forschung zuständiger EU-Kommissar.
Janez Potočnik, für Wissenschaft und Forschung zuständiger EU-Kommissar.
Janez Potočnik - Um jedes Missverständnis auszuräumen, sollte diese Ankündigung einer Verdoppelung der Forschungsmittel klarer umrissen werden. Ich möchte lieber „in Zahlen“ sprechen. Der Vorschlag der Kommission wurde in Verbindung mit der 2004 vorgelegten finanziellen Vorausschau gemacht. Diese Vorausschau wurde innerhalb des üblichen siebenjährigen Rahmens der anstehenden Entscheidungen für sämtliche Politiken der Union – das heißt von 2007 bis 2013 – aufgestellt. Gegenüber diesem siebenjährigen Zyklus der Gesamtprogrammierung steht die fünfjährige Dauer der Rahmenprogramme seit jeher in einem Widerspruch. Wir haben da ein buchhalterisches Transparenzproblem, das jeder Logik entbehrt. Sowohl in der Wissenschaft wie in der Wirtschaft oder der Politik ist die Wahl der Maßeinheit kein Detail, vor allem wenn Sie das jeweilige Gewicht, das Sie den Maßnahmen und Politiken geben, vergleichen wollen.

Ab dem Siebten Rahmenprogramm schlagen wir als Erstes eine Synchronisierung vor, was einer Verlängerung der Forschungsbudgets von fünf auf sieben Jahre entspricht. Der derzeitige Jahresdurchschnitt der Forschungsausgaben der EU beläuft sich auf 5 Milliarden €. Die von der Kommission geforderte Verdoppelung bedeutet somit, dass von 2007 bis 2013 jährlich 10 Milliarden € bereitgestellt werden; das heißt, wir arbeiten mit einem Gesamtbudget von 70 Milliarden € für den gesamten Zeitraum. Dies ist, pragmatisch ausgedrückt, das eingangs vorgeschlagene, messbare Ziel.

Ich möchte hinzufügen, dass der geforderte „Quantensprung“ trotz allem relativiert werden muss. In den Vereinigten Staaten werden 95 % der öffentlichen Forschungsinvestitionen auf die eine oder andere Weise über den föderalen Haushalt finanziert, während sich die derzeitigen gemeinschaftlichen Rahmenprogramme in der EU auf kaum 5 % der gesamten öffentlichen Ausgaben in diesem Sektor belaufen. Unser europäisches Modell ist so bestellt. Seine Spezifität besteht darin, aus einem Mosaik der von den Mitgliedstaaten durchgeführten Forschungspolitiken zusammengestückt zu sein. Ein verdoppeltes europäisches Budget stellt dieses Modell nicht in Frage, wir glauben jedoch, dass seine Stärkung beträchtliche Synergien freisetzen und Verdoppelungen zwischen den einzelstaatlichen Anstrengungen ausmerzen kann.

Dennoch, wie rechtfertigen Sie eine Erhöhung dieses Ausmaßes?

Das entscheidende Argument lautet, dass wir keine andere Wahl haben. Vor fünf Jahren setzte sich Europa das Ziel der „Lissabon-Strategie“, das seither auf sämtlichen Europäischen Räten feierlich bestätigt und bekräftigt wird; das bedeutet, dass alle Mitgliedstaaten mit Überzeugung dahinter stehen. Ziel ist, den Wohlstand unseres Kontinents zu erhalten und zu erhöhen und gleichzeitig die Modelle und die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebensstile, an denen wir hängen, zu sichern. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat sich die EU vorgenommen, einer der weltweit wichtigsten Pole des Wissenserwerbs zu werden. Daraus ergibt sich eine einfache logische Folge: Die ganze Lissabon-Strategie verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn man der europäischen Forschung nicht die Mittel gibt, diese Wissenswirtschaft und - gesellschaft zu erreichen.

Wie ist derzeit die Stimmung in den Mitgliedstaaten hinsichtlich der finanziellen Konsequenzen dieser “Logik der Glaubwürdigkeit”?

Zellen
Weisen
Pinzette

Gesundheitswesen, Biotechnologie, Lebensmittel, Landwirtschaft, Informationsgesellschaft, Nanowissenschaften, Werkstoffe, Industrietechniken, Energie, Umwelt, Verkehr, sozioökonomische Forschung, der Weltraum und die Sicherheit sind die Themen, die im Bereich Zusammenarbeit des Siebten Rahmenprogramms ausgewählt wurden.
Wie bereits gesagt, vertieft sich der Konsens über das Ziel von Lissabon zunehmend. Er drückt sich übrigens nicht nur auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technologie aus, sondern auch in Bezug auf das „Dreieck des Wissens“ – das heißt auf die enge Synergie, die zwischen den drei Polen Forschungspolitik, Innovationspolitik (einschließlich der Unterstützung der Entwicklung in Bereichen wie Risikokapital und Rechte an geistigem Eigentum) und Bildungspolitik zu erzeugen ist.

Doch die „Stunde der Wahrheit“ steht uns noch bevor. Was am Ende für das Siebte Rahmenprogramm entschieden wird, hängt von den allgemeinen Verhandlungen über die Art und Weise ab, wie die Lissabon-Strategie auf der Ebene der insgesamt für die EU-Politiken im Zeitraum 2007-2013 bereitgestellten Mittel umgesetzt wird. Diese Verhandlungen stehen vor zahlreichen finanziellen Herausforderungen. Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist die Frage der wirtschaftlichen und sozialen Kohäsion der EU, die nun zehn neue Mitglieder zählt. Denn es liegt auf der Hand, dass es zwischen den Ländern in Bezug auf wirtschaftliche Entwicklung, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und Forschungskapazitäten bedeutende Ungleichgewichte gibt.

Doch es ist zu betonen, dass die Forschungspolitik spezifische Merkmale aufweist, die sie von anderen Herausforderungen der Lissabon-Strategie unterscheiden. Ich meine die Notwendigkeit, sie strikt auf den Wettbewerb durch Exzellenz festzulegen. Wissenschaft und Technologie sind Bereiche, wo die Ziele der „Umverteilung“ oder des „gerechten Ausgleichs“ wirklich fehl am Platze sind. Die Forschungsgelder müssen ein Anreiz sein, der die europäische Wissenschaft und Forschung dazu antreibt, sich auf Topniveau zu hieven. Wenn das Geld nicht denen zugeteilt wird, die es am besten zu nutzen wissen, wird es, einmal ausgegeben, weder der Wissenschaft noch Europa noch auch nur dem Land, in dem es verbraucht wurde, zugute kommen.

Man kann und muss natürlich den neuen Mitgliedstaaten oder dieser oder jener benachteiligten Region helfen, sich für den Wettbewerb zu rüsten und seine bzw. ihre Chance wahrzunehmen. Doch diese Art Unterstützung darf niemals mit Forschungspolitik verwechselt werden. Bezüglich der Exzellenz kommt mir ein Vergleich in den Sinn, wenn ich an den Zustand des Fußballs in meiner Heimat denke. Haben Sie in der Champion’s League schon jemals von Slowenien gehört? Nein. Sicherlich gibt es zweitrangige Wettkämpfe, in denen wir uns aufstellen können. Doch im Herzen jedes Slowenen gibt es nur eine gültige Bestätigung: der Tag, wo eines unserer Teams im berstend vollen Stadion von Ljubljana gegen Manchester United antritt. Das Bild gilt auch für die europäische Forschung, deren Richtmaß die Exzellenz sein muss.

Um auf die Inhalte des Rahmenprogramms zurückzukommen, welche neuen spezifischen Forschungsbedürfnisse werden berücksichtigt?

Zuerst möchte ich vor allem betonen, dass das Siebte Rahmenprogramm sich als Fortsetzung seiner Vorgänger versteht. Wir möchten einerseits jene Komponenten weiterentwickeln, die gute Ergebnisse abwerfen, und andererseits korrigierend eingreifen, wo Schwierigkeiten bestehen.

Innerhalb der Grenzen der derzeitigen EU-Mittel beispielsweise ist das Phänomen der Überzeichtung – das heißt die Notwendigkeit, Forschungsprojekte zurückzuweisen, die sich in jeder Hinsicht als exzellent präsentieren –, im Begriff, zu einem endemischen Übel zu werden, das ebenso viel Entmutigung wie Förderung von Exzellenz bewirkt. Nehmen Sie die Marie-Curie-Maßnahmen für die Mobilität der Forscher als Beispiel. 50 % der auf die Ausschreibungen hin bewerteten Vorschläge entsprechen den vorgegebenen Kriterien, aber unsere Budgets erlauben nur 10 % auszuwählen. Zunehmend bestraft diese frustrierende Situation zu viele dynamische Forschungsakteure in der EU. Und wenn ich das sage, denke ich insbesondere an die KMU, die eine der Hauptzielgruppen der europäischen Forschungspolitik sind.

Eine wichtige Neuerung des Programms ist die Schaffung des Europäischen Forschungsrats (ERC), eines Organs, das den Wissenschaftlerteams, die auf EU-Ebene in Konkurrenz stehen, die „freien und autonomen“ Mittel gewähren wird, damit sie auf Grundlage der Exzellenz als einzigem Kriterium in neue Erkenntnisbereiche vorstoßen können. Die Gespräche mit der Wissenschaftlergemeinde über die Einrichtung des ERC sind bereits in Gange.

Eine andere Notwendigkeit rührt von den zunehmend raffinierten, komplexen und teuren Werkzeugen her, deren Wissenschaft und Technologie bedürfen, um sich entwickeln zu können – das, was man gemeinhin als „Forschungsinfrastrukturen“ bezeichnet. Es besteht heute ein breiter Konsens darüber, dass manche von ihnen sich nur verwirklichen lassen, wenn sie wirklich auf Gemeinschaftsebene konzipiert und in ihrem Funktionieren unterstützt werden, mit Dotierungen, die im Rahmenprogramm enthalten sind.

Parallel dazu hat das Sechste Rahmenprogramm mit dem Programm ERA-NET (1) das strategisch sehr wichtige Gebiet der verstärkten Koordinierung der nationalen Forschungspole der Mitgliedstaaten erschlossen. Die Pilotphase dieses Vorgehens hat sich mittlerweile eingespielt und wir gehen davon aus, dass die EU zunehmend bedeutende Mittel zur Umsetzung dieser grundlegenden Zusammenarbeit beisteuern kann, die ein Eckstein des Europäischen Forschungsraums werden soll.

Und nicht zuletzt hat die im Sechsten Rahmenprogramm in die Wege geleitete Schaffung von „Technologieplattformen“, die in einer ganzen Reihe spezifischer Sektoren die einschlägigen Entscheider in Industrie, Wissenschaft, Finanzen und Politik zusammenführen, Möglichkeiten eröffnet, die Forschung näher an die Bedürfnisse der europäischen Industrie heranzuführen. Mit ihrer entschlossenen Ausrichtung auf ein Wachstum der industriellen Wettbewerbsfähigkeit durch Wachstum des Wissens verfolgen sie das Ziel, die mittel- und langfristigen Prioritäten für die Entwicklung der strategischen Innovationen und der dazu unerlässlichen Forschungen zu definieren. Diese Plattformen werden auch im Siebten Rahmenprogramm weiterhin unterstützt, wobei, parallel dazu, ein neues Instrument der „gemeinsamen technologischen Initiativen“ geschaffen wird.

Bedeutet dies, dass die derzeitigen großen Themenbereiche über den Haufen geworfen werden?

Nein, wie ich bereits betont habe, wollen wir im Gegenteil die Kontinuität der Schwerpunkte wahren, die als Grundgerüst des Sechsten Rahmenprogramms nun voll zum Tragen kommen. Sie haben eine grundlegende Wende zu den wichtigsten Themenbereichen der Wissensgesellschaft eingeleitet.

Doch in einem wissenschaftlichen und technologischen Umfeld, das sich immer rascher entwickelt, müssen wir fähig sein, der europäischen Forschungspolitik eine erhöhte Bewertungs-, Reaktions- und Anpassungsfähigkeit einzuräumen. Daher werden die im Rahmen der Technologieplattformen von den betroffenen Industriesektoren geäußerten Empfehlungen bei der Gestaltung und Entwicklung der Arbeitsprogramme für die Forschungsschwerpunkte und andere Maßnahmen in Rechnung gezogen.

Ein Vorwurf, der diesbezüglich gegenüber den EU-Forschungsmaßnahmen häufig erhoben wird, betrifft die Rigidität, die bei der Wahl der mit den Ausschreibungen einhergehenden Unterstützungsinstrumente auferlegt wird...

Auch dies ist ein Aspekt, den wir korrigieren müssen. Wir verfügen heute über eine Vielfalt von Instrumenten, die an ein breites Spektrum möglicher Unterstützungen angepasst ist. Aber wir müssen bei der Verwaltung ihrer Verteilung viel flexibler werden. Im neuen Rahmenprogramm konzentrieren wir uns vermehrt auf Forschungsthemen, lassen hingegen einen größeren Spielraum bezüglich der Wahl der Instrumente und gewähren die Flexibilität und die Anpassungsfähigkeit, deren die Industrie bedarf.

Sie haben die Verwaltung erwähnt, doch es gibt auch ständig wiederkehrende und immer nachdrücklichere Klagen über die bürokratische Schwerfälligkeit der Verfahren. Die Erlangung gemeinschaftlicher Mittel wird häufig als zunehmend mühseliger und entmutigender „Hindernislauf“ beschrieben.

Mir ist diese Kritik bekannt, sie ist begründet. Ich verpflichte mich, dieses Problem der Verwaltung und administrativen Vereinfachung wirklich „bei den Hörnern“ zu packen. Dies ist ein Kernziel und die Kommission muss ihren Ansatz in diesem Bereich unbedingt überprüfen. In dem Maße, wie die Mittel, die sie verlangt, verdoppelt werden, ist sie auch dazu gezwungen.

Wir müssen ein neues Management unserer Verfahren der Bewertung, der Vertragsabschlüsse, der Überwachung der Gelder usw. entwickeln. Aufgabe der Kommission ist in erster Linie, eine strenge Kontrolle der öffentlichen Mittel zu gewährleisten. Der Grundsatz, gewisse logistische und administrative Aufgaben auf ausführende Agenturen zu übertragen – beispielsweise die Verwaltung der Marie-Curie-Maßnahmen, die Unterstützung von Infrastrukturen oder die Förderung von KMU – scheint ein Weg zu sein, der sich aufdrängt. Wir müssen den Forschern vertrauen und ihnen mehr Verantwortung auf praktischer und finanzieller Ebene überlassen. Aber in diesem Bereich kann die Kommission nicht allein vorangehen; viele Maßnahmen, die wir ergreifen möchten, um das Programm zu vereinfachen, hängen von der Zustimmung des Ministerrats, des Europäischen Parlaments und des Rechnungshofs ab.

(1) European Research Area-Network

    
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