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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung N° 44 - Februar 2005   
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DESCARTES-PREISE
Title  „Nobelpreise” für europäische Teams

Die Verleihung der Descartes-Preise 2004 fand im Prager Hradschin statt, der berühmten Burg in der tschechischen Hauptstadt. Ein würdiger Rahmen für einen Preis, der so etwas wie ein Nobelpreis der Union ist. Mit einer Million Euro wurden zwei Forscherteams ausgezeichnet, die ihre exzellenten Ergebnisse ohne intensive internationale Zusammenarbeit nicht erzielt hätten. Durch eine Auszeichnung, in die sich fünf Wissenschaftler und Dokumentarfilmer teilten, fand erstmals auch die Wissenschaftskommunikation Anerkennung.

Die zwei Koordinatoren der Gewinnerteams der Descartes-Preise 2004. Links Howry Jacobs von der Universität Tampere, rechts Anders Karlsson von der Kungliga Tekniska Högskolan in Stockholm.© L. Špacek
Die zwei Koordinatoren der Gewinnerteams der Descartes-Preise 2004. Links Howry Jacobs von der Universität Tampere, rechts Anders Karlsson von der Kungliga Tekniska Högskolan in Stockholm.
© L. Špaček
Acht Finalisten kamen in die Schlussrunde des Descartes-Preises. Im Unterschied zum Nobelpreis zeichnet diese hohe europäische Auszeichnung nicht Einzelpersonen, sondern länderübergreifende Teams aus. Sie stellt auf das Doppelkriterium der Exzellenz und der Forschungszusammenarbeit ab, wobei diese beiden Aspekte sich die Waage halten müssen. „Dieser Preis ist von entscheidender Bedeutung, denn er ist Teil des Prozesses der Europäisierung der Forschung, da er die Wissenschaftler ermuntert, mehr und effizienter zusammenzuarbeiten“, bemerkte Janez Potočnick, für Wissenschaft und Forschung zuständiger europäischer Kommissar, anlässlich der fünften Auflage dieser Verleihungszeremonie.

Auf der Zielgeraden lagen am 2. Dezember 2004 drei Forschungsprojekte aus dem medizinischen Bereich, zwei aus den Ingenieurwissenschaften und der Nanotechnologie und drei aus der Informations- und Kommunikationstechnologie. Diese acht Finalistenteams waren von einem Expertengremium aus 28 Vorschlägen ausgewählt worden. Unter ihnen kürte dann die Große Jury, der dieses Jahr die Astrophysikerin Ene Ergma, Vizepräsidentin der estländischen Akademie der Wissenschaften und Präsidentin des estländischen Parlaments, vorsaß, die beiden Preisträger. Die zwei prämierten Forschungsprojekte stehen an der Spitze der Erkenntnis, das eine in mitochondrialer Genetik, das andere in Quanteninformatik.

Von der Teleportation zur Verschlüsselung
Das an dem Projekt Long Distance Photonic Quantum Communication (IST-QuComm) arbeitende Team wird von Professor Anders Karlsson von der Kungliga Tekniska Högskolan in Stockholm (SE) koordiniert. An dem Projekt sind Labors aus sechs europäischen Ländern (Schweden, Deutschland, Österreich, Frankreich, Schweiz und Vereinigtes Königreich) sowie das Los Alamos National Laboratory (USA) beteiligt. Die Forscher untersuchten die sehr subtilen und feinen Eigenschaften der Quantenphysik und lieferten auch gleich eine konkrete, bereits im Einsatz erprobte Anwendung: die Quantenkryptographie zur Datensicherung, die insbesondere dem e-Commerce und e-Government einen „unverletzlichen“ Schutz bietet. Mit ihren Arbeiten gelang den Forschern überdies ein grundlagenwissenschaftlicher Vorstoß durch ihre Versuche mit Lichtpartikeln (Photonen) und deren „Teleportation“ – eine Perspektive, die in der Informations- und Kommunikationstechnologie als künftige Revolution betrachtet wird.

DNS und Alterung
Der andere Descartes ist auf dem Gebiet der Biomedizin angesiedelt. In dem Projekt MBAD (Mitochondrial Biogenesis, Ageing and Disease), das von Professor Howry Jacobs von der Universität Tampere (FI) koordiniert wird, arbeiten schwedische, britische, italienische und französische Forscher an der Vertiefung des Wissens über die Zusammenhänge zwischen genetischen Mutationen der Mitochondrien in den Zellen – die für deren Funktionieren unentbehrlichen „Energiespender“ – und gewissen altersbedingten Degenerationserscheinungen sowie einem sehr breiten Spektrum degenerativer Krankheiten, darunter solchen des Nerven-, Herzkreislauf- und Muskelsystems. Die auf sehr lange Frist angelegten Arbeiten der MBAD-Gruppe nahmen in den 90er Jahren konkretere Formen an. Es gelang den Forschern, die Gene der mitochondrialen DNS aufzuzeichnen und zu identifizieren und die „Krankheiten des Zellkerns“ zu bestimmen, die einer Vielzahl von Störungen zu Grunde liegen. Sie haben somit ein sehr viel versprechendes Terrain für neue Erkenntnisse in der Biomedizin erschlossen.

Wissenschaftskommunikation
Janez Potocnick, Europäischer Kommissar für Wissenschaft und Forschung © L. Špaček
Janez Potocnick, Europäischer Kommissar für Wissenschaft und Forschung
© L. Špaček
Der Descartes 2004 feierte auch eine Premiere: die Verleihung von Auszeichnungen nicht für die wissenschaftliche Forschung, sondern für das Verständnis ihrer Herausforderungen und Fortschritte. Diese neuen Preise ergänzen die erst genannten und veranschaulichen die Politik der Kommission, deren Ziel es ist, sowohl die Forschung zur Geltung zu bringen als auch die Kommunikation ihrer Ergebnisse zu fördern. „Es ist höchste Zeit, dass wir den bedeutenden Beitrag jener Leute anerkennen, die sich um die Sensibilisierung für wissenschaftliche Fragen, um das Verständnis und eine bessere Akzeptanz der Wissenschaft bemühen“, erklärte Janez Potočnick. „Die Bedeutung der Wissenschaftskommunikation gegenüber der Öffentlichkeit kann gar nicht genug betont werden. Die Wissenschaft kann nicht losgelöst von der Gesellschaft leben. Die Öffentlichkeit muss die Forschungsergebnisse verstehen und sich eine informierte Meinung über den Stand der wissenschaftlichen Fortschritte bilden können.“

Fünf Preisträger teilten sich die 250 000 Euro dieses neuen Preises für Wissenschaftskommunikation, der an Personen verliehen wird, die bereits eine nationale Auszeichnung erhalten haben. Unter den Preisträgern befindet sich Face à phasme (Begegnung mit Phantomen aus der Insektenwelt). Sein Autor, der französische Filmer Vincent Lamy (MIF-Sciences-Preis 2002), arbeitet regelmäßig für die Wissenschaftssendung C’est pas sorcier (Es ist keine Hexerei). Diese in Frankreich und Belgien ausgestrahlte Sendung erfreut sich vor allem bei etwas älteren Kindern großer Beliebtheit. Face à phasme versucht jene eigenartigen Insekten zu entziffern, die das Wasser hassen, grünes Blut besitzen und sich auf der Lauer so still verhalten, dass sie fast wie Pflanzen aussehen. Dieser Dokumentarfilm wurde für seine Mischung von wissenschaftlicher Strenge, Humor, Klarheit, Rhythmus und Einfallsreichtum prämiert – alles was dazu gehört, um Wissenslust zu wecken.

Ebenfalls in der Sparte Film wurde David Attenborough (Michael Faraday-Preis 2003) für sein Gesamtwerk preisgekrönt, insbesondere für seine Dokumentationen über wild lebende Tiere, die zu den Musts der BBC gehören. Dieser Filmer-Ethnologe, der unermüdlich auf der Suche nach wirklich neuen Ausschnitten aus der Tierwelt ist, fasziniert das große Publikum seit langem. Doch er ist durchaus auch fähig, Spezialisten auf Aspekte des Tierverhaltens (etwa das der Paradiesvögel) aufmerksam zu machen, die sie in ihrer Arbeit weiterführen.

Das Wissen austauschen
Drei Wissenschaftler wurden für ihre Art und Weise belohnt, ihre Erkenntnisse und ihre Freude an der Wissenschaft mitzuteilen. Die von Ignaas Verpoest (Special JEC Award 2003), Professor an der KU Löwen (BE), eingerichtete Wanderausstellung über Kompositwerkstoffe stieß im Jahr 2002, insbesondere während der Europäischen Wissenschaftswoche, auf großes Echo. Composites on Tours , in einem orangen Anhänger untergebracht und von einem Laster gezogen, legte auf europäischen Straßen rund 10 000 km zurück und machte auf Autobahnraststätten ebenso Halt wie in Stadtzentren. Der Wagen, der selbst aus einem ultraleichten Verbundstoff hergestellt ist, präsentiert – mit bemerkenswerten pädagogischen Erklärungen – sämtliche Leistungen dieser neuen Werkstoffe (insbesondere Karbonfasern), die Stärke mit Leichtigkeit vereinen und bei der Herstellung von Kabeln, Fahrrädern, Schiffen, Kreditkarten usw. Verwendung finden. Ergänzend wurden – teilweise in Parallelausstellungen – sehr schöne, von jungen Designern entworfene Gegenstände gezeigt.

Wolfgang M. Heckl (Communicator Award 2002), Professor für Physik an der Ludwig-Maximilian-Universität und treibende Kraft des Exzellenzzentrums für Nanobiotechnologie in München (DE), ist schon fast ein Medienprofi und in seiner Heimat sehr populär. Dieser Gelehrte, der schon an mehr als fünfzig Fernseh- und Radiosendungen teilgenommen hat, schreibt auch regelmäßig für Zeitungen und populärwissenschaftliche Magazine. Mit Leidenschaft versucht er, das Abenteuer wissenschaftlicher Entdeckungen begreifbar zu machen, vor allem auch auf seinem Lieblingsgebiet, der futuristischen Welt der Nano-Winzlinge.

Der Biochemiker Peter Csermely, Professor an der Semmelweis-Universität in Budapest, war hingegen von der European Molecular Biology Organisation (EMBO) vorgeschlagen worden, die ihn im Jahr 2003 mit dem Award for Commmunication in the Life Sciences ausgezeichnet hatte. Seit 1996 weckt Peter Csermely das Interesse von Gymnasiasten, indem er ihnen die Pforten seines Labors öffnet und ihnen den Alltag – und auch die Schwierigkeiten – der Forschertätigkeit vorführt. Die von ihm gegründete Stiftung für Studentenforschung konnte dank der Teilnahme zahlreicher Wissenschaftler, Doktoranden und Professoren verwirklicht werden, die es sich zum Anliegen machen, junge Talente zu entdecken und ihnen zur Entfaltung zu verhelfen. Im Jahr 2002 erweiterte Csermely diese Bewegung und gründete das Youth Excellence-Netz, das Studierende aus rund dreißig Ländern zusammenführt. Wer weiß, vielleicht zukünftige „Descartes“.

2005: Der Aufruf zur Einreichung von Vorschlägen für den Descartes-Preis für Forschung und Wissenschaftskommunikation wurde am 15.12.2004 im Offiziellen Amtsblatt der EU veröffentlicht. Er ist auf Cordis verfügbar unter: http//fp6.cordis.lu/fp6/call_details.cfm?CALL_ID=191

Die fünf Gewinner des Kommunikationspreises:Vincent Lamy - Peter Csermerly - Wolfgang M.Heck - Ignaas Verpoest - David Attenborough

Die fünf Gewinner des Kommunikationspreises: David Attenborough - Wolfgang M.Heck - Peter Csermerly - Ignaas Verpoest - Vincent Lamy

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