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FTE info logoMagazin für die europäische Forschung N° 41 - Mai 2004   
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INTERVIEW
Title  Verdoppelter Einsatz für die europäische Forschung

Wenige Monate vor Ende ihres Mandats hat die Kommission Prodi ihre Vorstellungen bezüglich der finanziellen Mittel, die den Rahmen der „Agenda 2007-2013“ der Europäischen Union abstecken, bekannt gegeben. Dieser Vorschlag sieht insbesondere nicht weniger als eine Verdoppelung des für die Forschung vorgesehenen Budgets vor. Gespräch mit Philippe Busquin, dem Kopf hinter dieser radikalen Erneuerung der für das erweiterte Europa geplanten Wachstumsstrategie.

Bullet Sie waren der Vater des Europäischen Forschungsraums. Sie haben die Mitgliedstaaten für das Ziel gewonnen, mindestens 3 % des BIP der Union in die Forschung zu stecken. Als nächste Etappe steht nun die Verdoppelung des gemeinschaftlichen Forschungsetats bevor.

Philippe Busquin: Diese Verkettung, Resultat einer von der ganzen Kommission Prodi getragenen Anstrengung, ist eine logische und kohärente Ableitung der Ziele der Lissabon-Strategie. Mit der Erweiterung wird Europa zur weltweit größten Wirtschafts- und Handelsmacht. Wenn es sich seiner wichtigsten Herausforderung – der Erhaltung des Wohlstands seiner Bürger – gewachsen zeigen will, dann muss es unbedingt seine Leistungen bezüglich Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung verbessern.

Die Ergebnisse in diesen Bereichen sind derzeit recht mittelmäßig. Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung hängen heute jedoch von einer zwingenden Priorität ab: der Entwicklung der Wissensgesellschaft. Dieses Ziel muss im Mittelpunkt der Politik der Union stehen. Wie das? Indem man ihre ureigenste Aufgabe wahrnimmt, nämlich auf europäischer Ebene Multiplikatoreffekte auszulösen, die die Motoren der Wissensgesellschaft antreiben. Forschung und Innovation, aber auch allgemeine und berufliche Bildung sind mehr denn je die Schlüssel des notwendigen Aufschwungs.

Bullet Dennoch, eine Verdoppelung des Forschungsbudgets ist ein riesiger Sprung…
Diese Erhöhung ist im Rahmen des „3-%-Ziels“, das bis 2010 auf der Ebene der Gesamtheit der Mitgliedstaaten gefordert wird, keineswegs überzogen. Um es zu erreichen, sieht die Lissabon-Strategie als Erstes eine unerlässliche Erhöhung der Forschungsinvestitionen der privaten Unternehmen vor, die 2 % des BIP entsprechen sollten. Die Aufwendungen der einzelstaatlichen öffentlichen Haushalte sollten ihrerseits auf 1 % steigen. Berücksichtigt man indessen die Auflagen der öffentlichen Ausgabenbegrenzung der Mitgliedstaaten, die im Übrigen vom Stabilitätspakt erzwungen wird, so kommt man zu dem Schluss, dass diese Zahl wahrscheinlich nicht erreicht wird. Das für die öffentliche Forschung in den Ländern der Union gesteckte Ziel läuft Gefahr, nur zu 90 % erreicht zu werden. Die Verdoppelung des gemeinschaftlichen Forschungsbudgets könnte somit – zumindest teilweise – dazu beitragen, diesen Graben zu überbrücken.

Bullet In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass die jährlichen Forschungsaufwendungen der Union von derzeit rund 5 Milliarden Euro auf 10 Milliarden ansteigen werden?

Genau. Doch dies ist ein rein quantitativer Ansatz. Sein Sinn wird erst voll ersichtlich, wenn man die Achsen der von der Kommission vorgeschlagenen Forschungs- und Wachstumspolitik mit berücksichtigt. So muss sich erstens die gemeinschaftliche Anstrengung auf die Grundlagenforschung richten. Europa leidet heute in diesem Bereich unter einem Defizit, und das beunruhigt die gesamte Wissenschaftlergemeinde. Seit 20 Jahren sinkt die Zahl der Nobelpreise, die an Europäer gehen. Was die Attraktivität für die besten Köpfe anbelangt, macht sich die Konkurrenz der Vereinigten Staaten schmerzlich bemerkbar. Gewiss verfügt die Union über die Fähigkeit zu herausragender wissenschaftlicher Exzellenz, aber Grundlagenforschung ist traditionell eine nationale Angelegenheit. Diese Abschottung wirkt sich heute hinderlich aus.

Im Sechsten Rahmenprogramm haben wir die Unterstützung der Gründung von Exzellenznetzen eingeführt, aber das reicht nicht. Es müssen neue Beihilfentypen geschaffen werden, um wirklich Grundlagenforschung zu Avantgardethemen zu finanzieren, die im Kreis der Wissenschaftler selbst vorgeschlagen, von Spitzenforscherteams in die Wege geleitet und aufgrund einer Bewertung auf europäischer Ebene selektiert werden. Die derzeit laufenden Diskussionen über die Schaffung eines Europäischen Forschungsrats, der nach dem Vorbild der amerikanischen National Science Foundation konzipiert ist, gehen in diese Richtung.

Zwei weitere Achsen betreffen die unentbehrlichen Forschungsinfrastrukturen und die Entwicklung der Humanressourcen. Bislang waren die großen europäischen Einrichtungen überwiegend Ergebnisse von Vereinbarungen auf Regierungsebene. Abgesehen von einzelnen Fällen – der Gemeinsamen Forschungsstelle, dem Joint European Torus (JET) für die Fusionsforschung und der derzeit von der Union gewährten Unterstützung für das neue Informatiknetzwerk GRID – ist die Union nicht mit Direktinvestitionen in die Infrastrukturen beauftragt worden. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass sie im aktuellen Rahmenprogramm über gewisse, wenn auch beschränkte Mittel verfügt, um deren Einrichtung und/oder Betrieb zu unterstützen. Was den neuen Forschungsbedarf anbelangt (zum Beispiel in den Bereichen Superlaser, Neutronenquellen für die Erforschung der Materie und Biomedizin oder für die großen Genomik-Datenbanken), gibt es keinen Grund, warum die Gemeinschaft in Zukunft nicht Investitionsverpflichtungen in Einrichtungen, die eine europäische Dimension aufweisen und im europäischen Interesse stehen, eingehen soll. 

Was die Humanressourcen für die Forschung und Technologie betrifft, ist die Nützlichkeit europäischer Vorkehrungen wie die Marie-Curie-Maßnahmen längst erwiesen. Es ist durchaus wünschenswert, dass die grenzüberschreitenden Stipendien- und Ausbildungsprogramme zugunsten der Forscher – junge wie gestandene, auch solche, dier der Union nicht angehören – namhaft ausgebaut werden. Europa zählt etwas weniger als sechs Forscher pro tausend Einwohner, gegenüber acht in den Vereinigten Staaten und neun in Japan. Fürs Erste haben wir bis zum Jahr 2010 einen Ausbildungsbedarf von 400 000 neuen Forschern ermittelt, um das 3-%-Ziel zu erreichen. Das ist eine konservative Schätzung; wir werden die Zahl auf 700 000 anheben müssen.

Bullet Das 3-%-Ziel geht von einer beträchtlichen Erhöhung der privaten Forschungsinvestitionen aus, die zwei Drittel dieser Anstrengung tragen sollen. Wie kann ein aufgestocktes Budget der Union die Unternehmen dazu bewegen, dies zu erreichen?

Das Sechste Rahmenprogramm hat bereits das neue Instrument der „integrierten Projekte“ eingeführt. Diese zielen darauf ab, eine kritische Forschungsmasse auf konkrete Ziele genügend ehrgeizigen Umfangs zu vereinen, in denen die industriellen Akteure – Großunternehmen und innovative KMU – eine wichtige Rolle spielen. Aber wir stehen leider vor der Tatsache, dass es uns an Geld fehlt, um zahlreiche wertvolle Vorschläge zu unterstützen, die daher abgewiesen werden müssen.

Durch eine Mittelerhöhung ließe sich die Mobilisierung der Kapazitäten des Privatsektors erheblich verstärken. Im Hinblick darauf haben wir auch bereits begonnen, „technologische Plattformen“ zu entwickeln. Auf ihnen finden sich in ganz bestimmten Sektoren – Luft- und Raumfahrt, Elektronik, Stahl usw. – Unternehmen, private und öffentliche Forschungszentren und Universitäten sowie die Leiter der nationalen Forschungsprogramme, um die Umsetzung ihrer wissenschaftlichen und technologischen Agenden der kommenden fünfzehn Jahre auf europäischer Ebene festzulegen. Aus dieser sehr konkreten Vorausschauübung, die regelmäßig aktualisiert wird, werden die Orientierungen hervorgehen, die der Forschungspolitik der Union erlauben, ein echter Motor der Wettbewerbsfähigkeit und des Wachstums in Europa zu werden.

Ein weiterer neuer, sehr wichtiger Bereich der europäischen Forschung ist mit der Entwicklung der gemeinsamen Sicherheitspolitik verbunden.

Bullet Die finanzielle Vorausschau der Kommission wurde im Februar 2004 veröffentlicht. Wie ist sie bisher von den Mitgliedstaaten aufgenommen worden?

Diese Vorausschau umfasst die gesamte Arbeitsweise der Union, nicht nur Forschung, Bildung und Wachstum, sondern auch die Bereiche Landwirtschaft, Soziales, Regionen usw., und dies vor dem Hintergrund der Eingliederung der neuen Mitglieder. Da dürfte der Ausgleich zum Teil schwierig ausfallen.

Lässt sich der Gesamthaushalt der Union, wie von der Kommission gefordert, auf 1,15 % des gesamten BIP anheben oder wird er unter dem Deckelbetrag von 1 % bleiben, wie manche Mitgliedstaaten wünschen? Sicher ist jedenfalls, dass die vorrangige Struktur zugunsten der Wissensgesellschaft auf weit gehenden grundsätzlichen Konsens zählen kann, der übrigens bereits in der Lissabon-Strategie verankert ist. Auf mehreren Treffen der europäischen Regierungschefs forderten diese die Union auf, im Bereich der Forschung mehr zu unternehmen. Worauf Präsident Prodi ihnen jeweils mit einer Prise Humor erwiderte, das gute Hausmütterchen wische erst vor seiner eigenen Tür...

Diesbezüglich gilt es eine letzte wichtige Achse der Verwirklichung des Europäischen Forschungsraums herauszustellen, die mittlerweile ebenfalls konkrete Formen angenommen hat: die Koordinierung der nationalen Forschungsprogramme. Die Pilotphase des Programms „ERA-Net“, die seit 2003 läuft, stößt auf beachtlichen Erfolg. Diese Art direkter Zusammenarbeit zwischen Mitgliedstaaten, in der die Union als Stimulans und Bindeglied wirkt, ist ein zukunftsträchtiger Pfad, der unbedingt entwickelt werden muss.

    
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