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| N° 40 - Februar 2004 |
UMWELT - Wenn die Forscher „großen Fischen“ nachgehen
Die Fischer beobachten seit langem das Verhalten der Thunfische und machen sich sogar eine ihrer Eigenheiten zunutze, um sie leichter zu fangen. Davon haben sich die Wissenschaftler des Projekts Fadio inspirieren lassen, wenn auch mit anderen Absichten. Ausgeklügeltes, eigens für ihre Zwecke hergestelltes Material soll ihnen helfen, das geheimnisvolle Verhalten dieser Fische zu untersuchen, ihre Bestände, ihr Kommen und Gehen zu ermitteln und mehr über ihre Rolle im Meeresökosystem – und allfällige Gefahren, die ihnen lauern –herauszufinden.
Was die Forscher interessiert, ist das Verhalten dieses Fischs, ein athletischer Jäger und unermüdlicher Wanderer, der ganze Ozeane zu durchqueren vermag. Warum gerade der Thunfisch? Wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung natürlich, aber vor allem auch wegen seiner ökologischen Funktion. Als letztes Glied in der Nahrungskette spielt dieser große Räuber eine Schlüsselrolle im pelagischen Ökosystem(1). Angesichts der Intensität, mit der er gefischt wird, sind alle Hinweise wertvoll, die eine präzisere Einschätzung der Bestände und ihres Zustands erlauben. Darüber hinaus ist das Verhalten des Thunfischs ein spannendes Rätsel, in dessen Mittelpunkt die Bank steht. Diese Fische – wie viele andere in den Meeresgewässern, auch viel kleinere wie Sardellen und Sardinen – bilden geheimnisvolle Gruppen. Haben diese Schwärme mit der Ernährung zu tun, mit der Reproduktion, der Jagd oder der Notwendigkeit, sich zu orientieren? Wie lange bleiben sie zusammen, wie häufig erneuern sie sich? Welche Umweltfaktoren (Temperatur, verfügbare Nahrung, potenzielle Gefahren) tragen dazu bei, diese Bänke zu vergrößern oder aufzulösen? Darüber weiß man kaum etwas. Die Bildung von Schwärmen anregen
Dieses Phänomen ist den Fischern nicht entgangen, die sich zunächst mit natürlichen FAD begnügt hatten, dann aber dazu übergingen, eigenes Material zu werfen. So gibt es zahlreiche Bojen, die rund um die Inseln des Pazifiks, des Atlantiks oder des Indischen Ozeans verankert sind und gewöhnlich von der ortsansässigen Bevölkerung für den Eigenbedarf, d.h. in begrenztem Umfang genutzt werden. Doch es gibt auch manche „schwimmende“ Bojen, die mitten im Meer von den Seinerbooten ausgesetzt werden, diesen Fischerbooten, die mit Netzen von 1600 m Länge und 200 m Tiefe ganze Thunfischbänke einzufangen suchen. Bei über der Hälfte der tropischen Thunfische, die heute weltweit gefangen werden (3,8 Millionen Tonnen pro Jahr), kommen FAD zum Einsatz. Oberstes Ziel der Forscher des Projekts Fadio ist es, das natürliche Umfeld zu wahren und zu managen, was die Kenntnis seiner Funktionsweise voraussetzt. So erwägen sie insbesondere die Möglichkeit, FAD als Fenster zu nutzen, durch welche sie die pelagischen Ökosysteme beobachten können. Da FAD die Fische anziehen und um sich scharen, stellen sie bevorzugte Beobachtungspunkte dieser so schwer zu verfolgenden Fauna dar. Doch um zu beobachten, was sich unter der Oberfläche abspielt, muss man über geeignete Hilfsmittel verfügen. Hightech-FAD auf Maß
Die künftigen Bojen werden stattdessen mit einem ungerichteten Sonar versehen sein. Dieses Gerät wird Aufschluss darüber geben, was rund um die Boje abläuft, wie viele Thunfische zugegen sind, in welcher Tiefe sie sich befinden und allenfalls auch über ihre Art und Größe. „Sobald das Bündel horizontal ist, sind die Daten viel komplexer und erfordern eine raffinierte Software für ihre Auswertung“, fährt Laurent Dagorn fort. „Mit der Zeit stellen sich auch Probleme der Regulierung, die zu lösen sind. Die Ingenieure, die das Material vorbereiten, müssen zum Beispiel wissen, ob man 300, 500 oder 800 Meter weit schauen muss, um 80 % der Biomasse zu erfassen. Da werden wir Kompromisse eingehen müssen, denn je weiter man blickt, desto mehr Energie braucht man.“ Die Bojen, kleine technologische Wunderwerke, werden darüber hinaus mit Hydrophonen, die Geräusche (eine wichtige Informationsquelle) aufnehmen, und einer Abhörstation bestückt sein: Geräte zum Ablesen der Daten, die von den Markierungen, die die Forscher auf einer bestimmten Zahl von Fischen anbringen, abgegeben werden. Vom Nutzen der Markierungen Bei den Markierungen handelt es sich um kleine Sender, die dem Thunfisch entweder angehängt oder in die Bauchhöhle eingepflanzt werden. Sie liefern Informationen über einen bestimmten Fisch und stellen eine logische Ergänzung zum Sonar dar, der Auskunft über das Verhalten der Gruppe gibt. Diese Markierungen teilen nicht nur mit, dass man einen Fisch mit einer bestimmten Herkunft vor sich hat, sondern auch, in welcher Tiefe und Temperatur er sich bewegt. Fadio versucht auch, neue Empfänger zu entwickeln, die vielleicht bald angeben werden, ob der markierte Fisch nüchtern oder gut ernährt, allein oder in einer Gruppe ist. Kim Holland von der Universität Hawaii ist einer der Pioniere dieses Systems, der sich auf diesem Gebiet ein außergewöhnliches Know-how zugelegt hat. Seine Universität, die eng mit dem Projekt Fadio verknüpft ist, war, zusammen mit dem IRD, lange Zeit die einzige Institution, die sich mit dem Verhalten der Thunfische rund um solche FAD beschäftigte. Sie hat ein beeindruckendes Becken eingerichtet, das erlaubt, diese Tiere in Gefangenschaft zu beobachten. Insgesamt sollten diese Instrumente ermöglichen, einen wertvollen Wissensstock über das Verhalten der Thunfische zusammenzutragen. Das Projekt Fadio konzentriert sich auf die instrumentelle Ausrüstung schwimmender Bojen, während die Universität Hawaii an verankerten Bojen arbeitet. Doch zu dem Problem der Datensammlung gesellt sich die Schwierigkeit, diese bis zum Abholen zu speichern und die verschiedenen Geräte mit Energie zu versorgen. Für welche Lösung man sich am Ende auch entscheiden wird – es ist sicher von Vorteil, wenn diese Apparate nicht dauernd in Betrieb sind, sondern nur dann, wenn etwas Bedeutungsvolles geschieht. Es ist nun Sache der Forscher, herauszufinden, welches diese Zeitabschnitte sind. Man weiß beispielsweise, dass viele kleine, in den oberen Schichten schwimmende Fische ihre Bänke während des Tages bilden und sich mit Einbruch der Dunkelheit verteilen. Wenn dies auch auf Thunfische zutrifft, ist es sinnlos, während der Nacht Daten zu sammeln. Mitarbeit der Fischer
Der Kontakt wurde erleichtert durch die Anwesenheit französischer und spanischer Forscher (die beiden hauptsächlichen Nationalitäten der Fischer in jener Gegend). Fadio vereinigt auch griechische, belgische und norwegische Wissenschaftler, alle mit ihren eigenen Spezialgebieten und Fachkenntnissen. „Wir arbeiten beispielsweise mit einem Team der Universität Las Palmas auf den Kanarischen Inseln zusammen, das auf Fernerkundung spezialisiert ist“, erklärt Laurent Dagorn. „Wir benötigen genaue Satelliteninformationen über die Gebiete, in denen unsere FAD liegen. Zudem brauchen wir so viele Daten als möglich über die Umgebung der Bojen – Temperatur, Planktondichte usw. –, denn wenn eine der Bojen eine Verhaltensänderung anzeigt, müssen wir herauszufinden versuchen, ob die Erklärung dafür in der Umwelt liegt.“ Verstehen, wie und auf welche Distanz die Fische die FAD aufspüren (die Rede ist von 10 km), warum und wann sie Bänke bilden und diese wieder verlassen, wie ihre Ernährung ihr Verhalten beeinflusst – all dies ist von wissenschaftlichem Interesse. Doch Fadio könnte mit der Zeit auch zu einer besseren Kontrolle der Bestände beitragen und mithin eine Wegmarke zu einer nachhaltigeren Fischerei darstellen. Derzeit stammen die einzigen ernst zu nehmenden Angaben, die eine Einschätzung der Bestände erlauben, von den Fischern. Doch diese Informationen sind oft unvollständig und unterliegen vielerlei Verzerrungen. Akustische Daten bieten demgegenüber den Vorteil, dass man nicht mehr allein auf die Angaben der Berufsfischer angewiesen ist, sondern eine ergänzende Informationsquelle zu den Fischereistatistiken hat, die erlaubt, die Populationen der ausgebeuteten Fische zu studieren. Auf längere Frist – in dem Maße, wie die Thunfische die Geheimnisse ihres Verhaltens preisgeben und die instrumentenbestückten Bojen häufiger werden – hoffen somit die Forscher, Aufschluss über den Zustand dieser Populationen, ihre räumliche Dynamik usw. zu erhalten. Lauter Elemente, die für den Schutz einer freigiebigen, aber fragilen Ressource unabdingbar sind. (1) In den Oberflächengewässern gelegen, im Unterschied zum benthonischen Ökosystem, das den Meeresboden bevölkert. |
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