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| Nr. 38 - Juli 2003 |
MITTELMEER – SCHWARZES MEER - Europas kranke Meere
Die fragile Gesundheit des Mittelmeers beschäftigt die europäische Umweltforschung schon seit langem. Aber auch das Schwarze Meer, Gegenstand mehrerer Bewertungs- und Sanierungsprojekte, wurde nicht vernachlässigt. Mit dem (für 2007 vorgesehenen) Beitritt Rumäniens und Bulgariens wird indes die Union Anrainerin dieses „geschlossenen“ Meeres, das sich in einem besonders kritischen Zustand befindet. Die Initiative IASON, im Frühjahr 2003 anlässlich einer großen wissenschaftlichen Konferenz von der griechischen Präsidentschaft angestoßen, verfolgt das Ziel, transnationale multidisziplinäre Kooperationsnetze einzurichten, um diese beiden lebenswichtigen Meeresbecken zu pflegen und zu schützen.
Überbordendes Bevölkerungswachstum Denn die Zeit eilt. Diese beiden Meere, die den Südrand des Kontinents bilden, stehen derzeit in einem tief greifenden Umwandlungsprozess. Beiden ist – abgesehen von ihrer eher bescheidenen Größe – eigen, dass sie praktisch geschlossen sind. Die Wasserzirkulation ist stark eingeschränkt durch die Meerengen von Gibraltar, der Dardanellen und des Bosporus. Durch diese Geschlossenheit werden die Auswirkungen des rasanten demographischen Wachstums noch zusätzlich verschärft. „Während die Bevölkerung der Anrainerstaaten des Mittelmeers in den 60er Jahren bei 246 Millionen lag, übersteigt sie heute 450 Millionen“, gibt Michael Scoullos von der Universität Athen, Sekretär des Büros für Informationen über das Mittelmeer (MOI-ECDSE), zu bedenken. „Hinzu kommen die saisonalen Ströme der großen touristischen Wanderungen, mit anderen Worten 150 Millionen Menschen. Diese Zahlen werden nach aller Voraussicht noch weiter steigen.“ 50 % der rund 25 000 km Mittelmeerküsten sind bereits stark verstädtert. Die im Zuge dieser Expansion gebauten Kläranlagen sind oft veraltet und unterdimensioniert, und es sind bei weitem nicht alle Küstenbewohner angeschlossen. Zudem nehmen die Eingriffe des Menschen in die Meeresumwelt – „dank“ des technischen Fortschritts – insgesamt zu. Vielfältige Auswirkungen „In diesem Zusammenhang wurden mehrere Umweltprobleme, die sich im Schwarzen Meer und im östlichen Mittelmeer grenz- und fachübergreifend stellen, bisher nicht unter einem umfassenden Gesichtspunkt betrachtet, der erlauben würde, aus allen verfügbaren Daten und den verschiedenen bereits geleisteten Anstrengungen Nutzen zu ziehen“, unterstreicht Achilleas Mitsos, Generaldirektor für Forschung in der Europäischen Kommission. „Ein solcher integrierter Ansatz würde es erlauben, Lösungen zu erarbeiten und politische Maßnahmen zu treffen, die auf langfristigen Strategien nachhaltiger Entwicklung fußen.“
Dabei wurde die – im Zusammenhang mit dem Meer häufig unterschätzte – Luftverschmutzung, die vom Automobilverkehr, den Müllverbrennungsanlagen, den Industrieunternehmen usw. herrührt und zum Teil in die allgemeine Luftzirkulation der Atmosphäre gelangt, noch nicht mit eingerechnet. „Ihre Einwirkung konzentriert sich auf die Luftmassen der Küstengebiete und deren Austausch mit dem Oberflächenwasser. Dieses Phänomen wird noch verschärft durch das Fehlen von Gezeiten, die eine Vermischung vermindern würden“, hält Alexandros Theoharis vom Griechischen Nationalen Zentrum für Meeresforschung fest. „Die Konzentrationswerte für verschiedene Moleküle wie auch die pH-Werte liegen daher sehr hoch, mit den entsprechenden Konsequenzen für die Meeres-Biozönosen.“ Schließlich hat sich auch die Bewirtschaftung des Meeres selbst intensiviert. Der Transport über die See, insbesondere der für chronische Verschmutzung verantwortliche Brennstofftransport, hat sich beträchtlich erweitert. 100 000 Tonnen Erdöl werden jedes Jahr allein durch das Schwarze Meer geschifft. Dasselbe gilt für die Stärke der Fischereiflotte (auch wenn die Zahl der Boote mehr oder weniger stabil geblieben ist). Und die Aquakultur hat einen Aufschwung genommen, der bedeutende ökologische Störungen nach sich zieht.
Resultat dieser vielfältigen Belastungen: Auf dem Schaltbrett der Nachhaltigkeit haben verschiedene Blinker höchste Alarmstufe erreicht. In den letzten drei Jahrzehnten war im Schwarzen Meer eine bedeutende, zunehmende Mortalität der Meerestiere (die Verluste werden auf Zigmillionen Tonnen geschätzt) zu beobachten, die ihrer Erklärung noch harrt. So sind die Fänge in den letzten Jahren um 80 % gesunken, und von den 26 Arten, die früher in diesem Becken gewöhnlich vermarktet wurden, sind nur noch sechs verwertbar. Gleichzeitig sind Quallen und andere gallertige Tiere aufgetaucht und haben sich massiv verbreitet. Ursache ist wahrscheinlich die Eutrophierung und/oder die Einschleusung fremder Arten durch Schiffe. Eine Abnahme der Fänge macht sich auch im Mittelmeer seit über zehn Jahren bemerkbar. „Darüber hinaus hat das Überfischen der großen Fleisch fressenden Fische Struktur und Funktionsweise des Ökosystems durcheinander gebracht. An vielen Orten müssen die Fischer sich nun mit kleinen Arten begnügen, die empfindlicher auf Umweltveränderungen reagieren “, unterstreicht Jacques Bertrand vom französischen Meeresforschungsinstitut IFREMER. Diese tief greifenden Veränderungen des mediterranen Ökosystems beunruhigen umso mehr, als es sich um ein Meer handelt, in dem Endemie (d.h. das ausschließliche Vorkommen lokaler, mithin unersetzbarer Arten) eine wichtige Rolle spielt. Das Mare Nostrum macht zwar nur 1 % der Weltmeere aus, aber es beheimatet 7,5 % der Wassertierarten des Planeten. Mehrere Verletzungen des Gleichgewichts sind gemeldet worden, etwa eine gewisse Tendenz zur „Tropisierung“: Zahlreiche aus warmen Meeren stammende Arten entwickeln sich derart, dass sie ihre lokalen Artgenossen bedrohen. Das gilt für Pflanzen (etwa die berühmt-berüchtigte Alge Caulerpa taxifolia), Weichtiere, Schalentiere wie auch Fische. Dieses Besorgnis erregende Phänomen rührt zweifellos von der kombinierten Wirkung der Wasserzuflüsse und des Anstiegs der Durchfahrten der Schiffe durch den Suezkanal und die Meerenge von Gibraltar her und wird wahrscheinlich durch die allgemeine Erwärmung begünstigt.
Die Mehrheit der verantwortlichen Prozesse – und mithin der möglichen Lösungen – sind grenzübergreifend und erfordern multidisziplinäre Ansätze. Entsprechend breit war der fachliche Hintergrund der Teilnehmer der IASON-Konferenz, wo Ozeanologen und Klimatologen neben Spezialisten der Meeresbiologie und -genetik, der Fischerei, der Wirtschaftswissenschaften, der Modellbilldung usw. saßen. Und entsprechend breit gestreut war auch ihre Herkunft: Neben den Wissenschaftlern aus der Union – nicht nur aus den Mittelmeerländern, sondern auch aus Schweden, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Deutschland und dem Vereinigten Königreich – begrüßte die Konferenz auch Vertreter aus Albanien, Kroatien, Russland, der Türkei, Georgien, Bulgarien, Ägypten, Zypern, Rumänien, der Ukraine, Israel und den Vereinigten Staaten. Aus diesem Geist internationaler Zusammenarbeit muss sich eine Initiative entwickeln, deren Ziel es ist, diesen beiden wertvollen Binnenmeeren wieder eine nachhaltige Zukunft zu verschaffen. Zugänglichkeit der Daten Im Lauf der Jahre haben die Wissenschaftler, die das Mittelmeer und das Schwarze Meer untersuchen, zahlreiche ozeanographische Daten zusammengetragen. Ein neues, von Einrichtungen aus 20 Ländern und insbesondere der Europäischen Kommission und der Unesco unterstütztes Projekt (MEDAR/MEDATLAS) hat einen Großteil dieses Materials aufbereitet. Resultat: eine gut zugängliche, praktische Datenbank, die auf Internet und in Form von 4 CD-ROM verfügbar ist und die früher vom europäischen Projekt MTP/MATER zusammengestellte multidisziplinäre Datenbank zum Mittelmeer ergänzt. MEDAR/MEDATLAS vereinigt Informationen zu einer Vielzahl von Parametern und garantiert eine hohe Qualität. Man findet darin ausgedehnte Zeitreihen, gestützt auf dichte Netze von Messpunkten, für so unterschiedliche Daten wie Temperatur, Salzgehalt, gelöster Sauerstoff, pH, Ionenkonzentrationen (Phosphate, Nitrate, Nitrite, Silikate) usw. Diese beeindruckende Informationsquelle bietet frei zugängliche Karten, Grafiken, Kurven, Diagramme usw. Die Datenbank wird dauernd auf den neuesten Stand gebracht und periodisch um neue Faktoren und Parameter erweitert.
Das Wasser des Mittelmeers ist von Natur aus arm an Nährstoffen und somit an Algen – daher auch seine blaue Farbe und Transparenz. Doch diese ursprüngliche Stabilität ist mittlerweile an gewissen Stellen stark gestört durch Zufuhren menschlichen Ursprungs mit einer hohen Dichte an Phosphat-, Nitrat- und anderen Nährstoffen, wie die Ergebnisse des europäischen Projekts INTERPOL zeigen. Diese Zufuhren – ausgespülte landwirtschaftliche Düngemittel und Zuleitung städtischer und industrieller Brauchwässer – führen zu einer Eutrophierung, die sich in der intensiven Entwicklung einzelliger Algen niederschlägt, gefolgt von Mikroorganismen, die sich von ihnen ernähren, und Sauerstoffverlust in den tieferen Schichten. Diese Veränderungen, die das gesamte Ökosystem erfassen, führen manchmal zu einem plötzlichen Wuchern gewisser Arten von Algenplankton, die regelrechte „rote Strömungen“ (oder je nach Art auch in anderen Farben) auslösen. Diese Proliferationen können schleimig, stinkig – mit katastrophalen Folgen für Gegenden, in denen der Badetourismus lebenswichtige Einkommen abwirft – oder sogar toxisch sein und in der Meeresfauna ein massives Sterben verursachen. Zahlreiche Forschungen, wie die des europäischen Projekts FATE, das Teams aus acht Ländern vereint, versuchen, die Mechanismen dieser Wucherungen zu verstehen und insbesondere auch die Schwellenwerte der Nährstoffe zu bestimmen, oberhalb derer sie ausgelöst werden. In noch stärkerem Maße als das Mittelmeer ist das Schwarze Meer von solchen Eutrophierungen betroffen, insbesondere in seinem nordwestlichen Teil, der die Wässer der „vier D“ – die nahe beieinander liegenden Mündungen von Donau, Dnjepr, Dnjestr und Don – aufnimmt. Darüber hinaus ist dieses Meer dem Druck einer im Vergleich zu seinem Volumen sehr hohen Konzentration an menschlichen, landwirtschaftlichen und industriellen Abwässern ausgesetzt – höheren Konzentrationen als das Mittelmeer. Es kommt zu häufigerer, intensiverer und ausgedehnterer Algenblüte, die zu akutem Sauerstoffentzug führt und ein massives Sterben der Weich- und Schalentiere auf dem Meeresgrund nach sich zieht. Mehrere Meerestierarten sind verschwunden, während die Ausbreitung von Quallen und Noctiluca scintillans (ein Plankton) den Zustand des bereits angeschlagenen Ökosystems noch weiter verschärft hat. Glücklicherweise lässt sich seit kurzem ein gewisses Nachlassen der Eutrophiewirkungen beobachten.
Die Meeresressourcen nachhhaltig zu bewirtschaften, ist eine heikle Kunst. So benötigt die Aquakultur, oft als Alternative zum Fischfang präsentiert, enorme Mengen an Fischmehl und somit eine Intensivierung des Fischfangs. Darüber hinaus sammeln sich um die Zuchtbecken nicht verzehrte Futterreste und Exkremente an, die, im Falle großer Aquakulturbetriebe, die umgebenden Ökosysteme schwer belasten. Bezüglich der Fischerei setzt eine nachhaltige Bewirtschaftung eine sehr genaue Definition dessen voraus, was ein gegebener Bestand an Fängen erträgt. Es gilt somit, ein komplexes Gefüge von Indikatoren (mittlere Größe der Populationen, Alterspyramide, Masse der sich reproduzierenden Tiere usw.) zu errichten, das eine bedeutende wissenschaftliche Kontrolltätigkeit erfordert. Die Schaffung von Fischreservaten als Instrumente der Bewirtschaftung von Beständen setzt überdies eine geschickte Ortwahl, geographische Abgrenzungen und die Einhaltung präziser Regeln voraus. Lauter Herausforderungen für die Forscher, deren Empfehlungen von den betroffenen Berufsleuten häufig in Frage gestellt werden. Reservoir der Artenvielfalt Die maritime Artenvielfalt stellt ein Erbe dar, das schwer in Geld zu beziffern ist, auch wenn die Forschung sich bemüht, Überlegungen in diese Richtung anzustellen. Ein Beispiel der wirtschaftlichen Bedeutung dieses natürlichen „Kapitals“ liefern uns die sehr zahlreichen so genannt thermophilen oder hyperthermophilen Bakterienarten, die fähig sind, bei Temperaturen über 100° C zu überleben, und deren Erforschung bereits seit einiger Zeit läuft. Diese Bakterien leben im Kontakt mit Heißwasserquellen, und die Moleküle, die bei ihrem Stoffwechsel im Spiel sind, halten Temperaturen aus, die mit den üblichen biologischen Prozessen unverträglich sind. Manche dieser Moleküle – Enzyme, Zucker, Antiseptika und Fungizide – sind thermostabil und mithin von enormem Interesse für die Industrie, insbesondere die Herstellung von Papier und Detergenzien, die Agrar- und Nahrungsmittelindustrie und den Textilsektor. In diesen Bereichen sind bereits zahlreiche von Lebewesen hergeleitete Produkte auf dem Markt. (1) Der Held aus der griechischen Mythologie Iason (oder Jason) brach an der Spitze der Argonauten zu einer großen Fahrt über die Meere auf, um das Goldene Vlies zu suchen. |
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