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Umwelt

Forschung mit Nebenwirkungen

   
   

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Neue Bakterien, die im Rahmen von Forschungsarbeiten zur Erhaltung von Felsmalerei entdeckt wurden, interessieren heute die Pharmaindustrie.

Umweltforschung hat derzeit Hochkonjunktur. Die europäische Strategie beruht auf der dringenden Notwendigkeit, für die Verbreitung bzw. Verwertung der Ergebnisse der geförderten Arbeiten zu sorgen. Daher haben vor allem Projekte, die diesen "Transfer" von Anfang an einplanen, in der Gemeinschaftsforschung künftig Vorrang.

 

Ecopoly, die grüne Version des berühmten Monopoly, wurde vor etwa 15 Jahren von einem deutschen Wissenschaftler auf den Markt gebracht. Über dieses Spiel ist es dem Forscher gelungen, eine breite Öffentlichkeit mit der Funktionsweise der Ökosysteme vertraut zu machen. Seine Inspirationsquelle war ein von der Europäischen Union unterstütztes Forschungsprojekt, das diese Systeme analysieren sollte und in dem er als wissenschaftlicher Koordinator mitwirkte.

Es mag überraschen, daß ein Forschungsprojekt ein derartiges Derivat hervorbringt; dennoch ist es ein anschauliches Beispiel für die vielen verschiedenen Nebenergebnisse, die bei der Umweltforschung anfallen. "Seit vielen Jahren besteht bei den meisten Forschungsarbeiten die Tendenz, die Grenzen der wissenschaftlichen Neugier, des Wissens um des Wissens selbst zu überschreiten und sich über die Nützlichkeit und den möglichen Gebrauch der Forschungsergebnisse Gedanken zu machen", erklärt Christian Patermann, Verantwortlicher der Direktion Umwelt bei der GD XII.

Dieser Transferprozeß ist im weitesten Sinne zu verstehen. "Die Forscher müssen sich der Notwendigkeit bewußt werden, die wissenschaftlichen Ergebnisse oder Informationen in verschiedene Formen umzusetzen: Grundkenntnisse für andere Fachbereiche, eine kommerzielle Anwendung, eine Norm, eine Richtlinie, eine Entscheidungshilfe usw."

Abkürzungen

Beim Übergang von einem Forschungsfeld zum anderen kann man manchmal erstaunliche Abkürzungen machen. Ein Beispiel: die Grotten von Altamira in Nordspanien, die seit langem für ihre beeindruckenden Felsmalereien bekannt sind. Viel zu bekannt ... Durch die Erschließung dieser Stätte, die Installation von Lampen, mangelnde Vorsicht und die Besuchermassen ist ihr empfindliches Gleichgewicht verändert worden. Dieses Phänomen (das unter anderem durch die Vermehrung von Bakterien zum Ausdruck kommt) wird von einem Projekt des Programms Umwelt und Klima untersucht, das zu diesem Zweck ein multidisziplinäres Team eingesetzt hat. Mikrobiologen analysieren die biologische Kolonisierung der Wände, die für die Schädigung der Felszeichnungen verantwortlich ist, und so stellte sich heraus, daß diese Bakterien, die gesammelt und in einem Labor analysiert wurden, zu bisher unbekannten Spezies gehören. Bald darauf hat ein Pharmaunternehmen Interesse an diesen Mikroorganismen signalisiert, die die Synthese neuer Antibiotika ermöglichen könnten. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Forscherteams hat begonnen.

Daß diese Synergie zustande kam, ist eigentlich Zufall. Aber wie könnte man angesichts der Masse von Daten und Informationen, die von der Wissenschaft produziert werden, einen effizienten Weg finden, sie an die Kreise weiterzuleiten, die von ihnen Gebrauch machen könnten? Wie diese Transfers unterstützen, wo doch niemand im voraus weiß, welche Ergebnisse diese oder jene Forschungsarbeit mit sich bringen wird?

Die Benutzer einbeziehen

"Diese Dimension steht im Mittelpunkt der gemeinschaftlichen Forschungspolitik", fährt Christian Patermann fort. "Der heutige Trend, der sich übrigens noch verstärken wird, geht dahin, die potentiellen Benutzer möglichst frühzeitig in die Forschungsprojekte einzubeziehen."

Das Projekt Protowet (1), das 1999 ausläuft, ist ein gutes Beispiel dafür. Es schließt an frühere Forschungen von FAEWE I und II, (2) an und soll die Kenntnisse und Verfahren für Management und Erhaltung der Feuchtzonen Europas verbessern. Sümpfe, Marschen, Torfmoore, Schwemmland, Deltas, Gezeitenzonen - bei all diesen Ökosystemen handelt es sich um vielfältige Biotope. Als bevorzugte Wohnstätten seltener Tier- und Pflanzenarten, Freizeitgebiete für Jäger und Angler erfüllen sie alle wesentliche ökologische Aufgaben. Sie absorbieren überschüssigen Niederschlag (und tragen so zur Vermeidung von Überschwemmungen bei), helfen bei der Reinigung des Oberflächenwassers mit (vor allem, indem sie es von Nitraten und Phosphaten aus der Landwirtschaft befreien), nehmen an der Regulierung der Treibhausgase teil, gehen in die Lebensmittelketten ein, erzeugen eine Reihe von Werkstoffen, die dem Menschen nützlich sind usw. Diese wertvollen und dabei kostenlosen Dienste sind bisher nur selten berücksichtigt worden.

Und daher ist das Projekt Protowet eindeutig auf seine künftigen Benutzer ausgerichtet. Das Instrument für Feuchtzonen-Management, das die Forscher entwickeln, ist für Nichtfachleute bestimmt und maßgeschneidert für Benutzer, die zuvor sorgfältig ermittelt wurden: Raumordnungsbehörden, Umweltagenturen und die für Umweltschutz und Naturschutzgebiete zuständigen NRO, die Dienststellen der GD XI (Umwelt) der Europäischen Kommission, internationale Organisationen wie die OECD ... Dieses Instrument soll nicht nur in Sachen Management behilflich sein, sondern darüber hinaus erlauben, die einschlägigen nationalen Gesetze, europäischen Richtlinien und internationalen Abkommen anzuwenden und zu beachten.(3)

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Die Forscher des Projekts Protowet entwickeln ein Instrument für Feuchtzonen- Management, das für Nichtfachleute gedacht und speziell auf seine Benutzer abgestimmt ist.

Wissensmakler

Die Durchführung eines derartigen Projekts setzt den Dialog zwischen Erzeugern von Umweltwissen und Benutzern voraus. Oftmals werden Verbreitung und Übertragung von Forschungsergebnissen durch mangelnde Kommunikation beschränkt. Die Akteure kennen sich nicht - oder kaum - und sehen die Dinge unter völlig verschiedenen Gesichtspunkten. Hier ist Raum für Initiativen, die zwischen diesen beiden Welten Brücken bauen wollen.

Könnten diese pragmatischen Bestrebungen hingegen eine Bedrohung für die Grundlagenforschung darstellen? "Nein", glaubt Christian Patermann. "In vielen Bereichen sind unsere fachübergreifenden Kenntnisse unzureichend. Die Forschung muß ihre Rolle als Mittel zur Erlangung von Wissen spielen. Seine Verbreitung in den wissenschaftlichen Kreisen selbst ist ebenfalls ein wesentlicher Aspekt des Transfers."

Die Grundlagenforschung gibt ihre Geheimnisse preis

Die Forschungen über den Klimawandel sind von höchstem Interesse für Meteorologen, Agrarwissenschaftler, Aktuare in Versicherungsgesellschaften oder Manager in vielen verschiedenen Wirtschaftssektoren. Daher ist der Koordinator des Projekts Nourtec (4), in dem die Forscher komplexe Techniken zur Wiederauffüllung von Ufergelände testen, ständig auf wirksame Kommunikation (hauptsächlich innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft) bedacht, um einen Multiplikatoreffekt zu fördern - schließlich löst die eine (gute) Idee ja oft die nächste aus ...

Die Verbreitung der Ergebnisse darf sich jedoch nicht auf die Fachkreise beschränken. So hat sich der Koordinator des Projekts PEP (5), in dessen Rahmen Grundlagenforschung über das Funktionieren der Meeresökosysteme - die langfristig den Fischfangsektor interessieren könnte - durchgeführt wird, dafür entschieden, auch den Bürger direkt zu informieren. Im Anschluß an Mitteilungen in der lokalen Presse wurde eine Fernsehreportage gesendet, die die Zuschauer am Leben der Wissenschaftler teilhaben ließ und ihnen den Sinn ihrer Forschungen für die Küstenbewohner deutlich machte.

Im übrigen ist die Übertragung von Technologien oder Informationen nicht bloß eine Frage der Effizienz. Da es um öffentliche Gelder geht, ist diese Dimension besonders wichtig, da sie deren Verwendung rechtfertigt. Außerdem kann man auf diese Weise zeigen, daß der soziale Bestandteil der Forschung nach wie vor Bedeutung hat. "Die Kenntnisse sind umfangreich, die wissenschaftlichen Fragen zahllos und komplex, aber unsere Ressourcen und Mittel bleiben beschränkt. Man kann nicht alles machen, man muß sich entscheiden. Zu akzeptieren, daß diese Entscheidungen nicht allein von wissenschaftlicher Wißbegier gelenkt werden, und die Interessen der Gesellschaft zu berücksichtigen, ist ein ethischer Bestandteil der Forschung", schließt Christian Patermann.

(1) Procedures for the operationalisation of techniques for the functional analysis of European wetland ecosystems.
(2) Functional analysis of European wetland ecosystems.
(3) Ramsar, Konvention über Feuchtgebiete internationaler Bedeutung, und Biodiversitäts-Konvention der Vereinten Nationen.
(4) Innovative nourishment techniques evaluation.
(5) Impact of a climatic gradient on the physiological ecology of a pelagic crustacean.

     
   

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