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5. FTE-Rahmenprogramm

Bessere Karten für die europäische Forschung

   
Jorma Routti Jorma Routti während des Interviews



Anfang 1999 beginnt das Fünfte Rahmenprogramm. Es bringt einen völlig neuen Ansatz: Schluß mit dem bisherigen sektoralen Ansatz, Bühne frei für ein paar große, thematische Programme und ihre multidisziplinären ·Leitaktionen". Professor Jorma Routti, Generaldirektor der für Forschung zuständigen GD XII der Kommission, erläutert die Gründe für diese tiefgreifenden Veränderungen.


"Wir müssen über die noch nicht entstandenen Industrien ebenso gründlich nachdenken wie über die bestehenden"

   

Warum wird die FuE-Politik der Union nun um Leitaktionen herum gestaltet? Hängt dies mit politischen Zwängen zusammen oder eher damit, daß sich Wissenschaft und Technologie und ihre Beziehung zu sozialen Problemen verändert haben?

Professor Jorma Routti: Es gibt vor allem zwei Gründe. Zunächst einmal die zunehmende Interdependenz zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Europäische Kommission hat die Studie ·Society, the Endless Frontier" veröffentlicht; ein Versuch, die generellen Auswirkungen von Wissenschaft und Technologie auf unsere Wirtschaft, Industrie, Gesellschaft und die politischen Entscheidungsprozesse zu analysieren. Wissenschaft ist und bleibt eine durch Neugier angetriebene Beschäftigung mit dem Unbekannten, das Bestreben, uns und unsere Welt zu verstehen. Sie hat schon für etliche Überraschungen gesorgt, die aber auch hochinteressante technologische und wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet haben. Ohne Wissenschaft und Technologie wären industrielle, ökonomische oder soziale Fortschritte heute gar nicht mehr denkbar. Informationstechnologie, Biotechnologie und Nanotechnologie führen zu einem grundlegenden Wandel, der natürlich mit industrieller Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit einhergehen muß.

Zweitens wird die Wissenschaft immer komplexer. Seit jeher ist die Wissenschaft bemüht, die Welt auf einfache Weise zu erklären, wie Einstein es mit seiner tiefsinnigen Gleichung E=mc2 vorgemacht hat. Aber heute liegen die Dinge anders. Die Wissenschaft befaßt sich mit der Beherrschung komplexer Phänomene mit chaotischem, nicht-linearem Verhalten, wie Klimaveränderung, Gen-Engineering oder der Einsatz moderner Biotechnologien in der Medizin. Und komplizierte Probleme erfordern nun einmal ein integriertes Vorgehen. Schauen Sie sich doch nur die Biowissenschaften an - ganz gleich, ob Sie heute Medizin, Biotechnologie oder sogar Landwirtschaft studieren, ohne Molekularbiologie oder Genetik läuft da nichts mehr. Und Telekommunikation und Informatik sind in die Informationstechnologien eingegangen. Wenn man sich mit Verkehrsfragen befaßt, sind auch Energie, Umwelt, Telematik, Stadtplanung, Volkswirtschaft und Verhaltenswissenschaften mit im Spiel.

Wir müssen also unsere Methoden ändern; wir müssen diese Fragen auf eine vielschichtige Weise angehen, und das ist nur mit Leitaktionen möglich, die sich an den konkreten Problemen und nicht so sehr an der Wissenschaft ausrichten. An Stelle von fünfzehn spezifischen Programmen, die klassischen wissenschaftlichen und technologischen Linien entsprechen, gibt es im neuen Programm nur vier große Themenbereiche, und etwa zwanzig Leitaktionen. Diese Leitaktionen sind der wichtigste Teil des Rahmenprogramms, über sie laufen ungefähr zwei Drittel der Finanzierung. Jede hat ihre eigene Beratergruppe, deren Experten aus der Wissenschaft, aber auch aus Industrie und Politik kommen, damit nicht nur diejenigen vertreten sind, die Wissen erzeugen, sondern auch die anderen, die es nutzen.

Das Problem in seiner Gesamtheit erfassen

Das Rahmenprogramm strebt also nach greifbaren ökonomischen und kommerziellen Ergebnissen. Wo bleibt die Grundlagenforschung? Gibt es irgendeine Art stillschweigender Vereinbarung, daß Grundlagenforschung vor allem auf einzelstaatlicher Ebene durchgeführt werden sollte?

Absolut nicht! Viele Leitaktionen betreffen Bereiche, in denen wir noch erhebliche Wissenslücken haben. In den Biowissenschaften zum Beispiel gibt es eine Leitaktion über Ernährung, Umwelt und Gesundheit, für die eine Menge Grundlagenforschung in Biologie notwendig sein wird. Auch wenn der Großteil der Grundlagenforschung auf nationaler Ebene stattfindet, haben wir uns auf die Bereiche zu konzentrieren, in denen Lösungen fehlen. Wenn wir die Anliegen der Gesellschaft in puncto Lebensqualität, Sicherheit, Gesundheit oder Umwelt erfüllen wollen, brauchen wir eine solidere Wissensgrundlage für politische Entscheidungen.

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Wir müssen diese Fragen auf eine vielschichtige Weise angehen, und das ist nur mit Leitaktionen möglich, die sich an den konkreten Problemen und nicht so sehr an der Wissenschaft ausrichten."

Es geht darum, einen europäischen Mehrwert zu erzeugen, und zwar, indem man sämtliche Facetten eines Problems untersucht, und das umfaßt Grundlagenforschung ebenso wie Normen, Anwendungen, Märkte, soziale und ökologische Auswirkungen, und selbst ethische Fragen. Die Arbeit an Normen zum Beispiel kann bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen haben. Die prä-normative europäische Forschung in Telekommunikation ist ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Staat, Wissenschaft und Industrie. Sie haben gemeinsam eine weltweite Norm festgelegt, und heute machen europäische GSM-Technologien zwei Drittel des Weltmarktes für digitale, mobile Telefonsysteme aus. Sie werden rund um den Globus benutzt. Ohne eine gemeinsame Plattform hätten die relativ kleinen europäischen Firmen nicht die geringste Chance gehabt, eine derart beherrschende Position zu erreichen.

Auf vielen anderen Gebieten gibt es ähnliche Herausforderungen. Im Multimedia-Bereich zum Beispiel müssen wir unbedingt eine gemeinsame Plattform schaffen, damit der europäische Erfindungsgeist nicht wirkungslos verpufft. Wir müssen gewissermaßen Gutenberg für das Informationszeitalter neu erfinden - sonst tun es globale Unternehmen, die sich stark an einer einzigen Kultur, einer einzigen Sprache orientieren. Wenn man so großen Wert auf sprachlichen und kulturellen Reichtum legt wie wir, dann sind diese Dinge sehr wichtig.

Genauso wichtig sind Verhaltenswissenschaften und Volkswirtschaft in den Leitaktionen, denn der Nutzen intensiver Forschung ist eher eine soziale und politische Frage, nicht so sehr eine technologische. Denken Sie nur an Energie oder Verkehr - manchmal sage ich mir, wir brauchen kein neues Auto, wir brauchen einen neuen Fahrer! Und auch ethische Probleme tauchen in vielen Bereichen auf: natürlich in der Biotechnologie, und, im Hinblick auf die Privatsphäre und die Sicherheit des elektronischen Handels, in der Informationstechnologie.

Das Subsidiaritätsprinzip

Hält das Programm sich auch an das Subsidiaritätsprinzip?

Sie dürfen nicht vergessen, daß wir einen beschränkten Anteil an der Finanzierung der europäischen Forschung haben, ungefähr 4%. Aber wir bewirken damit eine ganze Menge. Erstens steuern Staat und Industrie jeweils einen ähnlichen Betrag bei, so daß man in Wirklichkeit von 10 bis 15% sprechen kann. Und zweitens gehen sämtliche Mittel in die Projektförderung, und zwar in die besten Projekte, daher glaube ich, der Effekt für Europa liegt bei insgesamt 20 bis 30%. Nicht zuletzt ist es eine Orientierungshilfe für viele nationale Programme. Aber gut, es sind keine 50%, es sind keine 70%, wir müssen also sorgfältig prüfen, welche Arbeiten am besten gemeinsam durchgeführt werden.

Es gibt viele Fragen, die man nur auf regionaler oder globaler Ebene angehen kann. Zum Beispiel Klimaveränderung, Luftqualität, Wasserwirtschaft und Verkehrssysteme - wir haben in Europa elf verschiedene Signalsysteme für Züge. Wenn wir die Union den östlichen Ländern öffnen wollen, müssen wir gemeinsam nach den sinnvollsten Verkehrs- und Telekommunikationssystemen suchen. Die Kartierung des Humangenoms erfordert eine koordinierte Zusammenarbeit von tausenden von Wissenschaftlern. Wir brauchen gemeinsame Normen für die Zulassung biologisch modifizierter Anbaupflanzen, genetisch manipulierter Lebens- und Arzneimittel... Der Binnenmark wird wohl kaum wunschgemäß funktionieren, wenn wir in verschiedenen Ländern verschiedene Normen haben.

Muß die Beziehung zwischen Wissenschaft und politischer Entscheidungsfindung enger werden?

Unbedingt. Ich habe etliche Ausschüsse über Klimaveränderung geleitet, und immer wieder haben wir den politischen Entscheidern die einschlägigen Arbeiten vorgelegt, zum Beispiel Klimamodelle, Sedimentuntersuchungen, Eiskernbohrungen, makro-ökonomische Wirkungsanalysen und ähnliche Daten. Es ist für die Minister sehr schwierig zu entscheiden, was zu tun ist. Die Wissenschaft könnte und sollte darauf hinarbeiten, die wissenschaftlichen Ergebnisse in politische Alternativen einzubringen, und deren Kosten, Vorteile, Auswirkungen und Risiken berechnen. Natürlich ist es Sache der Politiker, ihre Entscheidung zu treffen, aber es ist unfair, politische Entscheidungsträger zu kritisieren, weil sie keine Entscheidungen treffen, wenn man ihnen keine vernünftigen Alternativen bietet.

Eine Heimat für die neuen, wissensbasierten Industrien

Die Kommission spricht oft von dem ·europäischen Paradox", von unserer offensichtlichen Unfähigkeit, hervorragende Forschungsergebnisse in international wettbewerbsfähige Produkte umzusetzen. Wie erklären Sie dieses Paradox? Und was können wir dagegen tun?

Natürlich diskutieren die Wirtschaftswissenschaftler noch darüber, ob es dieses europäische Paradox wirklich gibt, aber man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, daß Europas fortgeschrittene Wissenschaft allzu oft anderswo vermarktet wird - normalerweise in den Vereinigten Staaten. Diese Situation ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, die unter anderem mit dem Risiko-/Gewinn-Verhältnis in Europa und mit unseren kulturellen Einstellungen zu Unternehmergeist, Risiken und Erfolg zusammenhängen.

Es gibt aber auch Probleme, die durch Europas wirtschaftliche und politische Entwicklung nach und nach gelöst werden: Beispielsweise sind mittlerweile alle davon überzeugt, daß Technologietransfer auf internationaler, nicht auf lokaler Ebene stattfinden muß, und so haben sich die besten Partner aus aller Welt zusammengetan, um ihr Wissen in Produkte umzusetzen.

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Die Einführung des Euro wird neue Investitionsmöglichkeiten schaffen, die zu einem echten Wachstum führen, nicht bloß zu künstlich in die Höhe getriebenen Werten."

Am wichtigsten ist jedoch, daß wir den neuen, wissensbasierten Industrien, die als einzige neue industrielle Arbeitsplätze schaffen, eine Heimat geben. Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß die Wirtschaft dieser Industrien sich grundlegend von der traditioneller Industrien unterscheidet. Sie wachsen sehr schnell, und sie haben sehr kurze Produktentwicklungszyklen. Außerdem sind sie direkt mit dem globalen Wettbewerb konfrontiert, wodurch ihnen enorme FuE-Kosten entstehen. Die Entwicklung eines einzigen Arzneimittels zum Beispiel kostet Hunderte Millionen Ecu. Und die Lancierung ist eine riskante Sache, wie Russisches Roulette - man hat nur einen einzigen Schuß. Man muß also immer zehn oder zwanzig Arzneimittel in Entwicklung haben, und dazu braucht man Milliarden. Daher kommt es auch zu so vielen Fusionen von Pharmaunternehmen.

Kapitalismus ist heute keine Form von Besitztum mehr, sondern ein Zuteilungssystem für Kapital, das aus rentablen, aber nicht weiter wachsenden Bereichen Mittel für neue Bereiche abschöpfen muß. Die Steuergesetzgebung in Europa ist diesem Ansatz nicht gerade zuträglich, daher müssen wir gemeinsame, europäische Risikokapitalmärkte aufbauen.

Was sich abzeichnet und gefördert werden sollte, ist eine Art von Netzwerk-Wirtschaft, wo kleine Entwicklungsbüros, die oft auf der Basis von Hochschulforschung arbeiten, ihre Technologien an die größten internationalen Vertriebs- und Produktionsorganisationen verkaufen.

Forschung und der Euro

Wird die bevorstehende Einheitswährung es Europa leichter machen, High-tech-Produkte zu entwickeln?

Ja. Der Euro verändert das finanzielle Umfeld. Die Konvergenzkriterien für die Einheitswährung verlangen ausgeglichene Haushalte und eine Begrenzung der Staatsverschuldung. Das heißt, mit der Finanzierung des Defizits der öffentlichen Hand durch die Ausgabe von Staatspapieren ist Schluß; es ist nicht mehr möglich, dem Staat Geld zu leihen und dafür risikofrei 10% Zinsen zu kassieren. Infolgedessen sind die Zinssätze auf ein paar Prozent gefallen, und die Zinssatzspanne, an der man die Wechselkursunsicherheit ablesen kann, ist auf weniger als ein Prozent geschrumpft. Es ist zur Zeit also ausgesprochen günstig, in Aktien zu investieren.

Es gibt noch einen weiteren Grund für dieses zunehmende Interesse an Aktien - Europas Rentenfonds werden noch immer hauptsächlich auf Cashflow ausgerichtet, und diejenigen, die heute arbeiten, zahlen die Renten der Ruheständler. Da die Unterstützungsquote - damit ist die Anzahl von Arbeitnehmern pro Rentner gemeint - zurückgeht, müssen wir sehr viel mehr durch Rentenfonds sparen, auch als Privatpersonen.

Diese beiden Faktoren haben einen Boom auf dem Aktienmarkt ausgelöst: In den letzten paar Jahren haben sich die europäischen Börsenindices verdoppelt. Tatsächlich haben sie sich aufgebläht, weil es nicht genug Investitionsmöglichkeiten gab. Aus diesem Grunde müssen wir neue Investitionsmöglichkeiten schaffen, die zu echtem Wachstum führen, nicht bloß zu künstlich in die Höhe getriebenen Werten.

Das wiederum bedeutet, eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Finanz herzustellen, parallel zu der bestehenden Verbindung zwischen Wissenschaft und Industrie. Wir müssen über die noch nicht entstandenen Industrien ebenso gründlich nachdenken wie über die bestehenden.

     
   

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