WICHTIGER RECHTLICHER HINWEIS: Für die Angaben auf dieser Website besteht Haftungsausschluss und Urheberrechtsschutz.

  deenfr
European Flag    Europa Europäische Kommission FORSCHUNGFTE Info 20
RTD BannerInhalt
 

Endokrindisruptoren

Wenn es um's Leben geht

   
Picture
Damià Barceló, Koordinator des WWC-Clusters

Die zunehmende Menge organischer Verbindungen, die in den Wasserkreislauf eingeleitet werden, kann zu Störungen in den Geschlechtssystemen der lebenden Spezies führen. Um die Lösung dieses schwerwiegenden Problems bemühen sich die Wissenschaftler in den Projekten ·Waste Water Cluster". Eine Begegnung mit Damià Barceló, der diese Initiative koordiniert.

 

   

Picture
De moins en moins de mâles... Les poissons sont la première espèce vivante chez laquelle de sérieuses perturbations sexuelles sont observées, suite à des pollutions oestrogéniques.

"Je eingehender man sich mit dem Problem der Wasserqualität beschäftigt, um so klarer wird es, daß die Aufbereitungs- und Reinigungsmaßnahmen - die lange Zeit auf die Verschmutzung durch Metalle konzentriert waren - bisher nur die Spitze eines Eisbergs angegangen sind, dessen genaues Ausmaß uns genauso unbekannt ist wie seine langfristigen Auswirkungen. Wir fangen gerade erst an zu entdecken, wie man die potentielle Toxizität der Schadstoffe organischer Art, die von der Industrie und den Privathaushalten in die aquatischen Ökosysteme eingeleitet werden, messen und bewerten kann."

Dr. Damià Barceló, 44, leitet die Laboratorien der Abteilung für Umweltchemie des mitten auf dem Universitätsgelände in Barcelona gelegenen, staatlichen Forschungszentrums CID-CISC. Er gehört zu den besten europäischen Spezialisten im Bereich der Überwachung und Bewertung der Grund-, Fluß- und Meerwasserqualität.

Geschlechtsstörungen

Die Warnungen in bezug auf die bislang ungeahnten Gefahren, die durch organische Verschmutzungen hervorgerufen werden, sind durchweg jüngeren Datums", betont er. ·Die Spezialisten haben erst Anfang der 90er Jahre begonnen, ihre Besorgnis über die Auswirkungen von Substanzen zu äußern, die unter den Sammelbegriff Endokrindisruptoren fallen"(1). Anlaß zur Unruhe geben Beobachtungen gestörter Fortpflanzungssysteme bei lebenden Organismen und ihr Zusammenhang mit dem steigenden Aufkommen neuer Industrie-, Chemie- und Pharmaprodukte, darunter auch organische Verbindungen, die sich in den Wasserkreislauf integrieren und so die Hormonsysteme stören. ·Die einzige Spezies, für die derzeit fundierte Beweise vorliegen, sind die Fische. Unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen, die in verschiedenen europäischen Flüssen und Fischzuchten durchgeführt wurden, haben zweifelsfrei nachgewiesen, daß sich eine hohe Konzentration bestimmter Stoffe, die wie Östrogene wirken, in einer anormalen Feminierung der vorhandenen Arten niederschlägt. Die männliche Nachkommenschaft unter den Fischen geht deutlich zurück."

Über die schwerwiegende Bedrohung der Biovielfalt hinaus wird die Gefahr, daß auch beim Menschen derartige Hormonstörungen auftreten könnten, von den Wissenschaftlern sehr ernst genommen. ·Wir haben noch keine stichhaltigen Daten, aber es gibt Anzeichen dafür. Wir können es uns einfach nicht mehr erlauben, die Gewässer mit derart giftigen Stoffen zu kontaminieren. Neben der Untersuchung der Auswirkungen dieser Schmutzstoffe müssen wir herausfinden, aus welchen Quellen sie kommen, und ein Überwachungsnetzwerk aufbauen, mit dem sie sehr schnell geortet werden können."

Wenn, dann europaweit

Heute befassen sich verschiedene Speziallabors in allen Ländern der Union mit dieser neuen Bedrohung. Das Gemeinschaftsprogramm Umwelt & Klima fördert mehrere Forschungsprojekte, die auf die Erhaltung der Qualität unserer Wasserressourcen abzielen. ·Ich bin von Haus aus Chemiker und habe Anfang der 80er Jahre begonnen, mich für den Bereich Wasserqualität zu begeistern", erzählt Damià Barceló. Ich hatte das Glück, zwei Jahre an der Freien Universität Amsterdam zu verbringen, und während meines Aufenthaltes dort ist mir schnell klargeworden, daß es Sinn macht, auf europäischer Ebene zu arbeiten. Also habe ich an mehreren EU-geförderten Forschungsprojekten teilgenommen. Und da die Kommission daran interessiert ist, daß diese verschiedenen, parallelen Initiativen untereinander möglichst viele Synergien entwickeln, hat sie mich gebeten, ihren Zusammenschluß in ein einziges ·Bündel" zu organisieren und die Koordination zu übernehmen. Im Zuge dieser Umgruppierung ist die Gruppe Waste Water Cluster (WWC) entstanden."

WWC umfaßt fünf spezifische Projekte (siehe Kasten); in dem Netz sind Teilnehmer aus Österreich, Deutschland, Spanien, Griechenland, den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Schweden miteinander verbunden. Neben zahlreichen Forschungszentren und Universitätslabors wirken zwei Industriebetriebe aus dem chemischen Sektor und zwei Hersteller von Systemen für Messungen der Wasserqualität und Verschmutzungsalarm aktiv an den Forschungsarbeiten mit.

Ein Cluster mit vielen Facetten

Die Projekte befassen sich im wesentlichen mit drei Familien organischer Stoffe (Phenole, Aminverbindungen und Tenside) aus der Landwirtschaft, der Industrie - im wesentlichen Chemie, Petrochemie, Textil und Gerberei - oder städtischen Wasseraufbereitungsanlagen. Vor allem die Tenside bilden eine ständig wachsende Familie organischer Verbindungen mit ausgeprägten östrogenen Wirkungen. Sie werden in der Formulierung von Reinigungsmitteln (hauptsächlich zum Zweck der Industriereinigung) intensiv eingesetzt und finden sich daher in großen Mengen im Wasserkreislauf wieder. ·Kürzlich haben wir im Rahmen einer Messungskampagne in Spanien, in der Bucht von Cádiz, festgestellt, daß sich die Verschmutzung nicht auf das Wasser auf dem Festland beschränkt, sondern auch die Küstengebiete erreicht."

Die verschiedenen Probleme, die in diesem Zusammenhang zu lösen sind, werden von dem Cluster alle abgedeckt. Es geht zunächst darum zu begreifen, wie sich die organischen Verbindungen, einmal im Wasser aufgelöst, chemisch weiterentwickeln, und die Schwere der damit verbundenen Risiken zu bewerten und zu modellieren. Man muß also in der Lage sein, sie zu erfassen, was wiederum ein System von Biomeßfühlern und eine fortgeschrittene automatische Apparatur für Online-Probenahme und -Messungen erforderlich macht. Nicht zuletzt - vielleicht sogar vor allem - wollen die Wissenschaftler dieser Verschmutzung mit ihren unerwarteten Auswirkungen ein Ende setzen, entweder durch die Entwicklung neuer Abwasserbehandlungsmethoden oder durch die Beseitung der Schmutzstoffe, und zwar auf der Ebene der Industrieverfahren, bei deren Anwendung sie entstehen.

Öko-Unternehmer

Die Tatsache, daß es uns in Spanien gelungen ist, einen sehr großen Reinigungsmittelkonzern zur Teilnahme am WWC zu bewegen, halte ich für sehr bedeutsam. Die Industrieunternehmen machen sich tatsächlich immer mehr Sorgen über die mögliche Wirkung ihrer Tätigkeit auf die Umwelt und die Verantwortungen, die sie dabei tragen. Angesichts der ständigen Entwicklung neuer, chemischer Produkte merkt man auf einmal - und das ist ziemlich beunruhigend -, daß man über die mittel- oder langfristigen Folgen, die sie mit sich bringen, eigentlich kaum etwas weiß. Es besteht also eine steigende Nachfrage nach Umweltforschungen und -technologien."

In dem Pilotvorhaben WWC verwirklicht sich der interdisziplinäre Ansatz, der durch die Leitaktionen des 5. Rahmenprogramms (1998-2002) verstärkt werden soll. ·Im Rahmen des thematischen Programms Erhaltung des Ökosystems wird sich eine dieser Leitaktionen auf Nachhaltige Bewirtschaftung der Wasservorräte und Wasserqualität konzentrieren - womit bestätigt wird, daß dieser Forschungsbereich ein vorrangiges Umweltanliegen darstellt und eine Koordination der Forschung auf europäischer Ebene erfordert."

(1) Alle Zitate sind von Damià Barceló

Kontakt
Damia Barceló

CID-CSIC - Departament de Química Ambiental (E)
Barcelona (E)
Fax : +34-9-3-2045904
E-mail : dbcqam@cid.csic.es

Die fünf WWC-Projekte

Projekt
Objectif

INEXSPORT

 

Koordination: Universität Lund (S) Entwicklung automomer, tragbarer Geräte für die Probenahme und Erfassung von Phenol, Tensiden und Endokrindisruptoren durch Biomeßfühler.

OWWA

 
Koordination: Freie Universität Amsterdam (NL) Entwicklung technischer Online-Systeme zur Messung und Kontrolle der Abwasserqualität.

PRISTINE

 

Koordination: Institut für Wasserforschung und -technologien, Wiesbaden, (D)

Vertiefung der Kenntnisse über die Verschmutzungsprozesse und die Toxizität von Tensiden, die durch den Gebrauch neuer Reinigungsmittel ins Wasser eingeleitet werden.

PREDISENSOR

 

Koordination: Neue Universität Lissabon (P)

Bewertung und Prognosen über die Wirkung der Endokrindisruptoren, die in den über viele Äcker verteilten Klärschlämmen vorhanden sind.

SANDRINE

 

Koordination: Technische Hochschule Berlin (D)

Eingehende Studie über die Chemie und Erfassung von Endokrindisruptoren.

     
   

Vorige Seite Klima: Im Anschluß an Kyoto

5. FTE-Rahmenprogramm: Bessere Karten für die europäische Forschung Nächste Seite

  Suche Top