GENDER

Männliche Standpunkte

Kurz-Umfrage bei einigen Sachkundigen, die ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis erlebt und untersucht haben.

Balance

„Die Diversität in einer Arbeitsgruppe gilt als tatsächlich gegeben, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind: Sie muss auf Gleichberechtigung beruhen, ihre natürliche Balance auf sämtlichen Ebenen finden und man muss ihr die Gelegenheit, die Mittel und die Zeit bieten, um sich zu entfalten. Ich habe diesen Umbruch in meinem Unternehmen zunächst mit der kulturellen Vielfalt und anschließend, ab 1994, mit der Diversität der Geschlechter erlebt – beides diente dem Ziel der Chancengleichheit bei der beruflichen Karriere. Erst kürzlich habe ich im Bereich der Diversität mit Gruppen und in Foren gearbeitet, die größtenteils aus Frauen bestanden. Ich habe dabei sehr viel hinzugelernt und mein Horizont hat sich erweitert, aber zu meinem Bedauern habe ich durchweg die Anwesenheit der Männer – und somit die wirklich notwendigen Diskussionen – vermisst.“

Pierre Bismuth, Senior Advisor Human Resources, Schlumberger

Macht

„Die Frage stellt sich nicht so sehr in Bezug auf die Menge als vielmehr in Bezug auf die Macht. So ist bei gemischten Teams mit ausschließlich männlichen Leitern die Wahrscheinlichkeit groß, dass man auf Widerstand stößt, wenn man die Genderfrage auf kritische Weise stellt. Es geht nicht darum, dies anhand eines biologischen Determinismus zu erklären, sondern eher durch verschiedene gesellschaftliche Stellungen und unterschiedliche Erfahrungen. Dem möchte ich hinzufügen, dass sich die Mehrzahl der Teams, die eine dominante ethnische Gruppe enthalten, selten selbst kritische Fragen zum Problem der Ethnizität stellt. Die Dominanz einer Kategorie oder einer sozialen Gruppe ist häufig erstaunlich unsichtbar für ihre eigenen Mitglieder. Diese Fragen sind von größter Wichtigkeit, wenn die eigentliche Forschung Fragen zu sozialer Macht, Kontrolle der Ressourcen oder Gewalt betrifft.“

Jeff Hearn, Professor an der Hanken School of Economics (FI), der Universität Linköping (SE) und der Universität Huddersfield (UK)

Chemie

„In meinem Labor habe ich alle möglichen Arten von Geschlechtermischung erlebt. Ich konnte keine reellen Unterschiede in diesen Kombinationen feststellen. Hin und wieder findet sich jemand, dessen Chemie nicht mit derjenigen der anderen übereinstimmt, aber dabei kann es sich sowohl um einen Mann als auch um eine Frau handeln. Ich konnte auch nie klassische klischeehafte Verhaltensweisen erkennen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen kategorischere Standpunkte vertreten. Mehrere meiner Post-Doktoranden haben in entscheidender Weise zu den Laborarbeiten beigetragen, und wenn ich alle zusammenzähle, fallen mir zwei Männer und zwei Frauen ein. Bei den Männern habe ich eine stärkere Kampflust in Erinnerung, wenn es um die besten Plätze auf der Rangliste von Veröffentlichungen geht. Diese Situation war jedoch relativ selten, sodass ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob es sich dabei um ein gutes Vergleichskriterium handelt.“

Frank Gannon, Generaldirektor der Science Foundation, Irland

Subjektivität

„Das Hauptproblem scheint in der Machtteilung zu liegen. Ich habe ein Projekt über Frauen und Engineering koordiniert, in das Forscherinnen eingebunden waren, die sich als Verfechterinnen des Feminismus mit Gender-Studien beschäftigten. Diese Frauen empfanden die Arbeit in einem Team, in dem die wissenschaftliche Autorität von einem Mann ausgeübt wird, als schwierig und sogar als völlig absurd. Die Frage der auf Objektivität bedachten Kohabitation zwischen Engagement und einem rein wissenschaftlichen Ansatz wird weiterhin für Gesprächsstoff sorgen.“

André Béraud, ehemaliger Professor am INSA Lyon (FR), Mitglied der Forschungsgruppe Eschil

Zauberkasten

„Unsere Forschungen zur Stellung der Frau in Wissenschaft und Technologie beruhen auf dem Ansatz einer unserer Studentinnen, Carol Kemelgor, die die Leiter von Forschungsgruppen interviewt und die Hypothese aufgestellt hat, dass es sich bei diesen Gruppen um ‚Quasi- Firmen’ handelt. Die Feststellung, dass Frauen sich auf kollegialere und weniger hierarchisierte Art und Weise organisieren und dass sie die Arbeitszeit zu begrenzen vermögen, um ihre Privatsphäre zu schützen, hat das Forschungsprogramm Athena Unbound inspiriert. Die von Carol Kemelgor erlebte Erfahrung bewog sie dazu, offenzulegen, dass verschiedene scheinbar selbstverständliche Aspekte der Organisation von Forschungsgruppen eher auf kulturellen, der männlichen Erfahrung eigenen Artefakten beruhen als auf einer universellen Kultur für die Ausführung von wissenschaftlichen Arbeiten. Anschließend haben wir auf europäischer Ebene die Dimension des Geschlechts in Berufen im Zusammenhang mit Technologietransfers, Inkubatoren und Unternehmertätigkeiten unter sucht. Dabei konnten wir eine Art ‚Zauberkasten-Mechanismus’ entdecken: Hoch ausgebildete Frauen, die aus den akademischen Kanälen verschwinden, erscheinen wieder an Technologietransfer- Stellen, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.“

Henry Etzkowitz, Leiter Kreativität und Unternehmen an der Newcastle University Business School


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